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Untersuchungsproblem und Ausgangslage
2. Zur Entwicklung ausgewählter
politischer Orientierungen im vereinigten Deutschland
3. DDR-Bindungen und die Bewertung der
Wirtschaftslage als Bestimmungsfaktoren politischer Orientierungen
4. Ergebnisse und Folgerungen
Literatur
Dokumentation
Der Autor
1. Untersuchungsproblem
und Ausgangslage
Zum Zeitpunkt der Vereinigung Deutschlands hofften Optimisten, die kulturelle
Entwicklung in den neuen Bundesländern würde gros-so modo dem in der alten
Bundesrepublik in den fünfziger und sechziger Jahren eingeschlagenen Weg folgen. Die
Bemühungen der DDR-Führung, die offiziell propagierten Werte und Normen der
sozialistischen Demokratie in der Bevölkerung durchzusetzen, seien gescheitert. Vielmehr
"gab es eine Fixierung auf den Westen, auf das dortige Fernsehen etwa.
Liberal-demokratische Werte wurden nicht verdrängt beziehungsweise lebten wieder auf, als
das Bekenntnis zu ihnen nicht mehr riskant schien" [1]. Insofern erwartete man eine
verhältnismäßig rasche und komplikationslose Angleichung der politischen Orientierungen
an die neuen Strukturen.
Zu einer skeptischeren Einschätzung gelangten Autoren, die auf die kulturellen Folgen der
langjährigen nationalen Teilung verwiesen. Demnach waren die Bundesrepublik und die DDR
während der Zeit der nationalen Teilung nicht allein in unterschiedliche
wirtschaftlich-politische Allianzen, sondern auch in gegensätzliche Wertegemeinschaften
hineingewachsen. Ungeachtet der Schwierigkeiten, mit denen das DDR-Regime beim Bemühen um
die Unterstützung durch die Bevölkerung konfrontiert gewesen sein mag, konnte man sich
kaum vorstellen, daß vierzig Jahre Sozialismus völlig folgenlos für das Verhältnis der
Menschen zur Politik geblieben sein könnten. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Annahme
schwerwiegender Akkulturationsprobleme im vereinigten Deutschland in der Tat einiges an
Plausibilität [2].
In der Diskussion über den Verlauf und das mögliche Ergebnis des Entstehens einer
einheitlichen politischen Kultur im vereinigten Deutschland konkurrieren somit zwei
Sichtweisen. Sie basieren auf gegensätzlichen Annahmen über die Wirksamkeit der
politischen Sozialisation in der ehemaligen DDR. Die erste Position bestreitet eine
Prägung der Bevölkerung durch die offiziell propagierte sozialistische Ideologie und
betont die bereits zu DDR-Zeiten vorherrschende Orientierung der Bevölkerung an den in
der Bundesrepublik geltenden gesellschaftlich-politischen Ordnungsvorstellungen. Wenn
diese Annahme zutrifft, dürften die in den neuen Bundesländern lebenden Menschen
zugleich mit der neuen politischen Ordnung bereitwillig die zu diesen Strukturen passende
politische Kultur übernommen haben. Eine mögliche Spannung zwischen der politischen
Struktur und der politischen Kultur stellt sich in dieser Perspektive allenfalls als eine
vorübergehende Erscheinung dar.
Verfechter der zweiten Position bewerten die kulturelle Integration Deutschlands als einen
wesentlich komplizierteren Vorgang. Demnach werden im Sozialisationsprozeß erworbene
Orientierungen allenfalls auf lange Sicht abgebaut oder modifiziert. Eine Angleichung der
politischen Kultur der neuen Bundesländer an das in der alten Bundesrepublik
vorherrschende Muster ist insofern keineswegs sicher. Wie die Entwicklung der alten
Bundesrepublik in der Ära Adenauer zeigte, ist ein Bruch der Bevölkerung mit der
politischen Vergangenheit allerdings möglich. Die in der Gründungsphase der
Bundesrepublik konstatierte Tendenz zur Idealisierung oder Verharmlosung der autoritären
und totalitären Regime der Vorkriegszeit ließ innerhalb eines Zeitraumes von etwa
zwanzig Jahren immer mehr nach. Die ordnungspolitischen Alternativen zur jungen
pluralistisch-liberalen Demokratie des Grundgesetzes verloren zunehmend ihre
Anziehungskraft. Hierfür waren nach den vorliegenden Erkenntnissen vornehmlich das
Nachrücken jüngerer, in einer Demokratie aufgewachsener Alterskohorten sowie die
positive Bewertung der Systemperformanz durch die Bevölkerung maßgeblich [3].
Allerdings liefert die neuere deutsche Geschichte zugleich das Beispiel für einen
entgegengesetzten Entwicklungspfad. Seit ihrer Gründung war die Weimarer Republik durch
die Hypothek der im Kaiserreich erworbenen politischen Orientierungen und die fehlende
Unterstützung des neuen demokratischen Regimes belastet. Solange das System die von der
Bevölkerung erwarteten Leistungen erbrachte, blieb die unzulängliche Systemakzeptanz
politisch weitgehend folgenlos. In der Weltwirtschaftskrise brach die politische Ordnung
jedoch zusammen [4]. Vor diesem Hintergrund dürfte der rasche Abbau des
Wohlstandsgefälles zwischen West- und Ostdeutschland zu den wichtigsten Voraussetzungen
der kulturellen Integration Deutschlands gehören. Ein Scheitern dieses Unternehmens
könnte dagegen eine mit der Weimarer Zeit vergleichbare kulturelle Spaltung Deutschlands
in zwei Teilgesellschaften mit gegensätzlichen politischen Orientierungsmustern nach sich
ziehen.
Die zahlreichen seit der Vereinigung Deutschlands durchgeführten Umfragen erlauben eine
zumindest tentative Klärung der Frage, ob die optimistische oder die pessimistische Sicht
der politischen Wirklichkeit näherkommt. Allerdings ist die Annahme, nur die eine oder
die andere Interpretation könnte zutreffen, keineswegs zwingend. In der Tradition von
Almond und Verba [5] bezeichnet man die politische Kultur eines Landes als Verteilung
individueller Orientierungen auf politische Objekte. Der Begriff "Verteilung"
impliziert die Existenz von Unterschieden in einer Population. Hieraus ergeben sich für
die Analyse der Struktur und Entwicklung politischer Orientierungen im vereinigten
Deutschland zumindest zwei interessante Fragen:
(1) Gibt es in der Bevölkerung der neuen Bundesländer Gruppen, in denen der Prozeß der
Akkulturation an eine pluralistisch-liberale Demokratie besonders weit vorangeschritten
ist, und sind in anderen Gruppen noch größere Anpassungsprobleme zu beobachten?
(2) Welche Faktoren fördern das kulturelle Zusammenwachsen Deutschlands? Welche Rolle
spielen insbesondere die langfristig entstandenen Bindungen an die DDR sowie den
Sozialismus als kulturelle Grundlage des DDR-Regimes und welchen Einfluß übt die
Einschätzung der Systemperformanz auf die politischen Orientierungen der ostdeutschen
Bevölkerung aus? Diese beiden Variablenkomplexe entsprechen in etwa den Faktoren, die
Lipset [6] als Legitimitäts- beziehungsweise Effektivitätsdimension im Verhältnis
Bürger-Politik interpretierte. Eine fortbestehende Identifikation mit dem untergegangenen
politischen Regime verweist auf Legitimitätsdefizite der neuen politischen Ordnung, die
Bewertung der Systemperformanz betrifft die Effektivitätsdimension.
Die Annahmen über die Formierung politischer Unterstützung in der Demokratie [7] und die
Erfahrungen mit dem Scheitern beziehungsweise der Konsolidierung demokratischer Regime in
Deutschland sollte die Aufmerksamkeit der Beobachter auf zwei Untersuchungsfelder lenken:
Zum einen auf die Bedeutung einer fortbestehenden Identifikation mit dem untergegangenen
Regime und zum anderen auf die Relevanz der Bewertung der Leistungsfähigkeit des neuen
politischen Systems für das Zustandekommen einer positiven Beziehung der Bürger zum
neuen politischen System. Die Ausprägung dieser beiden Orientierungen kann das Entstehen
einer Kongruenz von politischer Struktur und politischer Kultur erschweren oder
erleichtern. Auf der Grundlage dieser Überlegungen lassen sich die beiden folgenden
Hypothesen über die Akkulturation der ehemaligen DDR-Bürger an die politischen
Bedingungen im vereinigten Deutschland formulieren:
(1) Je stärker sich Personen mit der untergegangenen DDR identifizieren, desto negativer
bewerten sie das politischen System der Bundesrepublik und seine Elemente.
(2) Je negativer Personen ihre eigene Wirtschaftslage und die wirtschaftliche Lage der
Bundesrepublik beziehungsweise des eigenen Landesteiles perzipieren, desto kritischer
stehen sie dem politischen System der Bundesrepublik und seinen Elementen gegenüber.
Die in diesen Hypothesen postulierten Zusammenhänge werden im folgenden Beitrag einer
empirischen Prüfung unterzogen. Weitere aus der Literatur bekannte Bestimmungsfaktoren
politischer Orientierungen werden lediglich als Kontrollvariablen eingeführt und bleiben
bei der Interpretation unberücksichtigt.
Das Interesse dieses Beitrags gilt zwar vornehmlich der Situation in den neuen
Bundesländern, jedoch benötigt man für eine Interpretation der entsprechenden Daten
einen Vergleichsmaßstab. Diese Funktion erfüllen die in den alten Bundesländern
erhobenen Daten. Um einen Eindruck von der Relevanz der Bindungen an die ehemalige DDR und
der Bewertung der aktuellen sozio-ökonomischen Bedingungen im vereinigten Deutschland zu
gewinnen, wird zunächst die Entwicklung dieser Orientierungen seit der Vereinigung
beschrieben. Dem folgt eine Darstellung des Wandels und der Bestimmungsfaktoren zentraler
politischer Orientierungen der ost- und westdeutschen Bevölkerung im Zeitraum 1990-1996,
nämlich der Unterstützung demokratischer Prinzipien, der Zufriedenheit mit der
Demokratie, des Vertrauens zu zentralen Institutionen der Parteiendemokratie, der
Überzeugung von der Responsivität der politischen Führung sowie des staatsbürgerlichen
Selbstbewußtseins. Damit sind alle theoretisch relevanten Aspekte des Verhältnisses der
Bevölkerung zur Politik abgedeckt [8]. Am Schluß des Beitrages steht eine Würdigung der
Bedeutung der vorgelegten Ergebnisse für die Entwicklungsperspektiven der politischen
Kultur Gesamtdeutschlands.
