Eine Wissenschaftstheorie der Betriebswirtschaftslehre Wissensformen, Erkenntnismethoden und Forschungskonzeptionen einer verwissenschaftlichten Techniklehre Von der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Stuttgart zur Erlangung der Würde eines Doktors der Philosophie (Dr. phil.) genehmigte Abhandlung Vorgelegt von Dipl.-Kfm. techn. Oliver Siemoneit aus Waiblingen Hauptberichter: Prof. Dr. Christoph Hubig Mitberichter: Prof. Dr. Gerhard Ernst Tag der mündlichen Prüfung: 18. November 2009 Institut für Philosophie der Universität Stuttgart 2010 3 INHALT VORWORT ..........................................................................................................................7 ZUSAMMENFASSUNG...................................................................................................9 SUMMARY .........................................................................................................................11 1 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND BETRIEBSWIRTSCHAFTSLEHRE....13 1.1 Die alte Streitfrage: Ökonomie – Wissenschaft oder Kunst?...............................13 1.2 Wissenschaftstheorie ...................................................................................................17 1.3 Problemstellung, Zielsetzung, Vorgehensweise......................................................21 2 WISSENSCHAFT UND TECHNIK.........................................................................29 2.1 Wissenschaft .................................................................................................................29 2.1.1 Analyse: Wissenschaft und Wissen ...................................................................36 2.1.2 Analyse: Wissenschaft und Wahrheit ...............................................................38 2.1.3 Analyse: Methodische Standards und Wissenschaftlichkeit .........................45 2.1.4 Analyse: Wissenschaft, Selbstzweckhaftigkeit, Finalisierung........................49 2.1.5 Analyse: Wissenschaft, Beschreibung, Erklärung, Theorie...........................54 2.1.6 Synthese: Die Idee von Wissenschaft und das Konzept inter- und intradisziplinärer methodischer Familienähnlichkeit...............................................60 2.2 Technik ..........................................................................................................................64 2.3 Zusammenfassung und weiterer Gang der Untersuchung ...................................68 3 WISSENSFORMEN UND ERKENNTNISMETHODEN ................................71 3.1 Beschreibung.................................................................................................................71 3.1.1 Termini und terminologische Netze.................................................................72 3.1.2 Typisierung und Klassifikation..........................................................................84 3.1.3 Quantifizierung und Messung ...........................................................................91 4 3.1.4 Univariate statistische Analysen, Inferenzen auf die Grundgesamtheit .. 103 3.1.5 Bivariate und multivariate statistische Analysen, Zeitreihenanalysen ...... 109 3.1.6 Verallgemeinerung, Abstraktion, Idealisierung, Vereinfachung................ 115 3.2 Erklärung .................................................................................................................... 120 3.2.1 Kausalerklärung................................................................................................. 122 3.2.2 Intentionalerklärung ......................................................................................... 138 3.2.3 Funktionalerklärung.......................................................................................... 146 3.3 Gestaltung .................................................................................................................. 155 3.4 Zusammenfassung und weiterer Gang der Untersuchung ................................ 159 4 DENKSCHULEN UND INTER- UND INTRASDISZIPLINÄRE FAMILIENÄHNLICHKEIT....................................................................................... 167 4.1 Theoretische Ansätze ............................................................................................... 170 4.1.1 Produktions- und kostentheoretischer Standpunkt .................................... 170 4.1.2 Verhaltenstheoretische Betriebswirtschaftslehre......................................... 172 4.1.3 Quantitativ-erklärende Ansätze ...................................................................... 173 4.1.4 Neue Institutionenökonomik ......................................................................... 175 4.1.5 Spieltheoretischer Ansatz ................................................................................ 177 4.2 Praktisch-gestaltungsorientierte Ansätze............................................................... 179 4.2.1 Systemtheoretische Betriebswirtschaftslehre ............................................... 179 4.2.2 Entscheidungsorientierte Betriebswirtschaftslehre ..................................... 181 4.2.3 Handlungstheoretische Betriebswirtschaftslehre......................................... 183 4.3 Zwischenergebnis und weiterer Gang der Untersuchung.................................. 186 5 PROBLEME, CHARAKTERISTIKA, INTERAKTIONSVERHÄLTNISSE VERWISSENSCHAFTLICHER TECHNIKLEHREN ........................................ 189 5.1 Wissenschaftshistorische Aspekte verwissenschaftlichter Techniklehren....... 189 5.2 Wissenschaftstheoretische Aspekte verwissenschaftlichter Techniklehren .... 195 5 5.2.1 Charakteristika technischen und technikwissenschaftlichen Wissens...... 198 5.2.2 Inhaltlicher und methodischer Pluralismus.................................................. 204 5.2.3 Stützung außerwissenschaftlicher Praxen, Finalisierung und das Problem der Wissenschaftlichkeit verwissenschaftlichter Techniklehren......................... 210 5.2.4 Soziale und kognitive Strukturen verwissenschaftlichter Techniklehren 213 5.2.5 Grundprobleme eines Wissenschaftskonzepts von Technik .................... 216 5.3 Betriebswirtschaftslehre – Quis tu? Quo vadis? .................................................. 222 5.4 Betriebswirtschaftslehre als humanistisch orientierte Sozialtechnikwissenschaft .............................................................................................. 227 5.4.1 Die Orientierungskrise im Projekt der Moderne......................................... 227 5.4.2 Die Verantwortung der Betriebswirtschaftslehre ........................................ 231 LITERATUR ................................................................................................................... 239 7 VORWORT Die vorliegende Arbeit entstand während meiner Zeit als wissenschaftlicher Mit- arbeiter am Institut für Philosophie, Lehrstuhl für Wissenschaftstheorie und Tech- nikphilosophie der Universität Stuttgart. Ich danke Herrn Prof. Dr. Christoph Hubig, Direktor des Instituts für Philoso- phie der Universität Stuttgart, für das entgegengebrachte Vertrauen, den dargebo- tenen Entwicklungsraum und die umfassende Betreuung und Unterstützung mei- ner Tätigkeiten am Institut. Schließlich ist es nicht selbstverständlich, dass ein ge- lernter Betriebwirt in der Philosophie einfach so „in die Lehre“ gehen kann. Ein besonderer Dank geht auch an Dr. Rudolf Kötter, akademischer Direktor und geschäftsführender Leiter des Zentralinstituts für angewandte Ethik und Wissen- schaftskommunikation der Universität Erlangen-Nürnberg. Ohne sein Zutun, sei- ne Erfahrung und die Vielzahl von Anmerkungen wäre diese Arbeit sicherlich auch nicht zustande gekommen. Schließlich danke ich Herrn Prof. Dr. Gerhard Ernst, ebenfalls ausgewiesener Wissenschaftstheoretiker und jetzt Professor für Geschichte der Philosophie und praktische Philosophie am Institut für Philosophie der Universität Stuttgart, für die Übernahme des Mitberichts. Stuttgart, im Januar 2010 Oliver Siemoneit 9 ZUSAMMENFASSUNG Seit jeher ist es eine althergebrachte Streitfrage, ob die Ökonomik Wissenschaft oder Technik bzw. Techniklehre zu sein habe. Im Gegensatz zur Volkswirtschafts- lehre, die sich sehr früh als Wissenschaft zu verstehen und auch zu etablieren be- gann, wurde in der Betriebswirtschaftslehre der Streit insofern gelöst, als es heute unter den Fachvertretern allgemein anerkannt ist, dass die Betriebswirtschaftslehre nicht eine Wissenschaft im klassischen Sinn darstelle, sondern eine anwendungs- bezogene Disziplin, eine verwissenschaftlichte Technik bzw. Techniklehre, eine „Kunst“. Trotz dieses schon länger währenden, fast einhelligen Konsenses ist es jedoch immer noch so, dass eine ausgearbeitete Wissenschaftstheorie der Be- triebswirtschaftslehre, die umfassend das Wesen und die Charakteristika einer Be- triebswirtschaftslehre als verwissenschaftlichte Techniklehre ergründet, ein Desiderat der Forschung darstellt. In Ermangelung von Alternativen wurde die Wissenschafts- theorie der Betriebswirtschaftslehre bisher nur in Hinblick auf die etablierte Wis- senschaftstheorie der Naturwissenschaften einerseits oder aber der Sozialwissen- schaften andererseits konzipiert. Die häufig anzutreffende Rede, die Betriebswirt- schaftslehre sei sowohl eine Real- als auch Formalwissenschaft bzw. die Betriebs- wirtschaftslehre sei nicht nur eine nomologisch-quantitativ-erklärende Verhal- tenswissenschaft, sondern auch eine qualitativ-verstehende Handlungswissen- schaft, sind Ausdruck dieser Konzeptualisierungsversuche, die jedoch den Kern dessen, was eine verwissenschaftlichte Techniklehre genau ausmacht, nicht genau treffen. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es daher, Grundzüge einer solchen Wis- senschaftstheorie der Betriebswirtschaftslehre als Sozialtechnikwissenschaft zu entwickeln – zumal jüngst Arbeiten erschienen sind, die sich erstmals der Ausarbeitung einer Wissenschaftstheorie der Realtechnikwissenschaften (d.i. die Wissenschaftstheorie der Ingenieurwissenschaften) widmen, wobei – so Hans Ulrich – die Betriebswirt- schaftslehre „sich von den Naturwissenschaften grundlegend durch ihre Zu- kunftsgestaltung und nicht auf Erklärung ausgerichtete Zielvorstellung, von den Ingenieurwissenschaften jedoch ‚nur’ dadurch unterscheidet, daß sie nicht techni- sche, sondern soziale Systeme mit bestimmten Eigenschaften entwerfen will“ 10 (Hans Ulrich, Der systemorientierte Ansatz in der Betriebswirtschaftslehre. In: Wissenschaftsprogramm und Ausbildungsziele der Betriebswirtschaftslehre. Hrsg. von Gert von Kortzfleisch, S. 47). Die Entwürfe zu einer Wissenschaftstheorie der Ingenieurwissenschaften als Ideengeber zu nehmen, liegt deshalb nahe. 11 SUMMARY Since oldest times it has been a traditional issue if the disciplines dealing with eco- nomic questions should be a science or a technique or doctrine of a technique. In contrast to economics, which very early started to understand itself as a science and established itself accordingly, for business administration the argument was solved in so far as today it is generally accepted among representatives of the sub- ject that business administration is not a science in the classical sense but an appli- cation-related discipline, a scientificated technique or doctrine of a technique, an “art”. Despite this consensus, which has been almost unanimous for quite a long time, still a worked out philosophy of business administration which would ex- tendedly analyze the nature and the characteristics of business administration as a scientificated doctrine of a technique is a desideratum of research. Given the lack of al- ternatives, for the time being the philosophy of business administration has been planned only in respect of the established philosophy of natural sciences on the one hand or the philosophy of social sciences on the other. The fact that often business administration is talked about both as an empirical science and a formal science or as being not only a nomological quantitatively explaining science of human behaviour but also a qualitatively understanding science of human action is an expression of these attempts at conceptualizing which, however, do not really hit the core of that what exactly makes a scientificated doctrine of a technique. Thus, it is the goal of the here presented study to develop basic features of such a philosophy of business administration as a science of social techniques or business administra- tion as a “social technology” – even more as most recently studies have been published which for the first time deal with working out a philosophy of “real technology” – as Friedrich von Gottl-Ottlilienfeld coined it – (i. e. the philosophy of engineering sciences), in the context of which, as Hans Ulrich has it, business administration “is fundamentally different from the natural sciences by the way in which it shapes the future and its idea of a goal which is not explanation-oriented, from engineer- ing science, however, it is `only´ different by the fact that it intends not only to develop technical but also social systems with certain characteristics.” (Hans Ul- 12 rich, Der systemorientierte Ansatz in der Betriebswirtschaftslehre. In: Wissen- schaftsprogramm und Ausbildungsziele der Betriebswirtschaftslehre. Edit. by Gert von Kortzfleisch, p. 47). It is thus suggesting to use the drafts for a philosophy of engineering sciences as a starting point. 13 1 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND BETRIEBSWIRTSCHAFTSLEHRE 1.1 Die alte Streitfrage: Ökonomie – Wissenschaft oder Kunst? Seit jeher ist es eine althergebrachte Streitfrage, ob die Ökonomie Wissenschaft oder Kunst zu sein habe.1 Unter Ökonomie – das sei hier angemerkt – ist im Fol- genden nicht etwa „die Wirtschaft“ zu verstehen, sondern in einer etwas verstaub- ten und antiquierten Redeweise, ähnlich etwa der Jurisprudenz für die Rechtwis- senschaft, die Hochschuldisziplin Ökonomie – oder wie man heute auch zu sagen pflegt: die Wirtschaftswissenschaften. Eine Möglichkeit, diesem Verwechslungs- problem zu entgehen, das in manchen Kreisen gerne zur Kritik des Mainstream der Ökonomie eingesetzt wird – etwa im dem Sinne, dass Ökonomie nicht Wis- senschaft sondern v.a. marktwirtschaftliche Ideologie und Handlanger bürgerlicher Interessen sei –, wäre es, zwischen Ökonomie („der Wirtschaft“, engl. economy) und Ökonomik („ihrer rationalen, wissenschaftlichen Stützung“, engl. economics) zu unterscheiden. Eine sprachliche Differenzierung, die es im Deutschen zwar so gibt, welche sich aber im alltäglichen Sprachgebrauch nicht hat durchsetzten kön- nen. Doch nicht nur der Begriff der Ökonomie scheint erläuterungsbedürftig, son- dern auch der Begriff der Kunst, wird doch unter Kunst heute nur die bildende oder darstellende Kunst bzw. der Bereich des subjektiven, ausgezeichnet be- herrschten, jedoch letztlich theoretisch ungeklärten Könnens verstanden.2 Das ist natürlich hier nicht gemeint. Der Kunstbegriff war früher vielmehr sehr viel weiter gefasst als der heutige, umfasste neben einem artistischen (künstlerischen) Be- 1 Vgl. Kötter [Grundlagenproblematik], S. 3ff.; Schanz [Wissenschaftsprogramme], S. 102ff.; Moxter [Betriebswirtschaftslehre], S. 11ff. 2 Vgl. Hubig [Kunst d. Mögl. 1], S. 37ff.; Kötter [Verhältnis], S. 218; Gerhardus [Kunst], S. 513. So hat etwa Eugen Schmalenbach, einer der Gründerväter der Betriebswirt- schaftslehre, noch davon gesprochen, dass die Betriebswirtschaftslehre eine Kunstlehre sei bzw. zu sein habe (vgl. Schmalenbach [Kunstlehre]). 14 standteil immer auch einen artisanalen (handwerklichen) Bereich.3 Der künstle- risch-ästhetische Bereich wird heute im Allgemeinen als Kunst bezeichnet, wäh- rend im artisanal-handwerklichen Bereich eher von Technik bzw. Techniklehre die Rede ist. Statt also zu fragen, ob die Ökonomie eine Wissenschaft oder Kunst sei, würde man heute fragen, ob die Ökonomie nun eine Wissenschaft oder aber Technik bzw. Techniklehre darstellt. Die Hochschuldisziplin der Ökonomie wird im deutschsprachigen Raum übli- cherweise unterteilt zum einen in die Volkwirtschaftslehre (engl. economics), die sich in erster Linie mit der Analyse des gesamtwirtschaftlichen Handelns beschäf- tigt, zum anderen in die Betriebswirtschaftslehre (engl. business administration, business management, management science, business economics, business stu- dies), die primär die Planung, Organisation und Durchführung des einzelwirt- schaftlichen Handelns zum Gegenstand hat. War es für Adam Smith noch selbst- verständlich, dass die Volkswirtschaftslehre neben deskriptiven und erklärenden Aufgaben auch eine gestaltende Funktion inne hat, so haben bereits ca. 1830 John St. Mill und Nassau W. Senior die Aufgaben des Faches reduziert, indem sie for- derten, die Volkswirtschaftslehre habe Wissenschaft und nicht Technik bzw. Techniklehre zu sein.4 Betrachtet man die Volkswirtschaftslehre heute, so ist sie in erster Linie „theoretische Volkswirtschaftslehre“: Die sog. Wirtschaftstheorie mit ihren beiden Hauptzweigen der Mikro- und Makroökonomie beschäftigt sich mit der Darstellung und Analyse abstrakter Zusammenhänge und grundsätzlicher Ur- sache-Wirkungsketten. Zwar gibt es auch eine „praktische Volkswirtschaftslehre“ in Form der sog. Wirtschaftspolitik. Dieser angewandte Teil beschäftigt sich aber lediglich mit der Auswertung der Erkenntnisse der Wirtschaftstheorie: Theoreti- sche Erkenntnisse werden durch triviale Umformung, nach dem Bacon’schen Motto „[W]as bei der Betrachtung als Ursache gilt, das gilt bei der Ausführung als Regel“5, in Handlungsempfehlungen für politische Entscheidungen und Gestal- 3 Vgl. Hubig [Kunst d. Mögl. 1], S. 37ff.; Gerhardus [Kunst], S. 513. 4 Vgl. Kötter [Hintergrund], S. 277; Kötter [Grundlagenproblematik], S. 9ff. 5 Bacon [Novum Organum], Erstes Buch, Art. 3. 15 tungswünsche „transformiert“. Die Grundsatzentscheidung, die Volkswirtschafts- lehre als Wissenschaft statt als Technik bzw. Techniklehre zu etablieren, scheint bis auf den heutigen Tag Erfolg versprechend zu sein, ist sie doch bis heute immer noch die einzige nobelpreiswürdige Sozialwissenschaft. Aufgrund des starken Formalisierungs- und Mathematisierungsgrades ihrer Theorien wähnt sie sich ger- ne „als die wissenschaftlichste unter allen Sozialwissenschaften“.6 Die Volkswirt- schaftslehre habe, so Karl R. Popper, als einzige Sozialwissenschaft eine „New- ton’sche Revolution“7 durchlebt und sei damit, nach Meinung einiger prominenter Fachvertreter, zur „Königin der Sozialwissenschaften“8 aufgestiegen – eine Sicht- weise, die jedoch auch erheblichen Widerspruch erntete.9 Im Gegensatz zur Volkswirtschaftslehre ist in der kurzen Geschichte der noch recht jungen Hochschuldisziplin Betriebswirtschaftslehre der Grundlagenstreit, ob das Fach nun Wissenschaft oder Technik bzw. Techniklehre zu sein habe, immer mehr oder weniger aktuell geblieben – wie jüngst die heftig geführte Debatte um die sog. Erfolgsfaktorenforschung wieder gezeigt hat.10 Im Unterschied zur Volk- wirtschaftslehre bekannte sich das Gros der Fachvertreter von Anfang an jedoch dazu, dass die Betriebswirtschaftslehre nicht in erster Linie Wissenschaft sei, son- dern gemäß dem Geiste ihrer lebenspraktischen Vorläufer primär Technik bzw. Techniklehre: „Die Betriebswirtschaftslehre leugnet ihren Ursprung nicht. Ihre Aufgabe ist noch grundsätzlich dieselbe geblieben wie die ihrer Vorläufer. Das letzte Ziel der Betriebswirtschaftslehre muß auch heute noch sein: Wegweiser für 6 Kristol [Wirtschaftstheorie], S. 255. 7 Popper [Elend], S. 48. 8 Samuelson [Volkswirtschaftslehre], S. 22. Konträr dazu Keen [Economics]. 9 Eine ausführliche wissenschaftstheoretische Analyse und Kritik des volkwirtschaftlichen Wissenschaftsverständnisses und der Modellbildung kann an dieser Stelle nicht geleistet werden, vgl. hierzu exemplarisch Albert [Platonismus]; Bunge [Treatise 7,2], S. 178ff.; Rosenberg [Economics]; Rosenberg [Status]; Kötter [Probleme]; Kötter [Grundlagen- problematik]; Kötter [Theory]; Kötter [Modell]; Betz [Prediction]. 10 Vgl. Nicolai/Kieser [Erfolgsfaktorenforschung] und die Repliken von Bauer/Sauer [Erfolgsfaktorenforschung], Fritz [Erfolgsfaktorenforschung], Homburg/Krohmer [Flie- genpatsche] bzw. die daran anschließenden Diskussionen unter http://dialog- erfolgsfaktorenforschung.de. 16 die praktische Wirtschaftsführung zu sein.“11 Oder wie es Eugen Schmalenbach formulierte: Die Betriebswirtschaftslehre ist „eine technologische Wissenschaft [...] eine Wissenschaft, welche nicht das Geschehen, sondern das Verfahren, und zwar das kaufmännische Verfahren, zum Gegenstand der Forschungen macht.“12 Fer- ner: „Volkswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftslehre haben nur einen großen Teil des Stoffes, nicht aber den Geist gemein. Die Volkswirtschaftslehre ist eine philosophische Wissenschaft mit den den philosophischen Wissenschaften anhaf- tenden Eigentümlichkeiten. Die Betriebswirtschaftslehre [...] ist dagegen eine an- gewandte Wissenschaft. Chemische und mechanische Technologie sind ihrem Geiste der Betriebswirtschaftslehre näher verwandt als die Volkswirtschaftsleh- re.“13 Heute ist es daher allgemein Konsens, dass die Betriebswirtschaftslehre eine „anwendungsbezogene Disziplin“ ist, die keinen „l’art pour l’art“-Standpunkt ver- tritt, sondern dezidiert und explizit eine theoretische und praktische Stütze der betriebli- chen Praxis sein möchte.14 Der Streit, ob die Betriebswirtschaftslehre nun eine Wis- senschaft oder Technik bzw. Techniklehre zu sein habe, wurde dahin gehend ge- löst, als dass es heute allgemein anerkannt ist, dass die Betriebswirtschaftslehre eine verwissenschaftlichte Techniklehre darstellt: Die Betriebswirtschaftslehre hat nicht nur die Aufgabe der Beschreibung und der Erklärung des Faktischen, sondern v.a. auch der Gestaltung und Veränderung des Vorhandenen, dem Erfinden, Hervor- bringen, Ermöglichen von Neuem. Mit diesem explizit vorgetragenen Anspruch, Welt auch gestalten zu wollen, weist die Betriebswirtschaftslehre jedoch eine Ziel- setzung auf, die den klassischen Wissenschaften, wie etwa der Physik – zumindest in ihrem eigenen Selbstverständnis –, so ausdrücklich fehlt.15 11 Sieber [Betriebswirtschaftslehre], S. 14. 12 Schmalenbach [Kurs], S. 121. 13 Schmalenbach [Selbstkostenrechnung], S. 259. 14 Vgl. exemplarisch Thommen [Betriebswirtschaftslehre], S. 440ff.; Hopfenbeck [Be- triebswirtschaftslehre], S. 33ff.; Zelewski [Grundlagen], S. 27ff.; Schanz [Wissenschafts- programme], S. 85ff.; Wöhe [Betriebswirtschaftslehre], S. 34ff.; Schneider [Betriebswirt- schaftslehre], S. 493ff. 15 Vgl. hierzu mit Bezug auf die Ingenieurwissenschaften Grunwald [Technikwissenschaf- ten], S. 49; Grunwald [Technikphilosophie], S. 194. 17 1.2 Wissenschaftstheorie Um zu verstehen, was Wissenschaftstheorie ist und wo die Spezifika gegenüber dem normalen wissenschaftlichen Tätigsein liegen, ist es wichtig, verschiedene Ebenen der Argumentation genau zu unterscheiden.16 Ein Wissenschaftler – als Beobachter erster Ordnung – redet normalerweise über einen gewissen Objektbe- reich von Welt, um ihn zu beschreiben, zu systematisieren und gewisse Gegeben- heiten, Sachverhalte, Phänomene gegebenenfalls zu analysieren, zu deuten und zu erklären.17 Der Wissenschaftstheoretiker – als Beobachter zweiter Ordnung – re- det über diesen Wissenschaftler und seine Versuche, einen Ausschnitt von Welt zu beschreiben, zu deuten und zu erklären, um zu ergründen, was Wissenschaft ist, wie Wissenschaft funktioniert, wo die Probleme und Grenzen von Wissenschaft und wissenschaftlichem Wissen liegen. Diese zunächst rein funktionale Trennung unterschiedlicher Argumentationsebenen muss nicht zwangsläufig mit einer per- sonal-institutionellen Trennung einhergehen, wie es so häufig der Fall ist: Auch und gerade ein Fachwissenschaftler sollte sich zudem als Wissenschaftstheoretiker betätigen, um das eigene Denken und Tun kritisch zu reflektieren und sich somit neue Suchräume des wissenschaftlichen Problemlösens erschließen zu können. Heute existiert dazu ein ganzes Bündel unterschiedlicher Wissenschaftswissen- schaften (Wissenschaftsgeschichte, Wissenschaftssoziologie, Wissenschaftsphilo- sophie und -ethik usw.), die das Phänomen Wissenschaft in unterschiedlichen Hinsichten betrachten, analysieren, reflektieren.18 Eine in diesem Zusammenhang – auch heute immer noch – häufig aufkommende Frage ist die, ob die Wissenschaftstheorie deskriptiv oder normativ zu sein habe.19 Entweder-Oder-Fragen, die in einer scharfen Schwarz-Weiß-Gegenüberstellung 16 Vgl. Grunwald [Begründung], S. 53ff. 17 Zugegebener Maßen handelt es sich hierbei schon um eine (unzulässige) Engführung des Wissenschaftsbegriffs, die Wissenschaft vornehmlich mit den Realwissenschaften gleichsetzt und die Formalwissenschaften (Logik, Mathematik, Geometrie) unberücksich- tig lässt. 18 Vgl. hierzu ausführlich Poser [Wissenschaftstheorie], S. 13f. 19 Vgl. Gesang (Hg.) [Wissenschaftstheorie]. 18 operieren, sind jedoch oft keine gut gestellten Fragen, denn sie polarisieren und verkürzen einen Sachverhalt immer in gewisser Weise, um dann eine idealtypische Unterscheidung hervorzubringen, die es in der Realität so kaum gibt.20 Dies ist – nach William James – die „naive Gewohnheit, nur in Extremen zu denken“21: „Das gewöhnliche Laster des menschlichen Geistes ist seine angeborene Neigung, alles als ja oder nein, als schwarz oder weiß zu sehen, seine Unfähigkeit, Abtönungen zu unter- scheiden. So einigen sich die Kritiker auf irgendeine grobe und unmögliche Definition des Sozialismus und ziehen dann aus ihr unsinnige Folgen, wie ein Zauberkünstler Kaninchen aus einem Hut zaubert. [...] Auf diese Weise stellt man den sozialistischen Traum in einem Bild dar, das man dem einfachen im Zweifel befindlichen Menschen mit den Worten vor- führt: ‚Das ist Sozialismus’ – oder Pluralismus [in der Wissenschaft; Anmerkung des Verf.] – und das wollen sie doch sicherlich nicht!“22 Gewisse, anscheinend unauflösbare Problemlagen sind deshalb oft artifiziell er- zeugt und nicht dem Gegenstandsbereich an sich geschuldet, sondern der durch spezifische Basisannahmen und -unterscheidungen hervorgebrachten Wahrneh- mungsstruktur.23 Statt einem rigiden Entweder-Oder ist ein Sowohl-Als-Auch e- her angebracht: Die Wissenschaftstheorie ist deskriptiv und normativ zugleich.24 Natürlich geht die Wissenschaftstheorie zunächst von den faktisch vorhandenen Wissenschaften aus und versucht diese zu rekonstruieren. In diesem Sinne ist Wis- senschaftstheorie deskriptiv, da sie den vorfindbaren Wissenschaftsbetrieb in sei- nen unterschiedlichen Facetten und Ausprägungen lediglich erfasst und be- schreibt. Wissenschaftstheorie ist aber auch normativ, indem sie das rekonstruierte Vorgehen kritisch reflektiert und bei erkannten Verfahrensfehlern, Unzulänglich- keiten und Defiziten entsprechenden Änderungsbedarf von den Wissenschaften einfordert. Dabei ist es eigentlich trivial, darauf hinzuweisen, dass „Unzulänglich- keiten“, „Defizite“ nicht einfach so vorliegen, sondern in Abhängigkeit von einer 20 In Anlehnung an James [Universum], S. 46. Vgl. auch Engfer [Kritik], der das philoso- phiehistorische Schema des Empirismus und Rationalismus in dieser Hinsicht einer Kri- tik unterzieht. 21 James [Universum], S. 45. 22 James [Universum], S. 46f. 23 Vgl. Grunwald [Technology Assessment], S. 67. 24 Vgl. Stegmüller [Wissenschaftstheorie 4,1], S. 8ff. 19 gewissen Wertebasis allererst als solche erscheinen. Im Zuge der Selbstreflexion der Wissenschaftstheorie gilt es daher, diese Bewertungsgrundlagen und Präsup- positionen offen zu legen und eingehend zu diskutieren – einen Punkt, auf den wir an späterer Stelle noch einmal zurückkommen werden, etwa wenn es darum geht zu erörtern, was unter einer (guten) Erklärung bzw. Theorie zu verstehen ist.25 Ähnlich notorisch schwierig, wie nur mit Entweder-Oder-Fragen zu operieren, ist es – wie bereits angeklungen –, nur von „der“ Wissenschaftstheorie zu sprechen. „Die“ Wissenschaftstheorie gibt es genauso wenig wie es „die“ Wissenschaft, „die“ Betriebswirtschaftslehre oder „die“ Philosophie gibt: „Die“ Wissenschafts- theorie ist vielmehr ein Plural, kein Singular, ein Konglomerat unterschiedlicher Denkansätze und Schulen, die unterschiedliche Aspekte als bedeutend für die ei- genen Untersuchungen auszeichnen und Wissenschaft daher auf unterschiedliche Art und Weise betrachten und rekonstruieren (weshalb der Titel der vorliegenden Arbeit auch mit Bedacht gewählt ist: Es handelt sich hier um eine Wissenschafts- theorie der Betriebswirtschaftslehre, die u.U. mit anders gearteten, metastufigen Rekonstruktionsversuchen des Faches konkurriert und in Konflikt gerät).26 So hat etwa die Schule der (sprach-)analytischen Wissenschaftstheorie vorwiegend die in Lehrbüchern versprachlichten Resultate der Wissenschaft als alleinigen Aus- gangpunkt ihrer Untersuchungen gewählt. Die rein logisch-begriffliche Analyse „der“ Wissenschaft als Aussagesystem (wobei hier mit Wissenschaft meist nur „die“ Physik gemeint war) ist zwar nicht verfehlt, hört aber mit dem Fragen danach, was Wissenschaft ist und wie Wissenschaft funktioniert viel zu früh auf, blendet wich- tige historische und pragmatische Aspekte von Wissenschaft vollständig aus.27 Die kultürliche Bedingtheit und Anfangsgründe von Wissenschaft als auch die Rück- wirkung von Wissenschaft auf Kultur und Gesellschaft können im Paradigma der 25 Vgl. hierzu Kapitel 2.1.5. 26 Die Rede, dass Wissenschaft kein Singular sondern ein Plural ist, erfolgt in Anlehnung an Keil [Wissenschaft], S. 35. 27 Vgl. Poser [Wissenschaftstheorie], S. 25. 20 analytischen Wissenschaftstheorie kaum eingefangen werden.28 Paul Feyerabend hat deshalb bereits 1973 die Frage aufgeworfen, ob nicht die Wissenschaftstheorie – wobei er die damals noch sehr dominante analytische Wissenschaftstheorie meinte – nicht deshalb eine „unbekannte Form des Irrsinns“ wäre.29 Und in der Tat scheint die Geschichte der analytischen Wissenschaftstheorie nahe daran zu grenzen, ist sie doch grosso modo eine Geschichte der Ausblendung: „Erst löst man die Wissenschaften aus ihren gesellschaftlichen Entstehungs- und Verwen- dungszusammenhängen heraus und stilisiert sie zu einem autarken Unternehmen zweck- freier Erkenntnis. Dann wählt man aus der Vielfalt wissenschaftlicher Betätigung fast aus- schließlich die Physik, und erklärt deren Forschungsprogramm, wie auch immer rekon- struiert, zum Vorbild jeglicher wissenschaftlichen Erkenntnis – wobei man übrigens, selbstgesetzte Standards ignoriert, indem man unterhand deskriptive Befunde mit normati- ven Regeln verwechselt. Und man sieht schließlich auch noch von der Heuristik der For- schungspraxis ab, um die ‚Logik der Forschung’ auf die systematische Begründung ihrer Resultate zu reduzieren. Mit anderen Worten: Nicht genug damit, die Wissenschaft über- haupt aus dem komplexen Flechtwerk soziokultureller Lebensbewältigung herauszuschnei- den, hat die Wissenschaftstheorie ihren Gegenstand schließlich dermaßen abgegrenzt, daß er noch einen winzigen Ausschnitt aus der Gesamtheit wissenschaftlicher Forschungspra- xis repräsentiert.“30 In der Folgezeit entwickelten sich unterschiedliche Denkrichtungen und Schulen, die diese Defizite zu heilen versuchten – wobei die Grenzen und Gräben zwischen den Schulen heute kaum mehr so strikt zu ziehen sind.31 Wissenschaftstheorie sei daher in der vorliegenden Arbeit als Sammelbezeichnung unterschiedlicher Schu- len verstanden, die sprachanalytische, pragmatische, lebensweltliche und ethische Analysen von Wissenschaft vereint (grundlegende methodologische Überlegun- gen, sprachanalytische Betrachtungen von Wissenschaft als Aussagesystem, er- kenntnistheoretische und allgemeine philosophische Reflexionen auf Wissen- schaft, Wissenschaftsethik). 28 Vgl. Hartmann/Janich [Kulturalismus], S. 43ff. 29 Vgl. Feyerabend [Irrsinn]. 30 Ropohl [Aufklärung], S. 33. 31 Vgl. Seiffert [Wissenschaftstheorie 1], S. 16ff.; Seiffert [Wissenschaft], S. 4ff. Zu einer kritischen Bestandsaufnahme der analytischen Philosophie vgl. Beckermann [Philoso- phie]; Schnädelbach [Philosophie], S. 9ff.; Bieri [Philosophie]. 21 1.3 Problemstellung, Zielsetzung, Vorgehensweise Die Theorie der Wirtschaftswissenschaften wird häufig im Bezug zur Theorie der Naturwissenschaften, insbesondere der Physik, gesehen: In vielen Arbeiten zur Wissenschaftstheorie der Wirtschaftswissenschaften steht die (vorwiegend analy- tisch ausgerichtete) Wissenschaftstheorie der Naturwissenschaften als anzulegen- der Maßstab und anzulegender Mindestanspruch im Hintergrund, dient als Quelle und Lieferant bereits bewährter Denkweisen und Handlungsmuster – wenn diese auch einem gänzlich anderen Forschungskontext entstammen.32 So bescheinigt etwa Dieter Schneider Karl R. Poppers kritischen Rationalismus einen nachhalti- gen Einfluss auf die Diskussion wirtschaftwissenschaftlicher Methoden.33 Erich Jehle nannte 1973 Poppers „Logik der Forschung“ das meist zitierte, wissen- schaftsphilosophische Werk in der Betriebswirtschaftslehre.34 Aber auch heute noch scheint es für einige Betriebwirte zum guten Ton zu gehören, ausgiebig aus Poppers Logik der Forschung von 1934 zu zitieren, um dabei zugleich alle weite- ren kritischen Diskussionslinien um das Popper-Programm – angefangen bei Thomas S. Kuhn, Paul Feyerabend, Willard Van Orman Quine bis hin zum struk- turalistischen Theoriekonzept von Wolfgang Stegmüller – großzügig auszublen- den.35 Dieser heutige Rekurs auf Popper ist vornehmlich auch nur in bekennender Weise vorzufinden, ein Rekurs, der oft im Gegensatz zur eigenen, faktischen For- schungspraxis steht. Die Auffassung, die Kulturwissenschaften hätten sich methodisch am Vorbild der Naturwissenschaften zu orientieren, blieb jedoch nicht unwidersprochen: Dem naturwissenschaftlichen Ideal des „Erklärens“ (natürlicher Regungen, Bewegungen bzw. Verhaltens durch gesetzesartige Aussagen) wurde das geisteswissenschaftli- che Ideal des „Verstehens“ (bewusst gefällter, zweckrationaler Handlungen) ent- 32 Vgl. hierzu – allerdings mit Bezug auf die Ingenieurwissenschaften – Grunwald [Be- gründung], S. 51. 33 Schneider [Allg. Betriebswirtschaftslehre], S. 187. 34 Jehle [Theorien], S. 105. 35 Vgl. Steven/Behrens [Produktionstheorie]. 