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Hinweis zum Urheberrecht

Dissertation zugänglich unter
URN: urn:nbn:de:bsz:93-opus-12846
URL: http://elib.uni-stuttgart.de/opus/volltexte/2003/1284/


Transformatio energetica - Hermetische Kunst im 20. Jahrhundert. Von der Repräsentation zur Gegenwart der Hermetik im Werk von Antonin Artaud, Yves Klein und Sigmar Polke

Transformatio energetica - Hermetic Art in the 20th Century. From representation to presence of Hermetic thinking in the art of Antonin Artaud, Yves Klein and Sigmar Polke

Seegers, Ulrike

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SWD-Schlagwörter: Hermetische Philosophie , Klein, Yves , Artaud, Antonin , Polke, Sigmar
Freie Schlagwörter (Englisch): Hermetic Philosophy , Klein, Yves , Artaud, Antonin , Polke, Sigmar
Institut: Institut für Kunstgeschichte
Fakultät: Philosophisch-historische Fakultät
DDC-Sachgruppe: Künste, Bildende Kunst allgemein
Dokumentart: Dissertation
Hauptberichter: Wyss, Beat (Prof. Dr.)
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 16.01.2002
Erstellungsjahr: 2003
Publikationsdatum: 21.02.2003
Kurzfassung auf Deutsch: Ausgangspunkt der problemorientierten Untersuchung bildet die Frage nach strukturel-len Parallelen zwischen dem Weltbild der Hermetik und künstlerischen Positionen des 20. Jahrhunderts.
Die Quellentexte und der Bericht über den Forschungsstand zeichnen ein heterogenes Bild von der Hermetik als eine der Gnosis nahestehende Of-fenbarungslehre mit deutlichen Anleihen aus der Stoa, den Mysterienreligionen und dem Neuplatonismus. Die Hermetica, die sich durch Zuschreibung an den Gott Hermes Trismegistos legitimieren, bilden damit ein typisches Beispiel des spätantiken Synkre-tismus. Signifikant und für den sich anschließenden Strukturvergleich paradigmatisch erscheinen Naturbegriff und Menschenbild der Hermetik, die auf einem charakteristi-schen ontologischen Polaritätsmodell der Entsprechungen basieren. In Form von Alchemie und Rosenkreuzer-Bewegung lassen sich aus einer rezeptionsge-schichtlichen Perspektive hermetische Modelle und Strukturen in ihrer historischen Ausgestaltung festmachen.
In einem zweiten Teil erfolgt die Kontextualisierung hermetischer Denkinhalte und al-chemistischer Praktiken (‚Hermetische Kunst‘) mit drei ausgewählten künstlerischen Œuvres am Anfang, in der Mitte und am Ende des Jahrhunderts. Im Ergebnis zeigt sich im Werk von Antonin Artaud eine Affinität zur Hermetik in seiner Auffassung des Körperlichen, die sich sowohl in der spezifischen Bearbeitung seiner Bildträger nieder-schlägt, wie auch in einem durch Schriftstücke dokumentierten wirkmächtigen Bildbe-griff. Yves Klein kann neben einem hermetisch inspirierten Raumbegriff sogar das Studium einschlägiger hermetischer Quellen nachgewiesen werden. Deutliche Strukturparallelen zur Hermetik zeigen sich im Werk von Sigmar Polke aus ikonographischer, produktionsästhetischer und wahrnehmungstheoretischer Perspektive.
Im dritten Hauptteil schließlich folgen theoretische Reflexionen, die zunächst die wir-kungsgeschichtliche Entwicklung der hermetischen Tradition fokussieren. Dabei zeigt sich, daß sich die vormalige Erkenntnistheorie mit soteriologischer Funktion seit dem 18. Jahrhundert allmählich in ästhetische Wahrnehmung transformiert hat. Die Hermetik, so die These, wurde säkularisiert und hat sich gewandelt von einer kosmologischen Sicht in eine ästhetische Perspektive.
Die Zusammenschau der Hermetik mit Werken der Kunst mündet in die Entwicklung einer (nichtnormativen) Ästhetik der Hermetik mit überwiegend rezeptionsästhetischen Implikationen. Es wird die These vertreten, daß ästhetische Erfahrung und hermetische Erfahrung in der Erkenntnismäßigkeit des Sinnlichen und im Zusammenfall von Sub-jektivität und Objektivität, von Aktivität und Passivität übereinkommen. Der dynami-sche Wechselbezug wird als konstitutiv für ästhetische Wahrnehmung definiert und ist mit einer substantiellen Transformation des Wahrgenommenen sowie mit Selbstreflexi-on des Wahrnehmenden verbunden. Sehen erscheint als Produktion eines (Bild-)Gegenstandes, der in seinem verwandelnden Charakter an die alchemistische Quintes-senz erinnert: die ‚Hermetische Kunst‘ (‚Solve et coagula‘) der Alchemie übersetzt im übertragenen Sinne die Produktivität von Wahrnehmung in die Sprache der Gegen-ständlichkeit. Die hermetisch-ästhetische Polarität der Erkenntnisstruktur wird in ihrer kognitiven Unaufhebbarkeit mit Heinrich Rombachs „Bildphilosophie“ gegen Gadamers auf Verständnis hin ausge-richtetes Erkenntnisideal abgegrenzt.
Mit Aby Warburgs Begriff der „Pathosformel“ wird im Anschluß ein kunstwissen-schaftliches Beispiel hermetischen Denkens expliziert: durch teilweise noch unveröf-fentlichtes Material des Warburg-Archivs kann der Nachweis erbracht werden, daß der Kulturhistoriker in Ausbildung und Terminologie seines energetischen Bildbegriffes von der Hermetik beeinflußt worden ist. Seine „Ikonologie“ erscheint vor diesem Hin-tergrund als methodologisches Programm einer hermetischen Kunstgeschichtsschrei-bung.