2. Zur Entwicklung ausgewählter politischer
Orientierungen im vereinigten Deutschland
Beim Versuch einer theoriegeleiteten Analyse der wichtigsten Aspekte des Verhältnisses
Bürger-Politik steht man vor einem nahezu unlösbaren Problem. In der einschlägigen
Literatur finden wir lediglich die allgemeine Hypothese, die Stabilität und
Leistungsfähigkeit demokratisch verfaßter politischer Systeme hänge von der
Ausdifferenzierung einer "Civic Culture" ab [9]. Über die konkrete
Beschaffenheit dieser Form politischer Kultur erfährt der Leser nur wenig. Bereits Almond
und Verba übten eine bemerkenswerte Zurückhaltung bei der Beantwortung der Fragen,
welche politischen Einstellungen eine Civic Culture ausmachen und welche Verteilung dieser
Orientierungen ihr entspricht. Die an Almond/Verba anknüpfenden Folgestudien trugen
ebenfalls nichts zur Lösung dieses Problems bei. Da eine Spezifikation der Merkmale einer
demokratischen politischen Kultur bisher noch aussteht, sind viele der bisher
durchgeführten empirischen Analysen durch ein hohes Maß an theoretischer Beliebigkeit
charakterisiert und reflektieren häufig das nicht explizierte normative Vorverständnis
des jeweiligen Forschers.
Dennoch bildete sich in der empirischen Forschungspraxis ein Minimalkonsens über einige
in der Analyse des Verhältnisses Bürger-Politik unverzichtbare Orientierungen heraus.
Aus der partizipatorischen Demokratietheorie ist die Vorstellung vom
rational-aktivistischen Bürger abgeleitet, der das politische Leben interessiert und
kritisch verfolgt, sich objektiv oder zumindest seiner eigenen Einschätzung nach gut in
politischen Angelegenheiten auskennt und sich zutraut, in der Politik eine aktive Rolle
spielen und mit gewissen Erfolgsaussichten Einfluß auf die politischen
Entscheidungsträger ausüben zu können. Eine durch diese Eigenschaften charakterisierte,
wachsame und kritische Öffentlichkeit zwingt das politische System und die Politiker zur
Responsivität gegenüber den Wünschen der Bevölkerung und sorgt für die
Funktionsfähigkeit der demokratischen Kontrollmechanismen [10].
Demokratien müssen allerdings nicht allein für die von der Bevölkerung oder einzelnen
Gruppen artikulierten Forderungen offen sein und auf diese reagieren. Wie von jedem
politischen System erwartet die Bürgerschaft auch von einer Demokratie eine effektive
Erfüllung der staatlichen Aufgaben. Nach Almond/Verba kann die Forderung nach einer
effektiven Regierungsarbeit unter Umständen mit den partizipativen Erwartungen
kollidieren [11]. Eine derartige Situation tritt ein, wenn eine hyperkritische und -aktive
Öffentlichkeit der Regierung den für eine effektive Arbeit benötigten
Handlungsspielraum vorenthält. Aus diesem Grunde sind die partizipativen Orientierungen
durch ein Mindestmaß an Loyalität zum System sowie zu den politischen Institutionen und
Akteuren zu ergänzen [12].
Für die Unterstützung des politischen Systems und seiner Elemente stehen in diesem
Beitrag die folgenden Einstellungen: Die Unterstützung demokratischer Werte und Normen
(diffuse Regimeunterstützung), die Zufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie
(spezifische Regimeunterstützung), das Vertrauen zu politischen Institutionen (diffuse
Unterstützung von Objekten im Übergangsbereich von Regime und Herrschaftsträgern) und
die Einschätzung der Responsivität von Politikern (diffuse Unterstützung der
Herrschaftsträger).
2.1. Die politischen Rahmenbedingungen des Entstehens einer gemeinsamen
politischen Kultur im vereinigten Deutschland
Im Einleitungskapitel waren zwei Hypothesen über die Bestimmungsfaktoren des
Verhältnisses der Individuen zur Politik im Konstitutionsprozeß demokratischer Regime
formuliert worden. Sie hatten sich aus theoretischen Annahmen über das Entstehen
politischer Unterstützung und aus einer Auseinandersetzung mit der jüngeren deutschen
Geschichte ergeben. Demnach erschweren fortbestehende Bindungen an ein untergegangenes
Regime sowie perzipierte Leistungsschwächen des neuen Systems dessen Akzeptanz durch die
Bevölkerung. Einer Analyse des Verhältnisses der Bürger zur Politik im vereinigten
Deutschland sollte insofern eine Untersuchung der Bedingungen vorausgehen, die die
kulturelle Integration Deutschlands erschweren beziehungsweise fördern.
2.1.1. Die Identifikation mit der politischen Vergangenheit
Die uns interessierenden Einstellungen wurden seit 1991 in mehreren Umfragen relativ
kontinuierlich erhoben. Beginnen wir mit der für die langfristigen
Entwicklungsperspektiven der politischen Kultur im vereinigten Deutschland zentralen Frage
nach dem Fortbestehen von Bindungen an die ehemalige DDR. Wie Studien über die
Bundesrepublik der fünfziger Jahre belegen, entwickelte die Bevölkerung erst in dem
Maße, in dem die Identifikation mit den politischen Regimen der Vorkriegszeit verschwand,
eine Loyalitätsbeziehung zum neuen politischen System [13].
Die in Abbildung 1 enthaltenen Daten lassen bei den ostdeutschen Befragten die aus der
Frühgeschichte der Bundesrepublik bekannte Form der Vergangenheitsbewältigung erkennen.
Offenkundig differenziert die Bevölkerung zwischen der normativ-ideologischen Grundlage
und der Praxis des untergegangenen DDR-Regimes. Mindestens zwei von drei Befragten in den
neuen Bundesländern hielten im untersuchten Zeitraum den Sozialismus für eine gute Idee,
die nur schlecht ausgeführt worden sei. Diese positive Sicht der politischen
Vergangenheit steht in keinem erkennbaren Zusammenhang mit der Zugehörigkeit zu
bestimmten sozialen Gruppen, sondern ist in der ostdeutschen Gesellschaft breit gestreut
(auf tabellarische Nachweise wird verzichtet). Allerdings schätzt auch in den alten
Bundesländern eine starke Minderheit den Sozialismus als eine gute Idee ein.
Etwas negativer als die Bewertung der Idee des Sozialismus fällt das Urteil über die
allgemeinen Verhältnisse in der ehemaligen DDR aus. In einer im Herbst 1994
durchgeführten Umfrage wurde in den neuen Bundesländern ein Anteil von 57 Pro-zent
Befragten mit einer positiven Einstellung zur Idee des Sozialismus ermittelt (negativ: 18,
teils-teils: 20 Prozent). Die Aussage, die DDR habe mehr gute als schlechte Seiten gehabt,
fand mit 36 Prozent deutlich geringere Zustimmung (Ablehnung: 28 Prozent, teils-teils:
35). Dies stützt die Annahme, daß die Bevölkerung zwischen der Idee und der Praxis des
Sozialismus unterscheidet. Jedoch überwiegt auch in diesem Falle eine positive Sicht der
Vergangenheit. Offenkundig identifiziert sich eine relativ große Gruppe von Befragten in
den neuen Bundesländern immer noch mit der ideologischen Basis der untergegangenen DDR.
Dieses Ergebnis spricht gegen die Annahme einer völligen Bedeutungslosigkeit der
DDR-Sozialisation für das politische Denken und Fühlen der Menschen im östlichen Teil
Deutschlands. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die aktuelle Lage in den neuen
Bundesländern nicht grundlegend von der in der Bundesrepublik der 50er Jahre. Vor diesem
Hintergrund erscheint ein reibungsloses und rasches kulturelles Zusammenwachsen Ost- und
Westdeutschlands alles andere als selbstverständlich.
2.1.2. Die Bewertung der Wirtschaftslage
Mit der Vereinigung Deutschlands verband die Bevölkerung der ehemaligen DDR große
politische und - wohl noch größere - wirtschaftliche Hoffnungen [14]. Dies belegen die
Daten in Tabelle 1: Im Jahre 1990 bewerteten lediglich 17 Prozent der Befragten in der DDR
die eigene Wirtschaftslage positiv, 59 Prozent erwarteten aber in der Zukunft eine
Besserung. Noch deutlicher traten die mit der Vereinigung verbundenen wirtschaftlichen
Hoffnungen in einer vergleichenden Bewertung der gesamtwirtschaftlichen Lage der
Bundesrepublik und der DDR zu Tage. Während 1990 lediglich ein Prozent der Befragten die
ökonomische Situation der DDR positiv einschätzte, bezeichneten 89 Prozent die
wirtschaftlichen Verhältnisse in der Bundesrepublik als gut. Auch die
Zukunftsperspektiven der DDR-Bürger unterstreichen die mit der bevorstehenden Vereinigung
verbundenen Hoffnungen: 73 Prozent rechneten in der Zukunft mit einer Verbesserung der
gesamtwirtschaftlichen Lage.
Im Zeitraum 1990-1996 veränderte sich die Perzeption der wirtschaftlichen Lage in den
neuen Ländern geradezu dramatisch. Die mit dem wirtschaftlichen Strukturwandel
verbundenen Turbulenzen [15] finden ihren Niederschlag in einer höchst widersprüchlichen
Einschätzung der Wirtschaftslage durch die Befragten. Auf der einen Seite hat sich die
Bewertung der eigenen wirtschaftlichen Lage durch die Bürgerinnen und Bürger der neuen
Bundesländer seit 1990 nachhaltig verbessert und nahezu dem Westniveau angeglichen (1990:
17 Prozent positive Bewertungen, 1994: 48 Prozent). Selbst in der kritischen Phase
zwischen 1991 und 1994 verschlech-terte sich die Bewertung der individuellen
Wirtschaftslage nicht. Dem steht auf der anderen Seite eine völlig entgegengesetzte
Einschätzung der wirtschaftlichen Zukunftsperspektiven gegenüber: Der 1990 noch weit
verbreitete Optimismus (59 Prozent positive Einschätzungen) ging von Jahr zu Jahr zurück
und machte einer starken Skepsis Platz (1994: 25 Prozent). Noch drastischer
verschlechterte sich die Bewertung der wirtschaftlichen Lage der Bundesrepublik. 1991
beurteilte noch jeder zweite Befragte in den neuen Ländern die gesamtwirtschaftliche Lage
positiv, 1994 lag der betreffende Anteil lediglich bei zwölf Prozent. Ein ähnliches Bild
läßt die Einschätzung der künftigen Entwicklung der Gesamtwirtschaft erkennen. Der
Anteil der Befragten in den neuen Ländern, die sich optimistisch über die
gesamtwirtschaftlichen Zukunftsperspektiven äußerten, ging von 63 auf 31 Prozent
zurück.