22 gegengestellt – wobei diese auch in der Betriebswirtschaftslehre geführte Metho- dendiskussion, die typisch für die Sozial- und Geisteswissenschaften generell war, die Spezifika einer anwendungsorientierten Disziplin kaum einzufangen vermoch- te.36 Vielen Befürwortern des kritischen Rationalismus wurde in den 1970er und 1980er Jahren zudem die Undurchführbarkeit bzw. Unbrauchbarkeit des Popper- Programms für die Betriebswirtschaftslehre deutlich, was zuerst zu methodologi- schen Aufweichungen und schließlich zum Abrücken von den ursprünglichen I- deen führte.37 Die zunehmende Orientierung weiter Teile des Faches an der anglo- amerikanischen Managementlehre rückte v.a. die Zweckdienlichkeit und Brauch- barkeit betriebswirtschaftlicher Forschungsergebnisse für die betriebliche Praxis wieder in den Vordergrund.38 Für Werner Kirsch – der die Betriebswirtschaftsleh- re als eine Lehre von der Führung für die Führung versteht – greift das Programm des kritischen Rationalismus auch erheblich zu kurz: Zwar mögen bei der Entwicklung der Delphi-Methode (zur Verbesserung strategischer Langfristplanungen) verhal- tenswissenschaftliche Erkenntnisse der Gruppenpsychologie von Bedeutung ge- wesen sein.39 Keineswegs ist es jedoch so, dass die Delphi-Methode eine geradlini- ge Transformation dieser aus dem Popper-Programm gewonnenen Grundlagener- kenntnisse darstellt. Vielmehr handelt es sich bei der Erfindung und Entwicklung der Delphi-Methode um eine nicht-triviale Umformung und Neukombination ver- schiedener Wissensbestände, deren Reorganisation und kreative Ergänzung. Die eigentlichen technischen bzw. technikwissenschaftlichen Probleme geraten bei einer Betrachtungsweise, die von einer simplen tautologischen Transformation 36 Vgl. exemplarisch hierzu für die Sozial-, Kultur-, Geisteswissenschaften im Allgemei- nen Schwemmer [Grundlagen] und Schurz (Hg.) [Erklären], für die Betriebswirtschafts- lehre im Speziellen Steinmann (Hg.) [Betriebswirtschaftslehre], Fischer-Winkelmann (Hg.) [Paradigmawechsel], Forschungsgruppe Unternehmen und gesellschaftliche Orga- nisation (Hg.) [Theorie]. 37 Vgl. Kretschmann [Diffusion], S. 82ff. 38 Vgl. Kretschmann [Diffusion], S. 144. 39 Kirsch [Betriebswirtschaftslehre], S. 190. 23 ausgeht, deshalb gar nicht erst in den Blick.40 Dies zeigt aber auch: Der Betriebs- wirtschaftslehre geht es nicht nur um die Untersuchung des Faktischen, sondern v.a. auch um die Untersuchung des Möglichen: Eröffnung von Handlungsalternativen, neuer Gestaltungsoptionen, verbesserte Instrumente zur ergebniszielorientierten Koor- dination und Adaption des Betriebes im Rahmen vorhandener betrieblicher Um- felder. Die Betriebswirtschaftslehre „interessiert sich nicht nur für das Seiende, sondern das Werdende, nicht für das Bestehen, sondern für das Funktionieren von Systemen“.41 Als anwendungsbezogene Disziplin – das ist unter heutigen Fachver- tretern Konsens – sieht die Betriebswirtschaftslehre ihre wesentliche Aufgabe dar- in, der betrieblichen Praxis Lösungshilfen anzubieten.42 Oder wie es Hans Ulrich treffend formuliert: „Die Betriebswirtschaftslehre ist m.E. primär eine Gestaltungs- lehre [im Original fett gedruckt], die sich von den Naturwissenschaften grundle- gend durch ihre Zukunftsgestaltung und nicht auf Erklärung ausgerichtete Ziel- vorstellung, von den Ingenieurwissenschaften jedoch ‚nur’ dadurch unterscheidet, daß sie nicht technische, sondern soziale Systeme mit bestimmten Eigenschaften entwerfen will.“43 Leider war es bis vor kurzem jedoch so, dass eine ausgearbeitete Wissenschafts- theorie anwendungsbezogener Disziplinen ein Desiderat der Forschung darstellte, hatte die Wissenschaftstheorie doch bisher nur die Methodenfragen v.a. der Na- turwissenschaften, später dann auch der Kulturwissenschaften fokussiert.44 Erst jüngst sind im Rahmen des Kollegiums Technikphilosophie, das im Jahre 2000 aus 40 Darauf wurde auch immer wieder bei den Diskussionen zum Verhältnis von Ingeni- eurwissenschaften und Physik hingewiesen (vgl. Hubig [Wissensbildung], S. 133ff.; Korn- wachs [Regel]): Zwar kann aus dem physikalischen Gesetz „Je wärmer ein Objekt wird, desto mehr verliert es seine magnetischen Eigenschaften“ durch simple Transformation eine technische Regel abgeleitet werden „Um zu demagnetisieren, erwärme!“. Das eigent- liche technische Problem gerät jedoch dabei kaum in den Blick, geht es doch gerade dar- um herauszuarbeiten, auf welche Art und Weise dieses Erwärmen bewerkstelligt werden soll bzw. wie angemessen und effizient das jeweilige Verfahren ist. 41 Ulrich [System], S. 46. 42 Vgl. Schanz [Wissenschaftsprogramme], S. 134. 43 Ulrich [Betriebswirtschaftslehre], S. 47. 44 Vgl. Kornwachs [Strukturen], S. 9; Poser [Wissenschaftstheorie] S. 282. 24 dem ehemaligen Ausschuss „Technik und Philosophie“ des Vereins Deutscher Ingenieure hervorgegangen ist, Ausarbeitungen zu einer Wissenschaftstheorie an- wendungsbezogener Disziplinen, insbesondere der Ingenieurwissenschaften, ent- standen.45 Insbesondere Christoph Hubig hat mit seinem zweibändigen Werk „Die Kunst des Möglichen“46 eine umfassende Philosophie der Technik bzw. der Technikwissenschaften vorgelegt – allesamt Arbeitserträge, die in der Betriebswirt- schaftslehre so noch nicht zur Kenntnis genommen wurden, geschweige denn Niederschlag in einer zeitgemäßen Wissenschaftstheorie der Betriebswirtschafts- lehre gefunden haben. Diese Erträge nutzbar zu machen – sofern es aufgrund des etwas anders gelagerten Betrachtungsbereichs der Betriebswirtschaftslehre als Ges- taltungslehre sozialer (und nicht materialer) Systeme überhaupt geht –, ist das Ziel vorliegender Arbeit. Der Bezug zur Wissenschaftstheorie der Ingenieurwissen- schaften lässt sich auch unschwer – nicht nur in Anschluss an das obige Zitat Hans Ulrichs – dadurch herstellen, indem auf einen alten, sehr weiten Technikbeg- riff rekurriert wird (wie es heute in der Technikphilosophie allgemein üblich ist).47 In Anschluss an den Ökonomen Friedrich von Gottl-Ottlilienfeld wird heute all- gemein zwischen Sozialtechniken, Realtechniken, Individualtechniken (als Selbst- und Hu- mantechniken) und Intellektualtechniken unterschieden – wobei die Realtechniken das sind, was wir heute als Ingenieurwissenschaften bezeichnen würden, die Sozial- techniken/Organisationstechniken das, was wir – neben anderen – als Politikwis- senschaft, Rechtwissenschaft oder aber Betriebswirtschaftslehre bezeichnen wür- den.48 Folgende Fragen, die sich aus dem bisher Gesagten eigentlich geradezu aufdrän- gen, sollen in dieser Arbeit daher einer Klärung zugeführt werden, die insgesamt 45 Vgl. Banse et al. (Hg.) [Technikwissenschaften 3]; Banse/Ropohl (Hg.) [Technikwis- senschaften 2]; Banse/Friedrich (Hg.) [Technikwissenschaften 1]. 46 Vgl. Hubig [Kunst d. Mögl. 1]; Hubig [Kunst d. Mögl. 2]. 47 Vgl. Hubig [Kunst d. Mögl. 1]. 48 Vgl. von Gottl-Ottlilienfeld [Technik], S. 8f. Wichtige Individualtechniken wären etwa die Medizin oder Psychoanalyse, wichtige Intellektualtechniken Kreativitätstechniken und Memo-Techniken. 25 das einzulösen versucht, was Werner Kirsch bereits 1975 als ein Desiderat der wis- senschaftstheoretischen Reflexionen in der Betriebswirtschaftslehre gekennzeich- net hat: „Nach unser Ansicht fehlt sowohl in der Wissenschaftstheorie selbst wie auch in der ent- sprechenden betriebswirtschaftlichen Diskussion die Ausarbeitung einer eigenständigen Logik der technologischen Forschung, die die Entwicklung technologischer Aussagensys- teme von der klassischen engen Verbindung zu theoretischen Forschung löst. Die Erarbei- tung einer derartigen ‚Logik der technologischen Forschung’ setzt voraus, daß man die tat- sächlichen Forschungsbemühungen in angewandten Disziplinen wie etwa der Betriebswirt- schaftslehre genauer betrachtet, und dabei auch die metatheoretischen Ausführungen ihrer Fachvertreter analysiert, mit denen diese versuchen, die hinter ihren technologischen For- schungsbemühungen stehende Logik zu verdeutlichen. Wir sind überzeugt, daß auf der Grundlage derartiger Analysen eine Rekonstruktion einer eigenständigen Logik technologi- scher Forschung möglich ist, die diese nicht als eine Art ‚Appendix’ der Logik der theoreti- schen Forschung erscheinen läßt.“49 Die zu klärenden, zentralen Fragen der vorliegenden Arbeit sind: 1. Inwiefern ist es möglich, bei der Betrachtung verwissenschaftlichter Tech- niken bzw. Techniklehren an die Erkenntnisse der klassischen Wissen- schaftstheorie der Natur- und Kulturwissenschaften anzuknüpfen? 2. Worin besteht genau die Verwissenschaftlichung der Techniklehren seit ih- rer Etablierung an den Hochschulen? Was verbindet und trennt die verwis- senschaftlichen Techniklehren von anderen Hochschuldisziplinen? Welche Interaktionsverhältnisse weisen anwendungsbezogene Disziplinen unter- einander auf? Was folgt aus diesen Erkenntnissen? 3. Macht es angesichts dessen vielleicht Sinn, aus wissenschaftstheoretischer Perspektive – im Gegensatz zur unscharfen Alltagssprache – einen Unter- schied zwischen verwissenschaftlichten Techniklehren auf der einen und Technikwissenschaften auf der anderen Seite zu machen? 49 Kirsch [Betriebswirtschaftslehre], S. 177f. Bewusst wird hier der Popper’schen „Logik der [theoretischen] Forschung“ eine „Logik der technologischen Forschung“ gegenüber- gestellt. 26 4. Wo liegen die Grenzen verwissenschaftlichter Techniklehren bzw. Tech- nikwissenschaften als vollumfängliche Wissenschaften? 5. Was ist Technik? Was ist Kunst? Was ist technische Praxis, Techniklehre, Technikforschung? Wie hängen diese Begriffe untereinander zusammen? Welche Folgen haben u.U. wechselseitige Bedingungsverhältnisse für eine Techniklehre als Wissenschaft? Um zunächst klären zu können, worin die Verwissenschaftlichung der Technikleh- ren überhaupt besteht, muss zunächst klargestellt werden, was unter Wissenschaft überhaupt zu verstehen ist. D.h.: Die Spezifika und Charakteristika von Wissen- schaft sind zu erarbeiten, Gemeinsames aber auch Trennendes unterschiedlicher Wissenschaftstypen gilt es herauszustellen und zu erläutern. Auch ist in diesem Zusammenhang klarzustellen, was Technik, technische Praxis, Techniklehre und Technikforschung bzw. Kunst ist und in welchem Verhältnis Wissenschaft und Technik zueinander stehen (Kapitel 2). Im Anschluss daran kann dann die Frage untersucht werden, worin nun eigentlich die Verwissenschaftlichung der Technik- lehren besteht bzw. inwiefern überhaupt an Erkenntnisse der klassischen Wissen- schaftstheorie angeknüpft werden kann. Dazu werden in einem ersten Schritt un- terschiedliche Wissensformen und Erkenntnismethoden identifiziert, systemati- siert, charakterisiert, diskutiert und mit Beispielen aus der Betriebswirtschaftslehre belegt (Kapitel 3). Dieser offen gelegte, methodische Werkzeugkasten, aus dem sich der wissenschaftlich arbeitende Betriebswirt bei seinen Forschungen zu einem gewissen Umfang immer schon bedient hat, dient dann in einem nächsten Schritt dazu, unterschiedliche Denkschulen der Betriebswirtschaftslehre zu charakterisie- ren und sowohl inter- als auch intradisziplinäre Verflechtungen kenntlich zu ma- chen (Kapitel 4). Das Interaktionsverhältnis der Betriebswirtschaftslehre mit ande- ren Hochschuldisziplinen, v.a. anderen anwendungsbezogenen Disziplinen, soll anschließend – auch im Rahmen einer kurzen wissenschaftshistorischen Analyse – weiter vertieft werden. Die Möglichkeiten und Grenzen einer Verwissenschaftli- chung der Techniklehren gilt es noch einmal eingehender aufzuzeigen, indem die kognitiven und sozialen Strukturen dargestellt und geklärt werden. Schließlich ist deutlich zu machen, weshalb es aus wissenschaftstheoretischer Perspektive viel- 27 leicht doch Sinn macht, zwischen verwissenschaftlichter Techniklehre und Tech- nikwissenschaft zu unterscheiden, den faktisch vorzufindenden verwissenschaftli- chen Techniklehren die Forderung nach Etablierung als Technikwissenschaften entgegenzuhalten, die Betriebswirtschaftslehre also nicht nur im Rang einer ver- wissenschaftlichten Technik bzw. Techniklehre zu belassen, sondern sie zu einer echten Technikwissenschaft, genauer: zu einer humanistisch orientierten Sozial- technikwissenschaft, weiterzuentwickeln (Kapitel 5). 29 2 WISSENSCHAFT UND TECHNIK Um klären zu können, was unter der Verwissenschaftlichung von Techniklehren verstanden werden kann, worin die Möglichkeiten und Grenzen ihrer Verwissen- schaftlichung liegen, ist zunächst herauszuarbeiten, was a) einerseits Wissenschaft, andererseits Technik überhaupt ist bzw. b) welches wechselseitige Bedingungsver- hältnis zwischen Technik und Wissenschaft besteht. 2.1 Wissenschaft Eine erste wichtige Grundfrage, die es zu erörtern gilt, will man untersuchen, wor- in die Verwissenschaftlichung der Techniklehren genau besteht, ist die, was unter Wissenschaft zu verstehen ist bzw. worin sich Wissenschaft von Pseudo- Wissenschaft, Aberglaube, Scharlatanerie, Esoterik, Ideologie, magisch- mystischem Denken und Religion sowie Feuilleton unterscheidet. Leider ist die Überzeugung, dass es völlig klar wäre, was denn Wissenschaft ist, weit häufiger vorzufinden, als eine ausführliche Darlegung und differenzierte Diskussion dessen, worin sie eigentlich besteht.50 Die vorfindbaren Erläuterungen, was Wissenschaft ist, sind notorisch vieldeutig, verweisen auf unterschiedliche Facetten und Aspekte eines komplexen Phänomens:51 1. Wissenschaft – so wird oft gesagt – ist die Bezeichnung für eine Lebens- und Weltorientierung, die sich durch eine berufsmäßig ausgeübte Begründungs- praxis auszeichnet und sich somit etwa gegenüber bloßem Vermuten, Mei- nen und Glauben abgrenzt. 2. Wissenschaft ist die Sammelbezeichnung unterschiedlicher Wissenschaften. Dieser Summenbegriff von Wissenschaft täuscht jedoch leicht darüber hin- weg, dass „die“ Wissenschaft alles andere als homogen ist und aus unter- schiedlichen Wissenschaftstypen besteht. 50 Vgl. Keil [Wissenschaft], S. 34f. 51 Vgl. Kambartel [Wissenschaft], S. 719; Ropohl [Philosophie], S. 17f. 30 3. In wissenschaftssoziologischen Kreisen wird Wissenschaft eher als Menge organisierter Einrichtungen der Wissenserzeugung und Wissensvermittlung charakteri- siert. Hier wird also die Notwendigkeit der gesellschaftlichen Institutionali- sierung und Etablierung von Wissenschaft betont. Wissenschaft ist eine so- ziale Veranstaltung mit all den Eigentümlichkeiten des Sozialen (wie etwa Gruppendruck, Spielregeln, Koalitionen etc.). 4. Wenn von Wissenschaft gesprochen wird, ist häufig auch die individuelle Tä- tigkeit der Wissenserzeugung gemeint, indem man z.B. auf einen tätigen Wis- senschaftler in einem Labor zeigt und sagt: „Das ist Wissenschaft“. 5. Daneben ist noch die Rede von Wissenschaft im Sinne des „Corpus sank- tionierten Wissens“ als Menge des methodisch erzeugten und geprüften Wissens zu finden. Diese Rede liegt etwa dann vor, wenn ein Fachbuch der Mineralo- gie neben ein Esoterikbuch zur Heilkraft von Edelsteinen gelegt wird und gesagt wird: „Das ist Wissenschaft! Das andere Esoterik!“. 6. Schließlich ist neben der Rede von Wissenschaft als Summenbegriff auch – oft in legitimierender Weise – die Rede von Wissenschaft im Sinne einer spezifischen Einzeldisziplin zu finden: „Die Physik ist eine Wissenschaft“. Einige dieser Definitions- und Erläuterungsversuche des Begriffs Wissenschaft (insbesondere im Sinne von 4. und 5.) machen bereits deutlich, dass die wissen- schaftliche Praxis anscheinend ohne den Begriff (nicht aber der Idee [sic!]) von Wis- senschaft auszukommen vermag. D.h.: Der Begriff „Wissenschaft“ taucht erst in einer metastufigen Reflexion über gewisse Praxen und den damit verbundenen Tätigkeiten und Resultaten auf. Wissenschaft ist damit – wie die Begriffe Technik, Natur, Kultur, Handeln, Verhalten – ein sog. Reflexionsbegriff, eine metastufige Prädi- kation von etwas als etwas Bestimmtes, die zu allererst im Rahmen dieser höherstufigen Reflexion von jemand über etwas Bestimmtes auftritt.52 Diese metastufige Prädikation 52 Zum Reflexionsbegriff vgl. ausführlich Hubig [Kunst d. Mögl. 1], S. 229ff. und Grun- wald/Julliard [Reflexionsbegriff]. Es ist eigentlich trivial anzumerken, dass der Begriff „Reflexionsbegriff“ selbst ein (höherstufiger) Reflexionsbegriff ist, der im Zuge einer Reflexion über „die Bedingungen und Möglichkeiten von Reflexionen überhaupt“ einge- 31 („Das ist Wissenschaft, jenes Technik und Techniklehre“) ist von einer objektstu- figen Prädikation („Das ist eine Petrischale, dies ein Erlenmeyerkolben“) deutlich zu trennen. Je nachdem, wer nun diese Reflexion über gewisse spezifische lebensweltliche Pra- xen und Begebenheiten vornimmt, die im Hintergrund immer von bestimmten Zielvorstellungen, Interessen und Zwecken geleitet ist, werden unterschiedliche Kriterien für die Abgrenzung von Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft angege- ben werden, Kriterien, über die es sich im Folgenden eingehender zu verständigen gilt, um die Idee von Wissenschaft deutlich darzulegen. Gerade die Interessengeleitet- heit zeigt jedoch: Bevor man sich an die eigentlich inhaltliche Bestimmung des Begriffs Wissenschaft macht, gilt es zunächst das „Warum?“ der Reflexion über Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft eingehender zu klären, indem die Ausgangs- fragestellung an sich zunächst problematisiert wird.53 Welches Erkenntnisinteresse steckt hinter dem Versuch der Klärung dieser Fragegestellung? Wer genau möchte diese Frage geklärt wissen? Warum? Von welchem Standpunkt aus wird diese Klä- rung vorgenommen? Was nutzt die Klärung der Frage und v.a. wem nutzt die Klä- rung der Frage? Zudem: Was ist von einem vorgelegten Klärungsversuch zu hal- ten? Welche Funktion hat dieser Definitionsversuch für den herrschenden Wis- senschaftsbetrieb? Welche Bedeutung und faktische Wirkung hat er? Kann und soll man Wissenschaft überhaupt abgrenzen? Schließlich: Was für eine Art von Antwort wird erwartet? Ein striktes Ja oder Nein? Ist eine derartig simplifizierende und polarisierende Antwort der komplexen Realität überhaupt angemessen? Ent- spricht das Geben eindeutiger Ja-Nein-Antworten überhaupt dem philosophi- schen Fragen? Oder ist das Geben einfacher, bündiger (und damit verwertbarer) Antworten und Problemlösungen nicht eher Gegenstand der Technikwissenschaf- ten? führt wurde. Und auch hier gilt wieder: Je nach Absicht, Zweck und Ziel (der Reflexion über Reflexion) wird die Definition von Reflexionsbegriff unterschiedlich ausfallen, mit- hin Reflexionsbegriffe gegenüber anderen, für eine Reflexion zentralen Begriffen (wie etwa Abstraktionen) unterschiedlich abgegrenzt werden. 53 Vgl. Grunwald [Wissenschaft], S. 444; Keil [Wissenschaft], S. 32. 32 Betrachtet man dieses Feld eingehender wird Folgendes deutlich: Für einen Teil der heutigen Betriebswirte ist die Betriebswirtschaftslehre eine Wissenschaft, ge- nauer: eine anwendungsbezogene Wissenschaft, womit eigentlich gemeint ist, dass das Fach nicht nur Daumenregeln und Patentrezepte liefert, die auf ziellosem Prö- beln und Rumprobieren basieren, sondern auf Wissen und abgesicherter Erkennt- nis. Für andere Betriebswirte wiederum ist die Betriebswirtschaftslehre auf keinen Fall eine Wissenschaft, vielmehr eine Technik bzw. Techniklehre: Wäre die Be- triebswirtschaftslehre eine Wissenschaft in dem Sinne, dass sie in interesseloser Selbstbezogenheit Erkenntnis um der Erkenntnis willen produziert und ihren Fortschritt in erster Linie an wissenschaftsinternen Kriterien ausrichten würde, könnte das Fach auf keinen Fall seinem Gestaltungsanspruch nachkommen, der Praxis eine Hilfe in der Lösung ihrer Probleme zu sein. Schließlich gibt es noch die Kritiker der Betriebswirtschaftslehre – inner- wie außeruniversitär –, die dem Fach den Status der Wissenschaftlichkeit streitig zu machen versuchen. Für sie soll bzw. darf die Betriebswirtschaftslehre auf keinen Fall Wissenschaft sein, denn: Der Ti- tel, Wissenschaft zu sein – so das geteilte Vorverständnis –, ist ein Ehrentitel, der nur bestimmten, honorigen Tätigkeiten zuerkannt werden darf.54 Und in der Tat: Der Erwerb dieses Titels ist meist mit zunehmendem sozialen Prestige und erheb- lichen materiellen bzw. finanziellen Gratifikationen verbunden.55 Gerade im Zuge immer knapperer Forschungsmittel und einer immer kostenintensiveren „big 54 Vgl. Tetens [Wissenschaft], S. 1770. Dass Wissenschaft auf keinen Fall immer Ehrenti- tel war, zeigt ein Blick in die Geschichte: V.a. im Mittelalter waren die Wissenschaften in Form der niederen, philosophischen Fakultäten nur Vorstufe für die berufsbildenden, höheren Fakultäten wie Medizin, Jurisprudenz und Theologie (vgl. Kambartel [Wissen- schaft], S. 720f.). Es wurde ferner kaum zwischen Wissenschaft und Technik(-lehre) („Freien Künste“) unterschieden (vgl. Kambartel [Wissenschaft]; Grimm/Grimm [Wör- terbuch], Stichwort „Wissenschaft“, Bd. 30, S. 782ff.). Auch in der heutigen Zeit scheint sich wieder ein Wandel anzubahnen: „Das Technische“ erfährt gegenüber „dem Wissen- schaftlichen“ eine verstärkte Wertschätzung. Eine einseitige Nutzenorientierung scheint den Ehrentitel „Wissenschaft“ zunehmend zu entwerten. 55 Vgl. Tetens [Wissenschaft], S. 1770. 33 science“56 wird jedoch die Konkurrenz um die Mittelzuweisungen zwischen den einzelnen Disziplinen immer stärker. Es scheint darum all zu verständlich, dass manches Fach den Status der Wissenschaftlichkeit anderer Disziplinen endlich geklärt haben möchte. Wer also heute völlig unbedarft danach fragt, ob denn die Betriebswirtschaftslehre, die Informatik, die Philosophie, die Literaturwissenschaft etc. nun Wissenschaften seien oder nicht, man würde es dem Fragenden – vor dem oben dargelegten Hin- tergrund – wohl kaum abnehmen wollen, dass er nur diese eine Frage beantwortet haben möchte.57 Zu oft hat man auch in der Vergangenheit mit ansehen müssen, was aus den Debatten über die Wissenschaftlichkeit der einen oder anderen Dis- ziplin geworden ist, als dass man hinter der Frage nicht eine weitere Absicht ver- muten würde.58 Die aufgeklärte Verabschiedung der Frage, was nun Wissenschaft ist und was nicht, scheint jedoch ebenfalls kein gangbarer Weg zu sein: Durch den Rückzug in eine „wissenschaftssoziologische Halbdistanz“ (Geert Keil) läuft man Gefahr, den Wissenschaftsbegriff dem Mainstream zu opfern, Wissenschaft also lediglich deskriptiv zu fassen („Wissenschaft ist das, was anerkannter Maßen so be- zeichnet wird“) und damit einer Kritik jeglichen Boden zu entziehen.59 Wissen- schaft bedarf aber gewisser Kriterien, bedarf anspruchsvoller normativer Standards, um die Kritikfähigkeit, die ja einen wesentlichen Bestandteil der Idee von Wissen- schaft ausmacht, überhaupt zu gewährleisten.60 Ansonsten würde man einem halt- losen Relativismus und uferlosen „anything goes“ den Weg bereiten.61 56 Gemeint ist hier in erster Linie die sehr voraussetzungsvolle, apparateintensive, neuzeit- liche naturwissenschaftlich-technische Forschung (etwa in Form des Baus großer Teil- chenbeschleuniger, der Notwendigkeit aufwendiger Rein- und Reinsträumen etc.). 57 Vgl. Keil [Wissenschaft], S. 32. 58 Vgl. Keil [Wissenschaft], S. 32. 59 Vgl. Keil [Wissenschaft], S. 32f. 60 Vgl. Keil [Wissenschaft], S. 47. 61 Der Ausspruch „anything goes“ ist oft zitiert und stammt bekanntlich von Paul Feye- rabend (vgl. hierzu Feyerabend [Methodenzwang], S. 31f. und die Erläuterungen auf S. 381ff.). Mit seinem Plädoyer für ein Anything-Goes hat Feyerabend aber nicht einem 34 Die Frage nach der Klärung dessen, was Wissenschaft ist, ist aus philosophischer Perspektive deshalb mit folgenden Herausforderungen und Problemen konfron- tiert: 1. Angesichts des häufig zu findenden Rückzugs in eine wissenschaftssoziolo- gische Halbdistanz und einem postmodernen Anything-Goes geht es zu- nächst darum, die Frage nach dem, was Wissenschaft ist, überhaupt a) als ein philosophisches Problem und b) als ein normatives Problem auszuwei- sen. 2. Das eigentliche philosophische Problem der Klärung der Frage nach dem, was Wissenschaft ist und was nicht, besteht in einem nächsten Schritt dar- in, die Fragestellung zunächst selbst zu problematisieren, um die Bedingun- gen und Möglichkeiten ihrer Beantwortung systematisch auszuloten. 3. Das philosophische Problem im engeren Sinne ist es dann, eingehend zu klären, welchen Stellenwert deskriptive (d.h. aktuelle wissenschaftssoziolo- gische als auch wissenschaftshistorische Befunde) in der Festlegung norma- tiver Kriterien der Wissenschaftlichkeit und damit der Idee von Wissen- schaft spielen sollen bzw. überhaupt können.62 Denn eines dürfte klar sein: Die Historie bleibt ihrerseits selbst kontingent und liefert von sich aus kei- ne Kriterien:63 Sie zeigt lediglich, wie historisch gesehen derartige Abgren- zungen vorgenommen wurden. Der Schluss aber von der Tatsache, wie derartige Abgrenzungen vorgenommen wurden zu dem, wie sie vorgenom- men werden sollten, gerät dabei leicht in die Nähe eines naturalistischen Fehlschlusses.64 Zwar wird – wie bereits dargelegt – niemand eine Bestim- mung des Wissenschaftsbegriffes vornehmen, ohne die Geschichte danach haltlosen Relativismus (in Form einer rein deskriptiven Wissenschaftsbestimmung) das Wort geredet, sondern einem methodischen Pluralismus (siehe dazu Kapitel 2.1.3). 62 Vgl. Grunwald [Wissenschaft], S. 444. 63 Vgl. Grunwald [Wissenschaft], S. 444. Siehe auch Grimm/Grimm [Wörterbuch], Stich- wort „Wissenschaft“, Bd. 30, S. 782ff., wo die historische Kontingenz deutlich aufzeigt wird. 64 Vgl. Grunwald [Wissenschaft], S. 444. 35 zu befragen, was unter Wissenschaft in der Vergangenheit verstanden wur- de.65 Es sind aber Gründe zu nennen, weshalb bzw. in welchem Ausmaß derartig historisch-deskriptive Kriterien in die Bestimmung der Idee von Wissenschaft einfließen (ansonsten gerät die Bestimmung dessen, was nun Wissenschaft ist und was nicht, dogmatisch). 4. Schließlich ist die Idee von Wissenschaft derart zu präzisieren, dass eine Eng- führung auf gewisse Wissenschaftszweige (wie etwa die Naturwissenschaf- ten) einerseits, Formal- oder Realwissenschaften andererseits vermieden wird.66 Der Wissenschaftsbegriff muss offen genug sein, um der Vielfalt des heutigen Wissenschaftsbetriebs gerecht zu werden, er darf aber auch nicht zu schwammig sein, so dass alles als Wissenschaft durchgehen kann. Bei der nun folgenden inhaltlichen Klärung dessen, was Wissenschaft ist, gilt es daher zum einen die Skylla des Relativismus, zum anderen die Charybdis des Dogma- tismus zu meiden:67 Eine rein deskriptiv verfahrende Klärung der metawissen- schaftlichen Frage nach Wissenschaft droht gar nichts zu klären, in der Beschrei- bung faktischer Zustände zu verharren und damit in der Beliebigkeit und einem Anything-Goes zu versinken. Eine falsch verstandene normativ verfahrende Klä- rung der Fragestellung läuft Gefahr, sich kaum über ihr Mandat zu versichern und Vorschriften und Behauptungen aufzustellen, die im krassen Gegensatz zur Praxis stehen (und daher kaum anerkannt werden dürften). Dennoch scheint die Meer- enge zwischen Skylla und Charybdis immer noch breit genug zu sein, verschiedene Kurse zwischen den beiden Gefahrenquellen zu steuern, ohne gleich dem einen oder anderen Extrem anheimzufallen. D.h.: Der Bestandteil deskriptiver Kriterien kann jeweils unterschiedlich gewichtet werden – und dies wird im Folgenden auch der Fall sein (wobei anders geartete Gewichtungen durchaus möglich sind). Die 65 Vgl. Grunwald [Wissenschaft], S. 444. 66 Eine derartige Engführung (auf die Realwissenschaften) unterläuft z.B. Tetens [Wissen- schaft]. Dass für die meisten Wissenschaftstheoretiker Wissenschaft eigentlich nur Na- turwissenschaft ist, kann ausführlich bei Keil [Wissenschaft], insbesondere S. 38f., nach- gelesen werden. 67 Vgl. hierzu auch Hubig [Wissensmanagement], S. 211ff. 36 Wahl bzw. Kombination muss nur nachvollziehbar und begründet sein, um selbst für sich in Anspruch nehmen zu können, wissenschaftlich zu sein (und keine Wiedergabe beliebiger Privatmeinung darzustellen). Doch wenn nun schon der metawissen- schaftliche Versuch der Klärung dessen, was Wissenschaft ist, für sich selbst in Anspruch nehmen möchte, wissenschaftlich zu sein, wird es höchste Zeit, sich über potentielle Kandidaten für Kriterien der Wissenschaftlichkeit zu verständi- gen, um dann in einem nächsten Schritt die Idee von Wissenschaft klar herausprä- parieren zu können. 2.1.1 Analyse: Wissenschaft und Wissen „Wissenschaft ist das, was Wissen schafft“ lautet ein bekanntes Bonmot – eine zunächst durchaus verblüffend einfache Antwort auf die Frage nach dem, was Wissenschaft sei und was nicht, eine Antwort aber auch, die bei genauer Hinsicht doch nicht so unproblematisch ist, wie sie zunächst erscheint. Warum? Weil diese Antwort die Frage nach dem, was Wissenschaft ist, einfach durch eine andere Fra- ge ersetzt, nämlich der, was Wissen ist. Was ist nun aber Wissen? Wie ist Wissen etwa von Glauben, Meinung und Hoffnung abzugrenzen? Wie ist Wissen zu bestimmen? Und Nicht-Wissen? Welche Rolle spielen hierbei philosophische, his- torische, soziologische oder psychologische Aspekte? Welche Arten von Wissen gibt es? Gibt es wissenschaftliches und nicht-wissenschaftliches Wissen? Betrach- tet man also diese Frage näher, so sieht man, dass die neue Frage nicht minder problematisch ist als die Ausgangsfragestellung, was denn nun Wissenschaft sei. Der Sichtung der sehr verworrenen, vielschichtigen Diskussionen um den Wis- sensbegriff (welcher angesichts von Schlagworten wie Wissensgesellschaft, Wis- sensmanagement etc. jüngst großes Interesse erfahren hat) widmen sich bekannt- lich ganze Habilitationsschriften.68 Diese Diskussionen kompakt und nachvoll- ziehbar aufzubereiten, soll und kann an dieser Stelle nicht geleistet werden. Sich aber auf den Standpunkt zu stellen, die Frage, was denn nun Wissen ist, sei für den 68 Vgl. z.B. Gottschalk-Mazouz [Wissen]. Zur Wissensproblematik aus erkenntnistheore- tischer Perspektive vgl. ausführlich Ernst [Wissen]; Ernst [Erkenntnistheorie]. 37 vorliegenden Kontext völlig irrelevant (weil sie nur eine Problemverschiebung statt Lösung darstellt), hieße aber sicherlich, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Denn: Aus der traditionellen, historischen Bestimmung des Wissensbegriffs lassen sich einige Aspekte gewinnen, die für unsere Zwecke relevant sind. Bereits der antike, griechische Wissensbegriff („epistaemae“) enthält wesentliche Momente, die für Wissenschaftlichkeit kennzeichnend sind, Wissen gegenüber bloßem Glauben („pistis“), subjektivem Meinen („doxa“) und Kunstfertigkeit („empeiria“, „techne“) abzugrenzen versuchen.69 Wissen ist demnach dadurch cha- rakterisiert, dass es a) in Form von Sätzen sprachlich verfasst ist, dass es b) spezifischen Rechtfertigungs- und Begründungsansprüchen unterliegt, die es c) in intersubjektiv nachvoll- ziehbarer Weise argumentativ einzulösen gilt.70 Ein „Know How“, ein „Wissen wie“, wäre nach dieser Definition kein Wissen, weil es nicht sprachlich verfasst ist, son- dern als implizites bzw. stilles „Wissen“ (Michael Polanyi) allenfalls ein an eine spezifische Person gebundenes Können bzw. (Kunst-)Fertigkeit, eine „techne“.71 Der Wissensbegriff korrespondiert daher seit jeher eng mit den Idealen der Objek- tivität, Rationalität, Intersubjektivität: 1. Objektivität bedeutet zum einen, dass Erkenntnisse und Einsichten vom Erkenntnissubjekt getrennt werden, zuerst also versprachlicht und dann in Form von Schrift und Bild verobjektiviert, vergegenständlicht werden, so dass die Erkenntnisse anderen zugänglich werden (ontologische Objektivi- tät). Objektiv bedeutet aber auch, dass Aussagen in Absehung von subjek- tivem Meinen, Glauben, Für-Richtig-Halten erfolgen – also nicht wertend, neutral, in Absehung von der eigenen Person, von persönlich verfolgten Vorlieben und Interessen (epistemische Objektivität). Der Gedanke der e- pistemischen Objektivität ist daher auch eng verbunden mit der Idee eines 69 Vgl. Mittelstraß [Wissen], S. 717. 70 Vgl. Luft/Kötter [Wissenstechnik], S. 195ff. 71 Die Diskussion, in welchem Umfang bzw. ob überhaupt dieses implizite Können in ein explizites Wissen überführt werden kann, um es dann etwa im Zuge eines Wissensmana- gements in einem Unternehmen nutzbar zu machen, ist höchst umstritten (vgl. hierzu Schreyögg/Geiger [Wissensspirale]). 38 freien, sachkompetenten und rationalen Diskurses, in dem es gewisse Gel- tungsansprüche argumentativ einzulösen gilt. 2. Rationalität ist gleichbedeutend mit dem Absehen von persönlichen Affek- ten und Gefühlen, ist vielmehr vernünftiges Denken und verstandesmäßi- ges Handeln statt impulsives Agieren.72 Statt Rationalität könnte man auch Wohlbegründetheit sagen: „Etwas (Meinung, Handlung, Wunsch, Ziel, Norm) ist rational, wenn es begründet, d.h. durch Gründe gerechtfertigt ist.“73 3. Intersubjektivität bedeutet in erster Linie die prinzipielle Möglichkeit der Kontrolle der erarbeiteten Ergebnisse durch andere, die Zugänglichkeit der Resultate, die prinzipielle Möglichkeit für jedermann, den Argumentations- gang und die Untersuchungsschritte nachzuvollziehen, prüfen und kritisie- ren zu können (bzw. bei empirischen Untersuchungen: den Versuchsauf- bau zu Testzwecken zu rekonstruieren, um gewisse Effek- te/Messreihen/Ergebnisse zu reproduzieren bzw. replizieren zu können). Wissenschaft grenzt sich damit gegenüber bloßer Rhetorik dadurch ab, dass sie qua Argumentation Kriterien liefern möchte, die angeben und einsichtig machen, wann es rational ist, sich von einer gewissen Sichtweise überzeugen zu lassen (im Gegensatz zur Rhetorik, die versucht zu überzeugen ohne gültig zu argumentie- ren).74 2.1.2 Analyse: Wissenschaft und Wahrheit „Wissenschaft ist die rationale Suche nach Wahrheit.“75 Mit diesen Worten cha- rakterisiert Wolfgang Stegmüller, einer der führenden Vertreter der deutschspra- 72 Auf eine genaue begriffliche Unterscheidung zwischen Verstand und Vernunft sei an dieser Stelle bewusst verzichtet. Vgl. zur Problematik und Geschichte der Begriffe Verstand und Vernunft Schnädelbach [Vernunft], S. 86ff. 73 Gosepath [Rationalität], S. 1338. 74 Vgl. Lumer [Argumentationstheorie], S. 90. 75 Stegmüller [Wissenschaftstheorie 4,1], S. 5. 39 chigen, analytischen Wissenschaftstheorie, Wissenschaft. Und in der Tat scheint dies eine gängige, sehr beliebte Charakterisierung v.a. im Rahmen der Selbstbe- schreibung vieler Naturwissenschaftler aber auch Laien zu sein. Wissenschaft – so die verbreitete Meinung – soll erkunden, was in der Welt der Fall ist und warum es der Fall ist – eine Bestimmung, die eine gewisse Engführung des Wissenschafts- begriffs auf Naturwissenschaften wohl kaum leugnen kann.76 Wissenschaftliche Forschung mündet – so die Meinung weiter – in wahren, begründeten Aussagesys- temen über Tatsachen und Sachverhalte in der Welt. Stimmt der Inhalt dieser Aus- sagen mit dem tatsächlichen, in der Welt Vorfindbaren überein, ist die Aussage wahr. Wissenschaft zielt insgesamt auf Wahrheit, genauer: auf Übereinstimmung zwischen wissenschaftlichen Aussagesystemen und realen Sachverhalten. Leider hat man sich mit der Bestimmung von Wissenschaft als rationale Suche nach Wahrheit einen weiteren Problemkandidaten eingehandelt, denn das hier formulierte „korrespondenztheoretische Verständnis von Wahrheit“ ist in der Phi- losophie stark umstritten. Es wird kaum noch von einem ernsthaften Philosophen in nach-kantischer Tradition vertreten. Auch ist die Frage nach dem, was denn nun Wahrheit sei, natürlich ein ähnliches philosophisches Großproblem, wie die Frage nach dem, was denn Wissen ist, was Realität und Wirklichkeit ist und in welchem Umfang Welt in ihrem Sosein überhaupt erkannt werden kann. Auf ei- nen Abriss dieser weit verzweigten Diskussionen – geschweige denn auf einen Versuch der Klärung dieser Fragen – sei im Folgenden verzichtet. Stattdessen sei- en einige Problemfelder des korrespondenztheoretischen Wahrheitsbegriffs for- muliert, um dann in einem nächsten Schritt – zugegebener Maßen etwas pointiert – zu behaupten: Der Wahrheitsbegriff hilft in der Klärung der Frage, was denn nun Wissenschaft auszeichnet, nicht weiter, verdunkelt eher die Problemlage als dass er sie erhellt. D.h.: Der Wahrheitsbegriff erweist sich bei genauerer Hinsicht vielmehr als entbehrlich, weil Wissenschaft durch viel weniger belastete Begriffe wie Rationalität, Objektivität, Intersubjektivität und das Vorhandensein methodi- 76 Vgl. Tetens [Wissenschaft], S. 1764. 