Please use this identifier to cite or link to this item: http://dx.doi.org/10.18419/opus-44
Authors: Hintersteininger, Sigrid
Title: Entgrenztes Wohnen : die Creative Class im Medienzeitalter
Other Titles: Defragmented dwelling : creative class housing in the media age
Issue Date: 2006
metadata.ubs.publikation.typ: Dissertation
URI: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:93-opus-29124
http://elib.uni-stuttgart.de/handle/11682/61
http://dx.doi.org/10.18419/opus-44
Abstract: Entgrenztes Wohnen - Die Creative Class im Medienzeitalter Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wird der Kultur- und Lebensraum der Menschen mehr und mehr von den Informations- und Kommunikationsmedien geprägt. Mit dem zunehmenden Eindringen dieser Medien in die Lebensräume der Menschen erfährt auch das Wohnen verstärkte Aufmerksamkeit. William Mitchell und der amerikanische Soziologe und Politologe Richard Florida weisen auf eine Verknüpfung von intensiver Nutzung der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien und neuen Wohnkonzepten hin. In ihren Forschungen stellen sie eine Konzentration derartiger veränderter Nutzungskonzepte des Wohnens vor allem in den neu adaptierten Altbauten stark verdichteter (Innen-) Stadtviertel fest. Mit Blick auf die dort bevorzugt wohnende, dynamisch wachsende Berufs- und Lebensstilgruppe, die Florida als „Creative Class“ bezeichnet und aufgrund ihrer technologischen Innovationen und kreativen Alltagsgestaltung als Protagonistengruppe des Informationszeitalters ansieht, hat er als einer der ersten auch empirisch auf die Verschränkung von neuen Lebenspraktiken und veränderten Raumnutzungen aufmerksam gemacht. Ziel der Forschungsarbeit war es, die strukturell veränderten Wohnstrategien und Raumdispositionen einer Pioniergruppe des Informationszeitalters, der Creative Class, herauszustellen und zu verstehen. Es wurden 52 Personen der Creative Class für Interviews ausgewählt. Die Untersuchung ist explorativ ausgerichtet und darf somit nicht als repräsentativ für die Creative Class gesehen werden. Die wachsende Bedeutung dieser Pioniergruppe wird jedoch dadurch ersichtlich, dass in den USA heute bereits bis zu 30 % der Erwerbstätigen im Kreativsektor arbeiten. Dazu zählen Berufsgruppen aus den Bereichen IT, Medien, Kunst, Wissenschaft und Management. Auch im deutschsprachigen Raum wurden bereits Untersuchungen zur Kreativwirtschaft in den Städten Wien, Berlin, Zürich und Köln angestellt. Ausgehend von diesen ersten Kreativwirtschaftsberichten, die ebenfalls die urbane räumliche Konzentration der Personengruppe der Creative Class unterstrichen, wurden die vier Städte Wien, Berlin, Zürich und Köln als Standorte der empirischen Untersuchung ausgewählt. Bei der Suche nach Interviewpartnern war bereits zu erkennen, dass sich die Wohn- und Arbeitsorte der Creative Class in allen vier Städten vorwiegend in den an die Stadtmitte angrenzenden, dicht bebauten Bezirken und Quartieren befinden. Im Zuge der Analyse der Lebensorte und Alltagspraktiken der 52 interviewten Personen konnten überwiegend Mehrraumwohnungen aus der Gründerzeit, aber auch Einraumwohnungen und Ateliers beobachtet werden. Anhand der Begriffs- und Dualismuspaare Mensch / Maschine, Mensch / Raum, Privat / Öffentlich und Wohnen / Arbeiten wird verdeutlicht, dass die Grenzziehungen, die das Wohnen des 20. Jahrhunderts entscheidend prägten, heute, mit dem Eindringen der Medien, im Auflösen begriffen sind. Die aktuelle