Selbst wenn man die durch die Umbruchsituation verzerrten Daten aus dem Jahr 1990 außer
acht läßt, haben sich die Einstellungen zur wirtschaftlichen Zukunft der Bundesrepublik
und zu den eigenen wirtschaftlichen Perspektiven derart negativ entwickelt, daß
ökonomische Faktoren derzeit kaum als Antriebskräfte des kulturellen Zusammenwachsens
Deutschlands in Frage kommen. Allenfalls die kleine Gruppe von Befragten mit einer
positiv-optimistischen Grundeinstellung könnte den kulturellen Wandel in den neuen
Ländern tragen. Ein positiver Beitrag der wirtschaftlichen Entwicklung zum Aufbau
politischer Unterstützung ist derzeit in den neuen Bundesländern erheblich
unwahrscheinlicher als in der alten Bundesrepublik der 50er Jahre. Während in dieser
bereits kurze Zeit nach der Verabschiedung des Grundgesetzes eine wirtschaftliche
Aufbruchstimmung einsetzte und die Einstellungen zum neuen politischen System positiv zu
beeinflussen begann [16], ist eine derartige Konstellation in Ostdeutschland derzeit
allenfalls in der Form einer zunehmend positiv bewerteten individuellen Wirtschaftslage zu
erkennen, die Einschätzung der allgemeinen ökonomischen Situation hat sich dagegen seit
der Vereinigung dramatisch verschlechtert.
Bei einem Vergleich der aktuellen Situation in den neuen Bundesländern mit der Lage in
der alten Bundesrepublik der 50er Jahre zeigen sich somit Übereinstimmungen und
Unterschiede. Wie in der Gründungsphase der Bundesrepublik könnte der Fortbestand einer
Bindung an das untergegangene Regime das Entstehen einer positiven Beziehung zum neuen
politischen System und seinen Elementen erschweren. Für den alternativen
Entwicklungspfad, den Aufbau von Systemunterstützung durch eine zunehmend positiv
bewertete Leistungsfähigkeit des politischen Systems, finden sich derzeit keine
Ansatzpunkte. Vor diesem Hintergrund könnte sich das kulturelle Zusammenwachsen
Deutschlands langwierig und kompliziert
gestalten.
2.2. Die Unterstützung demokratischer Prinzipien
Als ein politisches Regime, dessen Legitimität auf dem Prinzip der Volkssouveränität
beruht, ist die Demokratie stärker als jede andere Herrschaftsform auf die Unterstützung
ihrer zentralen Werte, Normen und Strukturen durch die Bevölkerung angewiesen. Wie das
Beispiel der alten Bundesrepublik der 50er Jahre zeigte, stellt sich diese Form
politischer Unterstützung nach der Ablösung eines totalitären durch ein demokratisches
Regime nicht automatisch ein. Nach Easton entsteht eine diffuse Unterstützung des
politischen Regimes entweder im Prozeß der Primärsozialisation oder durch andauernd
positive Erfahrungen mit der Leistungs- und Funktionsfähigkeit des neuen politischen
Systems [17]. Das Entstehen von Systemunterstützung setzt somit voraus, daß mindestens
eine dieser beiden Bedingungen - eine demokratiekonforme Sozialisation oder positive
Erfahrungen mit der Systemperformanz - tatsächlich vorliegen. Nach den Erkenntnissen der
empirischen Forschung entstanden diese beiden Voraussetzungen in der alten Bundesrepublik
im Laufe der Ära Adenauer und blieben bis zur Vereinigung erhalten, so daß die
demokratische Ordnung vor dem Beitritt der neuen Länder auf einer stabilen kulturellen
Grundlage stand [18].
Empirisch fundierte Aussagen über die Voraussetzungen des Entstehens positiver
Einstellungen zu einer liberal-pluralistischen Demokratie westlicher Prägung in der
ehemaligen DDR scheitern schon an der Datenlage. Selbst wenn man die Frage nach dem Erfolg
oder Scheitern des Bemühens der DDR-Führung um die Unterstützung der Bevölkerung
wissenschaftlich zufriedenstellend beantworten könnte, ergäben sich daraus keine
eindeutigen Konsequenzen für die Unterstützung der politischen Ordnung
Gesamtdeutschlands. Die wichtigsten Voraussetzungen für das Entstehen einer positiven
Beziehung der ostdeutschen Bevölkerung zum politischen System Gesamtdeutschlands, eine
entsprechende Primärsozialisation und positive Erfahrungen mit den Institutionen und
Akteuren der bundesdeutschen Politik, waren vor 1990 nicht gegeben. In der Zeit der
nationalen Teilung konnten die Bürger der ehemaligen DDR allenfalls mittelbare Eindrücke
vom politischen Leben in der Bundesrepublik gewinnen, etwa über das Westfernsehen oder
persönli-che Kontakte mit Westdeutschen. Nach dem Zusammenbruch der DDR vorhandene
positive Orientierungen auf das politische System der Bundesrepublik hatten die
Eigenschaft eines nicht auf Erfahrungen oder Sozialisationsprozesse gestützten - und
damit zugleich labilen - Vertrauensvorschusses.
Mit der Unterstützung demokratischer Prinzipien in Deutschland beschäftigt sich die
Umfrageforschung seit ihren Anfängen. Wie mehrere mittels einer von Wildenmann und Kaase
entwickelten Demokratieskala [19] durchgeführte Analysen zeigen, gruppieren sich die
Einstellungen der Bundesbürger zur Demokratie zu zwei Dimensionen, der Unterstützung der
grundlegenden Werte und Normen eines demokratischen Regimes sowie der positiven
Einstellung zu Individualismus, Pluralismus und der Funktionalität von Konflikten in der
Demokratie [20].
Bereits in der ersten, im Frühjahr 1990 durchgeführten Erhebung über die Unterstützung
demokratischer Prinzipien in den neuen Ländern zeigte sich, daß nicht allein die in
Ostdeutschland ermittelte Einstellungsstruktur dem aus dem Westen bekannten Muster auf
eine geradezu frappierende Weise ähnelte, sondern daß die Prinzipien einer
liberal-pluralistischen Demokratie westlicher Prägung in der damals noch bestehenden DDR
eine überraschend breite Zustimmung fanden. In beiden Teilen Deutschlands bestand 1990
praktisch Konsens über die grundlegenden Prinzipien des politischen Zusammenlebens
(Meinungs- und Demonstrationsfreiheit, Notwendigkeit von Opposition, alternierende
Parteienregierung). Ebenso offensichtlich war allerdings der Dissens über
individualistisch-konfliktäre Prinzipien, der im Westen stärker ausgeprägt war als im
Osten (vgl. Abb. 2 und 3). In einem zentralen Aspekt des Verhältnisses der Bürger zur
Politik befanden sich die politischen Orientierungen der Ostdeutschen bereits vor der
Vereinigung im Einklang mit dem Leitbild einer demokratischen Staatsbürgerschaft und
unterschieden sich insofern grundlegend von der in der alten Bundesrepublik der 50er Jahre
bestehenden Situation. In den fünf Jahren seit der Vereinigung blieb der breite Konsens
über die grundlegenden demokratischen Werte und Strukturen erhalten. Größere
Änderungen zeigten sich bei den pluralistisch-konfliktären Orientierungen. In diesem
Bereich näherten sich die Einstellungen der Ostdeutschen bereits im ersten Jahr nach der
Vereinigung weitgehend der im Westen seit längerer Zeit gegebenen Verteilung an.
Über die Ursachen dieser überraschend großen Übereinstimmung der demokratischen
Grundorientierungen der Ost- und Westdeutschen kann man nur spekulieren. Dalton führte
drei mögliche Erklärungen dieses Sachverhaltes ein [21]. Nach dem "critical
events-model" spielten die Erfahrungen mit dem demokratischen Umbruch in der DDR eine
große Rolle für die Bereitschaft zur Übernahme demokratischer Werte. Diese
Einschätzung basiert auf der in der Werteforschung entwickelten Annahme, bestimmte
Zäsuren in der gesellschaftlich-politischen Entwicklung einer Nation könnten zu einem
radikalen Wandel von Wertorientierungen führen. Alternativ hierzu verwies Dalton auf den
Umstand, daß die offizielle DDR-Ideologie die Idee der Demokratie keineswegs ablehnte,
sondern dem eigenen Anspruch nach mit neuen - sozialistischen - Inhalten versah. Dies
unterscheidet sie diametral von der dezidiert antidemokratischen NS-Ideologie.
Schließlich könnte die überraschend breite Unterstützung der Prinzipien einer
pluralistisch-liberalen Demokratie die Einschätzung Jesses stützen, nach der die
DDR-Bevölkerung bereits in der Zeit der nationalen Teilung mittelbar an der westlichen
Wertegemeinschaft partizipierte [22]. Dalton charakterisierte diese Hypothese als Modell
einer Gegenkultur.
Sofern man die zur Messung demokratischer Einstellungen entwickelten Items nicht als
ungeeignet für empirische Analysen in den neuen Ländern betrachtet oder die Ostdeutschen
als "Fragebogendemokraten" klassifiziert [23], könnte sich mit den
Einstellungen zur Demokratie bereits kurz nach der Vereini-gung ein integrativer Kern
einer gesamtdeutschen politischen Kultur herausgebildet haben, der einen größeren
Dissens in der Bewertung einzelner Institutionen und Akteure zuläßt.
2.3. Die Einstellungen zur aktuellen Form der Demokratie, den politischen
Institutionen und den politischen Akteuren
Politische Werte und Normen werden in der Alltagspolitik auf unterschiedliche Weise und
mit unterschiedlichem Erfolg umgesetzt [24]. Aus diesem Umstand kann sich eine Spannung
zwischen der abstrakten Befürwortung demokratischer Prinzipien und der Einstellung zur
Praxis des politischen Zusammenlebens in der Demokratie ergeben. Die Unterstützung
demokratischer Prinzipien impliziert also nicht unbedingt eine positive Einstellung zu
allen Aspekten der in einem Lande verwirklichten Form der Demokratie. Insbesondere folgt
aus der Unterstützung der Idee der Demokratie und ihrer zentralen Elemente nicht
notwendigerweise eine positive Einstellung zur aktuellen Form der Demokratie und zur
Leistungsfähigkeit ihrer Institutionen.
Die in der Umfrageforschung eingesetzten Fragen nach der Demokratiezufriedenheit, dem
Institutionenvertrauen und der Einschätzung der Responsivität der Politiker beziehen
sich auf Objekte, die in der Hierarchie politischer Unterstützung unterschiedliche
Positionen einnehmen [25]. An der Spitze steht das allgemeine Objekt
"Demokratie" (Regime), gefolgt von den Institutionen (intermediärer Bereich)
und konkreten Akteuren oder Gruppen von Akteuren (Herrschaftsträger). Dieser klaren
Rangordnung der Objekte korrespondiert allerdings keine gleichgerichtete Hierarchie von
Unterstützungsmotiven. Vielmehr bringen die eingesetzten Meßinstrumente den
Leistungsbezug am stärksten auf der Regimeebene zum Tragen, am schwächsten ist er in den
Fragen nach dem Institutionenvertrauen zu erkennen, dazwischen liegt die Einstellung zur
Responsivität der Politiker. Auf Grund dieser gegenläufigen Objekt- und Motivbezüge ist
es unmöglich, eindeutige Erwartungen über das Niveau und die Stabilität der
betreffenden Orientierungen zu formulieren.