40 scher Standards treffender charakterisieren werden kann als durch den Satz: „Wis- senschaft ist die Suche nach Wahrheit“. Bei der korrespondenztheoretischen Theorie von Wahrheit, die Wahrheit dadurch definiert, dass Aussagesysteme über die Welt mit der Welt selbst übereinstimmen müssen, um als wahr zu gelten, ist man offensichtlich mit dem Problem konfron- tiert, wie man überhaupt „Welt“ in ihrem tatsächlichen Sosein auf der einen Seite und „menschliche Wahrnehmung von Welt“ bzw. deren sprachlichen Beschrei- bung auf der anderen Seite vergleichen kann. Denn: Das dafür erforderliche Terti- um Comparationis (d.i. die Möglichkeit der Einnahme eines dritten, außermensch- lichen, gottesähnlichen Standpunkts), das „Welt in ihrem Sosein“ und „menschli- che Wahrnehmung von Welt und deren sprachliche Beschreibung“ miteinander objektiv auf ihre Übereinstimmung vergleicht, gibt es so nicht.77 Es ist daher einer der Grundsätze der modernen Philosophie des „linguistic turn“, grundsätzlich in Frage zu stellen, ob wir Welt überhaupt unabhängig von unserer Sprache haben können. Sprache erschafft erst Welt in ihrem Soein, gliedert unseren Strom von Reizen und Sinnenseindrücken, schafft Konzepte, Kategorien, Ordnungssysteme und relationale Verknüpfungen, die eine Wahrnehmung von etwas als etwas Be- stimmtes erst ermöglichen.78 Tatsachen sind damit im wahrsten Sinne des Wortes immer „Tat-Sachen“, kein passiv-rezeptives Empfangen von Welt, sondern ein aktives „Nehmen“, leider oft gleich im Sinne eines naiven „Für-Wahr-Nehmens“, das die Geschichts- und Kulturabhängigkeit der Weltdeutung nicht beachtet.79 Die 77 Vgl. Putnam [Vernunft], S. 75ff.; Fine [Blickpunkt], Rorty [Erkenntnis], S. 30f. 78 Vgl. Rorty [Erkenntnis], S. 37ff.; Whorf [Sprache]; Goodman [Welterzeugung]; Cassirer [Formen]; überblicksartig Sandkühler [Pluralismus]; Plümacher [Perspektivismus]; Freu- denberger [Relativismus]. 79 Diese Vergessenheit der Historie und des kulturellen Eingebettet-Seins von Wissen- schaft bzw. die Vergessenheit, Wissenschaft als spezifisch kulturell-soziales Phänomen zu betrachten und nicht nur als sprachliches, war bzw. ist für die anglo-amerikanische Tradi- tionen der Wissenschaftstheorie typisch. Ein epochaler Einschnitt war hier Thomas S. Kuhns Buch „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“, in dem die Abfolge unter- schiedlicher, in ihrer Deutung von Welt miteinander inkommensurabler Paradigmen auf- gezeigt wurde (vgl. Kuhn [Struktur]). Dies hat in der Folgezeit zusammen mit der Renais- sance der Philosophie des Pragmatismus (vgl. Sandbothe (Hg.) [Pragmatismus]) wieder zu 41 eigentliche Essenz, das Sosein von etwas, ist aufgrund der Vielfalt möglicher Be- schreibungsweisen nicht zu erfassen. Exemplifizieren lässt sich dies anhand der Frage – um das bekannte Beispiel von William James anzuführen –, ob das, was wir in unserem Kulturkreis gewöhnlich als Schachbrett bezeichnen, dadurch am besten in seinem Sosein beschrieben ist, wenn wir es als ein großes schwarzes Quadrat beschreiben, in dem abwechselnd kleine, weiße Quadrate angeordnet sind, oder eine großes weißes Quadrat, das von vielen kleinen, schwarzen Quadra- ten durchsetzt ist oder ob es sich hier nur um eine abwechselnde Reihung, zeilen- weise versetzter, kleiner, gleich großer schwarzer und weißer Quadrate handelt.80 Keine der genannten Beschreibungsweisen scheint das Schachbrett in seiner ei- gentlichen Natur, in seiner Essenz richtig zu beschreiben, repräsentieren bzw. ab- bilden zu können. Beschreibungen sind daher keine Erkenntnis einer tiefen, in der Natur versteckten Wahrheit im Sinne ihrer Ursprünglichkeit. Vielmehr fertigen wir Beschreibungen sogar oft derart an, dass sie den Zwecken, für die sie benötigt werden, geeignet und angemessen sind, sodass wir damit arbeiten können.81 Statt einem realistischen Theorieverständnis, das eine Theorie als Abbildung der Natur in ihrer Ursprünglichkeit deutet, wird der Begriff der Theorie heute von einem auf- geklärten Wissenschaftstheoretiker nur noch im Sinne eines instrumentalistischen The- orieverständnis gebraucht: Eine gegebene Theorie ist (in den Naturwissenschaften) in einem bestimmten Anwendungsbereich lediglich erfolgreich, erlaubt eine gelunge- ne Beschreibung, Erklärung und Vorhersage gewisser Phänomene, sagt in ihrer Erfolgsträchtigkeit aber nichts über die Wesenheit, das Sosein, des Betrachtungs- bereichs aus.82 In den Sozialwissenschaften spricht man davon, dass (inkommen- einer verstärkten Beschäftigung mit einer eher kultürlich, pragmatisch fundierten Wissen- schaftstheorie geführte. 80 Vgl. James [Pragmatismus], S. 158. 81 So weisen Rüdiger Inhetveen und Rudolf Kötter darauf hin, dass wir nicht erst wissen- schaftliche Beschreibungen von Sachverhalten vornehmen, um dann darauf aufbauend Erklärungen zu konstruieren, sondern dass wir vielmehr Beschreibungen von Welt derart anfertigen, dass sie später im gewünschten Sinne auch erklärungsfähig sind (vgl. Inhet- veen/Kötter [Beschreibungen], S. 13f.). 82 Vgl. Janich [Wissenschaften]. Dies sei am Beispiel des Wandels der wissenschaftlichen Paradigmen zur Erklärung optischer Phänomene noch einmal eingehend verdeutlicht 42 surable, mit einander unverträgliche) Theorien lediglich Redeinstrumente bzw. Frameworks sind, die bestimmte Deutungsleistungen erbringen und den politi- schen Beratungsprozess in ihren unterschiedlichen Pointierungen leiten und anlei- ten (indem sie gewisse Problemlagen als Problemlagen überhaupt ersichtlich wer- den lassen bzw. als der und der geartete Problemlagen allererst auszeichnen).83 Häufig wird der Begriff der Wahrheit in Opposition gebracht zum Begriff der Nützlichkeit. Dies ist aus zweierlei Gründen – innerwissenschaftliche wie außer- wissenschaftliche – jedoch irreführend: 1. Innerwissenschaftlich wurde ja schon angedeutet, dass Beschreibungen oft derart angefertigt werden, dass sie den Zwecken, für die sie benötigt wer- den, auch geeignet und angemessen sind: Beschreibungen müssen in einen vorhandenen, umfassenderen Theorierahmen passen und ihn fruchtbar er- weitern. Ist ein gewisser Theorierahmen mit zu vielen, nicht integrierbaren Anomalien und erklärungsbedürftigen Phänomen belastet, schafft ein Pa- radigmenwechsel oft einen völlig neuen begrifflichen, theoretischen Rah- men, der die ursprünglichen Problemfelder integriert bzw. abdeckt, zugleich aber auch offen genug ist für die weitere, zukünftig geplante For- schungsagenda. Es ist also v.a. die innerwissenschaftliche Problemlösungs- kapazität, die Nützlichkeit, Effizienz, Brauchbarkeit von Beschreibungen, Hypothesen, Theorierahmen, die in der Erklärung bzw. Untersuchung des (vgl. u.a. Duhem [Theorien], Zweiter Teil, 10. Kapitel, §2 und §3): Zuerst wurde Licht als sog. Korpuskel, als Teilchen interpretiert, dann kam eine Zeit, in der das Licht nur als Welle betrachtet wurde, heute sind wir in der modernen Physik an dem Punkt angekom- men, an dem ein Welle-Teilchen-Dualismus vertreten wird. Was ist nun aber das Wesen, die Natur des Lichts? Welle? Teilchen? Geht überhaupt beides? Welle und Teilchen? Ein realistisches Theorieverständnis ist hier unweigerlich mit erheblichen Problemen kon- frontiert, ein instrumentalistisches Theorieverständnis betrachtet die Deutung von Licht als Welle (oder Teilchen) lediglich als unterschiedliche, vom Anwendungskontext abhän- gende, mögliche Denkkonzepte, die eine erfolgreiche Erklärung, Prognose, Retrognose gewisser Phänomen in einem bestimmten Bereich ermöglichen. 83 Vgl. Scherer [Pluralismus], S. 287ff.; Osterloh/Grand [Frameworking]; Grunwald [Technology Assessment], S. 71f. Zum Problem der Identifikation und Explikation von Problemen („Problem der ‚Probleme’“) vgl. Kirsch [Betriebswirtschaftslehre], S. 131ff., Kirsch et al. [Forschung], S. 190ff. 43 wissenschaftlichen Fortschritts wesentlich weiterhelfen (und nicht das Ideal der Suche nach der Wahrheit).84 2. Außerwissenschaftlich tendiert eine Charakterisierung von Wissenschaft als „Suche nach der Wahrheit“ dazu, den Beitrag von Wissenschaft (und damit ihre Verantwortung) im kollektiven Bestreben der Aneignung und Gestaltung von Welt durch den Menschen zu leugnen, denn eines dürfte klar sein: Die Fähigkeit des Menschen, sich Welt (qua Wissenschaft und Technik) zu unterwerfen und verfügbar zu machen, hat im Laufe der Ge- schichte eindeutig zugenommen.85 Wissenschaft ist nicht selbstzweckhaft, d.h. im Sinne einer Erkenntnis um der Erkenntnis willen, zu denken, der Gedanke, dass es neben den sonstigen Zwecken noch einen verschiedenen Zweck „Erkenntnis der Wahrheit“ gibt, daher eine Irrmeinung.86 Wahrheit ist auf das engste mit Nützlichkeit verbunden, der Wille zur Wahrheit ist vielmehr auch ein Wille zur Macht. Führt man sich zudem vor Augen, dass das Erheben von Wahrheitsansprüchen (bzw. Erkenntnisansprüchen) keine Spezifität der Wissenschaften ist, sondern auch für andere soziale Kontexte kennzeichnend ist87, könnte man mit Richard Rorty noch einen Schritt weitergehen und – zugegebener Maßen etwas überspitzt – behaupten, ob es nicht einfach besser wäre, auf die bedeutungsschwangere Rede 84 Vgl. Laudan [Progress]. Zum Problem des Fortschritts im Allgemeinen vgl. Hubig [Fortschritt]. 85 Vgl. List [Wissenschaft]; Kneer [Wissenschaften]; Grunwald [Technik]. Zum Begriff der Kulturhöhe und dem damit verbundenen technischen Verfügungswissen vgl. Janich [Innovation], S. 160ff. 86 Vgl. Rorty [Erkenntnis], S. 61f. 87 „Auf das Erheben von Wahrheitsansprüchen sind weder die Wissenschaften noch die Alltagserkenntnis spezialisiert; was die ersteren der letzteren voraushaben, ist eher schon in der besonderen Rollen zu suchen, die das dem Wahrheitstreben inhärente fallibilisti- sche Prinzip der steten Offenheit für Selbstkorrektur spielt. Quine hat diesen Unterschied einmal so ausgedrückt: „Unscientific man is beset by a deplorable desire to have been right. The scientist is distinguished by a desire to be right.“ – Natürlich wissen wir alle, daß dies empirisch falsch ist. Die Figur des unverdrossenen Wahrheitssuchers, der sich über nichts so sehr freut wie über eine Gelegenheit, seine Irrtümer zu korrigieren, ist in den Wissenschaften so selten wie anderswo.“ (Keil [Wissenschaft], S. 47). 44 von „Wissenschaft als rationaler Suche nach Wahrheit“ bzw. „Wissenschaft als Hüterin der Wahrheit“ gänzlich zu verzichten88. Denn was wir eigentlich nur fest- stellen können ist Folgendes: Die Prädikation von etwas als „wahr“ steht und fällt mit dem Gelingen der Überprüfungsverfahren und Routinen, die angewandt werden müs- sen, um feststellen zu können, ob etwas wahr ist oder nicht.89 Es sind also die ver- wendeten Methoden bzw. die methodischen Standards, die sich hinter dem notorisch schwierigen Wahrheitsbegriff verbergen: Gewisse offen gelegte Handlungsketten bzw. standardisierte Handlungsschemata erlauben es einem Wissenschaftler sich selbst handelnd über die Richtigkeit und Korrektheit der wissenschaftlichen Resul- tate anderer Wissenschaftler zu versichern.90 Wahrheit ist damit auch kein rein sprachphilosophisches Problem mehr, vielmehr wird hier die Notwendigkeit der Anbindung an die Pragmatik und Lebenswelt deutlich: Wissenschaft ist in erster Linie als Handlung zu thematisieren und nicht – wie die (sprach-)analytische Philo- sophie vorwiegend meint – als ein Problem von Sätzen.91 Oder wie es Armin 88 Vgl. Rorty [Erkenntnis], S. 26ff. „Mag sein, daß die Behauptung, es gebe keinen Zu- sammenhang zwischen Rechtfertigung und Wahrheit, seltsam klingt. Das liegt daran, daß wir zu sagen geneigt sind, Wahrheit sei das Ziel der Forschung. Wir Pragmatisten müssen jedoch, wie ich meine, den Stier bei den Hörnern packen und erklären, daß diese These entweder nichtssagend oder falsch ist. Forschung und Rechtfertigung haben zwar zahlrei- che Einzelziele, aber kein überwölbendes Ziel namens Wahrheit. Forschung und Recht- fertigung sind Tätigkeiten, denen wir uns als Sprecher einer Sprache gar nicht entziehen können. Ein Ziel namens ‚Wahrheit’ brauchen wir dazu ebenso wenig, wir unsere Ver- dauungsorgane ein Ziel namens ‚Gesundheit’ brauchen, damit sie ihre Funktion erfüllen.“ (Rorty [Erkenntnis] S. 30). 89 Vgl. Grunwald [Wissenschaft], S. 445. Die substantivische Rede von „der Wahrheit“ – als ob es da ein Ding gäbe, dessen Eigenschaften man erforschen, erkennen, benennen könnte – schließt an die verbische bzw. adjektivische Rede an, die leider all zu oft verges- sen wird: Statt zu sagen, ein Tier bewege sich oder ein Stein sei bewegt, kann man auch sagen, das Tier bzw. der Stein habe eine Bewegung. Das Substantiv „Bewegung“ dient aber keiner anderen Beschreibung des Sachverhalts als das Adjektiv „bewegt“ bzw. des Verbums „bewegen“. Analoges gilt für den Wahrheitsbegriff, vgl. dazu Janich [Wahrheit], S. 20ff. 90 Zur Charakterisierung von Methoden als spezifische Handlungsschemata und Werk- zeuge vgl. Hubig [Wissenschaftsethik], S. 53ff. 91 Dies ist übrigens auch der Grund, weshalb sich die analytische Philosophie (und der Mainstream der Betriebswirtschaftslehre, der diese vertritt) mit dem Thema „Wissen- schaft und Ethik“ so schwer tut, denn eine wissenschaftsethische Reflexion, die sich über die Probleme und Folgen von Wissenschaft zu vergewissern versucht und z.B. untersu- 45 Grunwald ausführt: Wissenschaftliche Resultate „sind vielmehr Ergebnisse zweck- rationaler Handlungen und durch das Gelingen dieser Handlungen, z.B. in einem physikalischen Experiment [bzw. in der erfolgreichen Rekonstruktion und Repro- duktion/Replikation von Ergebnissen; Anmerkung des Verf.] letztlich begrün- det“.92 Die Idee von Wissenschaft sollte daher, statt an der Wahrheit, an den Ei- gentümlichkeiten und Spezifika wissenschaftlicher Standards und Methoden fest- gemacht werden, denn es sind in erster Linie die Methoden und deren Offenle- gung, die die intersubjektive Kontrollierbarkeit wissenschaftlichen Wissens ermög- lichen. Die Idee von Wissenschaft kann also mit ganz anderen Begriffen viel bes- ser charakterisiert werden, als mit dem notorisch schwierigen Begriff der Wahr- heit. Irgendwie klingt es ja auch sehr seltsam, wenn man sagt, dass es vor 2000 Jahren wahr war, dass die Erde eine Scheibe war oder wenn man einen Sprachwis- senschaftler fragt, was er da mache, und dieser dann antwortet: „Ich bin auf der Suche nach der Wahrheit“. 2.1.3 Analyse: Methodische Standards und Wissenschaftlichkeit Die Anwendung methodischer Standards bzw. die exakte Explizierung, Kennt- lichmachung und Offenlegung der verwendeten Methode werden oft als das Hauptmerkmal von Wissenschaft schlechthin betrachtet.93 Methoden – so Kuno Lorenz – gelten „als Charakteristikum für die wissenschaftliche Verfahren, und damit – pars pro toto – als Kennzeichen der Wissenschaft selbst“.94 Der Begriff der Methode leitet sich dabei aus dem griechischen Wort „methodos“ ab, was so- viel bedeutet wie: einen bestimmten Weg beschreiten, etwas Nachgehen, sich auf chen möchte, welchen Anteil Wissenschaft in der kollektiven Aneignung und Gestaltung von Welt einnimmt, ist nur dann an eine wissenschaftstheoretische Position anschlussfä- hig, wenn Wissenschaft als Handlung thematisiert wird (vgl. List [Wissenschaft], S. 453ff.). 92 Grunwald [Wissenschaft], S. 445. 93 Vgl. Lorenz [Methode]; Grunwald [Wissenschaft], S. 445. 94 Lorenz [Methode], S. 876. 46 ein Ziel hin bewegen.95 Es ist also v.a. die Explizierung der verwendeten Methode im Sinne einer exakten Erläuterung des Untersuchungsganges als auch die Ver- wendung spezifischer, fest vorgegebener, anerkannter methodischer Standards, die die intersubjektive Kontrolle und Nachvollziehbarkeit wissenschaftlicher Resultate sichern sollen. Diese ermöglichen es, den Forschungsgang zu rekonstruieren, zu reproduzieren und damit nachprüfbar und kritisierbar zu machen. Wenn aber die Besonderheit von Wissenschaft – wie bereits oben herausgearbeitet – in der Me- thodenorientierung liegt, durch welche die Verlässlichkeit der Resultate garantiert werden soll, wäre es allzu konsequent, den wissenschaftlichen Wahrheitsbegriff mit diesen Methoden – d.h. letztlich der Handlungsabhängigkeit der Resultate – zu verbinden bzw. in ihnen aufgehen zu lassen.96 Freilich war es in der Wissenschaftsgeschichte immer höchst umstritten, welche Standards nun die Standards von Wissenschaft schlechthin sind bzw. wie strikt und unveränderlich diese seien. Paul K. Feyerabend hat bekanntlich mit seinem Buch „Wider den Methodenzwang“ ein deutliches Plädoyer gegen einen Methodendogma- tismus gehalten und sich dafür ausgesprochen, Forschung nicht durch einen Me- thodenzwang in der Kreativität allzu sehr einzuschränken.97 Die Methode soll in erster Linie dem Untersuchungsgegenstand passend gewählt werden. Feyerabend hat damit also besonders den Aspekt der Angemessenheit der Methodenwahl hinsicht- lich eines spezifischen Untersuchungsgegenstandes hervorgehoben und sich gegen eine stupide, mechanische, unreflektierte Anwendung methodischer Standards gewendet. Hauptsächlich in den Geistes- und Sozialwissenschaften wurden Feye- rabends „Wider den Methodenzwang“, das für einen Methodenvielfalt in der Wis- 95 Vgl. Lorenz [Methode], S. 876. Methode von griech. methodos aus meta [nach...hin] und hodos [der Weg]. 96 Vgl. dazu noch einmal Grunwald [Wissenschaft], S. 445 und die vorangegangenen Er- örterung zur problematischen Kennzeichnung von Wissenschaft als Suche nach Wahr- heit. 97 Vgl. Feyerabend [Methodenzwang]. Leider ist Feyerabend in der englischen Erstveröf- fentlichung ein kleiner Lapsus unterlaufen, der häufig genutzt wurde, ihn gründlich miss- zuverstehen: Er nannte es „Against Method“ – also „Wider der Methode“ – und nicht „Wider den Methodenzwang“. Dass jedoch Feyerabend die Wissenschaft der Beliebigkeit anheim stellen wollte, trifft so wohl kaum zu. 47 senschaft plädiert, und Thomas S. Kuhns „Die Struktur wissenschaftlicher Revo- lutionen“, in dem die Abfolge verschiedener, miteinander inkommensurabler Pa- radigmen dargestellt wird, als argumentative Steilvorlagen benutzt, um alternative Vorgehensweisen gegenüber der damals stark positivistischen Strömung in den Fächern zu stärken und zu rechtfertigen.98 Dass beide Autoren ihre Thesen rein an den Naturwissenschaften erläutert hatten, schien dabei nicht weiter zu stören. Es ging darum, sich gegen methodische Einseitigkeiten als auch krude Formen eines Reduktionismus zu erwehren – zu Recht, wie im Folgenden weiter darge- stellt sei. Als Reduktionismus bezeichnet man allgemein den Versuch, eine Wissenschaft auf eine andere Wissenschaft zurückzuführen bzw. auf diese – in verschiedener Art und Weise – zu reduzieren. Hierbei kann zwischen einer starken und einer schwa- chen Form unterschieden werden. In der starken Form bedeutet Reduktionismus, dass eine Wissenschaft vollständig auf die theoretische Basis einer anderen Wis- senschaft zurückgeführt werden soll, indem sich etwa gefundene biologische Ge- setzmäßigkeiten bei genauerer Analyse also bloße physikalische Gesetzmäßigkeiten erweisen lassen. Dies ist die Idee der sog. Einheitswissenschaft, wie sie im Rahmen des Logischen Empirismus des Wiener Kreises entwickelt wurde.99 Hierbei ist man jedoch mit der grotesken Situation konfrontiert, dass eine Wissenschaft, etwa die Biologie, erst dann Wissenschaft geworden ist, wenn sie sich selbst als eigen- ständige Disziplin abgeschafft hat, die Biologie also den Nachweis geführt hat, letztendlich doch nur Physik zu sein. Dieser Rigorismus und die Idee einer Ein- heitswissenschaft werden deshalb unter heutigen Wissenschaftstheoretikern kaum noch vertreten – wenn auch einige Fachvertreter der Physik an dieser „regulativen Idee“ (Immanuel Kant) als Richtschnur ihres wissenschaftlichen Handelns immer 98 Für die Betriebswirtschaftslehre jüngst Andreas G. Scherer (vgl. Scherer [Pluralismus]), der explizit auf Kuhn rekurriert, um einen „verstehenden“, qualitativen Ansatz der For- schung gegenüber einem erklärenden, quantitativen Ansatz stark zu machen. Zur Domi- nanz positivistischer Strömungen vgl. Seiffert [Wissenschaftstheorie 1], S. 16ff.; Seiffert [Wissenschaft], S. 4ff. 99 Zum Begriff, Geschichte, Programm der Einheitswissenschaft vgl. Dahms [Einheits- wissenschaft]. 48 noch festhalten. Letztendlich beruht dieses emphatische Bekenntnis zur Einheits- wissenschaft aber auf der Nichtwahrnehmung der faktischen Pluralität von Wis- senschaft und der Hypostasierung einer angenommenen Homogenität von Wis- senschaft, die zunächst pure Fiktion ist. Aussagen, dass das naturwissenschaftliche Bild durch eine nie zuvor erreichte, großartige Einheitlichkeit gekennzeichnet sei, entsprechen zwar dem laienhaften Verständnis von Naturwissenschaft, erweisen sich aber bei genauer Hinsicht als falsch100: Die einzelnen Wissenschaften werden sich in ihren unterschiedlichen ontologischen und epistemologischen Basissetzun- gen, also die Art und Weise, wie eine Wissenschaft die Welt ordnet, klassifiziert, erklärt, erforscht etc. kaum auf eine gemeinsame „natürliche Art“ („natural kind“) einer großen, alles dominierenden Superwissenschaft reduzieren lassen können.101 In der schwachen Form bedeutet Reduktionismus, dass Wissenschaft durch ein ge- wisses Methodenideal charakterisiert wird, vorzugsweise das der Physik. D.h.: An- dere Wissenschaften müssen, um überhaupt Wissenschaft zu sein, diesem Metho- denideal folgen und es übernehmen. Eine typische Ausprägungsform dieses Re- duktionismus ist es, dass sich die Sozialwissenschaften ähnlich der Physik auf die Suche nach sozialen Gesetzen machen sollen, wobei aber soziale Gesetzmäßigkei- ten als eigenständig erachtet werden, die nicht auf physikalische Gesetzmäßigkei- ten reduzierbar sind. Das Aufstellen nomischer Hypothesen und deren Test bzw. Verfeinerung werden zum Königweg sozialwissenschaftlicher Forschung erklärt – Positionen, wie sie in der Betriebswirtschaftslehre etwa von Günter Schanz oder Stephan Zelewski vertreten werden.102 Das Problem jedweder reduktionistischen Position ist jedoch, dass hier die Idee von Wissenschaft nicht von einer gelungenen Realisierung von Wissenschaft in einer spezifischen Einzeldisziplin getrennt wird, Intension („Inhalt“) und Extension(„Umfang“) des Begrif- 100 Vgl. Keil [Wissenschaft], S. 39ff. 101 Vgl. Keil [Wissenschaft], S. 40. Zu den unterschiedlichen paradigmatischen Basisset- zungen vgl. Poser [Wissenschaftstheorie], S. 186ff. Zur Rolle und Bedeutung der außer- wissenschaftlichen Weltsicht in der Auswahl dieser Setzungen vgl. Poser [Wissenschafts- theorie] S. 199ff. 102 Vgl. Zelewski [Grundlagen], S. 29ff.; Schanz [Wissenschaftsprogramme], S. 153ff. 49 fes „Wissenschaft“ nicht sauber unterschieden werden. Die Intension eines Beg- riffs legt eindeutig dessen Extension fest. Der Rückschluss von der Extension auf die Intension aber ist notorisch mehrdeutig und ungenau (analog dem berühmten gavagai-Beispiel von Willard Van Orman Quine), verfehlt die Identifikation und Kenntlichmachung wesentlicher Inhalte, hier: der Idee von Wissenschaft.103 Keine Einzeldisziplin – ist sie auch noch so erfolgreich – definiert daher Wissenschaft: „Wissenschaft wird [in diesem Sinne; Anmerkung des Verf.] überhaupt nicht defi- niert, sondern die Idee der Wissenschaft wird auf immer neue Weise realisiert.“104 Gerade diese Idee von Wissenschaft herauszuarbeiten und Wissenschaft nicht ex- emplarisch anhand einer Einzeldisziplin einzuführen, ist das Ziel des vorliegenden Kapitels. 2.1.4 Analyse: Wissenschaft, Selbstzweckhaftigkeit, Finalisierung „Wissenschaft ist das Streben nach Wissen um seiner selbst Willen.“ Mit diesem Satz könnte man Aristoteles paraphrasieren, der als erster wohl diese Sichtweise prominent gemacht hat.105 Wissenschaft – so die Meinung – sei nicht am Nutzen orientiert, sondern als Ausdruck der Muße und der angeborenen menschlichen Neugierde allein Selbstzweck. Es geht um Naturerkenntnis, nicht um Naturbe- herrschung, Wissenschaft ist besinnendes Nachdenken und kontemplative Schau der Natur, worin auch der Begriff der Theorie seinen Ursprung hat.106 Diese Sichtweise jedoch – Wissenschaft sei zweckfreie Erkenntnis und ein selbst gesteu- 103 Zum Problem exemplarischer, ostensiver Einführungen vgl. Quine [Gegenstand], S. 63ff. 104 Vgl. Tetens [Wissenschaft], S. 1767. 105 Zumindest wird in diesem Sinne immer wieder auf Aristoteles rekurriert, vgl. Aristote- les [Metaphysik], 1. Buch, insbesondere 980a, 981b. 106 „theoros“ (von griech. „theorein“ [schauen, betrachten] bzw. „thea“ [Schau, Betrach- tung]) bezeichnete im antiken Griechenland ursprünglich einen Festgesandten andere Städte, der zu gewissen zeremoniellen Handlungen zwar eingeladen wurde, selber aber nicht aktiv teilnehmen, sondern nur betrachtend beiwohnend sich seine Gedanken ma- chen durfte, vgl. Mittelstraß [Theoria], S. 259. 50 ertes, quasi autonomes Gebilde, das hehren Zielen folgt und allein gegenüber sich selbst verantwortlich ist – gilt es jedoch differenzierter zu sehen. Hinsichtlich der Zwecke von Wissenschaft ist zunächst zwischen wissenschaftsin- ternen und wissenschaftsexternen Zwecken zu unterscheiden, je nachdem, ob die Zwecke einer Wissenschaft von der Wissenschaft selbst gesetzt oder aber von au- ßen vorgegeben wurden.107 Betrachtet man die historischen Anfangsgründe von Wissen- schaft, können diese allein anhand wissenschaftsexterner Zwecke rekonstruiert wer- den.108 Der Psychologe und Philosoph William James charakterisiert diese histori- schen Anfangsgründe und die Situation des prähistorischen Menschen wie folgt: „Die Unheimlichkeit der Welt, das Unheilvolle und Vielgestaltige in ihr, die Ohnmacht menschlicher Kräfte, die magischen Überraschungen, die Unberechenbarkeit der wirken- den Dinge, das sind sicher auf dieser Kulturstufe die eindruckvollsten Züge ihrer Welt [...] Stürme, Feuerbrünste, Pest, Erdbeben, offenbar überirdische Kräfte. Sie rufen eher religiö- se Angst als philosophische Betrachtungen hervor. Die Natur mehr dämonisch als göttlich, erscheint über alle Maßen als vielgestaltig. [...] Die Hauptaufgabe besteht darin [...] die ge- fährlichen Mächte sich gefügig zu machen. [...] Das Symbol der Natur ist auf dieser Stufe [...] die Sphinx, unter deren nährenden Brüsten die Krallen sichtbar sind.“109 Wissenschaftliche Bemühungen sind also in erster Linie deshalb in Gang gekom- men, um überhaupt elementar handlungsfähig zu werden und sich nicht schreckens- steif und ohnmächtig der Natur, ihren Gewalten und bedrohlich anmutenden Phänomenen ausgeliefert zu sehen. Es ging darum zu verstehen, was z.B. eine Sonnenfinsternis ist, wie diese zustande kommt und diese gegebenenfalls zu prog- nostizieren, um den geordneten Alltagsbetrieb einer sozialen Gemeinschaft auf- rechterhalten zu können. Wissenschaft diente in den historischen Anfängen der Menschheit dazu, in einem ersten Schritt Gefühle der Angst und Ohnmacht zu bändigen, um überhaupt handlungsfähig zu werden, damit dann in einem nächsten Schritt die Welt für die eigenen Zwecke weiter verfügbar und beherrschbar ge- macht werden kann. Diese wissenschaftsexternen Zwecke wurden im Laufe der 107 Vgl. Grunwald [Begründung], S. 54. 108 Vgl. Grunwald [Begründung], S. 54. 109 James [Universum], S. 11f. 51 Geschichte ab einem bestimmten Wohlstandsniveau jedoch durch wissenschaftsinter- ne Zwecke ergänzt bzw. in diese sublimiert: Theoretisieren, systematisches Schließen von begrifflichen und kognitiven Lücken, Schönheit von Theorien, Erreichung einer möglichst starken theoretischen Konsistenz und Kohärenz.110 Die sich wei- ter anschließende Ausdifferenzierung des Wissenschaftsbetriebs erfolgte dann auf- grund sowohl wissenschaftsinterner als auch wissenschaftsexterner Zwecksetzun- gen.111 Und dennoch, obwohl Wissenschaft heute ein gewisses Eigenleben führt: Sie bezieht ihre wesentliche gesellschaftliche Wertschätzung nicht allein dadurch, dass sie über die Beschaffenheit der Welt aufklärt, sondern weil sie einen wesentli- chen Faktor in der Wohlstandssicherung der Gesellschaft darstellt. Wissenschaft selbst ist eine soziale Praxis, die aus der Hochstilisierung gewisser vorwissenschaft- licher Praxen entstanden ist und diese nachhaltig stützt.112 Wissenschaftliches Wis- sen ist daher kein Wissen um seiner Selbst willen, sondern immer ein praxisstabili- sierendes Orientierungs- und Verfügungswissen, jedes theoretische Wissen nie nur reines Wissen, sondern immer zu gleich auch (mehr oder weniger) praxisdienliches Wis- sen – aktual oder nur „auf Vorrat“.113 Selbst das Nachdenken darüber, was Wis- senschaft ist und was nicht, stellt – das wollte das vorliegende Kapitel deutlich machen – mitnichten nur ein intellektuelles Glasperlenspiel dar, „science pour la science“, Theorie um der Theorie willen. Reflexionen zum Wissenschaftsbegriff bzw. Definitionen von Wissenschaft sind immer zugleich Instrumente im Rahmen wissenschaftspolitischer Auseinandersetzung, transitives Orientierungswissen im 110 Vgl. Grunwald [Begründung], S. 54. 111 Vgl. Grunwald [Begründung], S. 54. 112 Vgl. Hartmann/Janich [Kulturalismus], S. 40ff. So stützen z.B. die Formalwissenschaf- ten eine Vielzahl anderer wissenschaftlicher Praxen: Die Logik etwa jegliche Argumenta- tionspraxis (z.B. in der Philosophie), die Mathematik, die Betriebswirtschaftslehre als auch die außerwissenschaftliche, kaufmännische Praxis. 113 Zu den Begriffen „Verfügungswissen“ und „Orientierungswissen“ vgl. Mittelstraß [Leonardo-Welt], S. 105ff. Für eine kritische Diskussion dieser Dichotomie Hubig [Kunst d. Mögl. 2], S. 26ff. 52 Sinne eines kruden Verfügungswissens über Diskriminierungskriterien.114 Jedwe- der Wissenstrieb aus purer Lust und Neugierde entpuppt sich daher bei eingehen- der Analyse – so Sigmund Freud – in Wahrheit immer als ein sublimierter Be- mächtigungstrieb.115 Die in der analytischen Wissenschaftstheorie häufig anzutref- fende Unterscheidung zwischen „Die Dinge besser verstehen“ („Wissenschaft“) gegenüber „Die Herrschaft über Dinge erlangen und verbessern“ („Tech- nik“/„Techniklehre“) erweist sich aus dieser Perspektive alles andere als trenn- scharf.116 Es ist sogar so, dass in der Folge der nach Leonardo da Vinci einsetzen- den, apparategestützen Experimentierkunst neuzeitliche (Natur-)Wissenschaft in erster Linie Technik ist, geht es im Wesentlichen doch um das gezielte, technische Herstel- len gewisse Effekte in diesen Aufbauten und Apparaturen.117 Im Unterschied zum Techniker redet der Wissenschaftler nur anders über diese hergestellten Effekte, versucht sie abstrakter zu beschreiben und in einen allgemeinen Theorierahmen einzubetten, wohingegen der Techniker in erster Linie an der Nutzbarmachung der Effekte interessiert.118 So lässt sich zusammenfassend sagen: Die Modellierung der angesprochenen Problemlage ist häufig unterkomplex.119 Wissenschaft ist nur als eine gesellschaft- liche Praxis umfassend zu verstehen, eine Praxis, in der Menschen selbst handelnd tätig sind und die als mündige Subjekte dieses Handeln auch zu verantworten ha- ben. Die Interpretation von Wissenschaft als ein rein sprachliches Phänomen stellt eine erhebliche Reduktion und Verkürzung der Problemlage dar, blendet sowohl die kultürliche Bedingtheit von Wissenschaft als auch deren Rückwirkungen auf 114 Der Ertrag des vorliegenden Kapitels besteht darin, das Wissen um das, was Wissen- schaft ausmacht, von einem transitiven Orientierungswissen in ein reflexives Orientie- rungswissen überführt zu haben (zur Unterscheidung transitiven vs. reflexiven Orientie- rungswissen vgl. Hubig [Kunst d. Mögl. 2], S. 26f.). 115 Vgl. Richter [Bewusstsein], S. 36, S. 110, S. 127, S. 235. 116 Zu dieser Unterscheidung vgl. exemplarisch Bunge [Science], S. 20; Bunge [Treatise 6], S. 215. 117 Vgl. Hubig [Kunst d. Mögl. 1], S. 61ff.; Hubig [Wertvorentscheidung], S. 20. 118 Vgl. Grunwald [Technik], S. 450. 119 Vgl. Hubig [Wertvorentscheidung], S. 16. 53 Gesellschaft, Natur und Kultur aus. Wissenschaft ist aus vorwissenschaftlichen Praxen durch Hochstilisierungen entstanden, wirkt (mehr oder weniger) immer auf diese Praxen zurück, um sie zu stabilisieren und zu stützen. Die strikte Trennung zwischen Grundlagenforschung, einer anwendungsorientierten Grundlagenfor- schung und einer produktorientierten Anwendungsforschung ist in Wirklichkeit fließend, bildet ein Kontinuum und keine kategoriale Dreiteilung.120 Nicht an der Zweckfreiheit, sondern an der Finalisierung ist der Unterscheid zwischen anwen- dungsorientierter Forschung und Grundlagenforschung festzumachen: Die Ziele der Grundlagenforschung sind vorwiegend innerwissenschaftlich festgelegt, wäh- rend die Ziele anwendungsorientierter Forschung zunehmend außerwissenschaft- lich vorgegeben sind.121 Diese Aspekte der Selbst- vs. Fremdbestimmtheit ver- schwimmen jedoch zusehends: Weder spielen in der anwendungsorientierten For- schung wissenschaftsinterne Kriterien und Ziele keine Rolle noch ist die Grundla- genforschung völlig frei von wissenschaftsexternen Vorgaben und Zwängen, ist es doch schließlich die Gesellschaft, die mit ihren knappen Mitteln dieses Unterneh- men alimentiert und trägt.122 Doch eines gilt es festzuhalten: Der Gedanke der Autonomie und Selbstbestimmtheit bzw. der Gedanke, nicht nur Wissenszulieferer einer spezifischen gesellschaftlichen Interessengruppe zu sein, scheint ein wesentlicher Bestandteil der Idee von Wissenschaft zu sein. Wo jedoch Wissenschaft aufhört und Machenschaft 120 Vgl. Mittelstraß [Zukunft Leonardo-Welt], S. 24f. Ähnlich auch Hubig [Kunst d. Mögl. 1], S. 222f. bzw. Poser [Technikwissenschaften], S. 187f. 121 Vgl. Zoglauer [Forschung], S. 78. Zum Begriff der Finalisierung vgl. Böhme et al. [Fi- nalisierung], überblicksartig Hubig [Wissenschaftsethik], S. 36ff.; Hubig [Wertvorent- scheidung], S. 15f. 122 Vgl. hierzu exemplarisch Grunwald [Technik], S. 450, der darauf hinweist, dass unser Bild der Natur im Wesentlichen davon abhängt, wie viel finanzielle und personelle Res- sourcen (etwa für den Bau von Teilchenbeschleunigern) eine Gesellschaft bereit ist zu investieren. Siehe aber auch Hubig [Wertvorentscheidung], S. 16, der deutlich macht, dass auf der einen Seite Grundlagenforschung zunehmend ihre Nützlichkeit unter Beweis stellen muss, dass auf der anderen Seite aber gerade jene Vertreter des Nützlichkeitsden- kens dafür plädieren, dass die „freie“ Grundlagenforschung unbedingt erhalten bleiben muss, da sie den Nährboden technisch-wirtschaftlicher Inventionen (und damit späterer Innovationen) darstellt. 54 anfängt, ist in der Tat eine schwierige Frage, auf die es noch eingehender zurück- zukommen gilt.123 2.1.5 Analyse: Wissenschaft, Beschreibung, Erklärung, Theorie „Wissenschaft ist der gesellschaftlich-politisch institutionalisierte und nur kollektiv realisierbare Versuch, systematisch und methodisch zu erkunden (zu erforschen), was alles in der Welt der Fall ist und warum es der Fall ist.