Please use this identifier to cite or link to this item: http://dx.doi.org/10.18419/opus-5613
Authors: Fiebig, Joachim
Title: Viktimisierung und Delinquenz : die Bedeutung von Motivlagen bei der Erklärung pädosexuell straffälligen Verhaltens
Other Titles: Victimisation and delinquency : the importance of motives for explaining paedosexual delinquent behaviour
Issue Date: 2012
metadata.ubs.publikation.typ: Dissertation
URI: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:93-opus-79194
http://elib.uni-stuttgart.de/handle/11682/5630
http://dx.doi.org/10.18419/opus-5613
Abstract: Die Annahme, dass aus Opfern Täter werden, ist eine sehr populäre Annahme im wissenschaftlichen Diskurs um die Erklärung pädosexueller Delinquenz. Viele Wissenschaftsdisziplinen haben sich unter Verwendung unterschiedlicher methodischer und statistischer Verfahren mit der Erforschung dieses Gegenstandes auseinandergesetzt. Die wenigsten Untersuchungen verwenden bei ihren Erklärungsansätzen ein übergeordnetes Theoriekonstrukt. In der vorliegenden Dissertation wird die Systemtheorie nach Niklas Luhmann sowie die Rational Choice Theorie bzw. das Modell der Frameselektion nach Hartmut Esser verwendet, um pädosexuell delinquentes Verhalten zu modellieren. Die beiden Theorieansätze werden dabei ineinander integriert und an die einschlägige Literatur zur pädosexuellen Viktimisierung und pädosexuellen Delinquenz sowie zur psychosexuellen Entwicklung angeschlossen. In diesem Zusammenhang wird herausgearbeitet, wie sich Motivlagen bei pädosexuellen Straftätern entwickeln können und wie sich diese auf das pädosexuell delinquente Verhalten auswirken können. Damit wird eine Vielzahl von Befunden systematisiert in ein übergeordnetes Theoriekonstrukt eingegliedert. Das Ziel dieser Dissertation ist letztlich jedoch nicht der explizite Test dieser entwickelten Modellierung und damit der Theorien selbst, sondern vielmehr der empirisch, statistische Test der pädosexuellen Opfer-Täter-Transitions-Hypothese (POTT-Hypothese). In diesem Zusammenhang wird zudem überprüft, welche Mechanismen beim Übergang von einer pädosexuellen Opfererfahrung zu einer pädosexuellen Straftat begünstigend und welche hemmend wirken. Darüber hinaus wird einer dieser beiden Mechanismen einer weiteren Prüfung unterzogen, um dessen intervenierende Wirkung bzgl. der pädosexuellen Opfer-Täter-Transition explizit zu untersuchen. Da im Zusammenhang mit der Erhebung von pädosexuellen Viktimisierungserfahrungen der Verdacht besteht, dass solche geäußert werden, um das eigene Verhalten zu entschulden, wird im Zusammenhang der Analysen ebenso geprüft, inwiefern eine Differenz zwischen den Probanden bzgl. der geäußerten Eigenverantwortung vorliegt. Neben diesen zentralen Hypothesen im Kontext der Transition vom pädosexuellen Opfer zum pädosexuellen Täter werden noch zusätzliche Hypothesen getestet, welche die Auswirkungen weiterer nichtsexueller Missbrauchserfahrungen im häuslichen Erziehungskontext sowie die Vollständigkeit des familiären Kontextes beschreiben. Das Ziel der Einbindung dieser Alternativhypothesen ist einerseits, die Testbedingungen für die zentralen interessierenden Hypothesen zu erschweren und so die Befunde einer Robustheitsprüfung zu unterziehen. Andererseits wird damit der Einblick in die Wirkmechanismen zwischen Opfererfahrungen und einem späteren Delinquenzverhalten erweitert. Zum Test aller Annahmen wird ein Datensatz mit 396 Befragten, die zum Zeitpunkt der Erhebung (2003 bis 2004) in Haftanstalten sieben verschiedener Bundesländer aufgrund diverser Delikte inhaftiert gewesen sind, verwendet. Dabei handelt es sich um drei Straftätergruppen, die sich in pädosexuelle, adultsexuelle und Gewaltstraftäter untergliedern lassen. Die Daten sind mittels einer selbstadministrierten Befragungsstudie und der Analyse der Gefangenenpersonalakten der Teilnehmer erhoben worden. Für die Durchführung der statistischen Analysen sind aus den drei Straftätergruppen insgesamt drei Vergleichsgruppen generiert worden, bei denen die pädosexuellen Delinquenten jeweils die Untersuchungsgruppe darstellen. Für die unterschiedlichen Anwendungsfälle wurden in den statistischen Analysen die konventionelle logistische Regression, die exakte logistische Regression, das Verfahren der Strukturgleichungsmodellierung sowie das Verfahren der Mehrebenenmodellierung eingesetzt. Als Ergebnis kann festgehalten werden, dass die POTT-Hypothese bestätigt werden kann und damit ein signifikant positiver Zusammenhang zwischen pädosexuellen Opfererfahrungen und einer pädosexuellen Delinquenz identifiziert werden konnte. Dieser Effekt stellt sich unabhängig von der betrachteten Vergleichsgruppe ein. Hinsichtlich der Mechanismen konnte nachgewiesen werden, dass eine Normalisierung pädosexueller Missbrauchserfahrungen das Risiko pädosexueller Delinquenz erhöht und übermäßiges Gewaltverhalten nach den Missbrauchserfahrungen in einem negativen Zusammenhang mit diesem Risiko steht. Dieser vermeintlich intervenierende Effekt des Gewaltverhaltens konnte in einer weiteren Analyse allerdings nicht im Sinne eines Mediators nachgewiesen werden. Zudem konnte belegt werden, dass sich die pädosexuell viktimisierten Probanden, die ein pädosexuelles Delikt begangen haben, mit Blick auf ihre wahrgenommene Eigenverantwortung nicht von den übrigen Probanden unterscheiden. Die Alternativhypothesen zeigen sich hingegen als wenig bzw. nicht erklärungskräftig.