Beginnen wir die Untersuchung der Einstellung zur Praxis der Demokratie in der
Bundesrepublik mit der Demokratiezufriedenheit. Diese Einstellung befand sich im Jahr der
Vereinigung in Westdeutschland mit 85 Prozent auf dem höchsten Niveau seit 1984. Im
östlichen Teil Deutschlands erfolgten sämtliche für 1990 vorliegenden Messungen vor der
Vereinigung, so daß sie nicht sinnvoll interpretierbar sind. Für den Zeitraum 1991-1995
lassen sich allerdings eindeutige Aussagen formulieren. Die Vereinigungseuphorie des
Jahres 1990 war bereits im ersten Jahr nach dem Beitritt der fünf neuen Länder in eine
ausgesprochen kritische Bewertung der politischen Bedingungen umgeschlagen. Nach 1991 ging
die Systemzufriedenheit deutlich zurück, und zwar in den alten Bundesländern stärker
als in den neuen (vgl. Abb. 4). Allerdings deutet sich nach dem Tiefpunkt im Jahr 1993
eine Trendwende an. In Folge eines starken Anstiegs erreichte die Demokratiezufriedenheit
in den neuen Ländern 1995 mit 53 Prozent den höchsten Wert seit der Vereinigung. In den
alten Ländern nahm sie ebenfalls zu, erreichte aber mit 67 Prozent nicht das hohe
Ausgangsniveau der Jahre 1990/91. Als Ergebnis der unterschiedlichen Entwicklung in den
alten und neuen Ländern läßt sich festhalten, daß die Einstellungen der Ost- und
Westdeutschen einander im Laufe der Zeit ähnlicher wurden. Diese Angleichung resultierte
aber in erster Linie aus einem starken Rückgang der Demokratiezufriedenheit in
Westdeutschland und nur zum kleineren Teil aus einer positiven Entwicklung des
Verhältnisses der ostdeutschen Bevölkerung zur Praxis der bundesdeutschen Demokratie.
In den komplexen, arbeitsteilig verfaßten modernen Gesellschaften erfüllen demokratische
Regime ihre vielfältigen Aufgaben durch zahlreiche politische Organisationen und
Institutionen. Im Prozeß der politischen Willensbildung agieren Parteien,
Interessenverbände und Massenmedien. In der Phase der autoritativen Entscheidung über
politische Ziele, Programme und Maßnahmen dominieren das Parlament und die Regierung, die
ihrerseits nicht losgelöst von den politischen Parteien betrachtet werden können. Im
Outputbereich sind mehrere Zweige der Exekutive und der Judikative angesiedelt. Die
Einstellungen zu diesen Trägern des politischen Lebens sind nicht allein unter
deskriptiven Gesichtspunkten von Interesse, sondern sie fungieren zusätzlich als
Grundlage für die Typisierung politischer Kulturen. Demnach zeichnet sich eine
demokratische politische Kultur durch gleichermaßen positive Einstellungen zu den
Einrichtungen und Verfahren des intermediären Systems und den Exekutiv- und
Judikativorganen aus. Diese balancierte Orientierung auf die Input- und
Outputinstitutionen ist durch ein entsprechendes Ausmaß an staatsbürgerlichem
Selbstbewußtsein zu ergänzen [26]. Wie für die Systemzufriedenheit liegt für den
Zeitraum 1991 bis 1995 eine Datenreihe zum Institutionenvertrauen vor, die Einstellungen
zu zahlreichen Einrichtungen des politischen Lebens der Bundesrepublik erfaßt. Dabei gilt
das Interesse zunächst einem Vergleich der Struktur des Institutionenvertrauens der
Bevölkerung in den Jahren 1991 und 1995.
Ein erster Eindruck von der Struktur des Institutionenvertrauens in den alten und neuen
Bundesländern läßt sich gewinnen, wenn man die Einstellung zu einzelnen Institutionen
in der Form einer Vertrauenspyramide ordnet. In dieser Hinsicht fiel das Verhältnis der
Ost- und Westdeutschen zu den Einrichtungen des öffentlichen Lebens der Bundesrepublik im
Jahr 1991 geradezu gegensätzlich aus. Die im Westen festgestellten Orientierungen
stützen die in älteren Studien vorgenommene Charakterisierung der politischen Kultur
Deutschlands als outputorientiert. Die für die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung
zuständigen Institutionen (Bundesverfassungsgericht, Gerichte, Polizei) liegen im
öffentlichen Ansehen an der Spitze, die Einrichtungen des intermediären Systems
(Parteien, Presse, Gewerkschaften) rangieren am Ende. Die Bundesregierung und der
Bundestag befinden sich im Mittelfeld. Wie bereits in der davorliegenden Dekade blieb
diese Struktur zwischen 1991 und 1995 weitgehend stabil. Allerdings waren alle
Einrichtungen des öffentlichen Lebens von einem gewissen Vertrauensverlust betroffen
(vgl. Tabelle 2).
Eine gänzlich andere Konstellation bestand in den neuen Ländern. Zunächst fällt auf,
daß nahezu alle Einrichtungen des öffentlichen Lebens der Bundesrepublik im Osten
weniger Vertrauen genießen als im Westen. Mindestens so große Aufmerksamkeit wie das
Vertrauensniveau verdient allerdings die Position einzelner Institutionen in der
Vertrauenshierarchie, bei der sich einige markante Abweichungen vom westdeutschen Muster
ergaben. Die 1991 im Osten ermittelte Struktur des Institutionenvertrauens läßt sich
nicht eindeutig interpretieren, weil sich sowohl auf den Spitzenpositionen als auch im
unteren Skalenbereich ganz unterschiedliche Einrichtungen befanden. Neben dem
Bundesverfassungsgericht, das auch im Westen einen großen Vertrauenskredit genießt,
brachten die ostdeutschen Befragten dem Bundesrat, der Bundeswehr, dem Fernsehen und den
Gewerkschaften ein überdurchschnittliches Vertrauen entgegen. Am Ende der Skala
rangierten dagegen mit den Gerichten und der Polizei zwei im Westen außerordentlich
positiv bewertete Institutionen.
Bei einem Vergleich der 1995 erhobenen Daten mit denen der unmittelbaren Nachwendezeit
zeigen sich erhebliche Veränderungen. In Folge eines tiefgreifenden Einstellungswandels
im Osten schwächten sich die anfangs beträchtlichen Struktur- und Niveauunterschiede
zwischen West- und Ostdeutschen ab. Während die Polizei und die Gerichte in den neuen
Ländern im öffentlichen Ansehen in die Spitzengruppe vorrückten, wurden das Fernsehen
und die Presse im Vergleich mit 1991 erheblich negativer bewertet und nahmen, wie im
Westen schon seit 1984, einen der unteren Ränge auf der Vertrauensskala ein. Diese
Veränderung ist insofern bemerkenswert, als vor allem die Einrichtungen des Rechtsstaates
einen Vertrauenszuwachs verzeichneten. Die Position der Institutionen auf der
Vertrauensskala weist 1995 im Ost-West-Vergleich keine gravierenden Unterschiede mehr auf,
geblieben ist allerdings das geringere Niveau des Institutionenvertrauens in
Ostdeutschland.
Eine detaillierte Präsentation der Befunde zum Vertrauen zu sämtlichen Institutionen ist
in unserem Kontext nicht möglich. Statt dessen sollen beispielhaft die Einrichtungen
näher beleuchtet werden, die in der Bundesrepublik im Prozeß der Herstellung und
Durchsetzung gesamtgesellschaftlich verbindlicher Entscheidungen eine Schlüsselfunktion
erfüllen: der Bundestag, die Bundesregierung und die politischen Parteien. Wie Daten aus
dem Jahr 1994 zeigen, bilden diese drei Einrichtungen in der Sicht der ost- und
westdeutschen Befragten eine Handlungseinheit [27].
Nach den in Abbildung 5 enthaltenen Daten entwickelte sich das Vertrauen zum Bundestag und
zur Bundesregierung nach dem gleichen Muster wie die Systemzufriedenheit. Die betreffenden
Einstellungen lagen 1991 und 1995 in den alten und neuen Ländern auf einem relativ hohen
Niveau, dagegen erreichten sie in den beiden Jahren 1993 und 1996 Tiefpunkte. Im Osten
wurden der Bundestag und die Bundesregierung während des gesamten untersuchten Zeitraumes
praktisch gleich bewertet, im Westen genießt der Bundestag dagegen ein etwas höheres
Vertrauen als die Regierung. Die Westdeutschen bringen den Kerninstitutionen des
politischen Systems der Bundesrepublik durchgängig mehr Vertrauen entgegen als die
Ostdeutschen, und dieser Unterschied blieb während der gesamten Periode erhalten. Dies
gilt auch für das Vertrauen zu den politischen Parteien, die im gesamten
Untersuchungszeitraum am Ende der Vertrauensskala lagen und als einzige Einrichtungen des
öffentlichen Lebens grundsätzlich eher auf Mißtrauen als auf Vertrauen stoßen. Vor
allem in Ostdeutschland ist das Mißtrauen gegenüber den politischen Parteien stark
ausgeprägt und reflektiert möglicherweise die zu DDR-Zeiten gegebene Durchdringung des
gesamten öffentlichen Lebens durch die SED und ihre Satellitenparteien.
Die Aktivitäten und Leistungen politischer Institutionen äußern sich stets im Handeln
politischer Akteure. Diese Aussage gilt vor allem unter den Bedingungen einer durch die
elektronischen Massenmedien vermittelten Vorstellung von Politik, in der Personen eine
wesentlich größere Rolle spielen als Institutionen [28]. Wie eine von Feldman vorgelegte
Untersuchung des politischen Vertrauens in den Vereinigten Staaten belegte, wirft die
analytisch sinnvolle Unterscheidung zwischen Institutionen, Rollen und Rolleninhabern in
der Praxis der empirischen Forschung Probleme auf, weil viele Bürgerinnen und Bürger
nicht dazu in der Lage sind, Personen und Institutionen voneinander zu trennen [29].
Auch in der Bundesrepublik bestehen relativ enge Beziehungen zwischen der Einstellung zu
den Institutionen des Parteienstaates und den in diesen tätigen Akteuren. Jedoch liefert
die Umfrageforschung hinlänglich viele Belege für die Fähigkeit der Bevölkerung,
zwischen diesen beiden Klassen politischer Objekte zu unterscheiden [30]. Dies zeigt sich
auch bei einem Vergleich der in den Abbildungen 5 und 6 enthaltenen Daten. Im Unterschied
zu den parteienstaatlichen Institutionen "Bundestag" und
"Bundesregierung", denen die westdeutsche Bevölkerung mehrheitlich vertraut und
denen die Ostdeutschen im ungünstigsten Fall ambivalent gegenüberstehen, fallen die
Einstellungen zu den Politikern in den alten und neuen Ländern eindeutig negativ aus.