“124 Mit diesen Worten paraphrasiert der Wissenschaftstheoretiker Holm Tetens die Kernaufgaben von Wissenschaft, die er im Beschreiben und Erklären sieht – wobei er an späterer Stelle darauf hinweist, dass Wissenschaft ihr epistemisches Ziel erst dann vollstän- dig erreicht habe, wenn sie nicht nur konstatiert, was in der Welt der Fall ist, son- dern wenn sie auch erklären bzw. verstehen kann, warum etwas in der Welt der Fall ist.125 Diese Sichtweise ist zum einen zutreffend, zum anderen jedoch auch nicht unproblematisch. Sie ist nicht unproblematisch, weil sie zum einen eine Engführung des Begriffs Wissenschaft auf (empirische) Naturwissenschaft darstellt. Nicht nur diskreditiert dieser sehr eng an die Realwissenschaften angelehnte Wissenschaftsbegriff jegliche Formalwissenschaft wie etwa die Logik, Geometrie oder Mathematik, sondern er übersieht gänzlich, dass es Wissenschaften gibt, die Antworten auf normative Fra- gen geben, was in der Welt der Fall sein sollte. Auch fragen die Geschichtswissen- schaften etwa nicht danach, was in der Welt der Fall ist, sondern was in der Welt der Fall war und warum es der Fall war. Zum anderen gerät einem derartigen, stark auf Erklärungen fixierten Standpunkt aber auch kaum in den Blick, dass eine ganze Reihe der klassischen Naturwissen- schaften in erster Linie deskriptive Wissenschaften waren bzw. noch sind: In der Geographie, der Geologie und der Botanik spielt die Systematisierung durch Klas- 123 Diese plakative Gegenüberstellung von Wissenschaft und Machenschaft geht zurück auf Zoglauer [Forschung], S. 77. 124 Tetens [Wissenschaft], S. 1763f. 125 Vgl. Tetens [Wissenschaft], S. 1764. 55 sifizierung und Typisierung eine prominente Rolle, ja die wissenschaftliche Tätig- keit erschöpft sich oft weitestgehend darin. Eine globale Diskreditierung basaler Erkundungs-, Beschreibungs- und Systematisierungsversuche ist also kaum ange- bracht. Auf keinen Fall sollten Beschreibungen (siehe dazu ausführlich Kapitel 3.1) nur als Präludien umfassender Erklärungsbemühungen gedeutet werden. Und den- noch – das ist kaum zu leugnen – bildet gerade das Erklären und Verstehen gewis- ser Sachverhalte und Weltzusammenhänge – neben dem Beschreiben – eine der wichtigsten Kernaufgaben von Wissenschaft. Eng verbunden mit der Idee des Erklärens und Verstehens ist der Begriff der The- orie. Dies wird auch bereits in der Alltagssprache deutlich: Auf die einfache Frage hin, warum sich etwas so und so verhält bzw. weshalb ein gegebener Sachverhalt eingetreten ist oder nicht, wird man die Antwort geben: „Ich habe da eine Erklä- rung bzw. Theorie!“, um dann weitere, mehr oder weniger komplexe Ausführun- gen, Gedankengänge, Spekulationen folgen zu lassen.126 Je nach Kontext – sei es nun im Alltag, in „der“ Wissenschaft bzw. ihren unterschiedlichen Wissenschafts- disziplinen – werden an eine gute Erklärung unterschiedliche Anforderungen ge- stellt, wobei eine Erklärung dann als „gut“ bezeichnet werden kann, wenn sie a) einsichtig, b) angemessen und c) richtig ist:127 a) Die Forderung nach Einsichtigkeit einer Erklärung bedeutet, dass sich eine Erklärung immer auf einen vorhandenen Fundus an Wissen beziehen muss, sich an ihn anschlussfähig erweist bzw. kohärent dazu ist. b) Die Forderung nach Angemessenheit einer Erklärung besagt, dass sie in der Art und Weise, wie sie erfolgt, dem Gegenstandsbereich auch angemessen sein muss bzw. für den Gegenstandsbereich geeignet ist. Angemessenheit 126 Dabei ist es eine der wesentlichen Einsichten der Philosophie des Pragmatismus und später des methodischen Konstruktivismus bzw. Kulturalismus, dass wissenschaftliche Erklärungen und Theorien in einer Kontinuität zum Common-Sense zu denken sind, also dem Common-Sense nicht dichotom gegenüber stehen, sondern „nur“ dessen Verlänge- rung und Hochstilisierung darstellen (vgl. Rorty [Erkenntnis], S. 26ff.; Hartmann/Janich [Kulturalismus], S. 40ff.; Keil [Wissenschaft], S. 46f.). 127 Vgl. Passmore [Explanation], S. 111f.; Kötter [Erklärungsproblem], S. 94ff. 56 bedeutet aber auch, dass eine Erklärung in Umfang und Tiefe in den prag- matischen Kontext passen muss, in dem die Erklärung eingefordert wurde. c) Schließlich ist noch die Forderung nach Richtigkeit einer Erklärung zu nen- nen, die besagt, dass eine Erklärung logisch richtig und in sich konsistent sein muss, um als gut bzw. gültig erachtet werden zu können. Jede Erklärung ist immer eine Erklärung in einer bestimmten Situation bzw. einem spezifischen Kontext, ist eine Erklärung von jemandem für jemanden.128 Je nach wissenschaftsspezifischem Kontext sind deshalb in den Wissenschaften auch un- terschiedliche Spielarten der Erklärung entwickelt worden (siehe dazu ausführlich Kapitel 3.2). Mit jeder dieser unterschiedlichen Erklärungsarten geht ein spezifi- scher Theorietyp einher, wobei – aus wissenschaftstheoretischer Perspektive – ein spezifischer Theorietyp (im Vergleich zu anderen Theorietypen) a) eine unter- schiedliche Funktion im Forschungsprozess innehat als auch b) eine gänzlich an- dere innere „Bauart“ bzw. „Architektur“ aufweist. Was ist jedoch nun eine Theorie? Eine durchaus legitime Frage, wobei hierzu zu- nächst anzumerken ist, dass eine einfache Beantwortung der Frage dadurch er- schwert wird, dass a) für den Begriff der Theorie kein einheitliches, wissenschafts- theoretisches Begriffsverständnis vorliegt als auch b) die Verwendungsweise des Begriffs Theorie in den einzelnen Wissenschaftsdisziplinen sehr unterschiedlich ausfällt.129 Was ist Theorie? Eine scheinbar legitime Frage, vor deren allzu schnel- ler Beantwortung ebenso zu warnen ist, wie vor der vorschnellen Beantwortung der Frage, was denn nun Wissenschaft sei. Auch hier gilt es zunächst wiederum die Frage selbst zu problematisieren. Wer will wissen, was eine Theorie ist? Und wa- rum? Was könnte passieren, wenn er genau weiß, was eine Theorie ist? Kann man Theorie – bedenkt man die Vielfalt unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen – 128 Vgl. Poser [Wissenschaftstheorie], S. 55. 129 Vgl. Seiffert [Wissenschaftstheorie 4], S. 174f. Zum Pluralismus des Theoriebegriffs in den Wissenschaften vgl. Thiel [Theorie], S. 263ff., zur Vielfalt der Theoriebegriffe in der Wissenschaftstheorie Thiel [Theorie], S. 266ff., zur unterschiedlichen Verwendungsweise des Begriffs „Theorie“ in der Betriebswirtschaftslehre Schneider [Betriebswirtschaftslehre 4], S. 13ff. 57 überhaupt einheitlich definieren bzw. ist es überhaupt wünschenswert? Denn: All- zu leicht könnte man hier wieder auf Abwege geraten und in einen Rigorismus verfallen, indem man etwa wie folgt argumentiert: Prämisse 1: Das Vorhandensein von Theorien ist das herausragende Merkmal von Wissenschaft. Prämisse 2: Eine Theorie ist definiert als XY. Prämisse 3: In dieser sog. Wissenschaft sind keine Theorien im obigen Sinne von XY zu finden. Konklusion: Diese sog. Wissenschaft ist keine Wissenschaft. Die Profanität und Chuzpe der Argumentation mag zunächst überraschen. Doch genau so wird oft vorgegangen.130 Die Definition etwa von Theorie als „ein sprachliches Gebilde, das in propositionaler und begrifflicher Form die Phänome- ne eines Sachbereiches ordnet und die wesentlichen Eigenschaften der ihm zuge- hörigen Gegenstände und deren Beziehungen untereinander zu beschreiben, all- gemeine Gesetze für sie herzuleiten sowie Prognosen über das Auftreten bestimm- ter Phänomene innerhalb aufzustellen ermöglicht“131 ist viel zu eng. Gerade bei der Evolutionstheorie132 – eine der bedeutendsten wissenschaftlichen Theorien unserer Zeit – haben wir es mit einem Theorietyp zu tun, der gerade keine Prog- nosen ermöglicht. Dies zeigt vielmehr, dass in der obigen Definition von Theorie wieder eine Engführung des Theoriebegriffs auf die Physik bzw. einen sog. no- mothetischen Theorietyp zu erkennen ist, ein Theorietyp, der das Allgemeine ge- 130 Siehe dazu z.B. Schneider [Betriebswirtschaftslehre 4], S. 25ff., der seinen eigenen An- satz einer Betriebswirtschaftslehre als Lehre vom Einkommensaspekt gegenüber anderen Ansätzen (die er als „Theoriegefasel“, „Theoriegebrösel“ oder „bloße Theorieverspre- chen“ kennzeichnet) abgrenzt. 131 Thiel [Theorie], S. 260. 132 Und auch hier gilt: „Die“ Evolutionstheorie gibt es genau so wenig wie „die“ Wissen- schaft, „die“ Betriebswirtschaftslehre oder etwa „die“ Physik: „Die“ Evolutionstheorie entpuppt sich bei näherer Hinsicht vielmehr als eine Sammelbezeichnung verschiedener Theorieansätze, etwa der Lamarck’schen Evolutionstheorie, der Darwin’schen Evoluti- onstheorie, der synthetischen Evolutionstheorie, der Systemtheorie der Evolution oder aber der sog. Frankfurter Evolutionstheorie. 58 genüber dem Besonderen, das Universale gegenüber dem Individuellen, das Ge- setzmäßige, Regelhafte gegenüber dem Singulären bevorzugt (im Gegensatz etwa zu den sog. idiographischen Theorien der Geistes-, Sozial- bzw. Kulturwissen- schaften oder aber funktionaler Theorien der Technikwissenschaften).133 Theorien haben aber – je nach Forschungskontext – unterschiedliche Funktionen (etwa zur Prognose oder Retrognose) bzw. besitzen eine unterschiedliche innere Bau- art/Struktur134. Je nach Kontext werden zudem unterschiedliche Kriterien an ein „gute“ Theorie angelegt, in dem sie etwa zusätzlich „schön“ und „einfach“ zu sein hat bzw. ein „positives heuristisches Potential“ besitzen muss etc.135 Der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle erwähnt – v.a. auch deshalb, weil die Beschäftigung damit in letzter Zeit auch einige Verbreitung136 in der Betriebswirt- schaftslehre gefunden hat –, dass in der neueren, stark auf die Physik konzentrier- ten Wissenschaftstheorie eine Theorie kein satzartiges Gebilde mehr ist, sondern nur noch ein sog. mengentheoretisches Prädikat bzw. eine (mathematische) Struktur, eine Art „Schablone“ also, die über einem gewissen Betrachtungsbereich auf An- wendbarkeit bzw. Passung untersucht wird: Etwas (X) ist ein Modell einer Theorie genau dann, wenn die empirische Belegung der Struktur an X gelingt.137 Auffal- lend an diesem sog. strukturalistischen Theoriekonzept ist ferner, dass theoretische 133 Zum Begriff der nomothetischen und idiographischen Forschung vgl. überblicksartig Hubig [Forschung]. 134 So sind physikalische Theorien „mathematische Strukturen“, idiographische Theorien „argumentative Strukturen“, die von wissenschaftstheoretischer Seite entsprechen rekon- struiert werden können (vgl. Stegmüller [Wissenschaftstheorie 2,6], S. 1ff.; Stegmüller [Wissenschaftstheorie 2,7], S. 277ff.; Betz [Strukturen]; zur Argumentationstheorie über- blicksartig Lumer [Argumentationstheorie]). 135 V.a. in den Naturwissenschaften spielt die Schönheit, Einfachheit („Okham’sches Messer“) und Verallgemeinerbarkeit bzw. die Anschlussfähigkeit an existierende Theorie und deren Vereinheitlichung bzw. Reduktion eine wichtige Rolle. 136 Vgl. Zelewski [Produktionstheorie]; Zelewski [Perspektive]; Alparslan [Prinzipal- Agenten-Theorie]. 137 Vgl. Giere [Theories]; Stegmüller [Wissenschaftstheorie 2,4], S. 120ff. Dieses Denken in Strukturen und Modellen entstammt der mathematischen Grundlagentheorie, in der etwa die natürlichen Zahlen als ein Modell der (Struktur der) Peano-Axiome gedeutet werden. 59 Terme hier positiv ausgezeichnet werden (und nicht mehr nur negativ als nicht- beobachtbar): Theoretische Terme sind immer nur theoretisch bezüglich einer spezifischen Theorie T (T-theoretisch) genau dann, wenn die Mes- sung/Bestimmung des Wahrheitswertes eines Terms (der Theorie T) die Gültig- keit der Theorie T bereits voraussetzt (und keine anderen Messverfahren vorhan- den sind).138 Natürlich könnte man nun auf die Idee kommen, den Begriff einer (ausgereiften, „wissenschaftlichen“) Theorie genau an dieser T-Theoretizität fest- zumachen, um damit ein Diskriminierungskriterium zu bekommen, das (endlich) erlaubt, ehrwürdige Wissenschaft von Nicht-Wissenschaft zu scheiden. Dies ist jedoch – was von Vertretern des strukturalistischen Theoriekonzepts auch bereit- willig konzediert wird – eine Engführung von Wissenschaft auf einen spezifischen (insbesondere nomothetischen) Theorietyp (in Verkennung anderer Theoriety- pen), ein Vorgehen, das dem „Programm einer Einheitswissenschaft“139 geschul- det ist (wobei das Konzept der Einheitswissenschaft von einem aufgeklärten Wis- senschaftstheoretiker heute kaum noch vertreten wird).140 Zusammenfassend kann gesagt werden: Die Frage danach, was eine Theorie ist, bringt uns in der Klärung der Frage, was denn nun Wissenschaft ist, leider über- haupt nicht weiter. Sie verdunkelt die Ausgangsfragestellung eher, als dass sie 138 Zu T-theoretischen Termen in ausgereiften physikalischen Theorien vgl. Stegmüller [Wissenschaftstheorie 1,7], S. 1034ff.; Stegmüller [Wissenschaftstheorie 2,6], S. 31ff.; Stegmüller [Wissenschaftstheorie 2,4], S. 27ff.; Stegmüller [Wissenschaftstheorie 2,7], S. 155ff. Zum Versuch des Konzept-Transfers außerhalb der Physik vgl. Stegmüller [Wis- senschaftstheorie 2,8], S. 360ff. Zu konkurrierenden Ansätzen des Stegmüller-Ansatzes und der geringen Bedeutung des Ansatzes in der anglo-amerikanischen Wissenschafts- theorie vgl. Schmidt [Structuralism]; Giere [Theories]. 139 Vgl. Stegmüller [Wissenschaftstheorie 2,8], S. 360. 140 Wissenschaften – darauf sei an dieser Stelle noch einmal hingewiesen – erschöpfen sich nicht in Theorien, sind weder bloße Satzsysteme oder mengentheoretische Prädikate: Wissenschaften sind Praxen (vgl. Hartmann/Janich (Hg.) [Kulturalismus], S. 40). Es gibt deshalb auch keine Theorien „für sich“ (außer vielleicht im Ideenhimmel der analytischen Wissenschaftstheorie). Theorien sind immer auf das Engste mit Erklärungsaufgaben ver- bunden (weshalb sich die eindeutige Trennung zwischen dem Begriff der Erklärung und dem Begriff der Theorie auch als so schwierig erweist). Es sind auch gerade die Erklä- rungsaufgaben, die deutlich auf die Anfangsgründe von Wissenschaft verweisen, die in den grundlegenden lebenspraktischen Erfordernisse zu sehen sind, in dieser Welt beste- hen zu müssen (vgl. Hubig [Wertvorentscheidung], S. 18). 60 durch sie erhellt wird. Dies trifft auch auf die Frage zu, ob Wissenschaft nun pri- mär „erklären“ oder aber „beschreiben“ sollte. Der Versuch der Präzisierung des Gedankens der Idee von Wissenschaft erfährt auch hier keine nachhaltige Stüt- zung, verweist vielmehr auf potentielle Tätigkeitsfelder und Aufgaben von Wis- senschaft, die es in Kapitel 3 noch eingehender zu erörtern gilt. Diesen Tätigkeits- feldern ist eines gemeinsam: In ihnen kommt jeweils die Idee von Wissenschaft in spezifischer Art und Weise zu tragen – und uns ist es an der Explikation der Idee von Wissenschaft gelegen und nichts anderem. Eine weitere Diskussion der oben genannten Problemlagen ist an dieser Stelle deshalb fehl am Platz. 2.1.6 Synthese: Die Idee von Wissenschaft und das Konzept inter- und intradisziplinärer methodischer Familienähnlichkeit Die vorangehenden Ausführungen haben gezeigt, dass die Bestimmung und Klä- rung dessen, was nun Wissenschaft ist und was nicht, bei genauerer Hinsicht ein äußerst schwieriges und verzwicktes Unterfangen darstellt: Will dieser metawissen- schaftliche Klärungsversuch für sich selbst in Anspruch nehmen, wissenschaftlich zu sein, muss er in nachvollziehbarer und begründeter Weise erfolgen. Leitend dafür war es, Wissenschaft nicht dogmatisch an einer gewissen historischen Posi- tion festzumachen, sondern zunächst eingehend zu klären, welchen Stellenwert deskriptive – aktuelle sowie historische – Befunde in der normativen Bestimmung von Wissenschaft überhaupt einnehmen sollen bzw. können. Ein weiterer zentra- ler Gedanke war es ferner, Wissenschaft nicht exemplarisch anhand einer Einzel- disziplin – wie etwa der Physik – einzuführen, sondern die Idee von Wissenschaft von einer gelungenen Realisierung in Form einer Einzeldisziplin zu trennen, mithin Begriffsin- tension und -extension von Wissenschaft klar zu unterscheiden (wobei es trivial ist darauf hinzuweisen, dass die Intension eindeutig die Extension eines Begriffs fest- legt, die Extension eines Begriffs nicht jedoch dessen Intension). Als Kern der Idee von Wissenschaft wurde die vorwiegend sprachliche Verfasstheit der Resultate, die spezifischen Rechtfertigungs- und Begründungsansprüchen unterliegen, welche es argumentativ in intersubjektiv nachvollziehbarer Weise einzulösen gilt, herausge- arbeitet (Idee der Objektivität [sowohl im ontologischen als auch epistemologischen Sinne], Idee 61 der Rationalität, Idee der Intersubjektivität). Wesentlich für Wissenschaft sind zudem der Gedanke der Freiheit von äußeren Einflüssen in der Wahl der Forschungs- themen und die Abgrenzung von der Absicht, alleinig gewissen außerwissenschaft- lichen Interessengruppen zuzuarbeiten (Idee der Autonomie bzw. Idee der Nicht- Instrumentalisierbarkeit). All diese Facetten sind konstitutiv für die Idee von Wissen- schaft.141 Von dieser Idee von Wissenschaft ist deren (mehr oder weniger) gelungene Rea- lisierung in Form einer spezifischen Einzeldisziplin zu unterscheiden: Für die unter- schiedlichen, faktisch-vorfindbaren wissenschaftlichen Praxen ist die Idee von Wissenschaft eine regulative Idee, ein Ideal, das eine Leitschnur für das Handeln ab- gibt, das aber einen oft unerreichbaren Fluchpunkt bzw. ein unerreichbares End- ziel darstellt, ein Ideal also, das als permanentes Korrektiv der Praxis und Mahner für die Praxis dient.142 Der Gedanke der Idee von Wissenschaft macht aber auch deutlich: Keine Wissenschaft definiert, was Wissenschaft ist, sondern die Idee von Wissenschaft wird auf immer unterschiedliche Art und Weise realisiert. Der Beg- riff „Wissenschaft“ ist daher kein Singular, sondern ein Plural, die herrschende Wissenschaftslandschaft hinsichtlich der Vorgehens und der Methodenwahl über- aus heterogen und vielseitig: „Kein Wissenschaftstheoretiker kann heute schlicht auf Standards oder Methoden ‚der Wissenschaft’ verweisen, ohne hinzuzufügen, welche Disziplin er im Auge hat. In der Phy- sik werden empirische Größen gemessen. In der reinen Mathematik wird dagegen gerech- net – ist eine von beiden deshalb keine Wissenschaft? In einigen Fächern wird überhaupt nicht quantifiziert, sondern man arbeitet mit qualitativen Bestimmungen. Manche Wissen- schaften betreibt man im Labor, andere im ‚Feld’, wieder andere in Archiven und Biblio- theken. Manche Wissenschaften werden mit Hilfe von Apparaten und Instrumenten be- trieben, andere nicht. In einigen Wissenschaften – in sehr wenigen – wird deduktiv bewie- sen, in anderen wird argumentiert. Geologen und Botaniker arbeiten mit natürlich vorfind- baren Gegenständen, Kunstwissenschaftler und Informatiker mit Artefakten, bei Chemi- 141 Vgl. hierzu auch Merton [Wissenschaft], der die Idee von Wissenschaft an den Begrif- fen des Universalismus, Kommunismus, Uneigennützigkeit und Skeptizismus festmacht. 142 „Die Figur des unverdrossenen Wahrheitssuchers, der sich über nichts so sehr freut wie über eine Gelegenheit, seine Irrtümer zu korrigieren, ist in den Wissenschaften so selten wie anderswo. Und dennoch können wir dies nicht entbehren: anspruchsvolle nor- mative Begriffe von Wissenschaft [...], die deren kontingente Praxis kritisierbar machen.“ (Keil [Wissenschaft], S. 47). 62 kern verschwimmen die Grenzen. In viele Wissenschaften werden Experimente angestellt, in anderen nicht, in wieder anderen immerhin Gedankenexperimente. Manche Wissen- schaften formulieren ihre Theorien in natürlicher Sprache, andere in künstlicher Sprache, Philosophen tun beides. Von den künstlichen Sprachen sind manche formalisiert, andere nicht. Einige Wissenschaften suchen nach strikten (ausnahmslosen) Gesetzen – meistens finden sie jedoch keine, weshalb sie ihre Gesetzesaussagen durch Ceteris-paribus-Klauseln einschränken müssen. Andere Wissenschaften sind mit statistischen Gesetzen zufrieden, wieder andere mit dispositionalen Erklärungen.“143 Aber nicht nur ist die Wissenschaftslandschaft überaus heterogen und plural, die spezifischen Einzeldisziplinen sind es in sich selbst auch. „Die“ Betriebswirt- schaftslehre gibt es genauso wenig – wenn sie es überhaupt je gab – wie etwa „die“ Philosophie oder „die“ Physik. Allenfalls ist „die“ Betriebswirtschaftslehre eine Sammelbezeichnung für gewisse Institutionen und Lehrstühle, die über die Vielfalt in der inhaltlichen als auch methodischen Ausrichtung hinwegtäuscht.144 „Die“ Betriebswirtschaftslehre ist kein Singular, sondern – wie die Wissenschaft insge- samt – ein Plural. Und dennoch wird immer wieder gerne der Fehler gemacht, ein Fach auf eine spezifische Strömung und Denkschule zu reduzieren. Eine Wissenschaft muss, will sie den Anspruch für sich erheben, Wissenschaft zu sein, die Idee von Wissenschaft daher auf eine spezifische Art und Weise realisie- ren bzw. instantiieren. Eine Wissenschaft muss, um Wissenschaft formal sein zu können, daher mindestens eine Wissenschaft im oben genannten Sinne sein. Sie kann aber auch mehr sein als nur eine Wissenschaft, nämlich ein Verbund ver- schiedener Wissenschafts- und Denkschulen.145 Sie kann jedoch auch mehr sein, als nur Wissenschaft: Aufklärung, Kritik der Praxis, Orientierungsinstanz, Erfül- lungsgehilfe, Lieferant von Verfahrensanweisungen und Prinziplösungen, unkri- tisch verfolgte marktwirtschaftliche bzw. bürgerliche Ideologie etc.146 Diese Krite- rien von Wissenschaft mehr oder weniger zu erfüllen, ist die notwendige Bedingung für Wissenschaft. Praxen, die sehr wenig bis überhaupt nicht diesen formalen Kriterien genü- 143 Keil [Wissenschaft], S. 35f. 144 Vgl. Bleicher [Betriebswirtschaftslehre], S. 92ff.; Kirsch/Albach (Hg.) [Spannungsfeld]. 145 In Anlehnung an Keil [Wissenschaft], S. 49. 146 Vgl. Keil [Wissenschaft], S. 49. 63 gen, sind eben sehr wenig bis überhaupt nicht wissenschaftlich.147 Will eine Wissenschaft aber auch im vollen Umfang Wissenschaft sein, muss sie – neben der Erfüllung der formalen Kriterien – als solche auch gesellschaftlich anerkannt sein. Dies ist die hinreichende Bedingung für Wissenschaft. Hinreichende Bedingung und notwendi- ge Bedingung von Wissenschaft befinden sich in einem sog. Reflexionsgleichge- wicht148, in einem wechselseitigen Beeinflussungs- und Bestimmungsverhältnis: Die notwendigen Bedingungen führen dazu, (z.T. irrationale, unbegründete) Anerken- nungsaspekte faktischer Wissenschaft zurückzunehmen; der faktisch anerkannte Wissenschaftsbetrieb – die hinreichende Bedingung – führt aber auch dazu, die notwendigen Bedingungen von Wissenschaft (und damit die rationalen, begründe- ten Kriterien der Idee von Wissenschaft) zu modifizieren, um sie etwa gemäß den Ansprüchen der Zeit zu restringieren oder zu liberalisieren.149 Die Wissenschaft und die einzelnen Wissenschaftsdisziplinen sind – wie bereits dargestellt – kein Singular, sondern ein Plural. Aus methodologischer Perspektive wer- den die unterschiedlichen Einzeldisziplinen und ihre jeweiligen Denkschulen durch intra- als auch interdisziplinäre Familienähnlichkeit zusammengehalten.150 Denn: „den“ methodischen Standard gibt es nicht. „So wäre es absurd, etwa von der Mathema- tik reproduzierbare Experimente zu fordern, von der Theologie die Durchführung von Doppelblindstudien oder von der Festkörperphysik historisch genaue Quel- 147 Vgl. Keil [Wissenschaft], S. 51. 148 Unter Reflexions- oder Überlegungsgleichgewichten wird eine Rechtfertigungsstrategie verstanden, welche nicht bloß ausgehend von gewissen als gültig erachteten Prinzipien, Kriterien und Werten die jeweiligen Resultate gewinnt, sondern zugleich auch die Gültig- keit dieser Prinzipien, Kriterien, Werte problematisiert und in Frage stellt angesichts der unter ihnen ausgezeichneten Resultate und Konsequenzen (vgl. Stegmüller [Wissen- schaftstheorie 2,8], S. 333ff.). 149 Hinreichende und notwendige Bedingung von Wissenschaften verhalten sich zueinan- der wie unbegründete aber faktisch vorfindbare Akzeptanz und theoretisch begründete, gerechtfertigte Akzeptabilität (zur basalen technikphilosophischen Unterscheidung von Akzeptanz und Akzeptabilität vgl. Hubig [Kunst d. Mögl. 2], S. 74ff.; Hubig [Anerken- nungsbasis]). 150 Zum Gedanken der Familienähnlichkeit aus methodologischer Perspektive vgl. Keil [Wissenschaft], S. 43ff., dessen Konzept um den Gedanken sowohl der intra- als auch der interdisziplinärer Familienähnlichkeit erweitert wurde. 64 lenforschung.“151 Natürlich mag die eine Disziplin gemessen an den Standards einer anderen Disziplin weniger wissenschaftlich erscheinen.152 Doch was ist da- mit gewonnen? Es ist ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen, bei dem die fehlende Birnenhaftigkeit des Apfels beklagt wird und nicht erkannt wird, dass es sich in beiden Fällen um Obst handelt, mithin die Idee von Wissenschaft von deren Rea- lisierung in Form einer spezifischen Disziplin (mit den ihr eigentümlichen Vorge- hensweisen und Methoden) fein säuberlich zu trennen ist. Der „rote Faden Wis- senschaftlichkeit“ (Geert Keil) ist aus methodologischer Hinsicht deshalb aus vie- len einzelnen Fasern zusammengesetzt, wobei die Stärke des Fadens nicht darin liegt, „daß irgend eine Faser durch seine ganze Länge läuft, sondern darin, daß viele Fasern ein- ander übergreifen. Wenn aber Einer sagen wollte: ‚Also ist allen diesen Gebilden etwas gemeinsam, – nämlich die Disjunktion aller dieser Gemeinsamkeiten’ – so würde ich ant- worten: hier spielst du nur mit einem Wort. Ebenso könnte man sagen: es läuft ein Etwas durch den ganzen Faden, – nämlich das lückenlose Übergreifen dieser Fasern.“153 D.h.: Der Verlust der Einheit der Wissenschaft ist nicht zu beklagen, sondern ge- rade als Chance zu begreifen, als ihre große Stärke. „Die“ Wissenschaft gibt es allenfalls nur noch in den Köpfen einiger Schwarz-Weiß-Maler und ewig Gestri- gen, denn faktisch gesehen ist Wissenschaft nie ein Singular gewesen, sondern immer ein Plural. Die Wissenschaftslandschaft gleicht deshalb nicht einem großen, unifarbenen Teppich, sondern einer „dappled world“, einem „patchwork“ (Nancy Cartwright), einem kunterbunten Flickenteppich, der sich kaum noch zu einer Einheitswissenschaft fügen lässt.154 2.2 Technik Im Gegensatz zum Wissenschaftsbegriff sind zum Technikbegriff elaborierte Aus- arbeitungen und Darstellung zu finden, weshalb – unter Anbetracht dieser Erträge 151 Keil [Wissenschaft], S. 44. 152 Vgl. Keil [Wissenschaft], S. 44. 153 Wittgenstein [Untersuchungen], §67. 154 Vgl. Cartwright [World]. 65 – die Begriffbestimmung hier erheblich kürzer ausfallen kann.155 Ähnlich dem Wissenschaftsbegriff ist man jedoch auch beim Technikbegriff zunächst mit einer Vielzahl unterschiedlicher Schwerpunktsetzungen und Fokussierungen konfron- tiert, die unterschiedliche Facetten und Phänomene als technisch apostrophie- ren:156 1. Wenn umgangssprachlich heute die Rede von Technik ist, denkt man vor- wiegend an gewisse Apparate und Maschinen. Technik wird hier synonym mit Realtechnik verwendet, ist Inbegriff aller Artefakte und Mittel des Be- wirkens und Veränderns. 2. Technik kann aber auch allgemeiner gefasst werden als die in spezifischen, reproduzierbaren, bewährten Handlungsschemata/Verfahren eingesehenen Weisen des Herstellens, Bewirkens, Veränderns (sowohl im Bereich der Realtechniken, der Sozialtechniken, der Individualtechniken als auch der Intellektualtechniken). 3. Oft wird der Aspekt des lehrbuchartig festgehaltenen Wissens um diese Ar- tefakte, Schemata, Prozesse, Verfahren und Methoden ebenfalls als Tech- nik bezeichnet bzw. als integraler Bestandteil des Begriffes „Technik“ be- trachtet. 4. Mit Technik wird aber auch oft das konkrete Agieren und Prozessieren des Bewirkens, das konkrete Durchführen technischer Handlungen bezeichnet. Technik ist die Aktualisierung spezifischer Handlungsschemata, die mit Überlegung und richtiger Einsicht etwas bewirken möchte. 5. Das Wort „Technik“ findet aber auch Verwendung für die Bezeichnung personaler Fertigkeiten, Fähigkeiten und Kompetenzen (oft im Sinne einer Beurteilung der Qualität der Ausübung gewisser Tätigkeiten, indem diese als besonders virtuos beherrscht ausgezeichnet werden). Diese Rede ist 155 Vgl. Hubig [Kunst d. Mögl. 1], insbesondere S. 37ff.; Hubig [Kunst d. Mögl. 2]. 156 Vgl. Hubig [Kunst d. Mögl. 1], S. 27f.; Fischer [Technik], S. 15ff.; Ropohl [Aufklä- rung], S. 16ff.; Janich [Innovation], S. 147f. 66 dort zu finden, wenn etwa davon gesprochen wird, dass ein Hochspringer eine besonders gute Technik hat. Diese Technik ist dann mehr als nur die simple Aktualisierung erlernter Handlungsschemata und Handlungsweisen, ist virtuos beherrscht, von ausgezeichnetem persönlichen Talent und Ver- ständnis getragen und erweitert. 6. Schließlich wird der Begriff „Technik“ oft auch nur als ein schlichter Ge- genbegriff verwendet, der das gezielt Gemachte und Hervorgebrachte dem natürlich Gewordenen entgegenstellt. Diese Aufzählung zeigt wiederum: Die Prädikation von etwas als etwas Techni- sches tritt zuallererst im Zuge einer Reflexion über eine gewisse Praxis auf. Tech- nik ist damit – wie Wissenschaft – ein Reflexionsbegriff, eine metastufige Prädikation von etwas als etwas Bestimmtes, eine Prädikation, die zuallererst im Rahmen dieser hö- herstufigen Reflexion von jemand über etwas Bestimmtes auftritt.157 Auch hier gilt: Je nach- dem, wer nun diese Reflexion über gewisse spezifische Praxen vornimmt (die im Hintergrund immer von bestimmten Zielvorstellungen, Interessen und Zwecken geleitet ist), werden unterschiedliche Facetten und Phänomene als technisch aus- gezeichnet bzw. unterschiedliche Kriterien für die Abgrenzung von Technik ge- genüber Natur, Kultur, Wissenschaft etc. angegeben werden. Für die vorliegende Arbeit scheint es daher angebracht, die allgemeine Rede von Technik aufzubre- chen und unterschiedliche, für die weitere Untersuchung besonders bedeutsame Aspekte sprachlich exakt auszuzeichnen. Der Ursprung allen technischen (und auch wissenschaftlichen) Bemühens liegt letztendlich in dem anthropologischen Faktum begründet, dass der Mensch sein Leben in Auseinandersetzung mit der Natur sichern muss.158 Dieses Handeln in elementaren Lebenszusammenhängen, in denen es unerwünschte Begebenheiten und Sachverhalte planvoll zu verändern gilt, um die eigene basale Handlungsfähig- 157 Zu Technik als Reflexionsbegriff vgl. ausführlich Hubig [Kunst d. Mögl. 1], S. 229ff. und Grunwald/Julliard [Reflexionsbegriff]. 158 Vgl. Hubig [Kunst d. Mögl. 1], S. 37ff.; Kötter [Verhältnis], S. 216f.; Kötter [Rationali- tät], S. 9f.; Hartmann/Janich [Kulturalismus], S. 40f. 67 keit nachhaltig zu sichern und neue Handlungsspielräume zu schaffen, zu erhalten und auszubauen, sei als Praxis (elementare Praxis, technische Praxis) bezeichnet.159 Ein praktisches Problem der elementaren Praxis kann dann als dauerhaft bewältigt angesehen werden, wenn in den wiederkehrenden, ursprünglich problematischen Situationen auf vorhandene Lösungen bzw. Lösungsstrategien zurückgegriffen werden kann.160 Eine solche Problemlösung sei im Folgenden technisch genannt. Sie greift auf gewisse Artefakte bzw. spezifische Handlungsschema- ta/Handlungsweisen zurück, die als bewährt gelten und von prinzipiell jedermann aktualisierbar/verwendbar sind. Technik sei (im Sinne von 1. und 2.) also die Sam- melbezeichnung für die Gesamtheit aller verfügbaren Mittel (Artefakte, Methoden, Handlungsweisen, Verfahren). Die unverstandene, zunächst nur einmalig gelunge- ne Problemlösung ohne Einsicht in das „Warum?“ und „Weshalb?“ ist nicht Technik, sondern vielmehr nur Kunststück, die an eine spezifische Einzelperson gebundenen Fähigkeiten und Kompetenzen – auch im Sinne sehr virtuos be- herrschter Techniken (im Sinne von 5.) – in erster Linie Kunstfertigkeit. Technisches Handeln ist immer zweckrationales Handeln, nicht jedes zweckrationale bzw. in- strumentelle Handeln ist jedoch ein technisches Handeln:161 Technisches Handeln gilt der Lösung wiederkehrender Problemlagen und rekurriert immer auf bereits bekannte, als bewährt geltende Methoden, Verfahren und Mittel, um ein wieder- kehrendes Problem zu lösen bzw. einen wiederkehrenden, spezifischen Zweck zu realisieren. Die geforderte Reproduzierbarkeit von Technik macht es jedoch erfor- derlich, diese von historischen Besonderheiten zu entkleiden, von den Bindungen an eine Einzelperson zu befreien ohne zugleich an Verständlichkeit zu verlieren. Diese Objektivierung und die daraus hervorgehende prinzipielle Reproduzierbar- keit technischer Problemlösungen in Absehung von der Person – d.h. in intersub- 159 Die Sicherung als auch Ausbau der eigenen Handlungsfähigkeit wird oft auch unter den Stichworten der Sicherung von Vermächtnis- und Optionswerten diskutiert, vgl. Hu- big [Wissenschaftsethik], S. 139ff.; Hubig [Moral]; Hubig [Kunst d. Mögl. 2], S. 137ff. 160 Vgl. Kötter [Verhältnis], S. 217f.; Kötter [Rationalität], S. 9. 161 Vgl. Hubig [Kunst d. Mögl. 2], S. 29ff., der das technische Handeln an der (Sicherung der) Wiederholbarkeit als auch Prozessen des Steuern und Regelns festmacht (ähnlich auch Kötter [Rationalität], S. 12). 68 jektiver Weise – impliziert zugleich notwendigerweise eine grundlegende Lehr- und Lernbarkeit von Technik(en). Das Wissen um diese Techniken, dessen Ver- mittlung und Weitergabe (im Sinne von 3.) sei im Folgenden allgemein als Technik- lehre bezeichnet, alle Bemühungen um die Verbesserung, Weiterentwicklung und Erfindung neuer Techniken bzw. das metastufige Nachdenken darüber und über Technik Technikforschung.162 Das nicht-singuläre konkrete Agieren und Prozessieren des Bewirkens, das mit Überlegung und richtiger Einsicht etwas verändern und gestalten möchte (im Sinne von 4. und im Sinn der Verwendung/Aktualisierung eines bewährten Handlungsschemas/Mittels) sei technisches Handeln genannt. Tech- nisches Handeln ist elementarer Bestandteil der alltäglichen technischen Praxis, die sich der Lösung von Problem-, Mangel- und Konfliktsituationen widmet. Eine spezifische Verfahrensweise, Methode oder ein Artefakt, das sich bewährt hat, einen gewissen Zweck Z zu verwirklichen, sei Mittel (für Z) genannt. Ein Mittel ist effektiv, wenn es geeignet ist, einen spezifischen Zweck zu realisieren (Effektivität: „Doing the right things“), es ist effizient, wenn es sich hinsichtlich gewisser noch näher zu erörternder, stark vom kulturellen, insbesondere ökonomischen Kontext abhängenden Kriterien als besonders „ergiebig“ und „optimal“ erweist (Effizienz: „Doing the things right“). 2.3 Zusammenfassung und weiterer Gang der Unter- suchung Die Diskussion des Wissenschaftsbegriffs hat gezeigt, dass eine spezifische Wis- senschaftsdisziplin die Idee von Wissenschaft jeweils auf unterschiedliche Art und Weise ausfüllen als auch dem Grade nach erfüllen kann: 1. Eine Disziplin, die sehr wenig bis überhaupt nicht die formalen Kriterien der Idee von Wissenschaft erfüllt, ist – trivialer Weise – sehr wenig bis ü- berhaupt nicht wissenschaftlich. Wissenschaftlichkeit ist deshalb ein Grad- begriff und im Sinne einer kontinuierlichen Intervallskala (0 = Nicht- 162 Die Unterteilung von Techniklehre und Technikforschung geht auf die Doppelaufgabe der Universitäten zurück, Lehre und Forschung zu betreiben. 69 Wissenschaft ... 1 = Wissenschaft) zu denken anstatt im Sinne einer zwei- wertigen, diskreten Ordinalskala (Wissenschaft/Nicht-Wissenschaft). 