The assumption of victims becoming offenders is a popular issue in the scientific discourse to explain paedosexual delinquency. Many research disciplines have taken different methodical and statistic approaches to analyse this subject. However, only few researchers superordinate a theoretical concept to their explanations. The study presented in this dissertation applies the systems theory by Niklas Luhmann as well as the rational choice theory and the model of frame selection by Hartmut Esser to modellise paedosexual delinquent behaviour. These two theoretical approaches are brought into connection and associated to the findings in the relevant literature on the subjects of paedosexual victimisation, paedosexual delinquency and also psychosexual development. In this context it is determined how the motives of paedosexual criminal offenders can develop and how this affects the paedosexual delinquent behaviour. Hence, a great number of findings are systematised and integrated into a superordinated theoretical construct. Ultimately, the objective of this dissertation is not an explicit test of the developed models and hence of the theories themselves, but rather the empirical, statistical test of the hypothesis of paedosexual victims’ transition into perpetrators. In this regard, the study examines which mechanisms forward the transition from a paedosexual victim experience to a paedosexual delinquency and which prevent it. Furthermore, one of these two mechanisms undergoes a more detailed examination to explicitly determine its intervening effect on the paedosexual victim-perpetrator-transition. Because of the suspicion that the study might contain answers by delinquents who have indicated a previous experience as a victim in order to justify their own behaviour, the analysis also considers any imbalances of the subjects’ statements regarding their personal responsibility. Aside from these main hypotheses referring to the transition of paedosexual victims to paedosexual delinquents, this study also examines hypotheses that refer to the effects of the experience of non-sexual abuse in connection with domestic education and parenting, and also describe the integrity of the family context. The intention of the inclusion of these alternative hypotheses is firstly to complicate the testing conditions of the main hypotheses and thus subject the findings to a more thorough examination of their integrity. Secondly, it provides a broader insight into the effects and mechanisms of victim experiences and later delinquent behaviour. To test all the assumptions, a data set of 396 respondents, who were detained in prisons in seven German states because of various offences at the time of the survey (2003 to 2004), was used. The criminals could be grouped into paedosexual, adult-sexual and violent offenders. The data was collected using a self-administered questionnaire and analyses of the inmate personnel records of the respondents. To conduct the statistical analysis, three comparison groups were compiled from the three groups of offenders, each containing a sample group of paedosexual delinquents. Conventional logistic regression, exact logistic regression, structural equation modelling and the multilevel modelling were used for the statistical analysis of different use cases. The results show proof of the paedosexual victim-perpetrator-transition hypothesis and could thus identify a significant positive relation between paedosexual victim experiences and paedosexual delinquency. This effect occurs independently for all three groups of comparison. In regard to the mechanisms, it was verified that a normalisation of paedosexual abuse experiences increases the risk of paedosexual delinquency while excessively violent behaviour after the suffering of abuse has a negative impact on this risk. However, further analysis could not provide sufficient evidence for this allegedly intervening effect of violent behaviour in the sense of a mediator. In addition, it was determined that paedosexually victimised subjects who have committed a paedosexual offence do not differ from other offenders in regard to their perception of personal responsibility. In contrast, the alternative hypothesis demonstrated little or no explanatory evidence.
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