Weniger als 25 Prozent der Befragten im Westen vertraten 1991, 1995 und 1996 die
Auffassung, die Politiker kümmerten sich um die Wünsche der Bevölkerung. Dies sind die
niedrigsten jemals in der Bundesrepublik gemessenen Werte [31]. In den neuen Ländern lag
der betreffende Anteil 1991 und 1996 sogar unter der 20-Prozent-Marke (vgl. Abb. 6). Mit
einer wesentlich umfangreicheren Fragenbatterie wurden auch 1994 sehr niedrige, in den
alten und neuen Ländern weitgehend ähnliche Werte gemessen. Lediglich 17 Prozent der
Ostdeutschen und 21 Prozent der Westdeutschen schätzten die Politiker als responsiv ein,
52 beziehungsweise 47 Prozent hielten sie für nicht responsiv, ein knappes Drittel der
Befragten war in dieser Frage unentschieden.
2.4. Staatsbürgerliches Kompetenzbewußtsein
Die bisherigen Überlegungen bezogen sich auf einen Teilaspekt des Verhältnisses der
Menschen zur Politik, der in einem demokratischen Regime zwar nicht fehlen darf, aber
einer Ergänzung durch partizipative Orientierungen bedarf. Sniderman betrachtet die
blinde Loyalität der Bevölkerung als Merkmal eines Obrigkeitsstaats, einer Demokratie
entspricht dagegen ein Konzept der Staatsbürgerschaft, welches Loyalität mit
Wachsamkeit, Kritikbereitschaft, Selbstbewußtsein und Aktivität kombiniert [32].
In Untersuchungen des Verhältnisses der Deutschen zur Politik galt die Verinnerlichung
der partizipativen Komponente der Staatsbürgerrolle lange Zeit als besonders
problematisch. Die schwache Entwicklung des staatsbürgerlichen Selbstbewußtseins der
Deutschen und ihr trotz mehrerer Regimewechsel ungebrochenes Vertrauen zur Exekutive und
Judikative wurden als Belege für das Fortwirken der langen obrigkeitsstaatlichen
Tradition interpretiert [33]. Da die ehemalige DDR in mancherlei Hinsicht an die Tradition
der preußisch-deutschen Untertanenkultur anknüpfte, vermuteten Fuchs, Klingemann und
Schöbel in einer der ersten - auf Berlin begrenzten - empirischen Analysen der
politischen Kultur im vereinigten Deutschland, in den neuen Bundesländern könnte das
politische Kompetenzbewußtsein der Bevölkerung ähnlich schwach entwickelt sein wie in
der alten Bundesrepublik der 50er Jahre [34].
Diese Annahme trifft insoweit zu, als 1991, 1995 und 1996 tatsächlich nur eine Minderheit
der Befragten in den neuen Bundesländern sich selbst zutraute, das politische Geschehen
zu verstehen und zu beeinflussen. Allerdings lag der betreffende Anteil im westlichen Teil
Deutschlands nur unwesentlich höher (vgl. Abb. 7). Diesen Befund bestätigen 1994
erhobene Daten, in denen sich das Verständnis politischer Vorgänge und die Wahrnehmung
politischer Einflußmöglichkeiten als zwei separate Dimensionen des staatsbürgerlichen
Kompetenzbewußtseins erwiesen. Beide Einstellungen waren in den alten und den neuen
Bundesländern nahezu gleich verteilt, befanden sich jedoch auf einem unterschiedlichen
Niveau: 41 Prozent der Ostdeutschen und 40 Prozent der Westdeutschen waren davon
überzeugt, politische Vorgänge zu verstehen (negative Angaben: 24 beziehungsweise 25
Prozent). An ihre eigenen Einflußmöglichkeiten auf die Politik glaubten wesentlich
weniger Befragte, nämlich 18 Prozent im Osten und 20 Prozent im Westen (negative Angaben:
57 beziehungsweise 53 Prozent). Wie schon in den 50er Jahren gehen nach der Vereinigung
Deutschlands relativ stark entwickelte kognitive Kompetenzen mit einer ausgesprochen
skeptischen Bewertung der eigenen politischen Einflußmöglichkeiten einher. Dies ist aber
eher ein generelles Merkmal der politischen Kultur Deutschlands als ein Spezifikum des
Verhältnisses der Ostdeutschen zur Politik [35].
3. DDR-Bindungen und die Bewertung der Wirtschaftslage
als Bestimmungsfaktoren politischer Orientierungen
Wie die bisherige Untersuchung zeigte, unterscheiden sich die Ostdeutschen in der
Unterstützung demokratischer Prinzipien kaum von den Westdeutschen. Bei der Akzeptanz
demokratischer Grundwerte war dieser Zustand von Anfang an gegeben, bei den Einstellungen
zu den Merkmalen einer pluralistisch-individualistischen Demokratie stellte er sich
bereits im ersten Jahr nach der Vereinigung ein. Im Unterschied dazu sind die Bürgerinnen
und Bürger der neuen Bundesländer erheblich unzufriedener mit dem Funktionieren der
Demokratie in Deutschland und bringen den politischen Institutionen, vor allem den
Einrichtungen der Parteiendemokratie, wesentlich weniger Vertrauen entgegen als ihre
Landsleute im Westen. Seit der Vereinigung hat sich die Vertrauenslücke zwischen West und
Ost zwar nicht vertieft, aber auch nicht erkennbar abgeschwächt. Von der Responsivität
der Politiker sowie von der Durchschaubarkeit und Beeinflußbarkeit der Politik ist nur
eine Minderheit der West- und Ostdeutschen überzeugt, für die Bevölkerung der neuen
Länder gilt dies noch etwas stärker als für die der alten. Der Ost-West-Unterschied in
der Bewertung der Politiker hat sich geringfügig verstärkt. Bei der Perzeption der
staatsbürgerlichen Einflußchancen sind die Differenzen etwas kleiner geworden, was
allerdings nicht auf einen Anstieg des Kompetenzbewußtseins im Osten, sondern auf einen
Rückgang im Westen zurückzuführen ist.
Die vorgelegten Ergebnisse legen die Frage nahe, welche Rolle die eingangs als
Bestimmungsfaktoren politischer Orientierungen in Phasen des Systemwandels eingeführten
Größen, nämlich die Loyalität zum alten Regime und die Bewertung der
Leistungsfähigkeit des neuen Systems, für das Verhältnis der Bürger zur Politik im
vereinigten Deutschland spielen. Lassen sich die festgestellten Unterschiede in den
politischen Einstellungen der Ost- und Westdeutschen auf das Fortwirken von DDR-Bindungen
oder auf Unterschiede in der Bewertung der bundesdeutschen Wirtschaft und Gesellschaft
zurückführen? Für eine solche Annahme könnten die am Beginn dieses Beitrages
präsentierten Daten sprechen. Die Sicht des Sozialismus als gute Idee, die nur schlecht
ausgeführt worden sei, ist in den neuen Ländern außerordentlich populär und hat sich
seit der Vereinigung eher verstärkt als abgeschwächt. Ein beträchtlicher Teil der
Befragten attestiert der DDR, mehr gute als schlechte Seiten gehabt zu haben. Die
individuelle Wirtschaftslage wird in Ostdeutschland sechs Jahre nach der Vereinigung noch
negativer bewertet als im Westen, und die Vorstellung, in der deutschen Gesellschaft nicht
das zu erhalten, worauf man Anspruch zu haben glaubt, ist im Osten ebenfalls weiter
verbreitet. Die deutlich kritischere Einstellung zum politischen System des vereinigten
Deutschland, die sich in den neuen Ländern gezeigt hatte, könnte aus einem Zusammenspiel
dieser Größen resultieren. Ob diese Vermutungen zutreffen, wird nachfolgend mittels
multipler Regressionsanalysen auf der Grundlage von Daten aus dem Jahr 1994 geprüft. In
diese Analysen wurden sämtliche theoretisch relevanten Erklärungsgrößen einbezogen.
Die Ausführungen beziehen sich allerdings ausschließlich auf die Effekte der
DDR-Loyalität und der Bewertung der sozio-ökonomischen Bedingungen im vereinigten
Deutschland.
Wie Abbildung 8 zeigt, übt die Bindung an die ehemalige DDR einen zwar schwachen, aber
konsisten-
ten Einfluß auf die Einstellungen der ostdeutschen Befragten zum politischen System des
vereinigten Deutschland aus. Lediglich die Unterstützung demokratischer Grundprinzipien
wird nicht durch fortbestehende DDR-Loyalitäten geprägt, da sich die beiden Aspekte der
DDR-Bindung neutralisieren: Während eine positive Bewertung der Idee des Sozialismus die
Unterstützung demokratischer Grundwerte fördert, schwächt die Einschätzung, die DDR
habe mehr gute als schlechte Seiten gehabt, die Identifikation mit demokratischen
Prinzipien [36]. In allen anderen Fällen übt mindestens einer der beiden Aspekte der
DDR-Bindungen den erwarteten Einfluß aus. Die eingangs formulierte Hypothese, daß die
Einstellung zum politischen System Deutschlands, seinen Institutionen und Akteuren umso
negativer wird, je stärkere Bindungen an die DDR und den Sozialismus fortbestehen, wird
in fast allen Fällen durch die empirischen Analysen gestützt.
Neben der rückläufigen Bindung an die autoritären politischen Regime der Vorkriegszeit
gilt das Wirtschaftswunder der 50er Jahre in der Literatur als die wichtigste
Voraussetzung des Entstehens einer demokratischen Kultur in der alten Bundesrepublik [37].
Bei einem Rückblick auf die Struktur und Entwicklung wirtschaftlicher Einstellungen
erweist sich die Perzeption der wirtschaftlichen Gegebenheiten in der Bundesrepublik seit
der Vereinigung als instabil und widerprüchlich. Alles in allem bestätigen die
empirischen Analysen jedoch die Annahmen über die Bedeutung sozio-ökonomischer
Wahrnehmungsmuster für das Verhältnis der Menschen zur Politik. Eine Ausnahme bildet
erneut die Unterstützung demokratischer Grundprinzipien, zu der nunmehr die Akzeptanz
eines individualistisch-pluralistischen Demokratiemodells als weiterer Sonderfall
hinzukommt. Diese beiden Elemente des individuellen Überzeugungssystems sind in Ost- und
Westdeutschland unabhängig von der Wahrnehmung und Bewertung der sozio-ökonomischen
Bedingungen. Einen relativ starken Einfluß üben diese Faktoren allerdings auf die
Demokratiezufriedenheit, das Vertrauen zu den parteienstaatli-chen Institutionen und zu
den Politikern sowie auf die Wahrnehmung eigener politischer Einflußmöglichkeiten aus.
Die Bewertung der kollektiven Daseinsbedingungen erweist sich dabei im Vergleich mit der
Einschätzung der individuellen Lage als der bedeutsamere Faktor [38]. Zudem beeinflussen
sozio-ökonomische Faktoren im Osten das Verhältnis der Bürger zur Politik erheblich
stärker als im Westen (vgl. Abb. 9 und 10). Es ist also nicht primär die negativere
Bewertung der wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten, die bei den Ostdeutschen eine
kritischere Einstellung zur Politik hervorruft als bei ihren Landsleuten in den alten
Ländern, sondern eine stärkere Umsetzung sozio-ökonomischer Unzufriedenheit in Kritik
am politischenSystem, seinen Institutionen und Akteuren. Von diesem Transferprozeß
blieben die demokratischen Grundüberzeugungen bisher allerdings ausgenommen.