2. Verschiedenen Disziplinen können aus methodischer Hinsicht die Idee von Wissenschaft in unterschiedlicher Art und Weise ausfüllen. Nicht eine Wis- senschaft – wie etwa die Physik – definiert anhand ihrer Methode, was Wis- senschaft ist. Die Idee von Wissenschaft realisiert sich vielmehr von Fach zu Fach immer neu in unterschiedlicher Art und Weise des methodischen Vorgehens. Die Wissenschaften insgesamt weisen deshalb hinsichtlich ihrer Methoden Ähn- lichkeiten und Verknüpfungen auf. Gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaf- ten ist es jedoch auch so, dass innerhalb ein und desselben Faches oft eine Viel- zahl unterschiedlicher, teilweise konkurrierender Denkschulen vorzufinden sind, die auf verschiedene Weise, jeweils mehr oder weniger gelungen, die genannten Standards von Wissenschaftlichkeit verwirklichen. Aus methodologischer Perspektive werden die unterschiedlichen Disziplinen und ihre einzelnen Denkschulen deshalb durch ein Konzept der inter- als auch intradisziplinären Familienähnlichkeit zusammen- gehalten: Einzelne Wissenschaften und Denkschulen bilden Gruppen und Ver- bünde, die aus methodologischer Sicht fließende Übergänge zu verwandten Grup- pen und Verbünden in benachbarten Wissenschaften aufweisen, die zusammen einen bunten Flickenteppich, ein „patchwork“ ausbilden, das für den heutigen Wissenschaftsbetrieb jenseits der Idee einer Einheitswissenschaft so typisch ist. Im folgenden Kapitel 3 sollen zunächst unterschiedlichen Wissensformen und Erkenntnismethoden der Betriebswirtschaftslehre identifiziert, charakterisiert und mit Beispielen aus dem Fach belegt werden. Anhand dieser Sammlung, Systemati- sierung und Analyse unterschiedlicher, vorfindbarer Wissensformen und Erkennt- nismethoden sollen die unterschiedlichen Ausprägungen der Verwissenschaftli- chung der Betriebswirtschaftslehre zunächst rein formal dargestellt und belegt werden. Möglichkeiten und Grenzen einer Verwissenschaftlichung werden sicht- bar. Zudem wird deutlich, inwiefern bei einer Wissenschaftstheorie der Betriebs- wirtschaftslehre überhaupt an die klassische Wissenschaftstheorie angeknüpft wer- 70 den kann und wo es gegebenenfalls weite Bereiche gibt, die von der klassischen Wissenschaftstheorie nicht abgedeckt sind bzw. auch nicht abgedeckt werden kön- nen. Manch eine Charakterisierung einer Wissensform bzw. einer spezifischen Er- kenntnismethode mag dabei etwas selektiv, unterkomplex und holzschnittartig ausfallen, doch wer alles sehen will, sieht bekanntlich nichts. Dies ist das Los jeder methodensystematischen Darstellung:163 Sie ist (zum einen) lohnend, weil sie eine überblicksartige Gesamtschau ermöglicht und wesentlich zum Verständnis einer Disziplin beitragen kann, sie ist (zum anderen) gefährlich, weil sich – wegen ihrer Pointierung – zwangsläufig die Kritik der Vernachlässigung, Verkürzung, Verein- seitigung, Simplifizierung oder Trivialisierung auf sich zieht. Dieser in Kapitel 3 offen gelegte Werkzeugkasten, aus dem sich der als Wissen- schaftler arbeitende Betriebswirt bei seiner Arbeit normalerweise bedient, dient dann in Kapitel 4 dazu, unterschiedliche Denkschulen in der Betriebswirtschafts- lehre in ihren Eigenheiten zu charakterisieren, um die herrschenden, intra- und interdisziplinären methodischen Verknüpfungen des Faches sichtbar zu machen. Kapitel 5 diskutiert schließlich die Eigenheiten, Charakteristika, Probleme einer Techniklehre als Wissenschaft, inwiefern also eine praxisorientierte „Lehre von der Führung für die Führung“ (Werner Kirsch) überhaupt Wissenschaft sein kann. Maßgeblich hierfür sind die in diesem Kapitel erarbeiteten, grundlegenden Be- stimmungen des Technikbegriffs, hier v.a. die Unterscheidung zwischen techni- scher Praxis, technischem Handeln, Techniklehre und Technikforschung, an de- nen die Probleme, Möglichkeiten, Grenzen einer Verwissenschaftlichung von Techniklehren deutlich gemacht werden können. Vielleicht ist ja die Betriebswirt- schaftslehre zumindest eine Wissenschaft im oben genannten Sinne, darüber hinaus doch aber viel mehr als nur Wissenschaft. 163 Vgl. Banse [Methoden], S. 113. 71 3 WISSENSFORMEN UND ERKENNTNISMETHODEN In der Betriebswirtschaftslehre ist es heute allgemein üblich, die Ziele der Disziplin im Beschreiben, Erklären und Gestalten zu sehen.164 Diese Dreiteilung soll im Folgenden auch die Folie abgeben, vor deren Hintergrund unterschiedliche Wis- sensformen und Erkenntnismethoden der Betriebswirtschaftslehre identifiziert, charakterisiert und kritisch diskutiert werden sollen. Anknüpfungspunkte zur klas- sischen Wissenschaftstheorie werden dabei sichtbar, ebenso Lücken, Probleme, blinde Flecken. 3.1 Beschreibung Wissenschaftstheoretiker, gerade wenn sie aus der Tradition der analytischen Phi- losophie stammen, bringen der Beschreibung oft eine gewisse Geringschätzung entgegen. „Echte“ Wissenschaft soll sich ihrer Meinung nach nicht nur damit be- gnügen zu konstatieren, was in der Welt der Fall ist. Vielmehr habe Wissenschaft ihr Ziel erst dann vollständig erreicht, wenn sie auch erklären bzw. verstehen kann, weshalb bzw. warum etwas in der Welt der Fall ist. Das Sammeln von Fakten, ja selbst das Ordnen und Systematisieren dieser Fakten wird häufig als ein degene- riertes Frühstadium von Wissenschaft angesehen.165 Die Kernidee von Wissen- schaft – so die Meinung – bilden Erklärungen und nicht Beschreibungen.166 Eine Engführung von Wissenschaft auf Naturwissenschaft – insbesondere die Physik – wird dabei sehr deutlich. Nicht nur diskreditiert dieser sehr eng an die Realwissen- schaften angelehnte Wissenschaftsbegriff jegliche Formalwissenschaft wie etwa die Mathematik. Ein derartiger Standpunkt übersieht auch großzügig, dass eine ganze 164 Vgl. exemplarisch Zelewski [Grundlagen], S. 27ff.; Schanz [Wissenschaftsprogramme], S. 85ff.; Chmielewicz [Forschungskonzeptionen], S. 17f.; Schneider [Betriebswirtschafts- lehre], S. 493ff. 165 Vgl. Poser [Wissenschaftstheorie], S. 42. 166 Vgl. Inhetveen/Kötter [Beschreibungen], S. 7. 72 Reihe der klassischen Naturwissenschaften deskriptive Wissenschaften waren bzw. noch sind: In der Geographie, der Geologie und der Botanik spielt die Systemati- sierung durch Klassifizierung und Typisierung eine prominente Rolle, ja die wis- senschaftliche Tätigkeit erschöpft sich weitestgehend darin. Außerdem ist es so, dass gerade in den Technikwissenschaften Beschreibungen einen äußerst hohen Stellenwert einnehmen. So ist z.B. für die Betriebswirtschaftslehre (als Sozialtech- nikwissenschaft) in manchen Bereichen die Erforschung und Bestandsaufnahme geänderter und sich verändernder Unternehmensumwelten und Marktgegebenhei- ten ein wesentliches Forschungsfeld. Auch gilt es hier genau zu erfassen, wie Un- ternehmen auf Veränderungen reagiert haben und welche sozialtechnischen Maß- nahmen entwickelt wurden – entweder richtiger oder aber fälschlicher Weise. Aber auch ein flüchtiger Blick in einige klassische Bücher der Ingenieurwissenschaften (Realtechnikwissenschaften) zeigt, dass die Darstellung und Systematisierung un- terschiedlicher Instrumente, Methoden, Verfahrensweisen – ähnlich der Betriebs- wirtschaftslehre – einen hohen Stellenwert einnimmt.167 3.1.1 Termini und terminologische Netze Charakterisierung Zur rationalen Basis einer jeden Wissenschaft gehört die Schaffung eines begriffli- chen Rahmens bzw. einer Terminologie. Im Gegensatz zur unscharfen Alltags- sprache, in der der längerfristige, bloße Gebrauch von Wörtern oft deren Bedeu- tung zu verstehen gibt, muss in der Wissenschaft immer genau angegeben werden, wovon genau geredet wird. Eine ausdrückliche, explizite Einführung der verwendeten Prädikatoren und damit verbunden ein systematischer Aufbau der Fachsprache sind deshalb unerlässlich.168 Einen explizit eingeführten, normierten Prädikator nennen wir Terminus, ein Netz von Termini, das aus unterschiedlichen Gleich-, 167 Vgl. exemplarisch Westkämper/Warnecke [Fertigungstechnik]; Robert Bosch GmbH [Taschenbuch]. 168 Prädikatoren werden in der formalen Logik, im Gegensatz zu Prädikaten in der Gram- matik, all die Worte unserer Sprache genannt, mit denen wir einen Gegenstand bezeich- nen können: Substantive, Adjektive, Verben (vgl. Seiffert [Wissenschaftstheorie 1], S. 32). 73 Über- und Unterordnungsverhältnissen besteht, den entsprechenden begrifflichen Rahmen bzw. die Terminologie einer Wissenschaft.169 Die Einführung normierter Prädikatoren kann dabei in zweierlei Weise erfolgen: durch eine Definition oder durch eine exemplarische Einführung.170 Definitionen stellen den Normalfall von Normierungsbemühungen in den Wissenschaften dar. Eine Definition, so könnte man „definieren“, ist die „Gleichsetzung eines bisher noch unbekannten Wortes mit einer Kombination mindestens zweier bereits bekannter Wörter“, etwa derart: Ein Schimmel ist ein weißes Pferd.171 Das Beispiel zeigt je- doch auch: Es kann anscheinend niemals mit einer Definition begonnen werden, denn eine Definition setzt voraus, dass schon bekannte Wörter da sind.172 Dies verweist auf das sog. Anfangsproblem von Wissenschaft und damit auf die zweite Art und Weise, Prädikatoren einzuführen, nämlich anhand von Beispielen. In der Alltagssprache ist diese exemplarische Einführung sehr geläufig: Wenn etwa auf ein Buch gezeigt und gesagt wird: „Dies ist ein Buch“, so ist damit der Prädikator „Buch“ durch ein Beispiel eingeführt worden.173 Dieses Vorgehen ist auch in den Wissenschaften möglich, ja notwendig, wie Helmut Seiffert am Begriff „Prädika- tor“ darstellt: Anhand verschiedener Beispiele wird gezeigt, wie der Begriff „Prä- dikator“ verwendet werden soll bzw. was er uns zu verstehen geben soll.174 Er wird nicht definiert im oben genannten Sinne. Kurz: Der Aufbau einer Termino- logie ist zwar durch fortschreitendes Definieren jederzeit möglich, irgendwann muss jedoch mit einigen undefinierten Grundtermini angefangen werden, die al- lenfalls exemplarisch eingeführt werden können. 169 Vgl. Seiffert [Wissenschaftstheorie 1], S. 54ff. 170 Vgl. Seiffert [Wissenschaftstheorie 1], S. 54. 171 Seiffert [Wissenschaftstheorie 1], S. 36ff. 172 Vgl. Seiffert [Wissenschaftstheorie 1], S. 36. 173 Zu den Problemen einer ostensiven, d.h. hinweisenden, zeigenden Einführung von Prädikatoren und der damit verbundenen Ungenauigkeit, Mehrdeutigkeit und Unschärfe vgl. Quine [Gegenstand], S. 63ff. bzw. noch einmal Kapitel 2.1.3. 174 Vgl. Seiffert [Wissenschaftstheorie 1], S. 54. 74 Ein zentrales Verfahren der analytischen Philosophie, um unscharfe, alltagssprach- liche Begriffe präziser zu fassen, ist die sog. Explikation.175 Ein unscharfer Begriff der Umgangssprache, das Explikandum, wird durch das Verfahren der Explikation in einen scharfen Begriff, dem Explikat, ersetzt. Dabei muss das Explikat gewissen Adäquatheitsbedingungen genügen, um befriedigend zu sein. Diese sind: 1. Adäquatheitsbedingung der Ähnlichkeit: Das Explikat muss den unschar- fen Begriff präzisieren, jedoch nicht die Bedeutung gänzlich verändern. 2. Adäquatheitsbedingung der Regelhaftigkeit: Der scharfe Begriff ist nach festliegenden Regeln zu verwenden. 3. Adäquatheitsbedingung der Fruchtbarkeit: Es ist der Begriff zu wählen, der für die wissenschaftliche Arbeit, den verfolgten Zielen und Zwecken am fruchtbarsten ist und eine größtmögliche Anschlussfähigkeit und Erweiter- barkeit garantiert. 4. Adäquatheitsbedingung der Einfachheit: Gemäß der Maxime des Ok- ham’schen Rasiermessers ist aus Gründen der Denkökonomie das ein- fachst mögliche Explikat zu wählen. Beispiele 1) Der Prädikator „Kaufmann“ war zunächst als eine umgangssprachliche Be- zeichnung für eine bestimmte Berufsgruppe vorhanden. Die wissenschaftliche Durchdringung machte jedoch eine exakte Definition des Prädikators „Kauf- mann“ notwendig. Nach Handelsgesetzbuch ist ein Kaufmann diejenige Person, die ein sog. Handelsgewerbe betreibt, wobei eine lange Aufzählung von Beispielen folgt, die angeben, was alles als Handelsgewerbe bezeichnet werden soll.176 Ferner wird der Begriff des Kaufmanns weiter differenziert in einen Musskaufmann, Soll- 175 Vgl. Carnap [Wahrscheinlichkeit], S. 12ff. und die kritische Diskussion bei Poser [Wis- senschaftstheorie], S. 37ff. 176 §1 Abs. 1 Handelsgesetzbuch (vor Inkrafttreten des Handelsrechtsreformgesetzes am 22.06.1998). kaufmann, Kannkaufmann, Formkaufmann, Minderkaufmann und Scheinkauf- mann (siehe Abbildung 1). Hier ist die oben dargelegte Vorgehensweise gut ersichtlich. Der Begriff des Kauf- manns wurde durch eine Definition eingeführt: „Kaufmann ist, wer ein Handels- gewerbe betreibt.“ Der Begriff des Handelsgewerbes wurde aber exemplarisch eingeführt: Zum Handelsgewerbe zählen etwa die Anschaffung und Weiterveräu- ßerung von beweglichen Sachen oder aber Bankier- und Geldwechslergeschäfte usw.177 Schließlich wird der Aufbau der Terminologie durch die Einführung ver- schiedener Differenzierungen in Musskaufmann, Sollkaufmann etc. weiter voran- getrieben und somit eine grundlegende Systematisierung geschaffen. Kaufmann Muss Grundh kaufmann Kannkaufmann Sollkaufmann Formkaufmann kraft andelsgewerbe kraft Eintragung kraft Rechtsform Minderkaufmann Vollkaufmann nicht kaufm organis ännisch iert kaufmännisch organisiert unabhängig von der kaufmännischen Organisation Abbildung 1: Kaufmannsbegriff (alte Systematisierung nach Handelsge- setzbuch vor der Handelsrechtsreform 1998) 2) Der Begriff der Kosten bzw. Unkosten ist aus dem Alltag gut bekannt. Auch hier wurde für das externe und interne Rechnungswesen ein begrifflicher Rahmen geschaffen, der hilft, klare Bestimmungen und Abgrenzungen vornehmen zu kön- nen. Der Begriff der Unkosten ist dem wissenschaftlich hochstilisierten Rech- 75 177 Für die vollständige Auflistung siehe §1 Abs. 2 Handelsgesetzbuch (vor Inkrafttreten des Handelsrechtsreformgesetzes am 22.06.1998). 76 nungswesen dabei fremd: Es gibt nur Kosten, keine Unkosten.178 Kosten sind auch hier nicht im landläufigen Sinne betriebliche „Ausgaben“. Der Kostenbegriff ist allein ein Begriff der internen Rechnungslegung, der sog. Betriebsbuchhaltung. Kosten werden hier fein differenziert abgegrenzt gegenüber Auszahlungen, Aus- gaben und Aufwendungen, also ein terminlogisches Netz geschaffen, das eine ex- akte Rede und präzise Identifikation ermöglicht (siehe Abbildung 2).179 Auszah- lungen, Ausgaben, Aufwendungen, Kosten stehen Einzahlungen, Einnahmen, Erträgen, Leistungen gegenüber, ja es sind Fälle denkbar, dass Ausgaben vorliegen, die keine Aufwendungen sind und dass man Einzahlungen hat, die keine Einnah- men darstellen. Die Kostenartenrechnung führt dann eine weitere Differenzierung des Kostenbegriffs durch und unterteilt ihn hinsichtlich der Herkunft etwa in Grundkosten, Anderskosten, Zusatzkosten, hinsichtlich der Variabilität in Abhän- gigkeit vom Beschäftigungsgrad in fixe Kosten und variable Kosten, hinsichtlich der Zurechenbarkeit in Einzel- und Gemeinkosten bzw. Primär- und Sekundär- kosten. 178 Zur Verwendungsweise und Etymologie des Kosten- und Unkostenbegriffs vgl. Küh- nel [Kosten]. 179 vgl. Hummel/Männel [Kostenrechnung], S. 63ff. Abbildung 2: Inhalt und Bedeutung der Begriffsreihe "Auszahlungen, Ausgaben, Aufwand, Kosten" (Hum- mel/Männel [Kostenrechnung], S. 65) 77 3) Die Vieldeutigkeit und die unterschiedliche Verwendungsweise des Begriffs „Betrieb“ machen deutlich, dass die Definition eines Begriffs von Denkschule zu Denkschule stark variiert:180 Für die einen ist der Betrieb eine „technische Ein- heit“ als funktionale Beschreibung einer Input-Output-Relation in Form einer Produktionsfunktion (Erich Gutenberg; produktionstheoretischer Standpunkt). Für andere ist der der Betrieb ein „soziales Gebilde“ in Form der Kooperation mehrerer Menschen zur Erstellung von Leistungen für Dritte, das sich mit vielfäl- tigen inner- und außerorganisatorischen Einflüssen auseinander zu setzen hat (Edmund Heinen und soziologisch-verhaltenswissenschaftliche Öffnung der Be- triebswirtschaftslehre). Für wiederum Dritte ist der Betrieb ein „offenes, komple- xes, dynamisches System“, das Gegenstand bewusster Gestaltungsprozesse ist (Hans Ulrichs systemtheoretischer Ansatz; Controlling-Ansatz). Ähnlich vieldeutig wie der Begriff des Betriebs ist der der Organisation. Bekannt ist in diesem Zusammenhang v.a. Gareth Morgans Auflistung verschiedener Or- ganisationsmetaphern geworden, mit der er unterschiedliche Ansätze der Organi- Abbildung 3: Metaphern der Organisation bei Gareth Morgan (Walter-Busch [Organisations- theorien], S. 271) 78 180 Vgl. Grochla [Unternehmung], Sp. 374ff.; Wöhe [Betriebswirtschaftslehre], S. 12ff. 79 sationsforschung (und ihre Sichtweise auf bzw. Definition von Organisation) kurz und bündig charakterisiert (Abbildung 3).181 Dies allesamt zeigt: Es ist die jeweils verfolgte Ausgangsfragestellung und die spezifische Forschungsabsicht, die über die inhaltliche Füllung und damit Zweckmäßigkeit einer Definition wesentlich mitentscheidet. 4) Werner Kirsch entwickelt in seinem Buch „Wegweiser zur Konstruktion einer evolutionären Theorie der strategischen Führung“ eine fein differenzierte Termi- nologie zur Analyse von Strategien und Strategieprozessen.182 Kirsch unterschei- det zunächst drei grundlegende Arten von Strategien: 1. Jeder einzelne Akteur hat egoistische, individuelle Strategien mit evtl. inhaltlichem Bezug auf das Unternehmen. 2. Strategien für das Unternehmen sind jene Strategien, die als Forderungen an die Organe des politischen Systems herangetragen werden. 3. Strategien des Unternehmens sind offiziell autorisiert und/oder ihnen wird im Unternehmen ein politischer Wille attribuiert. Sie entspringen damit einer intersubjektiv geteilten Vorstellung, die zumindest von einer dominieren- den Koalition im Unternehmen getragen wird. Von Strategien des Unternehmens sind die aus einer Außerperspektive zu beo- bachtenden, faktisch realisierten Strategien („strategy as a pattern“) zu unterschei- den. Hier spricht Kirsch der Deutlichkeit halber statt von Strategien von strategi- schen Manövern. Diese Unterscheidung hat ihren Grund darin, dass in einer erwei- terten Theorie der strategischen Führung nicht per se von einer Strategie des Un- ternehmens ausgegangen werden kann. Vielmehr können die beobachteten strate- gischen Manöver ausschließlich Ausfluss von Handlungen verschiedener Akteure 181 Vgl. Morgan [Organisation] und die Diskussion bei Walter-Busch [Organisationstheo- rien], S. 270ff. 182 Vgl. Kirsch [Führung], S. 14ff., wobei die bekannte Mintzberg’sche Unterscheidung zwischen „strategy as a plan“, „strategy as a ploy“, „strategy as a position“, „strategy as a perspective“ und „strategy as a pattern“ hier der Deutlichkeit halber gleich mit eingear- beitet wurde. Zu den „Five Ps for strategy“ vgl. ausführlich Mintzberg [Strategy]. 80 oder Partialzentren auf Basis ihrer individuellen Strategien mit inhaltlichem Bezug auf das Unternehmen sein. Gibt es aber eine Strategie des Unternehmens („strate- gy as a position“), so muss ferner nicht davon ausgegangen werden, dass diese auch explizit in Form eines Planes formuliert wurde („strategy as a plan“). Man kann sich auch vorstellen, dass es in Unternehmen ohne Planungssystem Kom- munikation zwischen den Führungskräften gibt, die zu einer Formierung von Stra- tegien führen kann. Diese strategische Führung kann den Charakter eines strategischen Managements annehmen, wenn sie in professionalisierter Form erfolgt, indem in systematischer Art unterschiedliche Methoden und Planungsinstrumente einge- setzt werden bzw. eine nachhaltige Reflexion über Führungsrollen und -aufgaben und Unternehmensperspektiven stattfindet („strategy as a perspective“, „strategy as a ploy“). Diskussion Die Ausarbeitung und Schaffung eines allgemein anerkannten begrifflichen Rah- mens stellt eine unerlässliche Bedingung für eine funktionsfähige Wissenschaft dar. Der geschaffene Begriffsrahmen nimmt dabei eine erste Ordnung und Syste- matisierung des betrachteten Bereichs vor, indem Pferde als Pferde gekennzeich- net werden und ferner basal-klassifikatorisch weiße Pferde („Schimmel“) etwa von rot-braunen Pferden („Füchsen“) unterschieden werden. Sprache schafft also Ordnung in der Flut von Sinnenseindrücken und Wahrnehmungen, hilft etwas als etwas Spezifisches allererst zu identifizieren. Es gibt also keine eindeutigen Ge- genstände „an sich“: Gegenstände sind schlicht das, was man in einer Sprache mit einem Wort bezeichnen kann.183 Sprache erschafft Welt in ihrem Sosein erst, d.h. es hängt maßgeblich von der spezifischen (Fremd- oder Fach-)Sprache ab, was als Gegenstand aus der Welt als ein spezifisches Etwas ausgegliedert wird. Diese Aus- gliederung sagt nichts über das Sosein und die Essenz des Gegenstandes aus.184 Die oft anzutreffende Unterscheidung zwischen Nominaldefinitionen und Realde- 183 Vgl. Seiffert [Wissenschaftstheorie 1], S. 31. 184 Vgl. hierzu noch einmal Kapitel 2.1.2 und die dortige Kritik des erkenntnistheoreti- schen Realismus und eines korrespondenztheoretischen Wahrheitsbegriffs. 81 finitionen ist vor diesem Hintergrund deshalb überholt: Definitionen vollziehen sich immer in Sprache und sagen auch nichts über die Wesenheit des dadurch be- zeichneten Gegenstandes aus.185 Definitionen sind immer Nominaldefinitionen auf der jeweiligen pragmatischen Basis. Auch können Definitionen bzw. Termini kaum richtig oder falsch sein – außer sie beinhalten gewisse Inkonsistenzen und logische Fehler –, sondern allenfalls einer spezifischen Fragestellung und Zweck- setzung angemessen oder nicht. Von einigen Wissenschaftstheoretikern, die stark auf die Naturwissenschaften fi- xiert sind, wird die herrschende definitorische Vielfalt in den Geistes- und Sozial- wissenschaften als ein Mangel oder Defekt angesehen, der die Unreife dieser Fä- cher belegen würde.186 Dabei wird jedoch übersehen, dass es die Geistes- und So- zialwissenschaften mit einem völlig anderen Gegenstandsbereich zu tun haben, der auch ein anderes Vorgehen erfordert: Während der Physiker beides zugleich leis- ten kann – die Erzeugung gewisser, intendierter Effekte im Experiment und deren spezifische sprachliche Bezeichnung und Normierung –, ist der Sozialwissen- schaftler in der Regel gezwungen, seine Begriffe aus dem Untersuchungsbereich und der damit verbundenen Alltagssprache zu entnehmen und im Verfahren der Explikation weiter zu präzisieren.187 Weit weniger als in den Naturwissenschaften sind zudem die Sozial- und Geisteswissenschaften von einer Vielzahl unterschied- licher Wissenschaftstypen und Denkschulen gekennzeichnet. Die Vielzahl der da- mit verbundenen Ziele und Zwecke des Forschens schlagen sich unweigerlich in 185 Vgl. Seiffert [Wissenschaftstheorie 1], S. 36ff. Im Streit um die Notwendigkeit der Un- terscheidung von Realdefinitionen und Nominaldefinitionen kommt der Unterschied zwischen verschiedenen wissenschaftstheoretischen Grundpositionen deutlich zum Aus- druck (vgl. Gabriel [Definition], S. 440). Je nach Schule unterscheiden sich die Darstel- lungen zur Definitionslehre daher erheblich, vgl. hierzu exemplarisch Kamlah/Lorenzen [Propädeutik] bzw. Seiffert [Wissenschaftstheorie 1] (für einen konstruktivistischen Standpunkt) und Gupta [Definitions] (für einen sprachanalytischen Standpunkt). 186 Siehe hierzu die umfassende Diskussionseinheit in der Zeitschrift „Ethik und Sozial- wissenschaft“ mit dem Hauptartikel von Dahlberg [Begriffskultur]. 187 Vgl. Kötter [Theoriekonzept], S. 341ff. einer Vielzahl unterschiedlicher Begriffsdefinitionen nieder.188 Die Anerkennung und Adaption bestimmter Begriffsvorschläge und Termini erfolgt aus wissen- schaftssoziologischer Sicht in einem eher diffusen Akt der Selbstorganisation. Niemand kann einer wissenschaftlichen Gemeinschaft vorschreiben, wie bestimm- te Begriffe zu verwenden sind. Es können nur sinnvolle Vorschläge für begriffli- che Normierungen gemacht werden, deren Übernahme und Anerkennung aber kaum bewusst gesteuert werden kann. Beispiel 1 macht deutlich, dass manche – aber nicht alle – Definitionen in den So- zialwissenschaften bzw. der Betriebswirtschaftslehre nicht nur im Elfenbein-Turm der Wissenschaft verbleiben: Sie haben unmittelbare lebenspraktische Relevanz, indem sie das soziale Zusammenleben ordnen und organisieren. Insofern be- schreibt man mit juristischen und ökonomischen Terminologien nicht nur das, was in der Welt geschieht, sondern man normiert (oft) zugleich auch (soziale, be- triebliche) Lebenszusammenhänge, schafft gewissermaßen neue Gegenstände. Abbildung 4: Bezugsrahmen zur Systematisierung des Forschungsfeldes strategische Führung (Kirsch [Führung], S. 26) 82 188 Siehe hierzu exemplarisch die Analyse des Begriffs „Vertrauen“ bei Hubig/Siemoneit [Vertrauen IR]; Hubig/Siemoneit [Vertrauen]. 83 Beispiel 4 macht besonders deutlich, dass die dort vorgelegte Terminologie viel mehr ist als nur eine lose Sammlung von Begriffen: Der erarbeitete, begriffliche Rahmen ist zugleich ein umfassender Analyserahmen, Bezugsrahmen bzw. Framework, eine rudimentäre Theorie, die die Identifikation von Forschungsfragen leitet und die Basis abgibt für weitere systematische Untersuchungen, hier: der Wechselwir- kungen, den gegenseitigen Einflussnahmen bzw. dem Zusammenspiel von (for- mierten) Strategien, (der Beobachtung) strategischer Manöver und der für die Formulierung von Strategien verantwortlichen Systeme und Methoden (Ziffern 1- 3 in Abbildung 4).189 Einige interessante Forschungsfragen, die sich aus diesem Rahmen ableiten lassen, könnten sein:190 1. Welchen Einfluss hat die (Selbst-)Beobachtung strategischer Manöver auf das Selbstverständnis und damit die Formierung zukünftiger Strategien (Ziffer 6) bzw. auf das Planungssystem (Ziffer 7) und die zukünftige For- mulierung von Strategien? 2. Welchen Einfluss haben andererseits etablierte Planungssysteme auf die Formierung von Strategien (Ziffer 9) bzw. auf die Beobachtung strategi- scher Manöver (Ziffer 8)? 3. Welche Zusammenhänge bestehen zur Performance (Ziffern 11-13) oder den Umfeldbedingungen (Pfeil 14)? 4. Welche Interaktionsverhältnisse bestehen zwischen den einzelnen Variab- len, wenn man von der obigen, statischen Betrachtung absieht und das a- gierende, dynamische Gesamtsystem über die Zeit betrachtet? Wir sehen auch hier wieder: Der terminologische Rahmen wurde in einer gewissen Hinsicht, auf einen gewissen (zentralen) Zweck hin entworfen. Insbesondere Punkt 3 macht deutlich, dass Fragen der „Performance“, also Fragen der Effekti- 189 Zu der Rolle von Bezugsrahmen in der betriebswirtschaftlichen Forschung vgl. Kirsch et al. [Forschung], S. 22ff. 190 Für eine ausführliche Darstellung hierzu vgl. Kirsch [Führung], S. 25ff. 84 vität und Effizienz, eine wichtige Rolle in der betriebswirtschaftlichen Forschung spielen – ein Charakteristikum von Technikwissenschaften generell, auf das es noch eingehender zurückzukommen gilt. 3.1.2 Typisierung und Klassifikation Charakterisierung Im Zuge der weiteren begrifflichen Ordnung des Betrachtungsbereichs spielen in den Sozial- und Geisteswissenschaften, aber auch in den klassisch deskriptiven Naturwissenschaften wie der Biologie oder Geographie, sog. Typisierungen eine wichtige Rolle. Ein (Ideal-)Typus ist dabei eine gedankliche Konstruktion, unter der gewisse (als beschreibungsrelevant erachtete) Merkmale bzw. Merkmalsgrup- pen zusammengefasst werden.191 Max Weber beschreibt ihn folgendermaßen: „Er [der Idealtypus; Anmerkung des Verf.] wird gewonnen durch einseitige Steigerung eines oder einiger Gesichtspunkte und durch Zusammenschluß einer Fülle von diffus und diskret, hier mehr, dort weniger, stellenweise gar nicht, vorhandenen Einzelerscheinungen, die sich jenen einseitig herausgehobenen Gesichtspunkten fügen, zu einem in sich einheitlichen Gedankengebilde.“192 Typisierungen stellen damit gewisse Idealisierungs- und Abstraktionsleistungen dar, die im Einzelnen aber nur schwer zu beschreiben sind.193 Oft wird ein gewisser Typus nur aus der anschaulichen Vertrautheit mit einem Gegenstandsbereich heraus intuitiv gebildet und auch verstanden (z.B. der Renaissancemensch).194 Eine gewisse Kontrafaktizi- tät ist dabei nicht selten: In einem Typus werden gewöhnlich Merkmale gebündelt, die in unterschiedlichen Einzelbeschreibungen zwar festgestellt werden konnten, die aber in ihrer Gesamtheit kaum jemals auf einen konkreten Musterfall so zutref- 191 Vgl. Inhetveen/Kötter [Beschreibungen], S. 10f. 192 Weber [Schriften], S. 43. 193 Vgl. Inhetveen/Kötter [Beschreibungen], S. 10f.. Zu den unterschiedlichen Verfahren der Idealisierung, Abstraktion vgl. ausführlich Kapitel 3.1.6. 194 Vgl. McLaughlin/Lübbe [Typus], S. 363. 85 fend sein dürften.195 Max Weber: „In seiner begrifflichen Reinheit ist dieses Ge- dankengebilde nirgends in der Wirklichkeit empirisch vorfindbar, es ist eine Uto- pie.“196 Die ideale Beschreibung von etwas als eine Konkretisierung bzw. Instanti- ierung eines gewissen Typus erfolgt oft ebenfalls stark intuitiv aus bloßer Ver- trautheit mit dem Betrachtungsbereich.197 Typisierungen dienen ferner als Basis, um Systematiken und Klassifikationen aufzubauen. Beispiele 1) Unternehmen können nach der Art der erzeugten Güter in Sachleistungs- und Dienstleistungsunternehmen gegliedert werden. Sachleistungsunternehmen erzeu- gen in erster Linie materiale Güter, Dienstleistungsunternehmen zeichnen sich durch die Abgabe meist (immaterieller) Arbeitstätigkeiten aus, wobei häufig das sog. Uno-Actu-Prinzip (d.i. das Zusammenfallen von Erzeugung und Verbrauch) als ein wesentliches Charakteristikum (neben anderen) genannt wird, um Dienst- leistungen als Dienstleistungen zu kennzeichnen. Zum Zwecke der weiteren Präzi- sierung werden dann unterschiedliche Merkmale bzw. Merkmalsklassen in An- schlag gebracht (Abbildung 5), die die Basis dafür abgeben, später ein reales Un- ternehmen als (ideal-)typisches Sach- oder Dienstleistungsunternehmen auszeich- nen zu können. 195 Vgl. Inhetveen/Kötter [Beschreibungen], S. 11. Christoph Hubig spricht deshalb auch von Typen als „idealen Grenzbegriffen“, die nicht mit „allgemeinen Gattungsbegriffen“ verwechselt werden dürfen (vgl. Hubig [Forschung], S. 70). 196 Weber [Schriften], S. 43. 197 Vgl. McLaughlin/Lübbe [Typus], S. 363. Abbildung 5: Typologie privater Betriebe (Schweitzer [Betriebswirtschafts- lehre], S. 37) Die idealtypische Unterscheidung zwischen Sach- und Dienstleistungsunterneh- men dient ferner dazu, eine basale Systematik unterschiedlicher Betriebsarten auf- zubauen, die in Konkurrenz tritt zu anders gelagerten, typisierenden Systematisie- rungsversuchen – wie etwa nach Betriebsgröße, Branche, Fertigungsprinzipien, Rechtsform, etc.198 86 198 Zu unterschiedlichen Arten einer Betriebstypologie vgl. Wöhe [Betriebswirtschaftsleh- re], S. 14ff. 2) Analog entwirft Bruno Tietz in seiner Dissertation eine umfassende Typologie der Messen und Ausstellungen.199 3) Die Unterscheidung verschiedener Führungsstile, etwa zwischen autoritären und partizipativen Stilen im Rahmen des Führungsstil-Kontinuums von Robert Tannenbaum und Warren H. Schmidt oder aber zwischen einem Beziehungsstil, einem Integrationsstil, einem Verfahrenstil und einem Aufgabenstil bei William J. Reddin, erweisen sich letztendlich ebenfalls als unterschiedliche (teils konkurrie- rende) Typisierungsversuche interessierender betrieblicher Sachverhalte.200 Abbildung 6: Führungsstile nach William J. Reddin (Scholz [Personalmanagement], S. 941) 4) Stuart L. Hart entwirft eine Typologie unterschiedlicher Modi der Strategiefor- mierung in Unternehmen, für die die Rolle der Unternehmensleitung auf der einen 87 199 Vgl. Tietz [Typen]. 200 Zu unterschiedlich möglichen Führungsstil-Typologien vgl. Scholz [Personalmanage- ment], S. 923ff. und die Rolle der Organisationsmitglieder auf der anderen Seite die herausragende Klassifikationsmerkmale darstellen (Abbildung 7).201 Abbildung 7: Modi der Strategieentwicklung (Hart [Framework], S. 334) Nach eigenem Bekunden stellen die unterschiedlichen Modi der Strategieformie- rung gewisse Idealisierungen dar, die in der Praxis kaum in reiner Ausprägung so anzutreffen sind.202 In späteren Arbeiten versucht Hart im Rahmen einiger hypo- thesentestender Untersuchungen nachzuweisen, dass die einzelnen Formierungs- modi in gewissen Unternehmens-Umfeldbedingungen und Organisationsstruktu- Abbildung 8: Kontingenzfaktoren und Strategie-Modi (Hart [Framework], S. 342) 88 201 Vgl. Hart [Framework]. 202 Vgl. Hart [Framework], S. 333. 89 ren mehr oder weniger Erfolg versprechend sind. Er postuliert dabei die Abbildung 8 zu entnehmenden Zusammenhänge. Diskussion Typisierungen werden in der Betriebswirtschaftslehre weit häufiger verwendet, als von den Fachvertretern explizit zugestanden wird – und zwar nicht nur zur basa- len sprachlichen Ordnung eines Phänomenbereichs. Typisierungen werden in der Betriebswirtschaftslehre auch in einem forschungspragmatischen Kontext ver- wendet, der sich deutlich von einer reinen Deskription, wie sie für die klassischen Wissenschaften typisch ist, unterscheidet. Zum einen dienen Typisierungen als Basis weiterer Überlegungen – insbesondere von Bewertungen – hinsichtlich der Effizienz und Effektivität gewisser Verfahrensweisen. Dies wird insbesondere in Beispiel 3 deutlich, wo Reddin zwischen effizienten und nicht-effizienten Füh- rungsstilen unterscheidet. V.a. aber um der Gestaltungsaufgabe des Faches nach- kommen zu können, werden zum anderen in manchen Bereichen Situationstypi- sierungen mit spezifischen Verfahrensregeln verbunden, die eine Leitvorstellung für das Handeln der Praxis abgeben sollen.203 Hart versucht z.B. eine Verbindung zwischen den Typen der Unternehmenssituation und den verschiedenen Strate- giemodi herzustellen. Das genannte Vorgehen wird aber auch ersichtlich im Fall- studienkonzept der Harvard-Schule oder aber gewissen „Best-Practise- Betrachtungen“, in denen beispielhafte Situationsbeschreibungen mit spezifischen Handlungsanweisungen, Verfahren, Gestaltungsmaßnahmen verbunden wer- den.204 So nützlich es manchmal sein mag, unterschiedliche Situationen durch Typisierung als gleiche Problemlagen auszuzeichnen, um daran eine Art von Musterlösung zu knüpfen, macht Andreas G. Scherer darauf aufmerksam, dass dies mitnichten im- mer sinnvoll ist. Scherer wendet sich gegen Hart und dessen Idee eines „one best way of management“ je nach Situationstyp (im Sinne eines „scientific manage- 203 Vgl. Kötter [Theoriekonzept], S. 340. 204 Vgl. Kötter [Theoriekonzept], S. 340. 90 ment“, das nur wissenschaftlich erprobte Regeln und als bewährt geltende Ge- setzmäßigkeiten „anwendet“) und versucht deutlich zu machen, dass es sich hier allenfalls um gewisse Leitvorstellungen handeln kann, ein naives Befolgen von Regeln – gerade im strategischen Bereich – wohl kaum angezeigt ist, sondern viel- mehr die Urteilsfähigkeit und Kompetenz des Managements geschärft werden muss.205 In den wissenschaftstheoretischen Erörterungen zum Typusbegriff war es ferner stets umstritten, ob Typen lediglich eine deskriptive Ordnungsleistung darstellen oder darüber hinaus als Basis von Erklärungen und der Ableitung kausaler Relati- onen dienen können:206 So wurde z.B. bei sozialstatistischen Forschungen eine gewisse Köpergröße mit einer spezifischen Neigung zum Verbrechen in Verbin- dung gesetzt, in der Psychologie die Physiognomie mit spezifischen Charakterei- genschaften. Ähnliches wäre natürlich auch in der Betriebswirtschaftslehre denk- bar, etwa indem verschiedene Typen von Führungspersönlichkeiten mit der Er- folgsträchtigkeit von Change-Prozessen o.