theoretische Diskussion wird von Entgrenzungstheorien bestimmt. Mit dem Einzug von medialen Funktionen, die den Wohn- und Arbeitsort der interviewten Personen zu einer Insel werden lassen, konnten auch im Rahmen der Untersuchung Entgrenzungen festgestellt werden, welche die funktionale und räumliche Struktur dieser Lebensinseln transformieren. Diese Entgrenzungen sind im Kontext der Miniaturisierung und Mobilisierung der technischen Geräte zu betrachten. Denn durch die flexible Nutzung der technischen Geräte werden mediale Tätigkeiten in traditionelle Wohnfunktionen eingebettet. Hand in Hand mit dieser Überlagerung wurde auch ein verändertes Raumverständnis beobachtet, das nicht mehr auf vorgegebenen Funktionszuordnungen beruht, sondern auf der individuellen Mehrfachcodierung von Räumen und Raumbereichen. So wird zum Beispiel die funktionale und gestalterische Unterscheidung zwischen Wohnraum und Arbeitsraum nivelliert und die ursprüngliche Grenze zwischen Wohnen und Arbeiten in die Technologie verlagert. Die neue Tür ist das An- und Ausschalten der Geräte. Die Mehrfachcodierungen werden von den interviewten Personen jedoch nur dann positiv gewertet, wenn sie keinen Zwang darstellen, sondern der Ort der Nutzung frei gewählt werden kann. Die Grenze zwischen den einzelnen Raumbereichen wird somit durch die individuelle Wahlmöglichkeit bestimmt. Die neuen Parameter des Wohnens der Creative Class sind folglich Mehrfachcodierung und räumliche beziehungsweise örtliche Diversität. Eine weitgehend optimale Grundrissorganisation bezüglich dieser mehrfachcodierten Diversität wurde in den polyzentrisch organisierten Gründerzeitwohnungen Wiens beobachtet. Sie bieten dem Bewohner mittels eines Verteilerraums im Eingangsbereich und einer internen Verbindung zwischen Wohnen und Arbeiten die Wahlmöglichkeit, die Räume sowohl getrennt als auch im Zusammenhang zu nutzen. Die weiterführende Variante dieser „Wand-an-Wand-Lösung“ konnte auch ohne interne Verbindung, in Form einer zweiten Lebensinsel im selben Haus oder im Viertel, festgestellt werden. Entscheidend, um die Wahlmöglichkeit zu gewährleisten, ist die räumliche oder örtliche Trennung bei gleichzeitiger Erreichbarkeit. In diesem Kontext haben 56 % der interviewten Personen eine zusätzliche eigene Lebensinsel in Form eines Atelierarbeitsplatzes, eines eigenen Ateliers oder einer zweiten Wohnung beziehungsweise der Wohnung des Partners zur Wahl. Auf diesen zusätzlichen Lebensinseln findet die Überlagerung von Wohnen und Arbeiten sowie Privat und Öffentlich in einem ebenso hohen Ausmaß statt, wie an den ersten Lebensorten. Die Befragten nutzen die ihnen zur Verfügung stehenden Orte individuell, je nach Bedarf. Die Diversität ist nicht nur innerhalb der Lebensinsel beziehungsweise zwischen den Lebensinseln von Bedeutung, sondern auch im Zusammenhang mit dem Lebensumfeld. Denn aufgrund der Inselbildung ist eine zunehmende Bedeutung der infrastrukturellen Versorgung und der sozialen Kontakte im Lebensumfeld der Creative Class zu beobachten. Die entscheidende Aufgabe, die sich mit der Erkenntnis der Erfordernis der mehrfachcodierten Diversität für den Architekten und Stadtplaner demnach stellt, ist: Eine Diversität von Orten und Räumen innerhalb der Lebensinsel und in der nahen Umgebung zu schaffen, an denen und mit Hilfe derer die Bewohner über die individuelle Wahlmöglichkeit verfügen, sowohl überkommene funktionale Grenzen zu überschreiten als auch selber Grenzen zu ziehen.