Die festgestellten Unterschiede zwischen den politischen Einstellungen der Ost- und
Westdeutschen resultieren zu einem großen Teil aus den fortbestehenden Loyalitäten zur
ehemaligen DDR und vor allem aus einer im Vergleich mit dem Westen erheblich stärkeren
Umsetzung wirtschaftlicher in politische Unzufriedenheit. Betrachtet man den gemeinsamen
Effekt dieser beiden Komplexe von Einflußfaktoren ergibt sich folgendes Bild (auf
tabellarische Nachweise wird verzichtet): Vor allem die Zufriedenheit mit dem
Funktionieren der Demokratie und das Vertrauen in die parteienstaatlichen Institutionen
werden stark von den genannten Faktoren beeinflußt. Die im Vergleich mit dem Westen
größere politische Unzufriedenheit in den neuen Ländern geht vornehmlich auf die
Entfremdung derjenigen Bevölkerungsgruppe vom politischen System der Bundesrepublik
zurück, in der sich DDR-Nostalgie mit einer kritischen Einstellung zu den im vereinigten
Deutschland vorherrschenden sozio-ökonomischen Bedingungen paart. Bereits bei einer
ambivalenten oder moderat positiven Ausprägung dieser beiden Orientierungen unterscheiden
sich die Ostdeutschen kaum noch von den Westdeutschen beziehungsweise stehen den für sie
neuen politischen Verhältnissen sogar besonders positiv gegenüber.
4. Ergebnisse und Folgerungen
Auf der Basis der hier präsentierten Erkenntnisse sollen abschließend die eingangs
gestellten Fragen nach den bisher erzielten Fortschritten bei der kulturellen Integration
Deutschlands beantwortet werden, zumindest in Form einer Zwischenbilanz. Sofern auf der
Basis der vorliegenden Daten nur sechs Jahre nach der Vereinigung Deutschlands Aussagen
über Fortschritte und Hindernisse auf dem Weg zu einer gemeinsamen politischen Kultur der
Ost- und Westdeutschen überhaupt möglich sind, stellt sich die Struktur und Entwicklung
des Verhältnisses der Bürger zur Politik im vereinigten Deutschland ziemlich ambivalent
dar.
Auf der Habenseite der bisherigen Bilanz ist zu verbuchen, daß sich seit der Vereinigung
die Ost-West-Unterschiede in praktisch keinem der hier untersuchten Einstellungsbereiche
vertieft haben, das Vertrauen zu den Politikern bildet die einzige Ausnahme. Trotz der
uneinheitlichen Entwicklung der politischen Orientierungen wuchsen die Gemeinsamkeiten
zwischen Ost- und Westdeutschen, sofern sie nicht schon von Anfang an vorhanden waren.
Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang die rasche Entwicklung eines von den
wirtschaftlichen Verhältnissen unabhängigen Konsenses der West- und Ostdeutschen in der
Unterstützung der systemtragenden Werte und Normen. Soweit in diesem Bereich Unterschiede
auftreten, verlaufen sie innerhalb der beiden Teilgesellschaften, nicht zwischen ihnen.
Auf der Negativseite schlägt der Dissens über das Funktionieren der Demokratie, die
parteienstaatlichen Institutionen und die Politiker zu Buche. Im Sinne Fraenkels bilden
diese Einstellungen den kontroversen Sektor der politischen Gemeinschaft im vereinigten
Deutschland. Die Ursachen der zum Teil sogar gegensätzlichen Beurteilung der Träger des
öffentlichen Lebens der Bundesrepublik konnten in den Untersuchungen zumindest zum Teil
identifiziert werden. Im Osten wie im Westen der Bundesrepublik erschwert eine negative
Perzeption der Wirtschaftslage die Unterstützung des politischen Systems und seiner
Elemente, im Westen allerdings weniger als im Osten. Dort kommt mit der DDR-Nostalgie ein
weiterer integrationshemmender Faktor hinzu, dessen Bedeutung sich jedoch nicht problemlos
bestimmen läßt. Möglicherweise reflektiert die anhaltend positive Bewertung der Idee
des Sozialismus eine fortbestehende Identifikation mit der ideologischen Basis der
untergegangenen DDR, möglicherweise aber auch eine vornehmlich rituell-affektive
Idealisierung der Vergangenheit, die man sich aber nicht wirklich zurückwünscht. Der
erste Fall ist von beiden der interessantere. Er verweist auf eine Parallele in der
Beurteilung der DDR und des vereinigten Deutschland, die sich mit dem Schlagwort
"Diskrepanz zwischen (gutem) Ideal und (schlechter) Wirklichkeit"
charakterisieren läßt.
Wie in der alten Bundesrepublik der fünfziger Jahre treten überdurchschnittlich negative
Einstellungen zum politischen System Gesamtdeutschlands und seinen Elementen bei Personen
auf, die sich besonders stark dem untergegangenen politischen Regime verbunden fühlen und
die wirtschaftliche Lage der Bundesrepublik sowie ihre eigene wirtschaftliche Lage negativ
bewerten. Die enormen Umbrüche, die der Übergang von der Zentralverwaltungswirtschaft
zur Marktwirtschaft, vom Kollektivismus zum Individualismus und vom
sozialistisch-monistischen Parteienregiment zur pluralistisch-liberalen Demokratie mit
sich brachte, führten in der ostdeutschen Bevölkerung zu Unsicherheit und
Unzufriedenheit. Da die Bürgerschaft dieses Teils des vereinigten Deutschland den Staat
in noch stärkerem Maße als allzuständige Vorsorge- und Verteilungsinstanz einschätzt
als dies ihre Landsleute im Westen tun [39], besteht eine größere Neigung, ihn - im
Positiven wie im Negativen - für die ökonomischen Bedingungen verantwortlich zu machen.
Ein wirtschaftlicher Aufschwung, der die etatistische Orientierung der ostdeutschen
Bevölkerung politisch kapitalisieren könnte, steht einstweilen in weiter Ferne.
Ein letzter negativer Aspekt der Entwicklung des Verhältnisses der Bürger zur Politik im
vereinigten Deutschland sollte nicht vergessen werden. Seit der Vereinigung ist in den
alten Bundesländern eine Erosion politischer Unterstützung zu verzeichnen, deren Ausmaß
weit über alle bisherigen Vorkommnisse vergleichbarer Art hinausgeht. Die Dramatik dieses
Vorganges wird lediglich durch den Tatbestand abgemildert, daß die demokratischen
Grundüberzeugungen der Bevölkerung bisher nicht von der unübersehbaren Krise im
Verhältnis der Bevölkerung zur Politik tangiert sind.
Zwar ist das Zusammenwachsen der beiden Teile Deutschlands zu einer politischen
Gemeinschaft in den sechs Jahren seit der Vereinigung weiter vorangekommen, als man
zunächst erwarten konnte. Eine eindeutig positive Prognose für die künftige Entwicklung
der politischen Kultur im vereinigten Deutschland läßt sich auf dieser Basis gleichwohl
nicht erstellen. Solange das Wohlstandsgefälle zwischen West- und Ostdeutschland bestehen
bleibt, gibt es Ansatzpunkte für eine Idealisierung der DDR-Vergangenheit. Die
problematischen Effekte der Perzeption der wirtschaftlichen Situation werden sicherlich
durch die Tendenz verstärkt, die derzeitigen wirtschaftlichen Bedingungen in den neuen
Ländern nicht auf der Basis eines Vergleichs mit der Situation vor der Wende zu bewerten,
sondern als Vergleichsmaßstab die aktuelle Situation Westdeutschlands heranzuziehen.
Zudem muß die Unzufriedenheit mit dem politischen Status Quo - anders als in der alten
Bundesrepublik der 50er Jahre - nicht latent bleiben. Mit der PDS steht vielmehr ein in
der ostdeutschen Gesellschaft fest verankerter Kristallisationskern für politische
Unzufriedenheit und DDR-Nostalgie bereit. Ob sich in den neuen Ländern langfristig die
integrativen oder die desintegrativen Potentiale entfalten werden, dürfte ganz
entscheidend von der künftigen wirtschaftlichen Entwicklung abhängen.
Literatur
[1] Jesse, E.: Zwei verschiedene politische Kulturen in
Deutschland. In: Jäckel, H. (Hrsg.): Die neue Bundesrepublik. Baden-Baden: Nomos, 1994,
S. 97-125, S. 104
[2] Feist, U.: Zur politischen Akkulturation der vereinten Deutschen. Eine Analyse aus
Anlaß der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 11-12
(1991), S. 21-32; Feist, U., Liepelt, K.: Auseinander oder miteinander? Zum
unterschiedlichen Politikverständnis der Deutschen in Ost und West. In: Klingemann,
H.-D., Kaase, M. (Hrsg.): Wahlen und Wähler. Analysen aus Anlaß der Bundestagswahl 1990.
Opladen: Westdeutscher Verlag, 1994, S. 575-611; Greiffenhagen, M., Greiffenhagen, S.: Ein
schwieriges Vaterland. Zur politischen Kultur im vereinigten Deutschland. München und
Leipzig: List, 1993; Rudzio, W.: Das politische System der Bundesrepublik Deutschland, 3.
Aufl. Opladen: Leske + Budrich, 1991, S. 478
[3] Baker, K.L., Dalton, R.J., Hildebrandt, K.: Germany Transformed. Political Culture and
the New Politics. Cambridge, Mass./London: Harvard University Press, 1981, S. 22ff.;
Conradt, D.P.: Changing German Political Culture. In: Almond, G.A., Verba, S. (Hrsg.): The
Civic Culture Revisited. An Analytic Study. Boston und Toronto: Little, Brown and Company,
1980, S. 212-272; Conradt, D.P.: From Output Orientation to Regime Support: Changing
German Political Culture. In: Hoffmann-Lange, U. (Hrsg.): Social and Political Structures
in West Germany. From Authoritarianism to Postindustrial Democracy. Boulder, San Francisco
und Oxford: Westview, 1991, S. 127-142; Fuchs, D.: Die Unterstützung des politischen
Systems der Bundesrepublik Deutschland. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1989, S. 90ff.
[4] Immerfall, S.: Politische Kultur als historische Makrovariable. Zur vergleichenden
Entwicklungsanalyse geschichtlicher Kontextbedingungen. In: Lehnert, D., Megerle, K.