ä. in Verbindung gebracht würden. Um hier wissenschaftstheoretisch auf der sicheren Seite zu sein, bedürfen diese zu- nächst empirisch-nachweisbaren, rein statistischen Zusammenhänge jedoch einer ausführlichen theoretischen Begründung über den tatsächlich wirksamen Kausal- Nexus, um als wissenschaftlich und seriös eingestuft werden zu können (zum Problem der sog. Unsinns-Korrelationen vgl. ausführlich Kapitel 3.1.5). Generell gilt jedoch das bereits im Rahmen der Erörterung zur definitorischen Begriffsbildung Gesagte: Idealtypen sind heuristische Hilfsmittel, über deren Ge- eignetheit – wie bei Begriffen – allein der Erfolg bzw. die Fruchtbarkeit für die Erkenntnis interessierender Erscheinungen im Rahmen eines spezifischen, for- schungspragmatischen Kontextes maßgeblich ist.207 Gerade die Erläuterungen des Typusbegriffs in den Originaltexten von Max Weber machen zudem die Historizi- 205 Vgl. Scherer [Pluralismus], insbesondere S. 68ff. 206 Vgl. McLaughlin/Lübbe [Typus], S. 363. 207 Vgl. Weber [Schriften], S. 44f.; Hubig [Kunst d. Mögl. 2], S. 65; Hubig [Forschung], S. 70. 91 tät typisierender Beschreibungen deutlich:208 Der Typus ist ein „historisches Indi- viduum“, ein komplex von Zusammenhängen und Merkmalen in der geschichtli- chen Wirklichkeit, die wir unter dem Gesichtspunkt ihrer Kulturbedeutung zu ei- nem Ganzen zusammenfassen. D.h.: Wäre der Begriff des Kaufmanns – wie in Beispiel 1 Abschnitt 3.1.1 – nicht so exakt definiert worden, könnte man ihn auch als einen Typusbegriff in Form einer ideellen Sammelbezeichnung interpretieren, etwa im Rahmen gewisser geschichtlich-soziologischer Untersuchungen zum früh- oder spätkapitalistischen Wirtschaften (um in der Weber’schen Sprechweise zu bleiben). Gerade die Handelsrechtsreform 1998 zeigt die Wandlung bzw. Histori- zität dieser Typisierung: Die Reform – insbesondere die Anpassung der Paragra- phen 1 und 2 (und damit der Definition des Kaufmannsbegriffs) wurde v.a. auch deshalb vorgenommen, um der wachsenden Bedeutung von Dienstleistungsbe- trieben Rechnung tragen zu können. 3.1.3 Quantifizierung und Messung Charakterisierung Messungen sind dem terminologischen Sprachaufbau methodisch nachgeordnet, weil sie die sprachliche Charakterisierung desjenigen Bereichs, dessen Elemente und Relationen arithmetisiert werden sollen, bereits voraussetzt. Denn: Sprache erschafft erst Welt in ihrem Sosein (nicht: das Vorhandensein einer physischen Außenwelt [sic!]) bzw. Sprache formt erst jene grundlegende Ontologie bzw. Be- schaffenheit eines Betrachtungsbereichs, der die Basis abgeben kann für verschie- dene Formen der weiteren wissenschaftlichen Hochstilisierung. Eine Messung, so könnte man definieren, ist die „Zuordnung von Zahlenwerten und numerischer Verfahren zu empirischen Größen und Vorgängen“209, die sog. Messtheorie „derjenige Teil der Wissenschaftstheorie, der die Beziehung zwischen empirischen und numerischen Strukturen unter dem Gesichtspunkt untersucht, 208 Vgl. Weber [Schriften], S. 43ff. und S. 67ff.. Zur Historiztät der Erkenntnis vgl. Seif- fert [Wissenschaftstheorie 2], S. 234ff. 209 Mainzer [Messung], S. 862. dass die empirischen Objekten zugeordneten Zahlenwerte als Messwerte von die- sen Objekten zukommenden Eigenschaften interpretiert werden können“210. Statt von einer „zukommenden Eigenschaft“ wird in der Standardliteratur der quantita- tiven, empirischen Sozialforschung häufig auch von einem (interessierenden) Merkmal eines gewissen Merkmalsträgers gesprochen, das erfasst, gemessen, quan- tifiziert werden soll.211 Hierbei ist zwischen direkt beobachtbaren, sog. manifesten und nicht direkt beobachtbaren, sog. latenten Merkmalen zu unterscheiden.212 Aus eher messtechnischer Perspektive wird statt von einer zu erfassenden Merk- malsausprägung auch von einer interessierenden Variable gesprochen, die unter- schiedliche Werte annehmen kann, wobei zwischen diskreten (dichotom-binären bzw. polytomen) Variablen einerseits und kontinuierlichen, stetigen Variablen an- dererseits (mit jeweils unterschiedlichen Messniveaus, siehe Abbildung 9) zu diffe- renzieren ist.213 Abbildung 9: Skalentypen und Messniveaus (Bortz/Döring [Forschungsmethoden], S. 69) 92 210 Schroeder-Heister [Meßtheorie], S. 861. 211 Vgl. exemplarisch Bortz/Döring [Forschungsmethoden], S. 2; Schnell et al. [Sozialfor- schung], S. 129f.; Raithel [Forschung], S. 37. 212 Vgl. Bortz/Döring [Forschungsmethoden], S. 3. 213 Vgl. Bortz/Döring [Forschungsmethoden], S. 2f.; Schnell et al. [Sozialforschung], S. 130f. So kann etwa die diskrete Variable „Geschlecht“ die Werte „männlich“=0, „weib- lich“=1 annehmen. Im Gegensatz zu manifesten Variablen ist die Entscheidung darüber, wie latente Merkmalen gemessen werden sollen, oft nicht so eindeutig zu fällen: Die inte- ressierende Variable „Vertrauen“ kann z.B. als eine diskret-binäre Variable („Trust“=1 / „No Trust“=0), diskret-polytome Variable („No Trust“=0, „Marginal Trust“=1, „Full Trust“=2) oder aber stetige Variable (0=„No Trust“ ... 1=„Full Trust“) angesehen wer- den (vgl. hierzu ausführlich Siemoneit et al. [Modeling]). Auch hier gilt wieder: Es ist die jeweils verfolgte Ausgangsfragestellung, die wesentlich darüber mitentscheidet, welches Messniveau als das „richtige“, besser: das adäquateste bzw. angemessenste empfunden wird. 93 Die genauen Angaben/Anleitungen über die Vorgehensweisen/Verfahren zur Messung eines spezifischen Merkmals werden – in Anlehnung an Percy W. Bridg- man – als Operationalisierung bzw. operationale Definition des interessierenden Merkmals bezeichnet.214 Während Begriffe bzw. manifeste Merkmale wie Körper- größe, Alter oder Geschlecht recht einfach operationalisiert215 werden können, ist dies bei latenten Merkmalen – sog. Konstrukten – oft ein recht komplexes, schwieriges Unterfangen. Nicht-direkt beobachtbare „theoretische Konstrukte“ (wie etwa soziale Schicht, Wandlungsfähigkeit, strategische Fitness, innovations- freudige Unternehmenskultur) bzw. „psychologische Konstrukte“ (innere Einstel- lung, Haltung, Neigung, Disponiertheit einer Person bzw. Personengruppe) stellen jedoch häufig den Normalfall der empirischen Sozialforschung dar. Die Operatio- nalisierung derartig latenter Variablen erfolgt schrittweise zunächst durch ein Auf- splitten in unterschiedliche „Dimensionen“ und anschließend dem sukzessiven Herunterbrechen auf letztendlich messbare, direkt beobachtbare, manifeste Merkmale/Variablen, sog. Indikatoren (Abbildung 10).216 Wie viele Zwischen- schritte hierfür jedoch benötigt werden ist unterschiedlich und hängt von der Abs- traktheit des zu operationalisierenden Ausgangsbegriffes ab.217 Ein allgemeingülti- ges Stufenschema gibt es nicht.218 Um die Zuverlässigkeit der Messung zu erhö- hen, ist es zudem heute üblich, statt nur eines Indikators für das Konstrukt (bzw. 214 Vgl. Kromrey [Sozialforschung], S. 183ff.; Bortz/Döring [Forschungsmethoden], S. 3 und S. 62ff.. Zum sog. Bridgman’schen Operationalismus vgl. Bridgman [Logik], insbe- sondere S. 3ff.; Bridgman [Operational analysis]; einführend Wolters [Operationalismus]. 215 So kann die Operationalisierung/Messung des Begriffs Körpergröße auf unterschiedli- che Weise erfolgen: Zum einen kann die Anweisung an einen Versuchsleiter ergehen, die Probanden barfüßig an die Wand neben ein dort angebrachtes Maßband zu stellen, um dann mit einer waagerecht gehaltenen Latte am Scheitel die Körpergröße abzulesen. Die Körpergröße wird hier auf einer Ratioskala gemessen. Zum anderen könnte die Messung der Körpergröße auch dadurch erfolgen, dass eine Vielzahl nebeneinander stehender Probanden nach Größe geordnet werden. Die Körpergröße würde dann in Form einer Ordinalskala angegeben werden (vgl. Kromrey [Sozialforschung], S. 183f.). 216 Vgl. Schnell et al. [Sozialforschung], S. 127ff.; Raithel [Forschung], S. 39ff.; für die Betriebswirtschaftslehre im Speziellen Homburg/Giering [Konstrukte]; Hilde- brandt/Temme [Strukturgleichungsmodelle]; Giere et al. [Konstrukte]. 217 Vgl. Raithel [Forschung], S. 39. 218 Vgl. Raithel [Forschung], S. 39. für einen spezifischen Teilaspekt des Konstruktes) mehrere Indikatoren zu ver- wenden (Konzept sog. multipler Indikatoren).219 Die rechentechnische Zusam- menfassung mehrerer Indikatoren zu einer gemeinsamen, höherstufigen Variable ergibt einen sog. (eindimensionalen bzw. mehrdimensionalen) Index.220 „Konstrukt“ (Latente Variable) „Indikator“ (Manifeste Variable) „Observable“ bzw. durchzuführende Messoperation Innovationsfähigkeit deutscher Unternehmen Anzahl neuartiger Produkte Anzahl der Patentanmeldungen (zu erfragen beim Patentamt bzw. durch eine Datenbank- recherche) Anzahl neuer am Markt eingeführter Produkte (zu erfragen bei der Marketing-Abteilung) Anteil der F&E-Ausgaben am Gesamtbudget (zu ermitteln durch Analyse der Jahres- berichte) Umfang der F&E- Aktivitäten Entfremdung in der Industriegesellschaft Häufigkeit sozialer Kontakte ...? Zu erheben qua Durchführung einer standardisierten, schriftlichen Befragung, in der verschiedene Items beantwortet werden müssen: 1. Ich komme mir in meiner Wohnsiedlung oft vor wie ein Fremder (0: trifft nicht zu ... 5: trifft vollständig zu) 2. Ich bin nach der Arbeit häufig zu müde, um noch andere Menschen zu treffen (0: trifft nicht zu ... 5: trifft vollständig zu) 3. ... Abbildung 10: Operationalisierung In einem abschließenden Schritt ist die erarbeitete Operationalisierung daraufhin zu prüfen, ob sie auch exakt und fehlerfrei misst, also objektiv, zuverlässig („reliabel“) und gültig („valid“) ist (Abbildung 11).221 In der Regel wird hierzu ein sog. Pretest durchgeführt, in dem das Erhebungsinstrument getestet, bewertet und gegebenen- 94 219 Vgl. Schnell et al. [Sozialforschung], S. 133ff.; für die Betriebswirtschaftslehre im Spe- ziellen Sarstedt/Wilczynski [Multi-Item Measures]. 220 Zu den unterschiedlichen Verfahren der Indexbildung vgl. Schnell et al. [Sozialfor- schung], S. 166; Bortz/Döring [Forschungsmethoden], S. 143ff. 221 Vgl. hierzu ausführlich Schnell et al. [Sozialforschung], S. 149ff. bzw. S. 195ff.; für die Betriebswirtschaftslehre im Speziellen Homburg/Giering [Konstrukte]; Hilde- brandt/Temme [Strukturgleichungsmodelle]. falls modifiziert wird.222 Nicht selten sind zwei oder mehr Pretests erforderlich, bis ein zufrieden stellendes Ergebnis erreicht wird.223 Gütekriterien der Messung ReliabilitätObjektivität Validität  Durchführungsobjektivität  Auswertungsobjektivität  Interpretationsobjektivität  Innere Konsistenz  Stabilität  Inhaltsvalidität  Konstruktvalidität  Kriteriumsvalidität Abbildung 11: Gütekriterien der Messung (in Anlehnung an Raithel [Forschung], S. 45) Beispiele 1) Kundenzufriedenheit und daraus erwachsende Kundenbindung, so sagen viele Betriebswirte, ist ausschlaggebend für den zukünftigen Erfolg von Unternehmen. Kundenzufriedenheit ist aber nicht direkt feststellbar, sondern ein „psychologi- sches Konstrukt“, das sich aus mehreren Dimensionen zusammensetzt, wie etwa der Zuverlässigkeit des Unternehmens bzw. seiner Produkte, dem Service sowohl vor als auch nach dem Kauf, der Erfüllung der Erwartungen des Kunden an das Produkt etc.224 Um die Höhe der Kundenzufriedenheit feststellen zu können, ist eine standardisierte, schriftliche Befragung notwendig, bei der ein Kunde mehrere Fragen (in unterschiedlichen Frageblöcken/Fragebatterien) etwa mit Hilfe von Ratingskalen (0=„trifft nicht zu“ bis 8=„trifft vollständig zu“) zu beantworten hat. Durch das In-Anschlag-Bringen unterschiedlicher, arithmetischer Gewichtungen wird aus den einzelnen Likert-Skalen (die jeweils eine spezifische Teildimension 222 Vgl. Friedrichs [Sozialforschung], S. 162; Raithel [Forschung], S. 63f.; für die Betriebs- wirtschaftslehre im Speziellen Homburg/Giering [Konstrukte]; Hildebrandt/Temme [Strukturgleichungsmodelle]. 223 Vgl. Raithel [Forschung], S. 63. 224 Vgl. Homburg/Rudolph [Kundenzufriedenheit]. 95 96 des Konstrukts „Kundenzufriedenheit“ abfragen) ein (Gesamt-)Index errechnet, der die Gesamtzufriedenheit des Kunden mit einem Unternehmen misst. 2) Ein Betriebwirt möchte feststellen, wie erfolgreich Beratungsunternehmen mit ihren Beratungsprojekten wirklich sind. In seiner Untersuchung möchte er sich dabei auf Unternehmen in der Krise und auf Sanierungsprojekte beschränken. Der theoretische Begriff „erfolgreich“ ist daher durch eine messbare Größe, wie etwa „Zeitraum zwischen Beratung und Konkurs“ oder aber „Steigerung des Sharehol- der-Value“ zu ersetzten. 3) Im Rahmen der Untersuchungen der Unternehmenskultur und dem Unterneh- mensklima möchte ein Betriebswirt feststellen, wie es um den Zusammenhalt un- terhalb der Mitarbeiter bestellt ist bzw. welche Personen einer Gruppe einander sympathisch finden und welche nicht. „Sympathie“ ist aber ein theoretisches, bes- ser: psychologisches Konstrukt. Der Betriebswirt wird nun einen Fragebogen ent- wickeln und dort folgende Frage platzieren: „Nehmen Sie an, Sie hätten heute Geburtstag und ihre Wohnung ist so klein, dass Sie nur drei Gäste einladen kön- nen. Welche drei Kollegen würden Sie dann einladen?“.225 Der Forscher wird nun annehmen, dass die eingeladenen Personen vom Befragten als sympathisch einge- stuft werden und so mit seiner Umfrage versuchen zu rekonstruieren, wie sich das Beziehungsgeflecht in einer Abteilung gestaltet. Sympathie wird hier also mit „Zum Kaffee einladen“ operationalisiert (wobei die in einer sog. Soziomatrix ein- getragenen Antworten verschiedener Personen Aufschluss über den Status einer bestimmten Person bzw. über das herrschende Beziehungsgeflecht ermögli- chen).226 Diskussion Die Quantifizierung empirischer Sachverhalte ist für die Wirtschaftswissenschaf- ten und den Rezipienten wirtschaftswissenschaftlicher Forschung interessant, weil 225 Beispiel ist Seiffert [Wissenschaftstheorie 1], S. 208 entlehnt. 226 Zur sog. Soziomatrix und neueren Ansätzen der Netzwerkanalyse vgl. Schnell et al. [Sozialforschung], S. 177ff. 97 sie oft greifbarere Fakten schafft als bloße vage Schätzungen und Vermutungen über das Ausmaß einer gewissen Gegebenheit bzw. das Vorliegen eines Sachver- halts.227 In dem Wunsch nach einer starken Metrisierung, Quantifizierung und Mathematisierung wird jedoch auch die enge Orientierung am Vorbild der Natur- wissenschaft – insbesondere der Physik – deutlich: Operationalistische Überlegun- gen werden oft als Kern eines wissenschaftlichen Vorgehens per se betrachtet und dienen als Abgrenzungskriterium gegenüber wissenschaftlich nicht zulässigen Aus- sagen und Verfahrensweisen – eine Denkweise, die so (wie noch zu zeigen ist) jedoch kaum haltbar sein dürfte.228 Die obigen, zugegebenermaßen sehr pointierenden Beispiele sollen in ihrer Ver- kürzung zunächst deutlich machen, dass der Vorgang der Operationalisierung so- wohl logisch als auch sachlich eine höchst brisante Angelegenheit darstellt.229 Der Vorgang ist a) logisch brisant, weil die Zuordnung einer numerischen Größe zu ei- nem „Konstrukt“ bzw. einem interessierenden (latenten oder manifesten) Merk- mal keineswegs nur eine triviale Gleichsetzung darstellt, sondern eine ausgeklügel- te Messtheorie („Messmodell“) erfordert, die die vorliegende Operationalisierung begründen und als „sinnvoll“, „korrekt“ und „angemessen“ ausweisen kann. Diese Begründung bezieht sich zum einen sowohl auf die Ableitung und Auswahl der Dimensionen bzw. verwendeten Indikatoren (bei theoretischen/psychologischen Konstrukten und latenten Variablen), als auch zum anderen auf die Begründung der Messoperationen, mit denen die Ausprägung einer manifesten Variable erfasst werden soll.230 Neben dieser logischen Brisanz ist der Vorgang der Operationalisierung ferner b) auch sachlich brisant, weil hierfür umfangreiche Kenntnisse statistischer Methoden und Verfahren, der praktischen und theoretischen Vorbereitung und Durchfüh- rung empirischer Erhebungen sowie deren Auswertung erforderlich sind. Die Ge- 227 Vgl. von Auer [Ökonometrie], S. 1ff. 228 Vgl. hierzu exemplarisch Wolters [Operationalismus], S. 1081. 229 Vgl. Seiffert [Wissenschaftstheorie 1], S. 207. 230 Vgl. Kromrey [Sozialforschung], S. 184. 98 fahr, bei diesen anspruchvollen Anforderungen gewisse formale Verfahrensfehler zu begehen bzw. vor den hohen methodischen Ansprüchen zu kapitulieren, ist als hoch einzuschätzen.231 Die obigen Beispiele sollen – in ihrer Pointiertheit – v.a. die Schwierigkeiten eines operationalistischen Ansatzes deutlich machen: Die Festlegung etwa, wie lange ein Unternehmen in Beispiel 2 nach einem Sanierungsprojekt noch bestehen muss, damit ein Beratungsprojekt als erfolgreich gelten kann oder nicht, scheint einer gewissen Beliebigkeit anheim zu fallen:232 Es könnten hier zwei Jahre oder fünf Jahre angesetzt werden, wobei völlig unklar ist, weshalb die Grenze gerade zu die- sem Zeitpunkt gezogen werden sollte bzw. weshalb nicht. Beide Alternativen scheinen sich argumentativ – jeweils im Lichte einer spezifischen Theorie – gut rechtfertigen zu lassen. Auch ist unklar, ob der Indikator „Steigerung des Share- holder-Value“ überhaupt ein geeigneter Indikator ist bzw. ab welcher Größe von einem Erfolg des Beratungsprojekts gesprochen werden kann. Das, was Erfolg ist, kann durchaus – je nach Kontext – unterschiedlich ausfallen: Zur Messung etwa der Managementqualität oder zur Beantwortung der Frage, wie innovativ deutsche Unternehmen sind, hätte man vor zehn Jahren ganz andere Indikatoren in An- schlag gebracht als heute. Waren vor Jahren noch Stichworte interessant wie Busi- ness-Process-Reengineering oder Kaizen, würden heute eher Schlagworte wie Pro- zessorientierung, Nachhaltigkeit, Umweltorientierung, Wertebewusstsein bzw. Konzentration auf Kernkompetenzen genannt werden. Doch sind diese zeitlichen Veränderlichkeiten auch geklärt, bleibt immer noch die Frage, ob eine Operationa- lisierung auch die geeignete ist. Dies wird besonders in Beispiel 3 deutlich: Ob die Operationalisierung von Sympathie mit „Zum Kaffe einladen“ hier als geglückt zu 231 So wird in der Praxis oft jede Ansammlung von Items mit 5-stufigen Ratingskalen als Likert-Skala bezeichnet, ohne dass eine entsprechende Itemselektion mittels Trennschär- fe oder Faktorenanalyse stattgefunden hat (Bortz/Döring [Forschungsmethoden], S. 224; Schnell et al. [Sozialforschung], S. 191). Für eine umfassende Analyse methodischer Defi- zite der deutschsprachigen Marketingforschung vgl. Homburg/Baumgartner [Kausalana- lyse]. 232 Vgl. Seiffert [Wissenschaftstheorie 1], S. 207. 99 gelten hat und auch wirklich zuverlässig das misst, was gemessen werden soll, ist fraglich. Dieser Defekt wird klassischerweise dadurch gelindert, dass statt nur eines Indika- tors mehrere Indikatoren ein und derselben Dimension bzw. mehrere Indikatoren unterschiedlicher Dimensionen herangezogen werden. Je nach Definition des Aus- gangskonstrukts, d.h. der Art und Weise der sog. Konzeptspezifikation, dürften sich aus der Theorie gewisse zu berücksichtigende Dimensionen und Indikatoren ableiten lassen. Diese Theorie ist jedoch häufig zu rudimentär und unterbestimmt, weshalb heuristische Konzepte – wie etwa die Unterscheidung zwischen sog. for- mativen und reflektiven Indikatoren – die Suche nach geeigneten Kandidaten für Teildimensionen und Indikatoren anleiten sollen.233 Häufig greift man jedoch ein- fach auf bereits vorhandene Operationalisierungen anderer Forscher zurück.234 Gerade die Konstruktion der eigentlichen Messinstrumente – etwa in Form der Generierung von Items für einen Fragebogen – beruht jedoch nicht selten auf der 233 Zur Unterscheidung formativer und reflektiver Indikatoren vgl. überblicksartig Hom- burg/Klarmann [Forschung], S. 730ff.; Eberl [Konstrukte]; Christophersen/Grape [Messmodelle]. Dass es sich hierbei (lediglich) um ein heuristisches Konzept zur Auffin- dung geeigneter Indikatoren handelt, kann einfach am Beispiel der Operationalisierung der Variable „Trunkenheit“ erläutert werden: Während sich „Menge konsumierter Spiri- tuosen“ eindeutig als formativer Indikator (d.i. ein die Variable „Trunkenheit“ kausal beeinflussender Indikator) erweist und „Kann nicht gerade auf einer Linie gehen“ als reflektiver Indikator (d.i. ein von der Variable „Trunkenheit“ resultierender, beeinflusster Indikator), so ist die Zuordnung des Indikator „Alkoholgehalt im Blut“ kaum eindeutig möglich. Keiner käme jedoch deshalb auf die Idee, auf diesen Indikator zu verzichten. Die Unterscheidung zwischen formativen und reflektiven Indikatoren ist deshalb ein Hilfsmittel, das die Entdeckung möglicher Indikatoren anleiten soll (zum Problem der Unterscheidung formativer und reflektiver Indikatoren vgl. ausführlich Hom- burg/Klarmann [Forschung], S. 731). Im Wunsch, neben reflektiven Indikatoren auch formative Indikatoren zu erarbeiten, zeigt sich zudem erneut das Wesen der Betriebswirt- schaftslehre als Gestaltungslehre, geht es doch nicht nur darum, reflektiv zu messen, wie hoch z.B. die Kundenzufriedenheit ist (wie etwa üblich in der Soziologie, vgl. dazu exem- plarisch Bortz/Döring [Forschungsmethoden]; Schnell et al. [Sozialforschung]), sondern Stellhebel der Kundenzufriedenheit zu identifizieren, die später die Basis abgeben können für konkrete, betriebliche Handlungsempfehlungen / technische Regeln zur Erhöhung der Kundenzufriedenheit. 234 Vgl. Bortz/Döring [Forschungsmethoden], S. 191 und S. 355ff.; Schnell et al. [Sozial- forschung], S. 179. 100 „ungebremsten Phantasie“ der Skalenkonstrukteure.235 Insgesamt heißt dies je- doch: Die Modellierung einer Problemstellung sowie die Auswahl von Variablen, Indikatoren, Observablen sind von Wertungen bzw. Hintergrundannahmen gelei- tet und beruhen auf Wertvorentscheidungen des Forschers (weshalb eine strikte Tren- nung zwischen Sachverhaltsbeschreibung einerseits und Wertungen andererseits kaum möglich ist).236 Von Kritikern metrisierender Verfahren wird oft vorgebracht, dass sich der ganze Aufwand nicht lohne: 1. Durch die „Verbiegung“ des Ausgangsproblems und die Anwendung an- spruchsvoller statistischer Methoden würde künstlich eine gute Messbarkeit vorgetäuscht.237 Man messe zwar zuverlässig und metrisch, u.U. aber etwas ganz anderes, als das Gewollte – frei nach dem bekannten Kalauer: „Intelli- genz ist das, was Intelligenztests messen.“ 2. Von Vertretern einer eher verstehenden, qualitativ ausgerichteten Sozial- forschung wird vorgebracht, dass z.B. der Begriff „Kundenzufriedenheit“ gar kein nicht-beobachtbarer, „theoretischer Begriff“ sei, sondern eine di- rekt beobachtbare Größe.238 Das, was Kundenzufriedenheit ist, weiß schließlich jeder aus seiner eigenen Erfahrung. Man muss den Kunden nur fragen, mit ihm ein längeres Gespräch führen, um feststellen zu können, ob er nun Vertrauen in das Unternehmen hat, zur Zeit aber nur verärgert ist, im Grunde jedoch zufrieden ist oder ob er das Unternehmen für technisch inkompetent und den Kundeservice für miserabel hält. Dieses verstehende, nicht-quantifizierende Vorgehen bedeutet nicht, dass die erzielten Beo- 235 Vgl. Schnell et al. [Sozialforschung], S. 179; Friedrichs [Sozialforschung], S. 172f. Eine Skala sind Items, die entlang ein und derselben Dimension messen. Sie sind ein Messin- strument (in Form einer Fragebatterie etwa eines Fragebogen) als auch eine spezifische Form des Index (vgl. Schnell et al. [Sozialforschung], S. 166f., insbesondere auch Fußnote 1 und Schnell et al. [Sozialforschung], S. 179ff.). 236 Vgl. Hubig [Kunst d. Mögl. 2], S. 64ff. 237 Vgl. Chmielewicz [Forschungskonzeptionen], S. 72. 238 In Anlehnung an Seiffert [Wissenschaftstheorie 1], S. 211ff. 101 bachtungsergebnisse völlig willkürlich und intersubjektiv nicht überprüfbar wären: Ein zweiter Forscher kann ein erneutes Gespräch mit dem Kunden führen und versuchen, aufgrund seines Vorwissens und seiner Erfahrung festzustellen, ob der Kunde zufrieden ist oder nicht und den anderen For- scher in seiner Wahrnehmung bestätigen oder widerlegen.239 Generell – so die Vertreter der qualitativen Sozialforschung – sei ein verstehendes Vor- gehen dem Bereich des Sozialen viel angemessener als eine quantitativ- metrisierende Verfahrensweise: Die Netze seien dort viel zu grob, feine Nuancen und Schattierungen können nur im Rahmen verstehender Ansät- ze adäquat eingefangen werden.240 Daher ist es heute auch üblich, quantita- tiv-messende Ansätze (etwa in Form standardisierter Befragungen) und qualitativ-verstehende Ansätze der Datenerhebung (in Form offener bzw. teilstandardisierter Befragungen) miteinander zu kombinieren.241 Auf die Integration quantitativer und qualitativer Methoden gilt es jedoch noch eingehender zurückzukommen.242 Zum Abschluss sei noch auf ein ganz anderes Thema eingegangen, das mit der Thematik „Quantifizierung und Messung“ auf engste verbunden ist: das betriebli- che Rechnungswesen. Dieses wird mancherorts von Betriebswirten scheinbar als ein wissenschaftliches Verfahren der Beschreibung und Deskription betrachtet – wobei der Vergleich zu messtechnischen Instrumenten der Physik geradezu auf der Zunge zu liegen scheint.243 Der hier gezogene Vergleich verwischt jedoch die Eigenheiten des Rechnungswesens, das über die Ziele klassischer Wissenschaft – etwa des Messens und Experimentierens zum Zwecke der Theorieüberprüfung – weit hinausgeht: Das Rechnungswesen ist in erster Linie eine außerwissenschaftli- 239 Zur Intersubjektivität qualitativer Methoden vgl. Hubig [Verstehen]; einführend Seif- fert [Wissenschaftstheorie 2]. 240 Vgl. Seiffert [Wissenschaftstheorie 1], S. 253ff. 241 Vgl. Seipel/Rieker [Sozialforschung], S. 135ff. und 213ff.; Kelle [Integration], S. 227ff. 242 Vgl. hierzu die Diskussion des nomologischen und idiographischen Ansatzes in Kapi- tel 3.2.1 und 3.2.2 bzw. die Zusammenfassung in Kapitel 3.4. 243 Vgl. hierzu etwa Schanz [Wissenschaftsprogramme]. 102 che, sozialtechnische Errungenschaft zur Information betrieblicher Entschei- dungsträger im Sinne etwa einer Gewinn- und Verlustrechnung, die Pflicht zur Rechnungslegung eine juristische Norm. Es ist die Betriebswirtschaftslehre als Ges- taltungslehre, die sich der Untersuchung, Systematisierung, Weiterentwicklung des internen und externen Rechnungswesen als Instrument der Wirtschaftsführung in Orga- nisationen widmet, nicht die Betriebswirtschaftslehre im Sinne des Ziels des Be- schreibens. Die Entwicklung von Kennzahlen und Messtechniken, die der syste- matischen Erfassung, Überwachung und Verdichtung der durch den betrieblichen Leistungsprozess entstehenden Geld-, Güter-, Leistungsströme dienen, ist eine der Hauptaufgaben der Betriebswirtschaftslehre als Gestaltungslehre. Quantifizierung wird hier auch in erster Linie als eine Monetarisierung, d.i. eine Überführung in geldwerte Einheiten, gedacht – eine Reduktion auf das rein „Werthafte“, „Pekuni- äre“, „Nutzbringende“, „Instrumentelle“, das dem Fach schon häufig zum Vor- wurf gemacht wurde. Aber auch innerhalb der Betriebswirtschaftslehre ist diese Denkweise als unzulässige Verkürzung erkannt worden: Im Zuge des sog. Perfor- mance Measurement sind deshalb verstärkt Bemühungen in Gang gekommen, auch nicht-monetären Größen und „Soft-Factors“ erhöhte Aufmerksamkeit zu- kommen zu lassen, um eine transparentere und bessere Steuerung des Unterneh- mens zu ermöglichen – frei nach der Devise „What you can’t measure, you can’t manage“.244 Letztendlich bleibt jedoch die Frage, ob a) Quantifizierungen nicht oft nur gute Messbarkeit vortäuschen, also etwas ganz anderes messen, als gewollt und b) ob die Aussage, „What you can’t measure, you can’t manage“, nicht auch eine Einseitigkeit darstellt, die es in gewisser Hinsicht zu relativieren gilt.245 244 Vgl. Gleich [Measurement]. 245 Vgl. Hubig/Siemoneit [Vertrauen], S. 186f. 103 3.1.4 Univariate statistische Analysen, Inferenzen auf die Grundge- samtheit Charakterisierung In der Regel wird man sich nicht damit begnügen, nur eine einzige Messung durchzuführen. Stattdessen wird gewöhnlich ein Vielzahl von Messungen vorge- nommen, sei es nun an ein und demselben Merkmalsträger oder über verschiedene Merkmalsträger hinweg.246 Es ist die Aufgabe der deskriptiven Statistik, diese Daten zunächst aufzubereiten und komprimierend darzustellen.247 Dies umfasst zum einen die Errechnung gewisser Lagemaße (Mittelwert, Median, Modus) bzw. Streu- ungsmaße (Varianz, Standardabweichung) als auch die Aufbereitung dieser Daten in graphischer Form (Kreis- und Balkendiagrammen, Box-Wisker-Plots etc.). Dar- über hinaus ist aber auch von Interesse, inwiefern die gewonnenen Werte für die (gedachte) Grundgesamtheit/Gesamtpopulation aller Merkmalsträger überhaupt repräsentativ sind. Es ist die Aufgabe der induktiven Statistik, aus den Daten einer Einzel-Stichprobe auf die Eigenschaften der Grundgesamtheit bzw. Gesamtpopu- lation zu schließen und anzugeben, wie zuverlässig die vorgenommenen Schätzun- gen gewisser Populationsparameter sind.248 Beispiele 1) Viele Betriebswirte haben die vage Vermutung, dass sehr viele Unternehmen eine systematische, strategische Planung betreiben, weil davon große Vorteile er- hofft werden. Dieses „sehr viele“ bleibt jedoch völlig unscharf und subjektiv, so- lange nicht verlässliche Zahlen darüber vorliegen, wie viele Unternehmen tatsäch- 246 Findet die Messung/Erhebung zu einem bestimmten Zeitpunkt (bzw. in einem kurzen Zeitraum) über verschiedene Merkmalsträger statt, wird von einer Querschnittsanalyse gesprochen. Werden dagegen die Messdaten über einen längeren Zeitraum erhoben, in dem immer wieder punktuell gewisse Merkmalsausprägungen gemessen werden, spricht man von einer Längsschnittanalyse – wobei beim sog. Trenddesign jeweils unterschiedli- che Stichproben herangezogen werden, beim sog. Paneldesign jeweils ein und dieselbe Gruppe von Merkmalsträgern verwendet wird (vgl. Raithel [Forschung], S. 50). 247 Zur sog. deskriptiven Statistik vgl. exemplarisch Fahrmeir et al. [Statistik], S. 11f. 248 Zu sog. populationsbeschreibenden Untersuchungen vgl. ausführlich Bortz/Döring [Forschungsmethoden], S. 393ff. 104 lich eine institutionalisierte strategische Planung haben. Ferner könnte interessie- ren, wie genau die strategische Planung in die Aufbau- und Ablauforganisation integriert ist, mit welchen Methoden, in welchem Umfang und für welchen Zeit- raum geplant wird. Um hier endlich einmal greifbare Fakten zu schaffen, hat And- reas Al-Laham für den deutschsprachigen Raum eine umfassende empirische Un- tersuchung über die strategischen Prozesse in Unternehmen vorgelegt.249 2) Es könnte von großem Interesse sein (um das Beispiel 1 aus Abschnitt 3.1.3 noch einmal aufzugreifen), wie es um die Kundenzufriedenheit etwa der deutschen Automobilbranche bestellt ist. Um dies eruieren zu können, ist ein geeignetes Un- tersuchungsdesign zu entwickeln, indem etwa unterschiedliche Methoden der quantitativen und qualitativen Datenerhebung miteinander kombiniert werden. Aus einer repräsentativ gezogenen Stichprobe und weiteren induktiv-inferentiellen Verfahren können aus den zunächst gewonnenen Einzelergebnissen Aussagen über das Ausmaß der herrschenden Gesamt-Kundenzufriedenheit getroffen wer- den. 3) Die klassischen Verfahren der Kosten- und Leistungsrechung stellen die variab- len Einzelkosten in den Mittelpunkt der Betrachtung. Die Wertschöpfung in Un- ternehmen hat sich in den letzten Jahren jedoch dahingehend verändert, dass die (fertigungsfernen, indirekten) Gemeinkosten aufgrund der Zunahme vorbereiten- der, planender, steuernder und kontrollierender Aktivitäten stark zugenommen haben. Neuere Verfahren der Prozesskostenrechung bzw. des Prozesskostenma- nagements sollen hier Abhilfe schaffen. Im Rahmen der sog. Stuttgarter Studie führt Roman Stoi erstmals eine breite empirische Untersuchung zum Prozesskos- tenmanagement in Deutschland durch.250 Ziel war es zu erfahren, in welcher Art und Weise prozessorientierte Ansätze bei Unternehmen zum Einsatz kommen. 249 vgl. Al-Laham [Strategieprozesse]. 250 Vgl. Stoi [Kostenmanagement]. 105 Diskussion Deskriptive und inferentielle statistische Verfahren helfen, empirisch greifbare Fakten zu schaffen über empirische Sachverhalte und Ausmaße wie etwa Verbrei- tungsgrad (Beispiele 1 und 3) oder herrschende Akzeptanzlagen (Beispiel 2). Ob die Kundenzufriedenheit – gedacht auf einer Skala von 1 (niedrig) bis 100 (hoch) – nun 90 beträgt oder nur 85 bzw. das Ausmaß der strategischen Planung in einer Branche bei 95% oder 87% liegt, scheint eher belanglos: Bezieht man die prakti- schen Probleme empirisch sozialwissenschaftlicher Forschung bei der Beurteilung der Ergebnisse mit ein, ist eigentlich das Entscheidende, dass die vage Ausgang- vermutung, um die Kundenzufriedenheit bzw. strategische Planung sei es gut be- stellt, für einen bestimmten Raum-Zeit-Bereich (in Deutschland, in der Branche soundso, im Jahr 2007) empirisch belegt werden konnte.251 Ein wesentliches Problem einer induktiv verfahrenden Statistik ist die Repräsentati- vität der Stichprobe, denn die Anwendung inferentiell-statistischer Verfahren setzt das Vorhandensein einer sog. probabilistischen Stichprobe eigentlich voraus (zu den unterschiedlichen Stichprobenarten vgl. Abbildung 12).252 251 Vgl. Seiffert [Wissenschaftstheorie 1], S. 246. Die praktischen Probleme sind in erster Linie das Finden einer angemessenen Operationalisierung (siehe Abschnitt 3.1.3), das Erheben von Daten in Form einer repräsentativen Stichprobe nach Zusammensetzung und Größe (vgl. hierzu Bortz/Döring [Forschungsmethoden], S. 394ff.; Kaya/Himme [Stichprobenbildung]), das Vermeiden von Verzerrungen (Response-Errors, Common Method Variances, Common Method Biases) durch das gekonnte Design der Erhebungs- und Messinstrumente (vgl. Schnell et al. [Sozialforschung], S. 353; Raithel [Forschung], S. 81ff.; Temme et al. [Variance]; Söhnchen [Bias]), der richtige, kompensierende Umgang mit fehlenden Daten nach Durchführung einer Erhebung, sog. Non-Response-Errors, Item-Non-Response-Errors, Processing-Errors (Raithel [Forschung] S. 126; Back- haus/Blechschmidt [Datenqualität]; Göthlich [Daten]) sowie schließlich – insbesondere bei hypothesenprüfenden Untersuchungen (siehe dazu Abschnitt 3.2.1) – das Vermeiden von Verzerrungen durch die Verwendung inadäquater, statistischer Auswertungsmetho- den selbst (Backhaus et al. [Stichprobeneinfluss]). 