Defragmented dwelling - creative class housing in the media age At the beginning of the 21st century the cultural and living space of society is increasingly influenced by the information and communication media. With the advance of the media into people's living spaces, concepts of living and dwelling are re-evaluated. William Mitchell and the American sociologist and political scientist Richard Florida emphasize a link between the intensive use of new information and communication technologies and new living concepts. Their research examines a concentration of changed usage concepts in newly adapted old buildings of high density neighbourhoods. Within a new career and lifestyle group, which he describes as the "creative class", Florida observes an interconnection of new living practices and changed spatial usage. Due to their technological innovation and creative work organization, Florida describes the creative class as protagonists of the information age. The objective of this dissertation was to define and understand the structurally altered living strategies and spatial dispositions of a pioneer group of the information age, the creative class. 52 individuals of the creative class were selected for interviews. The research follows an explorative approach and may therefore not be seen as representative of the creative class. However, the growing importance of this pioneer group becomes evident when considering that in the USA today already up to 30% of the economically active population is working in the creative sector, which includes professions in IT, media, art, science and management. In the German-speaking world the creative economy in the cities of Vienna, Berlin, Zurich and Cologne has already been studied. On the basis of these first creative economy reports, which already suggest a concentration of creative class population, the cities Vienna, Berlin, Zurich and Cologne were selected for the empirical study. Already during the search for potential interviewees it was apparent that the living and working spaces of the creative class are predominantly located in the high density areas adjoining the city centre. In the study of living spaces and day-to-day routines of the 52 persons from the creative class, multi-room apartments in 19th century "Gründerzeit" buildings were predominant, but there were also single room apartments and studios. An examination of the dualistic concepts man / machine, man / space, private / public and living / working illustrates that the boundary definitions that distinctly characterized dwelling in the 20th century, today, with the advance of the new media, are in the process of dissolution. The current theoretical discourse is defined by theories of boundary reduction. Together with the introduction of media functions that turn the living and working space of the interviewees into an island, boundary reductions that transform the functional and spatial structures of these life-islands could be determined also within the framework of this study. Boundary reductions can be observed in the context of miniaturization and mobilization of technological equipment. Through the flexible use of technological devices media functions become embedded within traditional living functions. Hand in hand with these overlayering a changed understanding of space was observed, that no longer is determined by a given set of functional allocations, but rather by an individualized multiple codification of spaces and spatial zones. For example the difference in form and function between living space and working space is negated and the original boundary between working and living is transferred into the technological realm. The new door is the on/off switch of the technological device. The multiple codifications are rated positively by the interviewed individuals of the creative class only when they do not constitute a constraint but when places for usage can be freely chosen. As a consequence the boundary between different spatial zones is defined by means of individual opportunities for choice. The new parameters of the creative class are therefore multiple codification and diversity of space and place. Referring to this multi-code diversity an optimum floor plan organization was to be found in the polycentrically ordered 19th century "Gründerzeit" apartments in Vienna. By means of a distribution room in the entrance and an internal connection between living and working, they offer the occupant the option of using the rooms separately as well as in combination. A further variation of these "wall-to-wall solution" was also observed without an internal connection in the form of a second life-island within the same house or the same neighbourhood. The decisive factor that ensures the possibility of choice is a spatial division with concurrent accessibility. In this context, 56% of the persons questioned have an additional separate life-island in the form of a studio work space, their own studio or a further apartment of their own or their partner's to choose from. In these additional life-islands there is a similarly high measure of interconnection of working and living, private and public as in their primary living spaces. The persons studied use the spaces at their disposal individually as the need arises. Diversity is of significance not only within the life-island itself or between the various life-islands, but also in relation to the living environment. Due to island formation there is an increased importance of the supporting infrastructure and social contacts within the environment of the live-island for the creative class. The vital task facing the architect and urban designer in terms of multi-code diversity therefore is this: to create a diversity of places and spaces within the life-island and its adjoining environment which provide and facilitate individual opportunities for the occupant to overcome traditional boundaries as well as to define boundaries of his own.
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