(Hrsg.): Politische Teilkulturen zwischen Integration und Polarisierung. Zur politischen
Kultur der Weimarer Republik. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1990, S. 26-42; Lipset, S.M.:
Some Social Requisites of Democracy: Economic Development and Political Legitimacy. In:
Cnudde, C.F., Neubauer, D.E. (Hrsg.): Empirical Democratic Theory. Chicago: Markham, 1969,
S. 151-192, S. 170
[5] Almond, G.A., Verba, S.: The Civic Culture. Political Attitudes and Democracy in Five
Nations. Boston: Little, Brown, and Company, 1965, S. 13
[6] Lipset, S.M. (Anm. 4)
[7] Easton, D.: A Re-Assessment of the Concept of Political Support. In: British Journal
of Political Science 5 (1975), S. 435-457; Easton, D.: A Systems Analysis of Political
Life. Chicago und London: The University of Chicago Press, 1979
[8] Gabriel, O.W.: Politische Kultur aus der Sicht der empirischen Sozialforschung. In:
Niedermayer, O., von Beyme, K. (Hrsg.): Politische Kultur in Ost- und Westdeutschland.
Berlin: Akademie Verlag, 1994, S. 23-42
[9] Almond, G.A., Verba, S. (Anm. 5), S. 2ff., 29ff., 337ff.; Kaase, M., Demokratie im
Spannungsfeld von politischer Kultur und politischer Struktur. In: Link, W.,
Schütt-Wetschky, E., Schwan, G. (Hrsg.): Jahrbuch für Politik 5. Baden-Baden: Nomos,
1995, S. 199-220; Muller, E.N., Seligson, M.A.: Civic Culture and Democracy: The Question
of Causal Relationship. In: American Political Science Review 88 (1994), S. 635-652
[10] Almond, G.A., Verba, S. (Anm. 5),
S. 2ff., 29ff., 337ff.; Sniderman, P.M.: A Question of Loyalty. Berkeley u.a.: The
University of California Press, 1981, S. 26ff.; Wright, J.D.: The Dissent of the Governed.
Alienation and Democracy in America. New York u.a.: Academic Press, 1976, S. 267ff.
[11] Almond, G.A., Verba, S. (Anm. 5),
S. 341ff.
[12] Easton, D., 1975 (Anm. 7); Easton, D., 1979 (Anm. 7), S. 153ff.; Gamson, W.: Power
and Discontent. Homewood, Ill.: Dorsey, 1968
[13] Baker, K.L., Dalton, R.J., Hildebrandt, K. (Anm. 3), S. 23ff.; Conradt D.P., 1980
(Anm. 3), S. 225ff., 258f.; Fuchs, D. (Anm. 3), S. 91
[14] Herbert, W., Wildenmann, R.: Deutsche Identität. Die subjektive Verfassung der
Deutschen vor der Vereinigung. In: Wildenmann, R. (Hrsg.): Nation und Demokratie.
Politisch-strukturelle Gestaltungsprobleme im neuen Deutschland. Baden-Baden: Nomos, 1991,
S. 71-98, S. 75ff.
[15] Fürstenberg, F.: Deutschlands Wirtschaft nach der Wende. In: Hettlage, R., Lenz, K.
(Hrsg.): Deutschland nach der Wende. Eine Zwischenbilanz. München: Beck, 1995, S. 93-118;
Sturm, R.: Nicht in einer Generation zu erreichen - Die Angleichung der
Lebensverhältnisse. In: Altenhof, R., Jesse, E. (Hrsg.): Das wiedervereinigte
Deutschland. Zwischenbilanz und Perspektiven. Düsseldorf: Droste, 1995, S. 191-216
[16] Fuchs, D. (Anm. 3), S. 96ff.
[17] Easton, D., 1975 (Anm. 7), S. 445f.
[18] ausführlich hierzu: Baker, K.L., Dalton, R.J., Hildebrandt, K. (Anm. 3), S. 23ff.;
Fuchs, D. (Anm. 3), S. 90ff., 131ff.
[19] Kaase, M.: Demokratische Einstellungen in der Bundesrepublik Deutschland. In:
Sozialwissenschaftliches Jahrbuch für Politik 2 (1971), S. 119-328
[20] Bauer, P.: Politische Orientierungen im Übergang. Eine Analyse politischer
Einstellungen der Bürger in West- und Ostdeutschland 1990/91. In: Kölner Zeitschrift
für Soziologie und Sozialpsychologie 43 (1991), S. 433-453; S. 442ff.; Bauer-Kaase, P.:
Germany in Transition: The Challenge of Coping with Unification. In: Hancock, D., Welsh,
H. (Hrsg.): German Unification: Process and Outcomes. Boulder, Co.: Westview Press, 1994,
S. 285-311, S. 291ff.; Gabriel, O.W., Vetter, A.: Politische Involvierung und
Unterstützung. In: Falter, J.W. u.a.: Politische Orientierungen und politische
Partizipation im vereinigten Deutschland. Abschlußbericht zum DFG-Projekt.
[21] Dalton, R. J.: Communists and Democrats: Democratic Attitudes in the Two Germanies.
In: British Journal of Political Science 24 (1994), S. 469-493, 479ff.
[22] Jesse, E. (Anm. 1), S. 104ff.
[23] Damit gibt es eine vierte Möglichkeit zur Erklärung der
überraschend breiten Akzeptanz demokratischer Prinzipien in den neuen Ländern, vgl.
Dalton, R.J. (Anm. 21), S. 482
[24] Fuchs, D.: Welche Demokratie wol-len die Deutschen? Einstellungen zur Demokratie im
vereinigten Deutschland. In: Gabriel, O.W. (Hrsg.): Politische Orientierungen und
Verhaltensweisen im vereinigten Deutschland. Opladen: Leske + Budrich, 1997, S. 81-113
[25] ebd.
[26] Almond, G.A., Verba, S. (Anm. 5),
S. 13ff., 341ff.; Gabriel, O.W. (Anm. 8)
[27] Gabriel, O.W., Vetter, A., (Anm. 20)
[28] Brettschneider, F.: Politische Kommunikation und Mediennutzung. In:
Gabriel, O.W. (Hrsg.): Politische Orientierungen und Verhaltensweisen in Ost- und
Westdeutschland. Opladen: Leske + Budrich, 1997, S. 265-289
[29] Feldman, S.: The Measurement and Meaning of Trust in Government. In: Political
Methodology 9 (1983), S. 341-355
[30] Nachweise am Beispiel des Deutschen Bundestages liefert Schüttemeyer, S. S.:
Bundestag und Bürger im Spiegel der Demoskopie. Eine Sekundäranalyse zur
Parlamentarismusperzeption in der Bundesrepublik. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1986,
bes. S. 238ff.
[31] Gabriel, O.W.: Bürger und Politik. In: Holtmann, E., Gabriel, O.W. (Hrsg.): Handbuch
des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. München: Oldenbourg, 1996 (im
Druck)
[32] vgl. die Hinweise in Anm. 10
[33] Almond, G.A., Verba, S. (Anm. 5),
S. 136ff, 312f.; Baker, K.L., Dalton, R.J., Hildenbrandt, K. (Anm. 3), S. 38ff.
[34] Fuchs, D., Klingemann, H.-D., Schöbel, C.: Perspektiven der politischen Kultur im
Vereinigten Deutschland. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 32 (1991), S. 35-46, S. 37
[35] Almond, G.A., Verba, S. (Anm. 5), S. 312f.
[36] genauere Angaben hierzu bei: Gabriel, O.W.: Politische Orientierungen und
Verhaltensweisen. In: Kaase, M. u.a.: Politisches System. Bericht zum sozialen und
politischen Wandel in Ostdeutschland. Opladen: Leske + Budrich, 1997, S. 272-279
[37] Gabriel, O.W.: Systemakzeptanz und Wirtschaftslage in der Bundesrepublik Deutschland.
In: Falter, J.W., Rattinger, H., Troitzsch, K.G. (Hrsg.): Wahlen und politische
Einstellungen in der Bundesrepublik Deutschland. Frankfurt a.M. u.a: Lang, 1989, S.
196-252
[38] vgl. Gabriel, O.W. (Anm. 36), S. 272-273
[39] Arzheimer, K., Klein, M.: Die friedliche und die stille Revolution. Die Entwicklung
gesellschaftspolitischer Wertorientierungen in Deutschland seit dem Beitritt der fünf
neuen Länder. In: Gabriel, O.W. (Hrsg.): Politische Orientierungen und Verhaltensweisen
im vereinigten Deutschland. Opladen: Leske + Budrich, 1997, S. 37-59; Jagodzinski, W.,
Kühnel, S.M.: Werte und Ideologien im Parteienwettbewerb. In: Gabriel, O.W. (Hrsg.):
Politische Orientierungen und Verhaltensweisen im vereinigten Deutschland. Opladen: Leske
+ Budrich, 1997, S. 449-471; Roller, E.: Ideological Basis of the Market Economy:
Attitudes Toward Distribution Principles and the Role of Government in Western and Eastern
Germany. European Sociological Review 10 (1994), S. 105-117; Roller, E.: Wohlstand oder
soziale Sicherheit? Wertbezogene politische Streitfragen und die Beurteilung politischer
Alternativen in Berlin nach der Wende. In: Klingemann, H.-D., Erbring, L., Diederich, N.
(Hrsg.): Zwischen Wende und Wiedervereinigung. Analysen zur politischen Kultur in West-
und Ost-Berlin 1990. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1995, S. 40-62; Roller, E.:
Sozialpolitische Orientierungen nach der Vereinigung. In: Gabriel, O.W. (Hrsg.):
Politische Orientierungen und Verhaltensweisen im vereinigten Deutschland. Opladen: Leske
+ Budrich, 1997, S. 115-146
Dokumentation
Einstellung zur Idee des Sozialismus: 1991-1994: Allbus. Frage: "Der Sozialismus ist
im Grunde eine gute Idee, die nur schlecht ausgeführt wurde". Antwortvorgaben:
stimme überhaupt nicht zu (1), stimme eher nicht zu (2), stimme eher zu (3), stimme voll
zu (4). 1995 und 1996: KSPW-Studien. Frage: "In welchem Maße stimmen Sie folgender
Aussage zu: Der Sozialismus ist im Grunde eine gute Idee, die nur schlecht ausgeführt
wurde". Antwortvorgaben: stimme überhaupt nicht zu (1), stimme eher nicht zu (2),
stimme eher zu (3), stimme voll zu (4). In Abbildung 1 sind Prozentanteile der
Antwortalternativen 3 und 4 angegeben.