252 Vgl. Bortz/Döring [Forschungsmethoden], S. 396. Abbildung 12: Stichprobenarten (Bortz/Döring [Forschungsmethoden], S. 402) Meist kann der Forscher jedoch gar keine probabilistische Stichprobe nach dem Zufallsprinzip zusammenstellen, sondern muss sich mit solchen Daten begnügen, an die er herankommt.253 D.h.: Bei vielen untersuchten Stichproben handelt es sich nicht um eine echte Zufallsstichprobe bzw. die Stichprobengröße ist viel zu klein (und damit die Schätzgenauigkeit zu gering), als dass sinnvolle, verallgemeinernde Aus- sagen überhaupt getroffen werden könnten.254 So weist etwa Albert Martin in sei- ner Untersuchung über empirische Arbeiten in der deutschsprachigen Betriebs- wirtschaftslehre im Zeitraum 1950-1984 darauf hin, dass in 40% aller Studien kei- ne Angaben über das Auswahlverfahren bzw. das Zustandekommen der Untersu- chungsstichprobe zu finden waren bzw. dass lediglich bei 15% der Studien von einer Zufallsstichprobe gesprochen werden kann.255 Auch neuere Untersuchungen des Zeitraums 1990-2002 scheinen dies zu bestätigen: In jeder fünften Studie sind keine Angaben zum Auswahlprinzip vorhanden bzw. zur anvisierten (fiktiven, ge- dachten) Grundgesamtheit, für die die Studie „repräsentativ“ wäre.256 Solche auf 106 253 Vgl. Seiffert [Wissenschaftstheorie 1], S. 245; Bortz/Döring [Forschungsmethoden], S. 400ff. So werden etwa bei primärstatistischen Erhebungen viele „zufällig gezogene“ Un- tersuchungsteilnehmer sich gegen ihre „Ziehung“ zur Wehr setzen und nicht an der Be- fragung teilnehmen. Die Stichprobe ist damit – streng genommen – verzerrt und nicht mehr als probabilistisch im eigentlichen Sinne zu bezeichnen. Aber auch bei sekundärsta- tistischen Untersuchungen, in denen auf bereits vorhandenes Datenmaterial von statisti- schen Ämtern, Institutionen, Verbänden etc. zurückgegriffen wird, kann nur das Daten- material verwendet werden, das eben verfügbar ist, wobei auch hier die Kriterien für eine streng probabilistische Stichprobe in den wenigsten Fällen erfüllt sein dürften. 254 Zum Problem der Stichprobenziehung als auch der Kalkulation des Mindeststichpro- benumfangs vgl. ausführlich Bortz/Döring [Forschungsmethoden], S. 394ff. und S. 479ff. 255 Vgl. Martin [Forschung], S. 173. 256 Vgl. Krafft et al. [Status], S. 93f. 107 „Ad-hoc-Stichproben“ und „Convenience-Samples“ beruhende Studien sind aber als wissenschaftlich wenig ergiebig einzustufen und haben allenfalls den Charakter explorativer Studien – so Jürgen Bortz und Nicola Döring.257 In der empirischen betriebswirtschaftlichen Forschung ist in den letzten Jahren ferner ein deutlicher Einbruch der Rücklaufquoten zu verzeichnen: Sie liegen – insbesondere bei Umfragen mit Führungskräften – bei nur noch einem Drittel.258 Oft wird dies damit begründet, dass in den letzten Jahren viel zu viele empirische Untersuchungen gemacht werden, die die Unternehmen überfordern würden.259 Dies greift jedoch zu kurz. Vielmehr verweist der Sachverhalt auf die prinzipiellen Möglichkeiten und Grenzen empirischer, betriebswirtschaftlicher Forschung, die so kaum ge- sehen werden: 1. Man ist zum einen mit dem Paradoxon konfrontiert, dass sich die Be- triebswirtschaftslehre dem eigenen, in den Unternehmen implementierten und geförderten Nützlichkeits-, Effektivitäts- und Effizienzdenken unter- werfen muss und sich so in der Erforschung des Gegenstandsbereiches selbst beschneidet.260 Viele Unternehmen erachten die zeitintensive Teil- nahme an empirischen Studien als wenig vorteilhaft für sich. Die Rücklauf- quoten sind deshalb entsprechend gering. Die geringen Rücklaufquoten werfen zudem ein kritisches Licht auf den wahrgenommenen Nutzen der- artiger Untersuchungen seitens der „Kunden“ der Betriebswirtschaftslehre. 2. Prinzipielle Grenzen zeigen sich zum anderen dort, wo es um strategisch relevante Bereiche in Unternehmen geht: Die Preisgabe gewisser Informa- tionen würde zu einem Wettbewerbsnachteil führen: Die Art und Weise etwa der strategischen Planung ist geheim, das Offenlegen der Verfahrens- weisen würde den geschaffenen Wettbewerbsvorteil zunichte machen. 257 Vgl. Bortz/Döring [Forschungsmethoden], S. 402 und S. 480. 258 Vgl. Krafft et al. [Status], S. 94. 259 Vgl. Krafft et al. [Status], S. 86 und S. 94. 260 Vgl. Freimann [Betriebswirtschaftslehre], S. 18f. 108 Nicht umsonst wurde weit bis in das 18. Jahrhundert hinein die Herausga- be kaufmännischer Lehrbücher als Verrat an der Zunft und Verletzung von Geschäftsgeheimnissen empfunden.261 Die Erforschung vieler, für den Forscher interessante Fragestellungen ist in der Betriebswirtschaftslehre aus diesen prinzipiellen Gründen deshalb gar nicht möglich. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass zum einen gerade an der Diskussion um die Stichprobenqualität (hinsichtlich Zusammensetzung und Größe) die gro- ßen praktischen Probleme eines quantitativ verfahrenden Ansatzes sehr deutlich wurden. Die oft mangelnde Repräsentativität betrifft dabei nicht nur populations- beschreibende Studien, sondern auch die noch eingehender zu erörternden hypo- thesentestenden Untersuchungen (siehe dazu ausführlich Kapitel 3.2.1). Studien mit einem „Convenience- Sample“ scheinen nicht die Ausnahme zu sein, sondern eher die Regel: Viele Studien der Führungsforschung etwa – z.B. der Ohio-State- Forschung – basieren allein auf der Analyse von Flugzeugbesatzungen.262 Viele Studien zu Strategieprozessen in Unternehmen bedienen sich allein Sekundärdaten (die ebenfalls schon verzerrt sein können), Brian R. Golden und Edward D. Zajac z.B. nur Sekundärdaten US-amerikanischer Krankenhäuser.263 Das Forschungsde- sign „freiwillige Teilnahme an Online-Befragungen“ ohne den Einsatz irgendwel- cher Auswahlverfahren scheint in Zeiten des Internet stark zuzunehmen, der Rückgriff auf Studierende als Probanden in irgendwelchen Experimenten eher normal zu sein.264 Umso wichtiger ist es daher, die Stichprobenzusammenset- zung/Stichprobengröße ausführlich zu charakterisieren und auch zu diskutieren, 261 Vgl. Löffelholz [Betriebswirtschaftslehre], S. 17. Zur Betriebswirtschaftslehre als ge- heime Kunstlehre vgl. Bellinger [Betriebswirtschaftslehre], S. 29. 262 Vgl. Scholz [Personalmanagement], S. 938. 263 Vgl. Golden/Zajac [Strategy], S. 1094. 264 Vgl. Krafft et al. [Status], S. 93f und S. 100. Zu den Problemen der freiwilligen Teil- nahme an Untersuchungen, die kaum in der Lage sind, den Durchschnittswert einer Po- pulation anzugeben vgl. Bortz/Döring [Forschungsmethoden], S. 402 und die dortigen, weiterführenden Literaturhinweise. 109 inwiefern Verallgemeinerungen überhaupt sinnvoll möglich sind.265 D.h.: Der Schluss von der Stichprobe auf die Grundgesamtheit ist kein rein statistisches Problem mehr, sondern v.a. ein argumentatives.266 Zum anderen zeigen die genannten Beispiele 1 und 3 wieder eine Spezifität der Betriebswirtschaftslehre: Zwar ist ein deutliches Interesse an einer populationsbe- schreibenden Untersuchung nicht von der Hand zu weisen, dieses Interesse geht jedoch immer einher mit Effizienz- und Effektivitätsüberlegungen: Sowohl Al- Laham als auch Stoi wollen Aussagen über die Effizienz von Strategieprozessen auf der einen Seite und Prozesskostenmanagement-Anätzen auf der anderen Seite treffen, um dann in einem nächsten Schritt gewisse Handreichungen und Empfeh- lungen für die Praxis aussprechen zu können. 3.1.5 Bivariate und multivariate statistische Analysen, Zeitreihenanaly- sen Charakterisierung Die explorative Statistik ist – wie die induktive Statistik – der deskriptiven Statistik methodisch nachgelagert. In Form der Assoziationsanalyse267 beschäftigt sie sich mit dem Auffinden möglicher Zusammenhänge zwischen einer abhängigen und einer unabhängigen Variable (sog. bivariate statistische Analyse) bzw. zwischen einer abhängigen und mehreren unabhängigen Variablen (multivariate statistische Analyse). Die Zeitreihenanalyse setzt sich im Wesentlichen zusammen aus a) Ver- fahren der Trendschätzung, die eine Vorhersage und Prognose ermöglichen und b) verschiedenen Verfahren der Zeitreihenbereinigung insbesondere der Saisonbe- 265 Vgl. Bortz/Döring [Forschungsmethoden], S. 398 und S. 480. 266 Vgl. Bortz/Döring [Forschungsmethoden], S. 398. 267 In Anlehnung an Kromrey [Sozialforschung], S. 462 wird der Begriff „Assoziation“ als Oberbegriff der Analyse verschiedener statistischer Beziehungen/Zusammenhänge ver- wendet, während die Begriffe der Kontingenz, Korrelation, Regression auf spezifische Verfahren beschränkt bleiben sollen. Zu den unterschiedlichen Verfahren der bi- und multivariaten Analysen vgl. ausführlich Backhaus et al. [Analysemethoden]; Fahrmeir et al. [Statistik], S. 109ff. 110 reinigung, die Störeffekte aus den untersuchten Zeitreihen zu eliminieren versu- chen. Beispiele 1) Assoziationsanalyse: Die sog. Erfahrungskurve besagt, dass mit jeder Verdopp- lung der kumulierten Produktionsmenge die auf die Wertschöpfung bezogenen, inflationsbereinigten Stückkosten um einen konstanten Prozentsatz, z.B. 20% oder 30%, sinken.268 Die graphische Darstellung in einem doppelt-logarithmisch ska- lierten Diagramm zeigt dann eine Gerade (Abbildung 13, wobei eine 80%- Erfahrungskurve bedeutet, dass mit jeder Mengenverdopplung die Stückkosten um 20% fallen): Die Erfahrungskurve dient damit der Schätzung der Kostenent- wicklung und gilt als Instrument für längerfristige, strategische Planungen. 2) Assoziationsanalyse: Ein Mitarbeiter der Boston Consulting Group unter- streicht in einem hochschulöffentlichen Vortrag, dass das von Boston Consulting entwickelte Shareholder-Value-Rechenverfahren Cash-Flow-Return-On- Investment (kurz: CFROI) das am besten geeignete Instrument im Rahmen einer wertorientierten Unternehmensführung darstellt.269 Die Vorteilhaftigkeit gegen- über anderen Verfahren wie etwa Alfred Rappaports Discounted Cashflows (kurz: DCF) oder Stern&Stewarts Economic-Value-Added (kurz: EVA) wird damit be- gründet, dass der CFROI am besten mit dem Aktienkurs korrelieren würde. Das hätten empirische Untersuchungen ergeben.270 3) Trendschätzung: Um weitere Aufschlüsse über die zukünftige Entwicklung der Kundenzufriedenheit zu erlangen, wird statt einer Querschnittsanalyse nun eine Längsschnittanalyse vorgenommen, die in einem jährlichen Abstand Stichproben- untersuchungen durchführt. Verfahren der Trendschätzung erlauben es dann, Aussagen über die zukünftige Entwicklung der Kundenzufriedenheit zu machen 268 Vgl. für die folgende Darstellung der Erfahrungskurve ausführlich Horváth [Control- ling], S. 518ff. 269 Hochschulöffentlicher Vortrag der Boston Consulting Group zu „Shareholder-Value- Management“, Universität Stuttgart, 2001. 270 Vgl. o.V. [Succeed]. und der Branche gegebenenfalls Handlungsbedarf zu attestieren, Gründe aufzu- zeigen, Vorschläge zu Maßnahmen zu liefern etc. Abbildung 13: Erfahrungskurve (Horváth [Controlling], S. 519) Diskussion Verfahren der Trendschätzung sind wissenschaftstheoretisch insofern interessant, als sie ein konkurrierendes Paradigma der Prognose in Anschlag bringen: Trend- schätzungen erlauben auf Basis einer induktiven Logik Schlüsse von der Vergangen- heit auf die Zukunft. Derartige Prognosen stehen damit in Opposition zu Progno- sen auf Basis von Gesetzmäßigkeiten und einer deduktiven Logik, in denen vom Vorhandensein einer gesetzesartigen Aussage und spezifischen Rand- und An- fangsbedingungen logisch auf einen zukünftigen Zustand geschlossen wird.271 Die Prognose auf Basis von Trendschätzungen sei deshalb – so die Befürworter einer nomologisch verfahrenden Betriebswirtschaftslehre, die sich auf das Auffinden von sozialen und betrieblichen Gesetzen und das Geben von Kausalerklärungen konzentriert – theorielos, rein auf Basis vergangener Erfahrungen schätzend und 271 Zu sog. deduktiv-nomologischen Erklärungen vgl. ausführlich Kapitel 3.2.1. 111 112 extrapolierend, während die deduktive Vorgehensweise die Prognose durch einen theoretischen Rahmen begründen und absichern würde. Dieser Standpunkt über- sieht dabei jedoch, dass natürlich Trendschätzungen selbst nicht völlig theorielos erfolgen, sondern anspruchsvolle mathematische Schätz- und Testverfahren vor- aussetzen.272 Zudem wird in der Forderung, die Betriebswirtschaftslehre möge Kausalerklärungen geben, die enge Orientierung am Ideal der Naturwissenschaf- ten deutlich. Die Möglichkeit, im sozialen Bereich aber überhaupt Gesetze finden zu können, wird von konkurrierende Denkschulen empirischer Sozialforschung nachdrücklich in Frage gestellt: Prognosen auf Basis von Gesetzmäßigkeiten sind – so die Meinung – im Bereich menschlichen Handelns gar nicht möglich (ge- schweige denn sinnvoll).273 Und dennoch ist eine gewisse Theorielosigkeit nicht von der Hand zu weisen. Sie tritt besonders deutlich am Beispiel der Assoziationsanalyse zutage, wird hier doch schlicht versucht, gewisse statistisch nachweisbare Zusammenhänge zwischen un- terschiedlichen Variablen zu finden. Das bloße Aufzeigen von Zusammenhängen ist für sich alleine jedoch nicht aussagekräftig: So kann etwa ein positiver Zusam- menhang zwischen der starken Dezimierung der Storchenbestände und dem Ge- burtenrückgang nach dem Zweiten Weltkrieg diagnostiziert werden, oder aber ein negativer Zusammenhang – betrachtet man Europa von Norden nach Süden – zwischen der Abnahme der durchschnittlichen Körpergröße und der Zunahme des Katholizismus.274 Die Schlussfolgerungen, die diese nachgewiesenen Zusam- menhänge nahe legen, sind jedoch völlig unsinnig. Statistisch nachgewiesene As- soziationen bedürfen vielmehr einer Begründung bzw. einer Theorie, die genau angibt, welche Variable die abhängige und welche die unabhängige ist bzw. wie der Kausalnexus zwischen den Variablen genau aussieht. So wäre der Vertreter von Boston Consulting (Beispiel 2) zu fragen, was mit dem (vermarktungstechnisch geschickten) Hinweis auf die besonders gute Korrelation von errechnetem CFROI 272 Vgl. hierzu ausführlich Fahrmeir et al. [Statistik], S. 547ff. 273 Vgl. hierzu Kapitel 3.2.2. 274 Die Beispiele sind Kreyszig [Methoden], S. 310 entnommen. 113 und Aktienkurs gewonnen ist. Vielleicht ist es ja reiner Zufall, eine vorübergehen- de, zeitliche Koinzidenz? Ein möglicher Kausalnexus, der diesen statistischen Zu- sammenhang erhellen und auch begründen könnte, wird jedenfalls nicht geliefert. Das noch junge Forschungsfeld des Behavioral Finance könnte hier vielleicht wei- terhelfen: Aktienkursentwicklungen werden hier rein anhand sozialpsychologischer Effekte erklärt und nicht anhand des inneren Wertes einer Aktie oder aber techni- scher Analysen.275 Könnte nun nachgewiesen werden, dass viele Analysten den CFROI – aus welchen Gründen auch immer – gegenüber anderen Verfahren be- vorzugen und sich die tatsächlichen Kaufentscheidungen bzw. Aussprachen von Kaufempfehlungen maßgeblich auf den CFROI stützen, wäre eine Erklärung ge- funden, weshalb der CFROI das geeignetere Shareholder-Value-Rechenverfahren ist: Schlicht weil es das am weitesten verbreitete Verfahren bei Analysten ist – nicht das bessere – und weil die meisten Kaufentscheidungen anhand des CFROI getroffen werden. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Erfahrungskurven-Effekt (Beispiel 1), han- delt es sich hier zunächst doch nur um eine statistische Feststellung, wie sich Kos- ten normalerweise über einen längeren Zeitraum entwickeln. Es sind aber Gründe zu nennen, warum das so ist und gegebenenfalls Maßnahmen entsprechend einzu- leiten, denn einen Selbstläufereffekt, der sich ohne eigenes Zutun quasi von alleine einstellt, ist die Erfahrungskurve nicht. In der Literatur werden deshalb auch un- terschiedliche Treiber dieses Effektes analysiert, wie etwa Fixkostendegression, Lerneffekte, technischer Fortschritt, Rationalisierungen, die das weite Feld poten- tieller, durchzuführender Maßnahmen allererst abstecken bzw. aufspannen.276 Explorative statistische Verfahren haben einen hohen Stellenwert in den Frühpha- sen quantitativer Forschung und dienen der Hypothesengewinnung und Theorie- 275 Zum sog. Behavioral Finance vgl. Weber et al. [Finance], zu den klassischen Ansätzen der Fundamentalanalyse und technischen Analyse Perridon/Steiner [Finanzwirtschaft], S. 206ff. 276 Vgl. Horváth [Controlling], S. 519ff. 114 bildung.277 Explorative statistische Verfahren verweisen ferner auch stark auf die betriebliche Praxis. Ihre Vermittlung ist daher heute fester Bestandteil eines jeden Grundstudiums der Betriebswirtschaftslehre. Gefundene Zusammenhänge und Trendaussagen stellen zwar keine sichere Begründung für das praktische Handeln im Betrieb dar, sind aber allenfalls bessere „Begründungen“ als bloße Meinung, Glaube und vage Vermutung.278 Verfahren der Zeitreihenbereinigung dienen fer- ner dazu, die intertemporale Vergleichbarkeit gewisser Kennzahlen und Messgrö- ßen sicherstellen, um rationale Entscheidungen zu ermöglichen und gewisse Stör- effekte herauszunehmen. In den 1920er und 1930er Jahren war es eines der Hauptprobleme der Betriebswirtschaftslehre, den Einfluss der hohen Geldwert- schwankungen aus der Gewinnrechnung herauszurechnen. Es war das Verdienst von Eugen Schmalenbach, hier unterschiedliche Verfahren entwickelt zu haben, die eine Isolierung der Betriebsleistung von Außeneinflüssen ermöglichten und somit eine gleich bleibende, intertemporale Basis für die Beurteilung der Entwick- lung eines Unternehmens abgeben konnten.279 Auch dies verweist eher auf den Aspekt der Betriebswirtschaftslehre als Gestaltungslehre denn auf die Betriebs- wirtschaftslehre als deskriptive Wissenschaft: In den Anfängen des Faches galt es, sozialtechnische Instrumente und Verfahren zu entwickeln, die eine intertempora- le Vergleichbarkeit überhaupt erst ermöglichten. Es waren auch nicht wissen- schaftsinterne Kriterien, die hier den Fortschritt des Fachs bestimmten, sondern v.a. wissenschaftsexterne Kriterien und Problemlagen, hier: die Weltwirtschaftkrise und die damit verbundene Hyperinflation. 277 Vgl. hierzu ausführlich Bortz/Döring [Forschungsmethoden], S. 351ff.; Eisenhardt [Research]. 278 Vgl. Luft/Kötter [Wissenstechnik], S. 198. 279 Für einen knappen Überblick hierzu vgl. Hundt [Theoriegeschichte], S. 49ff. 115 3.1.6 Verallgemeinerung, Abstraktion, Idealisierung, Vereinfachung Charakterisierung Ist ein Gegenstandsbereich sprachlich erfasst bzw. sind gewisse Merkmalsausprä- gungen quantifiziert, ist der Weg frei für weitere Verfahren der wissenschaftlichen Hochstilisierung in Form von Verallgemeinerungen, Abstraktionen und Idealisie- rungen. Im Rahmen der sog. Verallgemeinerung werden in spezifischen Einzelfallbe- schreibungen Eigennamen und Kennzeichnungen eliminiert und somit eine gewis- se Allgemeingültigkeit der Beschreibung hergestellt.280 Durch Abstraktion werden in einem weiteren Schritt nur gewisse als relevant erachtete Merkmale und Relati- onen eines Gegenstandsbereichs weiter betrachtet, die für die Erreichung der For- schungsziele und der damit verfolgten Zwecksetzung notwendig sind.281 Idealisie- rungen dagegen versuchen gewisse bereits vom Betrachtungsbereich verallgemei- nerte und abstrahierte Merkmale und Relationen in einer idealen Weise auszu- zeichnen:282 Bei der quantitativen Idealisierung werden etwa bestimmte Messwerte durch Mittelwerte ersetzt, Verläufe geglättet, bei der qualitativen Idealisierung etwa die vollkommene Kugelform, Reinheit, Rationalität unterstellt, bei der relationalen Idealisierung schließlich gewisse Wechselwirkungen und Rückkopplungsphänome zwischen Elementen unterdrückt. Von der Abstraktion und den verschiedenen Formen der Idealisierung ist die Vereinfachung zu unterscheiden:283 Die Vereinfa- chung ist allein heuristisch begründet etwa der Art, dass man mit einem bestimm- ten mathematischen Instrumentarium auskommen muss bzw. eine Theorie ein- fach, knapp und übersichtlich halten möchte. Ergebnis der Verallgemeinerung, Abstraktion, Idealisierung und Vereinfachung ist dann ein sog. Idealmodell. Dieses Idealmodell – so die häufig wenig präzise Ausdrucksweise in der wissenschaftli- chen Umgangssprache – „bildet die Realität vereinfacht ab“, „gibt die Wirklichkeit 280 Vgl. Kötter [Theoriekonzept], S. 339. 281 Vgl. Kötter [Theoriekonzept], S. 339. 282 Vgl. Kötter [Modell], S. 44f. 283 Vgl. Kötter [Theoriekonzept], S. 339. 116 in idealisierter Form wieder“, „gibt eine Hilfestellung im Umgang mit der komple- xen Realität“.284 Von Idealmodellen sind sog. Kausalmodel- le/Veranschaulichungsmodelle, Institutionen- und Funktionsmodelle zu unterscheiden, die aber erst im Rahmen der Diskussion über die unterschiedlichen Arten der Erklä- rungen explizit eingeführt werden sollen.285 Beispiele 1) Produktionsfunktionen als Ergebnis einer Aktivitätsanalyse stellen verallgemei- nerte, idealisierte Beschreibungen technisch-naturwissenschaftlicher Zusammen- hänge dar.286 Sie sind Verallgemeinerungen, indem etwa gewisse Branchenspezifi- ka in den Beschreibungen eliminiert werden: So ist eine ertragsgesetzliche Produk- tionsfunktion der Landwirtschaft entnommen. Die Leontief-Produktionsfunktion beschreibt als limitationale Produktionsfunktion einen industriellen, technischen Kombinationsprozess. Die CES-Produktionsfunktion als substitutionale Produk- tionsfunktion nimmt schließlich Idealisierungen in der Hinsicht vor, dass die un- terschiedlichen Inputfaktoren als beliebig austauschbar betrachtet werden. Vom Menschen und anderen Faktoren, die den Produktionsprozess normalerweise tra- gen, wird generell abstrahiert und nur die technisch-naturwissenschaftlichen Zu- sammenhänge betrachtet. Produktionsfunktionen stellen insgesamt Idealmodelle realer Produktionsprozesse dar. 2) Nach Michael E. Porter besitzt jedes Unternehmen eine individuelle Wertkette, die in ein System vor- und nachgelagerter Wertketten eingebettet ist.287 Ein Un- ternehmen wird dabei als eine Ansammlung von Tätigkeiten verstanden, durch die ein Produkt entworfen, hergestellt und vertrieben wird. Diese Tätigkeiten lassen sich in der Wertkette bildlich darstellen, wobei zwischen einerseits primären Akti- 284 Vgl. Kötter [Modell], S. 43. 285 Vgl. hierzu Kapitel 3.2. 286 Vgl. Kötter [Theoriekonzept], S. 33ff; Zahn/Schmid [Produktionswirtschaft], S. 184ff. 287 Vgl. Porter [Wettbewerbsvorteile] bzw. Bea/Haas [Management], S. 107ff. vitäten und andererseits unterstützenden Aktivitäten differenziert wird (Abbildung 14). Abbildung 14: Wertkette nach Michael E. Porter (Porter [Wettbewerbsvorteile], S. 66) Die von Porter vorgenommenen Abstraktionen wurden in der Folgezeit oft kriti- siert. So wurde z.B. immer wieder hervorgehoben, dass die Porter’sche Untertei- lung in unterschiedliche Aktivitäte wenig einleuchtend sei und zu stark auf die be- trieblichen Funktionen ausgerichtet wäre.288 Je nach verfolgter Zwecksetzung bzw. Forschungsabsicht wurde die Wertkette deshalb entsprechend modifiziert.289 3) Zur Charakterisierung der strategischen Position eines Unternehmens in einer Branche dient oft das sog. „Five-Forces-Model“.290 Es beschreibt idealiter die Wettbewerbsposition als Ergebnis von fünf Wettbewerbskräften, die nachhaltig Einfluss auf die Rentabilität und Marktattraktivität nehmen (Abbildung 15). 117 288 Vgl. hierzu überblicksartig Bea/Haas [Management], S. 108f. 289 Vgl. exemplarisch Bea/Haas [Management], S. 108ff. 290 Vgl. Porter [Wettbewerbsstrategie], S. 33ff. Abbildung 15: Wettbewerbskräfte nach Michael E. Porter (Porter [Wettbewerbsvorteile], S. 32) Diskussion Die Erarbeitung und Entwicklung von Idealmodellen – oft schlicht als „Modellie- rung“ gekennzeichnet –, nimmt in der Betriebswirtschaftslehre einen hohen Stel- lenwert ein. Sie dient der abstrakten und idealisierten Darstellung realer Sachver- halte, Gegebenheiten, Zusammenhänge, wobei die Idee der Vereinfachung häufig eine dominante Rolle einnimmt: Hinsichtlich der späteren Verwertbarkeit der Mo- delle durch Praktiker ist eine möglichst knappe, verständliche und pointierte Dar- stellung komplexer Sachverhalte oft intendiertes Forschungsziel. Die Aufgabe der Betriebswirtschaftslehre, zu beschreiben (Beschreibungsziel der Betriebswirt- schaftslehre) und zu gestalten (Gestaltungsziel), geraten hier jedoch häufig in Kon- flikt: Von einigen Wissenschaftlern werden gewisse, für die Praxis „pointierende Abstraktionen“ als „unzulässige Vereinfachung“ abgelehnt. So wurden etwa Pro- duktionsfunktionen vom Typ B und Typ C als Vereinfachung zurückgewiesen und um weitere, als wichtig erachtete Größen und Einflussfaktoren ergänzt (Produkti- 118 119 onsfunktionen vom Typ D, Typ E und Typ F). In der betrieblichen Praxis ist es jedoch häufig so, dass nur die unterkomplexen, einfachen Produktionsfunktionen Anwendung finden, weniger die elaborierten Konzepte.291 Wissenschaftliches Er- kenntnisinteresse (im Sinne einer möglichst umfassenden, genauen Beschreibung) und praktisches Gestaltungsinteresse (das oft nur auf eine heuristisch-pointierte Darstellung abzielt) geraten also in Konflikt. Dies macht aber auch deutlich: Es ist der forschungspragmatische Kontext und die damit verbundenen spezifischen Zwecksetzungen und Ziele, der über die Angemessenheit einer Modellierung und dessen Geeignetheit entscheidet. Je nach Forschungsziel werden verschiedene Pa- rameter und Größen als relevant erachtet und modelliert, andere wiederum von der Betrachtung gänzlich ausgeschlossen und ignoriert. Diese Wertvorentschei- dungen sind grundsätzlich nicht eliminierbar.292 Idealmodelle sind deshalb nie „Widerspiegelungen“ oder „Abbildungen“ der Natur. Sie sind schlichtweg unter- schiedliche Beschreibung eines Gegenstandes oder Sachverhalts in einer gewissen Hinsicht bzw. unter einer gewissen Absicht. Ein Modell ist dann „richtig“, wenn sich die Idealisierungen, Abstraktionen und Verallgemeinerungen hinsichtlich der vorgegebenen Zwecksetzung oder Zielvorstellung, unter deren Absicht sie vorge- nommen wurden, als erfolgreich erweisen. Interessen und Fragestellungen bestimmen also den Umfang und die Genauigkeit von beschreibenden Abstrakti- onen und Idealisierungen, sie liefern auch die Kriterien, nach denen eine Abstrak- tion oder Idealisierung als eine erschöpfende und in diesem Sinne abgeschlossene Antwort gewertet werden kann. Die Forderung nach einem „höheren Realitätsge- halt“ von Modellen ist aus wissenschaftstheoretischer Perspektive deshalb so zu verstehen, dass sich bestimme Vereinfachungen hinsichtlich einer bestimmten Zwecksetzung als unangemessen erwiesen haben und entsprechend wieder rück- gängig gemacht werden sollen.293 „Welt“ ist daher nicht „abbildbar“, denn es ist 291 Vgl. Zahn/Schmid [Produktionswirtschaft], S. 229f. 292 Vgl. Hubig [Kunst d. Mögl. 2], S. 64ff. 293 Vgl. Kötter [Modell], S. 46. 120 unklar, welche Aspekte aus der Vielzahl möglicher Aspekte von „Welt“ überhaupt herausgegriffen und ausgekoppelt werden sollen.294 Zusammenfassend lässt sich sagen: Die angebotenen Beschreibungen der Be- triebswirtschaftslehre verweisen immer schon über Wissenschaft hinaus auf die zu stützende betriebliche Praxis: 1. Die idealisierende Beschreibung faktischer Produktionsprozesse mittels Produktionsfunktionen ist nur Vorstufe für die daran anschließende Be- wertung dieser Mengengrößen mit Wertgrößen und dem Übergang von ei- ner technischen Betrachtungsweise zu einer kostenmäßigen Betrachtungs- weise, die schließlich die Basis abgeben soll für weitere betriebliche Ent- scheidungen und der Findung eines optimalen, effizienten Produktionspro- gramms (Beispiel 1). 2. Die idealisierende Unterscheidung verschiedener Wettbewerbskräfte ist nicht nur Ergebnis wissenschaftlicher Analyse, sondern zugleich Denkin- strument und heuristischer Rahmen für die Praxis im Rahmen strategischer Planungs- und Entscheidungsprozesse (Beispiel 3). Analoges gilt auch für das Modell der Wertkette (Beispiel 2). 3.2 Erklärung Jede Erklärung ist eine Erklärung in einer bestimmten Situation bzw. einem spezi- fischen, pragmatischen Kontext, ist eine Erklärung von jemandem für jeman- den.295 Erklärungen sind – in den Wissenschaften wie im Alltag – dabei durch die Erwartung charakterisiert, dass durch das Geben der Erklärung ein bisher unbe- griffener, irritierender Sachverhalt verstanden und in das vorhandene Wissen ein- geordnet wird, mithin Handlungsirritationen bzw. Handlungshemmnisse beseitig 294 Das Problem ist sogar noch ein tiefer gehendes: Die Konstruktion von Idealmodellen fußt bereits selbst auf höherstufigen, kultürlich bedingten, sprachlichen Deutungen von Welt, die Welt in ihrem Sosein allererst hervorbringt (vgl. hierzu noch einmal ausführlich Kapitel 2.1.2 und 3.1.1). 295 Vgl. Poser [Wissenschaftstheorie], S. 55. 121 werden und ein weiteres „Voranschreiten in der Sache“ möglich wird.296 Erklä- rungen sollen dabei, um als gute Erklärungen gelten zu können, a) einsichtig, b) angemessen und c) richtig sein.297 a) Die Forderung nach Einsichtigkeit einer Erklärung bedeutet, dass sich eine Erklärung immer auf einen vorhandenen Fundus an Wissen beziehen muss, sich an ihn anschlussfähig erweist bzw. kohärent dazu ist. b) Die Forderung nach Angemessenheit einer Erklärung besagt, dass sie in der Art und Weise, wie sie erfolgt, dem Gegenstandsbereich auch angemessen sein muss bzw. für den Gegenstandsbereich geeignet ist. Angemessenheit bedeutet aber auch, dass eine Erklärung in Umfang und Tiefe in den prag- matischen Kontext passen muss, in dem die Erklärung eingefordert wurde. D.h.: Eine umfassend und quantitativ genaue Erklärung (ähnlich der Kon- struktion von Idealmodellen, siehe dazu noch einmal Kapitel 3.1.6) muss deshalb nicht unbedingt die bessere sein.298 c) Schließlich ist noch die Forderung nach Richtigkeit einer Erklärung zu nen- nen, die besagt, dass eine Erklärung logisch richtig und in sich konsistent sein muss, um als gut bzw. gültig erachtet werden zu können. Die Bestimmung dessen, was als gute Erklärung gelten kann und was nicht, ist – wie die obigen Ausführungen gezeigt haben – in erster Linie von der Pragmatik abhängig, d.h. der jeweiligen Situation, in der eine Erklärung gegeben wird. Je nach forschungspragmatischem Kontext und Intention sind deshalb unterschiedliche Spielarten der Erklärung in den Wissenschaften entwickelt worden. Dies sind a) die Kausalerklärung, b) die Intentionalerklärung und c) die Funktionalerklärung. 296 Vgl. Passmore [Explanation], S. 107; Schwemmer [Erklärung], S. 579. 297 Vgl. Passmore [Explanation], S. 111; Kötter [Erklärungsproblem], S. 94ff. 298 Vgl. Kötter [Erklärungsproblem], S. 95. So will jemand, der ein Rad an einem Auto wechseln möchte, nicht eine ausführliche Erklärung mittels physikalischer Hebelgesetze bekommen, sondern schlichtweg wissen, wie er ein Radschlüssel richtig zu benutzten hat. 3.2.1 Kausalerklärung Charakterisierung Kausalerklärungen sind überall dort zu finden, wo man es mit Ursachen und Wir- kungen zu tun hat. Ein bestimmter Effekt, ein Phänomen, eine Wirkung wird da- durch erklärt, dass unter Verwendung einer gesetzesartigen Aussage („Naturge- setz“) und den gegebenen Anfangs- und Randbedingungen das zu erklärende Phä- nomen logisch abgeleitet wird. Das Schema stellt sich wie folgt dar: Wenn X eintritt, dann tritt auch Y ein X (Bedingung, Antezedens) ist eingetreten Y tritt ein (ist eingetreten / wird eintreten) Schluss Da das Explanandum (das zu Erklärende) logisch aus den Explanans (den Erklä- renden) geschlossen wird, wird obiges Schema auch deduktiv-nomologisches Schema der Erklärung genannt (kurz: DN-Erklärung).299 Im anglo-amerikanischen Raum ist die Bezeichnung „covering law model“ sehr geläufig. Nach Carl G. Hempel und Paul Oppenheim, die in Fortführung der Gedanken Karl R. Poppers dieses Schema ausgearbeitet haben, ist auch die Bezeichnung Hempel- Oppenheim-Schema üblich (kurz: HO-Schema).300 Der Begriff der Erklärung hat damit folgende inhaltliche Bestimmung erfahren:301 „Aufgrund welcher Anteze- denzbedingung und gemäß welchem Gesetz kommt das Ereignis E vor?“ 299 Das DN-Schema wird heute vielfach als unbefriedigend empfunden (vgl. hierzu zu- sammenfassend Ströker [Schwierigkeiten]; Woodward [Explanation]; Schwemmer [Erklä- rung], S. 582; Poser [Wissenschaftstheorie], S. 45ff.). V.a. in Hinblick auf physikalische Theorien wird bemängelt, dass die gesetzesartige Aussage nur „isoliert“ auftaucht und nicht als Bestandteil eines umfassenden Theorienetzes bzw. Theoriekomplexes gedacht wird, aus dem sie durch Spezialisierung einer fundamentalen Rahmentheorie hervorge- gangen ist (vgl. hierzu überblicksartig Stegmüller [Wissenschaftstheorie 2,6], S. 3ff.). 300 Vgl. Poser [Wissenschaftstheorie], S. 44; Schwemmer [Erklärung], S. 581. 301 Vgl. Poser [Wissenschaftstheorie], S. 46. 122 123 Beispiele 1) Im Rahmen eines Forschungsprojekts in einem Unternehmen ist ein sprunghaf- ter Anstieg der Periodenkosten im zweiten Quartal zu verzeichnen, was zunächst sowohl bei der Geschäftsleitung als auch bei den beteiligten Wissenschaftlern zu erheblichen Irritationen führt.302 Der Anstieg der Periodenkosten stellt damit ein erklärungsbedürftiges Phänomen dar. Aus der Erarbeitung der spezifischen Pro- duktionsfunktion des Unternehmens bzw. unter deren Kenntnis wird deutlich, dass die Periodenkosten sich aus einem fixen und einem variablen Bestandteil zu- sammensetzen und der Gleichung K gehorchen. Aus dieser gesetzesartigen Aussa- ge zu den Periodenkosten und der festgestellten Erhöhung des Beschäftigungsgra- des kann der sprunghafte Anstieg der Periodenkosten belegt und somit erklärt werden. 2) Brian R. Golden und Edward J. Zajac untersuchen die Frage näher, wie die Zu- sammensetzung des Vorstandes die Strategieprozesse eines Unternehmens beein- flusst.303 Aus der Literatur werden zunächst unterschiedliche Befunde bereits durchgeführter, empirischer Untersuchungen zusammengetragen und analysiert.304 Dabei wird deutlich, dass die Bereitschaft zum strategischen Wandel bei Vorstän- den mit vielen Mitgliedern kontinuierlich wächst. Hierfür wird die Vielzahl unter- schiedlichen Sichtweisen und Perspektiven angegeben, die einen Strategiewahlpro- zess bereichern. Konträr hierzu sind aus der Sozialpsychologie auch Studien be- kannt, die besagen, dass es gerade bei großen Gruppen oft schwer ist, einen Kon- sens herzustellen: Machtkämpfe, Gleichgültigkeit, Trittbrettfahrerei nehmen mit wachsender Mitgliederzahl zu. Golden/Zajac arbeiten nun heraus, dass die unter- schiedlichen Studien jeweils unterschiedliche Gruppengrößen betrachtet haben. Der zunächst aufgetretene Widerspruch, dass die Bereitschaft zum strategischen 302 Dieses Beispiel ist angelehnt an Chmielewicz [Forschungskonzeptionen], S. 151. 303 Vgl. Golden/Zajac [Strategy]. Exemplarisch sei hier nur eine Hypothese herausgegrif- fen. Golden/Zajac testen insgesamt acht verschiedene Hypothesen und bringen diese in einen systematischen Zusammenhang. 304 Vgl. Golden/Zajac [Strategy], S. 1089. 124 Wandel einmal positiv und einmal negativ korreliert ist mit wachsender Gruppen- größe, wird dadurch beseitigt, dass ein umgekehrt u-förmiger Zusammenhang zwi- schen strategischem Wandel und Vorstandsgröße behauptet wird.305 Diese Hypo- these wird in einer großzahligen empirischen Untersuchung anhand von 3000 US- amerikanischen Krankenhäusern belegt.306 Der gefundene Zusammenhang („ge- setzesartige Aussage“) kann nun für Erklärungen herangezogen werden, weshalb ein gewisses Unternehmen strategisch träge ist. Zugleich dient der gefundene Zu- sammenhang aber auch als Gestaltungsempfehlung: Eine ausgewogene Zusam- mensetzung der Vorstandes mit einer mittleren Zahl von Mitgliedern ist für die strategische Responsivität eines Unternehmens das Beste. 