Die Schlußbetrachtung konstatiert entgegen der Auffassung, die Hermetik sei mit der Aufklärung aus der Geistesgeschichte verschwunden, die Fortdauer hermetischen Den-kens in der Kunst. Der These liegt dabei ein Neuverständnis der Hermetik als Diffe-renzdenken zugrunde, das sich im Modus des Heterogenen, Vieldeutigen und Unbe-ständigen rationalistischer Logik prinzipiell und systematisch entzieht. Hermetik er-scheint als Gegenmodell zu Identitätsdenken und Kohärenzstreben, als säkularisierte Verzauberungsdimension.
In ausführlichen Exkursen werden historische und philosophische Darstellungen zur spätantiken Hermetik beigegeben, die erstmals ein differenziertes Bild über Ursprünge, Hintergründe und Leitmotive hermetischen Denkens ermöglichen.
Kurzfassung auf Englisch: The starting point of this problem-oriented investigation is the question concerning structural parallels between the hermetic world-picture and artistic positions of the 20th century.
Before the comparative hermeneutic investigation, in the first part the historical back-ground and philosophical theorems of hermetic thinking will be set out. The historical situating in Egypt in the first centuries A.D., a reading of the most important source texts and a report on the state of research provide a heterogeneous picture of hermetics as a doctrine of revelation close to gnosis with pronounced influences from the Stoa, the mystery religions and Neoplatonism. The Hermetic texts, which are legitimized by be-ing ascribed to the god, Hermes Trismegistos, form a typical example of late ancient syncretism. What is significant and paradigmatic for the subsequent comparison of structure are the conceptions of nature and human being in hermetics which are based on a characteristic ontological polarity model of dyadic correspondences. In the form of alchemy and the Rosicrucian movement, hermetic models and structures in their histori-cal shapes can be made out from the perspective of the history of their reception.
In the second part, conceptual hermetic contents and alchemistic practices (hermetic art) are contextualized using three selected artistic oeuvres from the beginning, middle and end of the twentieth century. In the end result, an affinity to hermetics becomes apparent in the work of Antonin Artaud with his conception of the somatic dimension which is expressed in the specific way he treats his subjectiles and also in a powerful conception of the art work documented in his writings. Apart from an hermetically inspired concept of space it can even be demonstrated that Yves Klein studied the main hermetic sources. Clear structural parallels to hermetics are apparent in the work of Sigmar Polke from the perspective of iconographics, production aesthetics and the theory of percep-tion.
In the third part finally, there are theoretical reflections which focus initially on the his-torical reception of the hermetic tradition. It becomes manifest that the former episte-mological theory with a soteriological function transformed into aesthetic perception. The thesis is that hermetics has been secularized and has been transformed from a cosmological view into an aesthetic perspective.
The synopsis of hermetics together with works of art culminates in the development of a (non-normative) hermetic aesthetics with implications primarily for the aesthetics of reception. The thesis is put forward that aesthetic experience and hermeneutic experi-ence coincide in the epistemological access to the sensuous and also in the coincidence of subjectivity and objectivity, activity and passivity. Dynamic reciprocity is defined as constitutive for aesthetic perception and is associated with a substantial transformation of what is perceived as well as of the self-reflection of the perceiver. Seeing appears as the production of an (image) object which, in its transforming character, recalls the al-chemistic quintessence. The hermetic art of alchemy (“solve et coagula”) translates, in a metaphorical sense, the productivity of perception into the language of objectivity. The hermetic-aesthetic polarity of the epistemological structure is demarcated in its cognitive singularity by means of Heinrich Rombach's ‘image philosophy’ vis-à-vis Gadamer's ideal of knowledge, which is oriented towards understanding.
After that, employing Aby Warburg's concept of “formula for pathos”, an example of hermetic thinking in art scholarship is explicated. By means of material from the War-burg archive which is still in part unpublished, it can be demonstrated that in the forma-tion and terminology of his energetic concept of image, the cultural historian has been influenced by hermetics. Before this background, his “iconology” appears as a meth-odological program for an hermetic history of art.
Against the view that hermetics disappeared from the history of ideas with the enlight-enment, the conclusion affirms the perpetuation of hermetic thinking in art. This thesis is based on a new understanding of hermetics as a thinking of difference which, both in principle and systematically, eludes rationalistic logic by way of the heterogeneous, the polysemic and the inconstant. Hermetics appears as the counter-model to a thinking of identity and a striving for coherence, as a secularized dimension of magic.
Historical and philosophical presentations of late ancient hermetics are appended in de-tailed excursus which enable for the first time a well-differentiated picture of the ori-gins, background and leitmotifs of hermetic thinking.