Einschätzung der Wirtschaftslage: 1990: Wildenmann-Studie. Fragen: "Wie beurteilen
Sie ganz allgemein die heutige wirtschaftliche Lage in der Bundesrepublik
Deutschland?", "Wie beurteilen Sie heute Ihre eigene wirtschaftliche
Lage?". Antwortvorgaben: sehr gut (1), gut (2), teils gut, teils schlecht (3),
schlecht (4), sehr schlecht (5). "Und wie wird es [die wirtschaftliche Lage in der
Bundesrepublik Deutschland] in einem Jahr sein?", "Was glauben Sie, wie wird
Ihre eigene wirtschaftliche Lage in einem Jahr sein?". Antwortvorgaben: wesentlich
besser (1), etwas besser (2), gleichbleibend (3), etwas schlechter (4) wesentlich
schlechter (5). 1991-1994: Allbus. Fragen: "Wie beurteilen Sie ganz allgemein die
heutige wirtschaftliche Lage in Deutschland?", "Und Ihre eigene wirtschaftliche
Lage heute?". Antwortvorgaben: sehr gut (1), gut (2), teils gut, teils schlecht (3),
schlecht (4), sehr schlecht (5). "Was glauben Sie, wie wird die wirtschaftliche Lage
in Deutschland in einem Jahr sein?", "Und wie wird Ihre eigene wirtschaftliche
Lage in einem Jahr sein?". Antwortvorgaben: wesentlich besser als heute (1), etwas
besser als heute (2), gleichbleibend (3), etwas schlechter als heute (4), wesentlich
schlechter als heute (5). 1996: KSPW-Studie. Fragen: Wie beurteilen Sie heute Ihre eigene
wirtschaftliche Lage?", "Wie beurteilen Sie ganz allgemein die heutige
wirtschaftliche Lage in Deutschland?". Antwortvorgaben: sehr gut (1), gut (2), teils
gut, teils schlecht (3), schlecht (4), sehr schlecht (5). In Tabelle 1 sind jeweils
Prozentanteile der Antwortalternativen 1 und 2 angegeben.
Unterstützung allgemeiner demokratischer Prinzipien: 1990-1992: vgl. Tabelle in Dalton,
R.J. (Anm. 21). 1995 und 1996: KSPW-Studien. Frage: "Wir haben hier eine Reihe von
häufig gehörten Behauptungen zusammengestellt, die unterschiedliche Meinungen über das
Verhalten der Menschen wiedergeben und möchten gerne herausfinden, wie tatsächlich
darüber gedacht wird. Wir möchten Sie bitten, uns ihre Stellungnahme zu jeder Behauptung
zu sagen: Eine lebensfähige Demokratie ist ohne politische Opposition nicht denkbar -
Jeder sollte das Recht haben, für seine Meinung einzutreten, auch wenn die Mehrheit
anderer Meinung ist - Jeder Bürger hat das Recht, notfalls für seine Überzeugung auf
die Straße zu gehen - Jede demokratische Partei sollte grundsätzlich die Chance haben,
an die Regierung zu kommen". Antwortvorgaben: volle Ablehnung (-3), Ablehnung in
wesentlichen Teilen (-2), geringe Ablehnung (-1), geringe Übereinstimmung (+1),
Übereinstimmung in wesentlichen Teilen (+2), volle Übereinstimmung (+3). In Abbildung 2
sind Mittelwerte der Prozentanteile der Antwortalternativen +1 bis +3 angegeben.
Unterstützung von Konflikt und Pluralität in der Demokratie: 1990-1992: vgl. Tabelle in
Dalton, R.J. (Anm. 21). 1995 und 1996: KSPW-Studien. Frage: "Wir haben hier eine
Reihe von häufig gehörten Behauptungen zusammengestellt, die unterschiedliche Meinungen
über das Verhalten der Menschen wiedergeben und möchten gerne herausfinden, wie
tatsächlich darüber gedacht wird. Wir möchten Sie bitten, uns ihre Stellungnahme zu
jeder Behauptung zu sagen: Aufgabe der politischen Opposition ist es nicht, die Regierung
zu kritisieren, sondern sie in ihrer Arbeit zu unterstützen - Auseinandersetzungen
zwischen den verschiedenen Interessengruppen und ihre Forderungen an die Regierung schaden
dem Allgemeinwohl - Der Bürger verliert das Recht zu Streiks und Demonstrationen, wenn er
damit die öffentliche Ordnung gefährdet". Antwortvorgaben: volle Ablehnung (-3),
Ablehnung in wesentlichen Teilen (-2), geringe Ablehnung (-1), geringe Übereinstimmung
(+1), Übereinstimmung in wesentlichen Teilen (+2), volle Übereinstimmung (+3). In
Abbildung 3 sind Mittelwerte der Prozentanteile der Antwortalternativen -3 bis -1
angegeben.
Demokratiezufriedenheit: 1990-1995: IPOS-Studien. Frage: "Was würden Sie allgemein
zu der Demokratie in Deutschland, d.h. zu unserem ganzen politischen System sagen? Sind
Sie damit sehr zufrieden (1), eher zufrieden (2), eher unzufrieden (3) oder sehr
unzufrieden (4)?". In Abbildung 4 sind Prozentanteile der Antwortalternativen 1 und 2
angegeben.
Vertrauen zu politischen Institutionen: 1990-1993 und 1995: IPOS-Studien. Frage: "Wir
haben hier einige Einrichtungen aus dem Bereich des öffentlichen Lebens aufgeschrieben
und möchten gerne wissen, ob Sie diesen Einrichtungen vertrauen oder nicht vertrauen. Wie
ist das mit
Gerichte, Bundestag, Gewerkschaften, Kirchen, Polizei,
Bundesverfassungsgericht, Bundesregierung, Fernsehen, Bundeswehr, Presse, Bundesrat,
Landesregierung, Parteien". Antwortvorgaben: Skala von vertraue überhaupt nicht (-5)
bis vertraue voll (+5). In Tabelle 2 sind Mittelwerte angegeben. In Abbildung 5 sind
Mittelwerte der Prozentanteile der Antwortalternativen +1 bis +5 angegeben. 1994:
DFG-Studie "Politische Einstellungen und politische Partizipation im vereinigten
Deutschland". Frage: "Ich lese Ihnen jetzt eine Reihe von öffentlichen
Einrichtungen vor. Sagen Sie mir bitte anhand dieser Liste bei jeder, ob Sie ihr vertrauen
oder nicht
Bundestag, Bundesregierung". Antwortvorgaben: Skala von vertraue
überhaupt nicht (-2) bis vertraue voll und ganz (+2). In Abbildung 5 sind Mittelwerte der
Prozentanteile der Antwortalternativen +1 und +2 angegeben. 1996: KSPW-Studie. Frage: Ich
lese Ihnen jetzt eine Reihe von öffentlichen Einrichtungen und Organisationen vor. Sagen
Sie mir bitte bei jeder Einrichtung und Organisation, wie groß das Vertrauen ist, das Sie
ihr entgegenbringen
Bundestag, Bundesregierung". Antwortvorgaben: Skala von
vertraue überhaupt nicht (-3) bis vertraue voll und ganz (+3). In Abbildung 5 sind
Mittelwer-te der Prozentanteile der Antwortalternativen +1 bis +3 angegeben.
Einstellungen zu Politikern: 1991: Times-Mirror-Studie. Frage: "Ich lese Ihnen nun
eine Reihe von Aussagen vor, die uns helfen sollen, Ihre Einstellung zu einer Reihe von
Dingen herauszufinden. Sagen Sie mir bitte für jede Aussage, ob Sie ihr zustimmen: Die
meisten Politiker kümmern sich darum, was Leute wie ich denken - Im allgemeinen verlieren
Politiker sehr schnell den Kontakt zur Bevölkerung". Antwortvorga-ben: stimme
überhaupt nicht zu (1), stimme eher nicht zu (2), stimme eher zu (3), stimme voll und
ganz zu (4). In Abbildung 6 sind die Mittelwerte der Prozentanteile der
Antwortalternativen 3 und 4 beim ersten Item und 1 und 2 beim zweiten Item angegeben. 1995
und 1996: KSPW-Studien. Frage: "Wir haben hier eine Reihe von häufig gehörten
Meinungen über die Politik und die Gesellschaft zusammengestellt. Sagen Sie mir bitte, ob
Sie diesen Meinungen zustimmen oder nicht: Politiker beziehungsweise Politikerinnen
kümmern sich darum, was einfache Leute denken - Die Bundestagsabgeordneten bemühen sich
um einen engen Kontakt zur Bevölkerung". Antwortvorgaben: Skala von stimme
überhaupt nicht zu (-2) bis stimme voll und ganz zu (+2). In Abbildung 6 sind Mittelwerte
der Prozentanteile der Antwortalternativen +1 und +2 angegeben.
Gefühl politischer Einflußmöglichkeiten: 1991: vgl. Tabelle in Weil, F.D.: The
Development of Democratic Attitudes in Eastern and Western Germany in Comparative
Perspective. In: Weil, F.D., Gautier, M.L., Huffman, J.S. (Hrsg.): Research on Democracy
and Society, Vol. 1, Greenwich: JAI Press, 1993, S. 195-225. 1995 und 1996: KSPW-Studien.
Frage: "Wir haben hier eine Reihe von häufig gehörten Meinungen über die Politik
und die Gesellschaft zusammengestellt. Sagen Sie mir bitte, ob Sie diesen Meinungen
zustimmen oder nicht: Leute wie ich haben keinen Einfluß auf die Regierung - Die ganze
Politik ist manchmal so kompliziert, daß jemand wie ich nicht versteht, was
vorgeht". Antwortvorgaben: Skala von stimme überhaupt nicht zu (-2) bis stimme voll
und ganz zu (+2). In Abbildung 7 sind Mittelwerte der Prozentanteile der
Antwortalternativen -1 und -2 angegeben.
Der Autor
Prof. Dr. Oscar W. Gabriel wurde am 11. Juli 1947 in Daun/Eifel geboren. Nach dem Abitur
im Jahr 1966 studierte er vom Wintersemester 1966/67 bis zum Wintersemester 1971/72 an den
Universitäten Mainz und Hamburg Politikwissenschaft, Soziologie, Neuere und neueste
Geschichte sowie Volkswirtschaftslehre und legte 1972 das Diplomexamen im Fach
Politikwissenschaft ab. 1975 wurde er von der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der
Universität Hamburg zum Dr. rer. pol. promoviert. Nach Abschluß des Studiums war er
1973/74 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Institut für Kommunalwissenschaften
beschäftigt. In den Jahren 1974 bis 1990 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am
Institut für Politikwissenschaft der Universität Mainz. 1983 habilitierte sich Oscar W.
Gabriel für das Fach Politikwissenschaft an der Universität Mainz und wurde 1988 zum
außerplanmäßigen Professor ernannt. Von 1990 bis 1992 hatte er eine Professur für
Politikwissenschaft, insbesondere Politische Systeme, an der Universität Bamberg inne. Im
Sommersemester 1992 übernahm er einen Lehrstuhl für Politikwissenschaft an der
Universität Stuttgart und ist seit dem Wintersemester 1996/97 Dekan der Fakultät für
Geschichts-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Im Zentrum der wissenschaftlichen
Arbeit Gabriels stehen die Untersuchung politischer Orientierungen und Verhaltensweisen in
westlichen Demokratien sowie die Kommunalpolitik. Auf diesen Gebieten ist er intensiv in
nationale und internationale Forschungsprojekte eingebunden, unter anderem in das von der
European Science Foundation initiierte Projekt "Beliefs in Government"
(1990-1994), in die Kommission zur Erforschung des politischen und sozialen Wandels in den
neuen Bundesländern und das Projekt "Urban Governance". Er ist Sprecher der
Sektion "Politische Soziologie" sowie der Arbeitsgruppe "Wahlen und
politische Einstellungen" der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft.
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