3) Günter Schanz untersucht den Zusammenhang zwischen Diversifikationsgrad eines Unternehmens und Art und Ausmaß der Aktivitäten in Forschung und Ent- wicklung (kurz: F&E).307 Schanz geht als Vertreter einer verhaltensorientierten Betriebswirtschaftslehre davon aus, dass in der Betriebswirtschaftslehre selbst kei- ne originären Gesetze gefunden werden können, sondern Gesetze aus der Psycho- logie, insbesondere der Lern- und Verhaltenstheorie herangezogen werden müs- sen, um brauchbare Erklärungen erhalten zu können.308 Als besonders geeignete Theorien sieht Schanz die Theorie der Leistungsmotivation, begründet von Mc- Clelland und Atkinson, die Theorie der kognitiven Dissonanz von Festinger und die lerntheoretischen Konzepte von Homans et al. an.309 Die Untersuchung von Schanz lässt sich aus wissenschaftstheoretischer Perspektive wie folgt rekonstruie- ren: a) Ausgangspunkt der Untersuchung bildet nach Schanz die umfassende, allgemeine Theorie Homanns und die in diesen umfassenden Rahmen ein- gebettete sog. Homann’sche Werthypothese: „Je wertvoller die Belohnung 305 Vgl. Golden/Zajac [Strategy], S. 1090. 306 Vgl. Golden/Zajac [Strategy], S. 1101. 307 Vgl. Schanz [Diversifikation]. 308 Vgl. Schanz [Betriebswirtschaftslehre], S. 179. 309 Vgl. Schanz [Betriebswirtschaftslehre], S. 333. 125 einer Aktivität für eine Person ist, desto eher wird sie die Aktivität ausfüh- ren“.310 b) Aus diesem sehr allgemeinen Gesetz leitet Schanz im Folgenden geset- zesartige Aussagen mittleren und niederen Niveaus ab. Für die Betriebs- wirtschaftslehre und den vorliegenden Fall wird die Werthypothese in ein Ertragserwartungsgesetz umformuliert: „Die Allokation der finanziellen Mittel in den verschiedenen Unternehmensbereichen spiegelt die Ertrags- erwartungen wider“.311 c1) In einem nächsten Schritt definiert Schanz den Begriff „Risiko“ als das Nichteintreten von (Ertrags-)Erwartungen.312 c2) Weiter führt er, um den Zusammenhang von F&E und unternehmeri- schen Diversifikationsgrad nähern erläutern zu können, aus, dass für wenig diversifizierte Unternehmen das sog. Serendipidäts- und Verwertungsrisiko – also das Risiko, dass die F&E-Tätigkeit Resultate zu Tage fördert, die von dem Unternehmen nicht marktlich verwertet werden können – viel höher ist als bei stark diversifizierten Unternehmen.313 c3) Schanz unterstellt weiter, dass Unternehmen sich risikoavers verhalten (eine Unterstellung, die er selbst so nicht explizit formuliert), denn die Li- zenzvergabe erscheint Schanz als ein wenig gangbarer Weg: „Wir glauben, daß [...] unsere obigen Ausführungen bestenfalls eine graduelle Einschrän- kung erfahren, denn die Lizenzvergabe dürfte höchstens in Ausnahmefällen als gleichwertiges Substitut zur Eigenverwertung anzusehen sein.“314 310 Vgl. Schanz [Diversifikation], S. 451. 311 Vgl. Schanz [Diversifikation], S. 451. 312 Vgl. Schanz [Diversifikation], S. 452. 313 Vgl. Schanz [Diversifikation], S. 452f. 314 Schanz [Diversifikation], S. 453. Der Glaube scheint in den Wissenschaften anschei- nend einen erheblich höheren Stellenwert einzunehmen, als von Vertreter des kritischen Rationalismus selbst eingestanden wird. Zur Erfolglosigkeit der analytischen Philosophie, die Metaphysik radikal aus dem Kreise der Wissenschaften zu verbannen vgl. überblicks- artig Beckermann [Philosophie] und Poser [Wissenschaftstheorie], S. 186ff. 126 d) Aus den genannten Annahmen und Gesetzeshypothesen leitet Schanz folgenden, empirisch zu prüfenden, gesetzesartigen Zusammenhang ab: „Je diversifizierter eine Unternehmung ist, desto wahrscheinlicher weist es F&E-Aktivitäten auf.“315 Durch eine von Schanz durchgeführte empirische Untersuchung unter Firmen der Elektroindustrie erweist sich die Hypothese als vorläufig bestätigt.316 Dieser ge- fundene, gesetzesartige Zusammenhang kann nun Eingang in einen DN- Erklärung finden, weshalb etwa ein Unternehmen starke F&E-Aktivitäten auf- weist.317 Er dient aber auch als Basis einer Gestaltungsempfehlung: „Je höher der Diversifikationsgrad, desto sinnvoller ist es, einen größeren Anteil des Gesamt- budgets einer Unternehmung in den F&E-Bereich zu lenken.“318 4) Anat Keinan und Ran Kivetz bescheinigen den bisherigen Forschungen zum Konsumentenverhalten eine gewisse Einseitigkeit: Viele der Arbeiten würden das Thema Schuldgefühle beim Kaufakt nur sehr einseitig und aus einer verkürzten Perspektive heraus betrachten.319 Die Schlussfolgerungen der meisten Arbeiten würden bisher lauten, dass der Konsument langfristig besser damit bedient wäre, wohlüberlegt sinnvolle Dinge zu kaufen statt bloßer Spaßartikel und unnütze Lu- xusgüter.320 Dies sei jedoch unzutreffend, weil die bisherigen Forschungen über- sehen würden, dass es auch einen Konsumententyp gibt, der dazu neigt, sich selbst zu stark zu reglementieren und von den Freuden des Lebens (des Konsums?) ab- zuschneiden. Keinan/Kivetz untersuchen nun in einer Reihe kleinerer, empiri- scher Studien, was passiert, wenn dieser Typ Konsument beim Kauf auf seine (an- 315 Vgl. Schanz [Diversifikation], S. 454. 316 Vgl. Schanz [Diversifikation], S. 458. 317 Eine derartige Darstellung ist bei Schanz nicht zu finden. 318 Vgl. Schanz [Diversifikation], S. 462 bzw. die ausführlich Diskussion bei Kretschmann [Diffusion], S. 100. 319 Vgl. Keinan/Kivetz [Hyperopia]. 320 „According to this perspective, consumers are better off in the long run if they choose virtue over vice, work over leisure, and utilitarian necessities over hedonic luxuries.“ (Kei- nan/Kivetz [Hyperopia], S. 676). 127 geblich?) übergroße Zurückhaltung angesprochen wird und ob ihm klar ist, dass er damit langfristig im Leben etwas verpassen könnte. Sie stellen fest, dass gerade diese Ansprache es vielen Verbrauchern ermöglichen würde, ihr „chronisches, überkontrollierendes Verhalten“ zu korrigieren.321 Keinan/Kivetz empfehlen da- her Verkäufern von Luxusgütern, den Kunden gezielt hinsichtlich seines selbst beschneidenden Verhaltens anzusprechen. Dies sei effektiver als nur auf ein ge- diegenes Ambiente und nachhaltiges Einkaufserlebnis zu setzen.322 5) Thomas Lechler und Hans G. Gemünden leiten in ihrem Beitrag „Kausalanaly- se der Wirkungsstrukturen der Erfolgsfaktoren des Projektmanagement“ aus einer umfassenden Bestandsaufnahme der bisherigen empirischen Forschung – die nach Meinung der Autoren vorwiegend explorativen Charakter hat (im Sinne der blo- ßen Identifikation einzelner Erfolgsfaktoren) – ein Kernmodell der Erfolgsfakto- ren des Projektmanagements ab.323 Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie und warum die unterschiedlichen Faktoren den Projekterfolg beeinflussen, wobei Lechler/Gemünden hervorheben, dass die Erfolgsfaktoren nicht nur den Projekt- erfolg, sondern sich auch untereinander gegenseitig beeinflussen.324 Lech- ler/Gemünden postulieren dabei das Abbildung 16 zu entnehmende Wirkungsge- füge („Strukturmodell“, „Dependenzmodell“). 321 „Anticipating their distant-future regret may help people who chronically deprive themselves of hedonism to realize and remedy their hyperopia.“ (Keinan/Kivetz [Hype- ropia], S. 688). 322 „Marketers of luxury and leisure goods often try to appeal to consumers’ need for cre- ating pleasurable and memorable experiences [...]. Our findings suggest though consum- ers are often unaware of this need when making local decisions, they regret neglecting such aspects when considering their lives from a broader perspective. Thus, self-control regret and its impacts on choice provide an opportunity to promote luxuries and other indulgences more effectively. Marketers of luxuries and leisure services can prompt con- sumers to consider their long-term regrets, thus stimulating sales of indulgences and en- hancing the postpurchase satisfaction of customers.” (Keinan/Kivetz [Hyperopia], S. 688). 323 Vgl. Lechler/Gemünden [Projektmanagement]. 324 Vgl. Lechler/Gemünden [Projektmanagement], S. 437. Abbildung 16: Kausalmodell der Erfolgsfaktoren des Projektmanagements in Form eines Pfaddia- gramms (Lechler/Gemünden [Projektmanagement], S. 440) In einer empirischen Untersuchung, die sich auf eine Stichprobe von 448 indus- trielle Projekte stützt, wird das Modell vorläufig bestätigt. Das Kausalmodell ver- fügt – nach Meinung der Autoren – über eine zufrieden stellende Erklärungskraft: „Die sechs Erfolgsfaktoren erklären etwa 52% der Varianz des Projekterfolgs.“325 Überraschend dabei ist der schwache Erfolgseinfluss der „Planung/Steuerung“ (β15 = 0.10). Dieser Befund steht im Widerspruch zu der häufig vertretenen Mei- nung, dass der extensive Einsatz von Projektplanungs- bzw. Projektcontrollingin- strumenten mithilft, den Projekterfolg nachhaltig zu sichern. Diskussion Die Rede von Naturgesetzen ist – im Gegensatz zu den Fachwissenschaftlern und dem Common Sense – dem Wissenschaftstheoretiker oft unerträglich, weil noto- 325 Lechler/Gemünden [Projektmanagement], S. 443. 128 129 risch schwierig und mit einer Vielzahl von Problemen behaftet.326 Dies ist insbe- sondere dann der Fall, wenn die Rede von Naturgesetzen in Zusammenhang mit der erkenntnistheoretischen Position des Realismus gebraucht wird, eine Position, die glaubt, Welt in ihrem tatsächlichen Sosein erfassen zu können. Betrachtet man die Geschichte des Begriffs „Naturgesetz“ eingehender, wird deut- lich, dass diese Bezeichnung auch erst neueren Datums ist: So hatten z.B. Aristote- les, Archimedes, Galileo Galilei nur von Naturprinzipien gesprochen, die Rede von Naturgesetzen kam erst Anfang des 16. Jahrhunderts mit René Descartes auf.327 Doch was ist mit Gesetzen in diesem Zusammenhang gemeint? Bei dem Wort Gesetz schwingt ja immer etwas Normatives mit: Gesetze sind Regeln und Vorschriften, zwischenmenschliche institutionelle Regulative, die von jemanden für jemanden erlassen wurden.328 Wer hat nun aber die Gesetze für die Natur er- lassen? Gott, der über die Natur herrscht und sie nach einem gewissen Bauplan erschaffen hat? Oder ist es etwa die Natur selbst, die sich ihre Gesetze erlässt und durchsetzt? Keine der beiden Optionen scheint aus heutiger philosophischer Sicht ein gangbarer Weg: Weder erklärt die Philosophie – wie Wissenschaft generell – Phänomene anhand der Existenz Gottes, noch würde sie in eine anthropomorphe Rede verfallen, Natur „vermenschlichen“, als Akteur stilisieren, ihr Absichten, Zie- le und Zwecke unterstellen, wie sie in der Rede von „die Natur richtet ein“, „die Natur denkt“, „die Natur würfelt nicht“ etc. zum Ausdruck kommt. Will man also der Natur keine Intention zuordnen, bleibt schließlich nur der Mensch übrig, der sich als Herrscher und Gesetzgeber über die Natur erhebt – und genau in diesem 326 Die nachfolgenden Ausführungen konzentrieren sich eher auf die wissenschaftstheore- tisch fundamentalen Eigenheiten eines quantitativ-erklärenden Ansatzes. Wer an einer Einführung in die „Logik des Hypothesentestens“ interessiert ist, sei auf Hilde- brandt/Homburg (Hg.) [Kausalanalyse]; Backhaus/Ebers (Hg.) [Kausalanalyse]; Albers et al. [Methodik]; Raab et al. [Methoden]; von Auer [Ökonometrie] verwiesen bzw. auf die „sozialwissenschaftlichen Klassiker“ Bortz [Statistik]; Bortz/Döring [Forschungsmetho- den], S. 489ff. 327 Vgl. Tetens [Naturgesetz], S. 71ff; Kornwachs [Naturgesetz] S. 147. 328 Vgl. für das Folgenden Kornwachs [Naturgesetz], S. 146f. 130 Sinne ist die Rede von Gesetzen bei Descartes auch zu verstehen.329 Denn: Die neuzeitliche Naturwissenschaft ist mit ihrer technikgestützten Experimentierkunst nicht nur Naturerkenntnis, sondern zugleich Naturbeherrschung – gemäß der Ba- con’schen Devise: „[W]as bei der Betrachtung als Ursache gilt, das gilt bei der Ausführung als Regel.“330 Der neuzeitliche Physiker untersucht ja nicht „die Na- tur“, sondern ein raum-zeitlich fest abgegrenztes System in seinem Labor. Durch raffinierte technische Maßnahmen wird im Experiment ein betrachtetes System von äußeren Störgrößen isoliert und gewisse Rand- und Anfangsbedingungen ge- zielt kontrolliert. Erst derartig aus der Natur herauspräparierte (technische) Syste- me erlauben es dem Physiker, Eigenschaften und Größen sorgfältig zu beobach- ten, reproduzierbar zu messen und somit Aufschlüsse zu erhalten über gewisse Regularitäten in diesen technischen Apparaturen, die es dann theoretisch weiter zu verarbeiten gilt (etwa indem sie in vorhandene, allgemeine Theorierahmen einge- bettet oder durch Spezialisierung auf diese zurückgeführt werden). Was wir aber zunächst nur vorfinden, sind eine funktionierende technische Apparatur und eini- ge Handlungsanweisungen, wie diese Apparatur aufzubauen und zu bedienen ist, um gewisse Effekte herzustellen. Auf dieser elementaren Ebene ist Naturwissen- schaft von Realtechnik nicht zu unterscheiden: Naturwissenschaft ist Realtechnik, Naturerkenntnis ist damit zugleich auch Naturbeherrschung, das vermeintliche Naturgesetz zunächst nur eine technische Regel zur Herstellung eines spezifischen Effekts, eine Regel, die durch Theoretisierung und Einbettung in vorhandene Theoriegebäude und eine abstraktere Rede in den Naturwissenschaften zu einem „Naturgesetz“ (Axiom, Theorem etc.) hochstilisiert wird.331 Oder um es an einem Bei- spiel deutlich zu machen:332 Von einer technisch, einwandfreien Spiralfeder wer- den wir verlangen, dass sie den Eigenschaften des Hooke’schen Gesetzes ent- spricht – und wir werden die Feder technisch so lange manipulieren, bis sie diesem 329 Vgl. Tetens [Naturgesetz], S. 73. 330 Bacon [Novum Organum], Erstes Buch, Art. 3. 331 vgl. Grunwald [Technik]; Hubig [Kunst d. Mögl. 1], S. 193ff.; Janich [Naturwissen- schaft], S. 197ff. 332 Das Beispiel entstammt Tetens [Naturgesetz], S. 77ff. 131 Gesetz auch entspricht. Eine Feder ist deshalb kein Beobachtungsgerät, um das Hooke’sche Gesetz zu „entdecken“, noch ist das Hooke’sche Gesetz ein Naturge- setz im Sinn einer Beschreibung der ontologischen Seins-Weise der Natur.333 Hat man aber einmal erfolgreich ein derartiges technisches Realisat hergestellt, das als Ausbund eines harmonischen Schwingers per se gilt, kann versucht werden, ande- re erklärungsbedürftige Phänomen in der Natur dadurch zu erklären, „als ob“ eine Spiralfeder dort obwalten würde.334 Die Spiralfeder dient dann als sog. Veranschau- lichungsmodell. Veranschaulichungsmodelle (als Sonderformen allgemeiner Kausal- modelle) geben – im Gegensatz zu Idealmodellen – fiktive, jedoch anschauliche Darstellungen eines verdeckten Wirkungsmechanismus:335 Sie deuten etwa Gas- moleküle so, „als ob“ sie sich wie schwingende und sich stoßende Billardkugeln verhalten würden, sie deuten Licht, „als ob“ es eine Welle oder ein Teilchen sei. Veranschaulichungsmodelle haben allein heuristische Funktion. Auch lässt sich ihre „Richtigkeit“ bzw. „Wahrheit“ nur ex post an der prognostischen Erfolgs- trächtigkeit feststellen. Im Gegensatz zu Idealmodellen, bei denen genau angege- ben werden kann, welche Idealisierungsschritte aus welchen Gründen vorgenom- men wurden, ist eine Angabe der Konstruktionsschritte bei Veranschaulichungs- modellen kaum möglich. Veranschaulichungsmodelle können zwar geändert und anschaulicher gemacht sowie in ihrer prognostischen Leistungskraft verbessert werden, sie können aber nicht „näher an die Realität“ gebracht werden, die „Als- Ob-Rede“ macht einen derartigen Versuch von vorneherein sinnlos.336 In der 333 Vgl. Tetens [Naturgesetz], S. 76. 334 Vgl. Tetens [Naturgesetz], S. 73ff. Tetens gibt weitere Beispiele, dass oft zuerst ein technisches Artefakt vorhanden war (Prisma, Elektrisierungsapparat, Spiralfeder etc.), um dann in einem nächsten Schritt Naturphänomene (Regenbogen, Blitz und Donner usw.) anhand dieser technischen Realisate zu erklären. 335 Der Begriff „Veranschaulichungsmodell“ als auch die folgende Darstellung dazu sind Kötter [Modell] entnommen. 336 Es sei an dieser Stelle noch einmal darauf hingewiesen, dass auch Idealmodelle nicht „näher an die Realität“ gebracht werden können (vgl. hierzu noch einmal Abschnitt 3.1.6). Die wissenschaftstheoretisch unbedarfte Rede, ein Idealmodell näher an die Reali- tät zu bringen ist vielmehr so zu verstehen, dass sich hinsichtlich der verfolgten Modellie- 132 modernen Wissenschaftstheorie ist statt der Rede von Naturgesetzen daher nur noch die Rede von einer erfolgreichen oder misslungenen Belegung einer Theorie bzw. mathematischen Struktur an einem intendierten Betrachtungs- bzw. Anwen- dungsbereich zu finden.337 Es herrscht ein instrumentalistisches Theorieverständ- nis vor. Die erfolgreiche Belegung einer Theorien bzw. einer Struktur an einem Betrachtungsbereich sagt nichts über die ontologische Beschaffenheit des Betrach- tungsbereichs aus, geschweige denn dass bei einer erfolgreichen Belegung auf eine metaphysische Universalität im Sinne eines der Natur allobwaltenden Gesetzes geschlossen werden kann: Nur in diesem einen Ausschnitt von Welt war die Bele- gung bisher erfolgreich – und nirgends anders. Auf der anderen Seite bedeutet eine gescheiterte Belegung eines Modells an einem intendierten Betrachtungsbe- reich aber auch nicht, dass die Theorie falsch ist: Sie ist für den vorliegenden Fall zunächst nur nicht geeignet.338 Die obigen Ausführungen sollen gezeigt haben: Die Möglichkeit zur experimentellen Präparation und damit die Erarbeitung stabiler Ursache-Wirkungs-Mechanismen, die immer wieder gewisse Effekte in Form spezieller Invarianzen hervorbringen, ist die Bedin- gung der Möglichkeit von Erkenntnis, ist die Bedingung der Möglichkeit, überhaupt Kausalerklärungen geben zu können.339 Dass a) diese Möglichkeiten zur techni- schen Präparation im sozialen Bereich zur Schaffung bzw. „Entbergung“ derarti- ger Mechanismen als auch b) die Deutung anderer Betrachtungsbereiche „als ob“ rungsabsichten gewisse Abstraktionen und Idealisierungen als wenig erfolgreich erwiesen haben, wieder rückgängig gemacht und durch passendere ersetzt werden müssen. 337 Zum strukturalistischen Theoriekonzept bzw. dem Non-Statement-View von Theo- rien vgl. ausführlich Stegmüller [Wissenschaftstheorie 1,7]; Stegmüller [Wissenschaftsthe- orie 2,4]. 338 Mit dieser Denkfigur wird den umfangreichen Diskussionen um das Exhaustionsprin- zip und den Holismus der Theorieprüfung Rechnung getragen (vgl. dazu Dingler [Wis- senschaften], S. 29; Holzkamp [Experiment], S. 17; Holzkamp [Handlung], S. 92ff.; Du- hem [Theorien], Zweiter Teil, 10. Kapitel, §2 und §3; Quine [Standpunkt], S. 27ff.; Quine [Wahrheit], §6; Lakatos [Forschungsprogramme], S. 95ff.; zur Exhaustion überblicksartig Bortz/Döring [Forschungsmethoden], S. 21f.; zur Quine-Duhem-These und der Immu- nität von Theorie gegen Widerlegung überblicksartig Lauth/Sareiter [Erkenntnis], S. 129ff.). 339 Vgl. Homburg/Hildebrandt [Kausalanalyse], S. 17. 133 es sich hier um ein ähnlich geartetes, stabiles technisches System handeln würde, nicht in gleichem Maße gegeben sind wie im realtechnisch-naturwissenschaftlichen Bereich, wurde von unterschiedlicher wissenschaftstheoretischer Seite immer wie- der betont: 1. Im sozialen Bereich ist es kaum möglich, sich einen Überblick über alle Rand- und Anfangsbedingungen zu verschaffen – geschweige denn ein Un- tersuchungssystem derart zu isolieren und zu kontrollieren, wie es in den Naturwissenschaften der Fall ist. Gesetzesartige Aussagen werden deshalb oft unter sog. Ceteris-Paribus-Vorbehalte („Unter-Sonst-Gleichen- Bedingungen“) gestellt, wobei man oft keine genaue Vorstellung davon hat, welche Anfangs- und Randbedingungen gleich bleiben müssen.340 2. Stabile Strukturen sind auch deshalb nicht möglich, weil der Mensch einen gewissen Eigensinn hat, sich nicht wie ein Gasmolekül verhält, sondern in erster Linie frei entscheidet und handelt.341 Zwar mag manches Handeln durch institutionelle Regelungen und Gewohnheit in weiten Bereichen eine gewisse Regelmäßigkeit aufweisen, die als quasi-gesetzmäßig beschrieben werden kann. Diese Regelmäßigkeiten beruhen jedoch auf institutionalisier- ten Normen, Regeln und Gewohnheiten, die ihrerseits keine unverrückbare 340 Vgl. Luft/Kötter [Wissenstechnik], S. 198. 341 Zur Veranschaulichung sei folgendes Beispiel aus der verhaltenstheoretischen Psycho- logie genannt (vgl. hierzu Foppa [Grenzen], S. 141f.). Angenommen, es wurde folgendes Gesetz gefunden: „Sog. Hörersignale („mhm“, „ja“) veranlassen den Sprecher dazu, jene Passage, auf die sie gefolgt waren, näher zu erläutern, sie zu ergänzen und ausführlicher zu begründen“. Es kann nun der Fall sein, dass jemand, der dieses Gesetz gelesen hat oder auf seine gewohnten Reaktionsweisen aufmerksam gemacht wurde, keine Lust mehr darauf hat, ein durch ein Gesetze „determiniertes Objekt“ zu sein, und von nun an be- wusst – mit voller Absicht und Regelmäßigkeit – gegen dieses Gesetz verstößt, wodurch das Gesetz selbst widerlegt würde. Klaus Foppa weist aber auch ausdrücklich darauf hin, dass dieses Beispiel nicht für alle Bereiche der Psychologie gilt: Je körpernäher die Pro- zesse sind, desto geringer sind die Chancen eines „Widerlegungsbeschlusses“ (vgl. Foppa [Grenzen], S. 142; zur Unterscheidung von Handeln und Verhalten hinsichtlich der Un- terlassbarkeit vgl. Hartmann/Janich [Kulturalismus], S. 72ff.). 134 Notwendigkeit darstellen, sondern durch menschliches Handeln herbeige- führt worden sind und auch wieder verändert werden können.342 Betrachtet man die gegebenen Beispiele zu gesetzesartigen Aussagen im Einzel- nen, erscheint Beispiel 1 vor diesem Hintergrund als unproblematisch: Die Rekurs auf die Produktionsfunktion eines Unternehmens stellt zugleich einen Rekurs auf einen realtechnischen Zusammenhang dar. Einer Erklärung nach dem DN- Schema steht deshalb nichts im Wege. Dass Produktionsfunktionen Idealmodelle darstellen und keine Veranschaulichungsmodelle sind, spielt hierbei keine Rolle: Es geht schlicht um das Vorhandensein bzw. Nicht-Vorhandensein einer natur- wissenschaftlich-technischen Aussage in Form eines gesetzesartigen Zusammen- hanges, hier: von unterschiedlichen Input-Faktoren und den dazugehörigen Out- put-Faktoren.343 Problematischer wird es jedoch bei den Beispielen 2 und 3: Sie stellen eindeutig den Versuch dar, das kausale Denken aus dem Bereich der Naturwissenschaft auf den Bereich des Kultürlichen zu übertragen, indem soziale Gesetzmäßigkeiten erarbeitet werden sollen. Beispiel 2 geht dabei den Weg, zunächst durch eigene theoretische Überlegung als auch durch Auswertung bereits vorhandener Befunde und Theorien einen basalen theoretischen Rahmen zu schaffen. Dieser theoretische Rahmen dient dann dazu, eine Hypothese abzuleiten, die einen gewissen Zusammenhang zwischen unter- schiedlichen Variablen behauptet. In einem nächsten Schritt wird die Hypothese im Rahmen einer Untersuchung getestet und stellt sich als vorübergehen bewährt heraus. 342 Vgl. Schwemmer [Erklärung], S. 583; Hartmann [Handlungstheorie], S. 97. 343 Vielleicht ist auch hierin der Grund zu sehen, weshalb Stephan Zelewski keine T- theoretischen Terme bei der Rekonstruktion produktionswirtschaftlicher Theorien ge- funden hat (vgl. Zelewski [Produktionstheorie], S. 262ff.), geht ihm doch der Unterschied zwischen Idealmodellen auf der einen und Veranschaulichungsmodellen auf der anderen Seite verloren. Zwar lassen sich beide Modelltypen als eine „mathematische Struktur“ deuten. Idealmodelle (als schlichte Abstraktionen und Idealisierungen) weisen jedoch grundsätzlich einen anderen „axiomatischen Charakter“ (d.h. einen nicht-T-theoretischen Charakter) auf wie Veranschaulichungsmodelle. 135 Das Vorgehen in Beispiel 2 ist von Vertretern anderer wissenschaftstheoretischer Positionen – wie in Beispiel 3 – immer wieder heftig kritisiert worden. Bemängelt wird etwa – mit Seitenblick auf die Naturwissenschaften, insbesondere die Physik – dass der vorgelegte, basale theoretische Rahmen keine vereinheitlichende Idee hätte bzw. einen Rekurs auf ein allgemeingültiges, immer wieder zu findendes Er- klärungsprinzip vermissen lassen würde.344 Die vorgelegten Hypothesen werden als „Ad-Hoc-Hypothesen“ gegeißelt, die kein heuristisches Potential und keine Kontinuität besitzen würden. Günter Schanz sieht in der Theorie der Leistungs- motivation, begründet von McClelland und Atkinson, der Theorie der kognitiven Dissonanz von Festinger und die lerntheoretischen Konzepte von Homans et al. allgemeingültige, vereinheitlichenden Rahmen, die eine theoretisch fundierte, ver- einheitlichende Erklärung sozialer Gegebenheiten ermöglichen sollen. Er startet deshalb seine Untersuchung mit der Homan’schen Werthypothese, aus der er Schritt für Schritt niederstufigere Hypothesen ableitet. Die Möglichkeit jedoch, derart allgemeingültige Erklärungsrahmen zu schaffen, die auch auf ein weites Spektrum unterschiedlicher Betrachtungsbereiche und Problemfelder des Sozialen anwendbar ist, ist immer wieder kritisch in Frage gestellt worden.345 Empirische Forschung mit weniger umfassenden, „lokal begrenzten“ theoretischen Rahmen – wie in Beispiel 2 – sind heute zunehmend der Standard in der empirischern Sozial- forschung.346 Wurden jedoch einmal gewisse gesetzesartige Zusammenhänge gefunden, stellt sich als nächstes das Problem der Verallgemeinerbarkeit der Resultate, weisen doch schließlich beide Studien in Beispiel 2 und 3 zunächst eine starke raum- zeitliche Beschränkung auf. Die Studie von Golden/Zajac wurde 1998 an 3000 344 Vgl. Lakatos [Forschungsprogramme], S. 169f.; mit Bezug auf die Betriebswirtschafts- lehre Schanz [Empirismus]. Zur Schanz-Witte et al.-Kontroverse vgl. Kretschmann [Dif- fusion], S. 125ff. 345 Vgl. Seiffert [Wissenschaftstheorie 1], S. 220ff. 346 vgl. Bortz/Döring [Forschungsmethoden], S. 16f. Robert K. Merton spricht in diesem Zusammenhang auch von „Theorien mittlerer Reichweite“ (vgl. Merton [Theory], S. 39ff.). 136 US-amerikanischen Krankenhäuser in Form einer Sekundärdatenanalyse über Da- ten der Jahre 1985-1990 durchgeführt. Sie wurde 2001 publiziert. Die Studie von Schanz betrachtete ausschließlich Unternehmen der Elektrobranche, in Deutsch- land, im Jahre 1975.347 Den Übergang vom Einzelbefund zu einem raum-zeitlich invarianten Allsatz – wie er in der Naturwissenschaft üblich ist – bewerkstelligt Schanz dabei wie folgt: „Trotzdem glauben [sic!] wir, daß die hier angestellten the- oretischen Überlegungen für sämtliche Bereiche der Industrie – zumindest ten- denziell – gleichermaßen relevant sind.“348 Dieser Glaube, der in einem diffusen Meinen und subjektiven Für-Richtig-Halten gründet, ist aber genau in Frage zu stellen: Es ist äußerst erläuterungs- und begründungsbedürftig, ob überhaupt und – falls ja – in welcher Form die Ergebnisse aus Unternehmen in anderen Branchen („Raumbereiche“) übertragen werden können, herrschen hier doch hinsichtlich Marktstruktur, Wettbewerbsdynamik etc. völlig andere Bedingungen vor. Nimmt man zudem an, dass gewisse gefundene Regularitäten auch zeitlich nicht stabil sind – weil der Mensch eben handelt und sich nicht nur verhält – ist die Frage zu stel- len, was überhaupt damit gewonnen ist, wenn – wie der Fall bei Golden/Zajac – 2001 zeitlich begrenzte Regularitäten aus den Jahren 1985-1990 publiziert werden, die unter Umständen schon wieder ihre Gültigkeit verloren haben. Statt zu generalisieren und zu verallgemeinern, könnte man sich ja auch – wie in der Soziologie heute eigentlich üblich – mit raum-zeitlich begrenzten Erklärungen gewisser Sachverhalte und Gegebenheiten begnügen. Dies scheint jedoch in der Betriebswirtschaftslehre auf einige Probleme zu stoßen, v.a. auch deshalb, weil man hier an möglichst allgemeingültigen technischen Regeln des Gestaltens inte- ressiert ist („Je höher der Diversifizierungsgrad, desto mehr F&E-Investitionen!“), die nicht nur für eine spezifische Branche Gültigkeit haben, sondern für markt- wirtschaftlich agierende Unternehmen per se. 347 1975 ist das Publikationsdatum. Zum eigentlichen Zeitpunkt der Untersuchung macht Schanz keine Angaben. 348 Schanz [Diversifikation], S. 457. 137 Die Annahme der Allgemeingültigkeit gefundener Regularitäten ist ferner die Grundvoraussetzung, überhaupt sog. System-Dynamics-Modelle von Unterneh- men erarbeiten zu können – führt man sich vor Augen, dass derartige Modelle häufig eine Ansammlung verschiedenster gefundener Gesetzmäßigkeiten unter- schiedlichster Branchen und Zeiträume beinhalten.349 Die genauere Analyse von Beispiel 5 macht schließlich noch auf einige „techni- sche“ Probleme der Kausalanalyse aufmerksam. Viele Modelle beruhen aus Grün- den der Praktikabilität auf stark vereinfachenden Annahmen: Oftmals wird a) von Interaktionseffekten / Moderatoren zwischen den erklärenden Variablen gänzlich abgesehen, b) falls nicht: nur von linearen kausalen Beziehungen ausgegangen bzw. c) nur einseitige Wirkungsrichtungen unterstellt – und dies allein aus Grün- den fehlender (Kenntnis?) kausalanalytischer Instrumente, die die Schätzung kom- plexer, nicht-linearer Kausalmodelle ermöglichen. (Wechselseitige) Interaktionsef- fekte zwischen exogenen Variablen und nicht-lineare Beziehungen sind aber in nahezu allen betriebswirtschaftlichen Disziplinen eher die Regel und nicht die Ausnahme.350 Die Erklärungskraft derartig vereinfachter Modelle ist daher häufig begrenzt, die Erarbeitung von Kausalmodellen ohne Interaktionseffekte in vielen Fällen als nicht angemessen zu betrachten.351 Alles in allem ist die vorgetragene Kritik an Kausalerklärungen im sozialen Bereich nicht als Killerargument gegen diesen Ansatz zu verstehen. Es geht nur darum, die Möglichkeiten und Grenzen eines derartigen Ansatzes zu kennen bzw. zu erken- nen und überzogene Ansprüche zu reduzieren. V.a. geht es aber auch darum, sich darüber klar zu werden, wo die Suche nach Invarianzen Sinn macht und wo nicht. Das Suchen invarianter, strategischer Erfolgsrezepte scheint kaum sinnvoll zu sein, 349 Vgl. Kapmeier [Learning]; Kapmeier [System Dynamics]. Vor diesem Hintergrund können System-Dynamics-Modelle auch nur als Heuristiken der Entscheidungsfindung betrachtet werden und keinesfalls als „Abbildungen der Realität und ihrer Wirkungsme- chanismen“. 350 Vgl. Huber et al. [Interaktionseffekte], S. 697; Scholderer et al. [Strukturgleichungsmo- delle], S. 643. 351 Vgl. Huber et al. [Interaktionseffekte], S. 696. 138 weil ihre Offenlegung gerade zu deren Abnutzung und Unwirksamkeit beitragen würde: Wenn jeder diese Rezepte befolgt, dürften sie kaum wirksam sein, ist das Strategische doch gerade durch das kreative Zerstören und das Schaffen von Neu- em gekennzeichnet. Dennoch: In manch anderen Bereichen mag das Aufdecken gewisser Invarianzen und Regularitäten unverzichtbar sein, sei es um a) Kenntnis- se über stabile Regelmäßigkeiten zu erlangen, die man für sich nutzen kann, oder aber b) unbewusste Gewohnheiten des Handelns bewusst zu machen, damit un- günstige Gewohnheiten geändert werden können, passives Quasi-Verhalten wie- der in aktives, rationales Handeln überführt werden kann. Gerade letzteres nicht zu tun, Quasi-Verhalten und unbewusste Automatismen gewinnbringend für sich zu nutzen und nicht im Sinne der Emanzipation des Menschen einzusetzen (in- dem er über sein Quasi-Verhalten aufgeklärt wird), ist der Betriebswirtschaftslehre und einem verhaltenswissenschaftlichen Programm immer wieder zum Vorwurf gemacht worden: Besonders im Bereich des Marketing, der Mitarbeiterführung und Organisationspsychologie würde derartiges Gesetzeswissen lediglich dazu ein- gesetzt werden, Herrschaft über andere Menschen zu erlangen und deren Einstel- lungen und Verhaltensweisen gezielt für die eigenen Zwecke zu beeinflussen.352 Gerade Beispiel 4 scheint in dieser Hinsicht diskussionswürdig. 3.2.2 Intentionalerklärung Charakterisierung Intentionalerklärungen kommen überall dort zur Anwendung, wo man es mit Handlungen, handlungsleitenden Gründen bzw. Zwecken und Handlungsergebnissen bzw. Handlungsfolgen zu tun hat.353 Eine bestimmte Handlung einer Person wird dadurch erklärt, dass unter der Kenntnis einer Handlung-Handlungsfolge-Relation und der Handlungsabsicht einer Person die zu erklärende Handlung logisch erschlossen wird. Das Schema stellt sich wie folgt dar: 352 Vgl. Preglau [Betriebswirtschaftslehre], S. 205. 353 Zur Unterscheidung von Handlungsergebnissen und Handlungsfolgen vgl. ausführlich Hartmann [Handlungstheorie], S. 75ff. A will Z erreichen Nur wenn A x tut, wird er Z erreichen A muss x tun (A tut x / wird x tun / hat x getan) Schluss In Anschluss an Georg Henrik von Wright, der als erster wesentliche Anstrengun- gen zur Klärung der formalen Aspekte des Handlungsverstehens unternommen hat, wird in der von ihm verwendeten aristotelischen Redeweise die Intentionaler- klärung auch als praktischer Syllogismus bezeichnet.354 Der Begriff der Erklärung hat damit folgende inhaltliche Bestimmung erfahren: „Aufgrund welcher Zweck- setzung und gemäß welcher Handlungs-Handlungsfolge-Relation kann die Hand- lung H (und das damit verbundene Handlungsergebnis E bzw. die Handlungsfol- gen F) erklärt werden?“ Beispiele 1) Der sog. „Case-Study-Approach“ hat in der Analyse von Organisationen eine lange Tradition.355 Exemplarisch sei hier die Arbeit von Henry Mintzberg und Alexandra McHugh herausgegriffen, die 1985 eine detaillierte Studie zur Strategie- genese des „National Film Board of Canada“ (kurz: NFB) vorgelegt haben.356 Aus einer umfassenden Analyse von Archivdaten und einer Vielzahl durchgeführter, nicht-standardisierter Einzelinterviews mit wichtigen Schlüsselpersonen wurde der historische Wandel in der strategischen Ausrichtung des NFB nachgezeichnet, die handlungsleitenden Gründe dafür rekonstruiert und somit der Wandel als solches verstanden. Ziel war es v.a. herauszuarbeiten, wie und warum die faktisch realisier- te Strategie („realized strategy“, „strategy as pattern in a stream of decisions and actions“) von der von den Planungsstäben und der Geschäftleitung ausgegebenen 354 Vgl. von Wright [Verstehen]. Zu den Defiziten und Verkürzungen einer Modellierung des Handelns anhand des praktischen Syllogismus vgl. Hubig [Kunst d. Mögl. 1], S. 121ff.; Hubig [Handlung]. 355 Vgl. van Maanen (Hg.) [Methodology]. Eisenhardt [Research], S. 534ff. und Bor- chardt/Göthlich [Fallstudien] geben eine übersichtliche Darstellung wichtiger Studien. 356 Vgl. Mintzberg/McHugh [Formation]. 139 140 Strategie („deliberate strategy“, „strategy as plan“) abwich. Neben Außeneinflüssen wurden in erster Linie intraorganisationale Effekte ausgemacht, die zu einer Stra- tegieemergenz aus der Organisation selbst heraus führten („emergent strategy“). Mintzberg/McHugh zogen hieraus wichtige Erkenntnisse, wie Strategieprozesse besser organisiert werden können, damit sie effektiv sind bzw. effizienter verlau- fen. 2) Eine drängende Frage für die Praxis aber auch die Wirtschaftswissenschaften war es in den 70er und 80er Jahren, wie japanische Unternehmen es geschafft ha- ben, eine derart stark Marktführerschaft in den Bereichen Unterhaltungselektronik und Automobil aufzubauen.357 Eine Vielzahl unterschiedlichster Untersuchungen wurde zu diesem Zweck durchgeführt, um betriebliche Entscheidungsprozesse, Unternehmensstrukturen, Managementkonzepte zu verstehen. Forscher, die einen „erklärenden Ansatz“ im Sinne von Kausalerklärungen favorisierten, gingen dabei sehr direkt vor, etwa indem sie fragten, wie Entscheidungen im Unternehmen ge- troffen werden, die dann zu einer spezifischen Ausrichtung des Unternehmens führten. Dabei stellte sich aber heraus, dass es für viele Japaner sehr schwierig ist, diesen subtilen Entscheidungsprozess in Worte zu kleiden. Um also verstehen zu können, wer, wie, welche Entscheidungen getroffen hat und warum ein Unter- nehmen so und so reagiert hat, sind statt standardisierten Befragungen teilneh- mende Beobachtungen, Einzelfallstudien (oft in Form von Längsschnittanalysen) zu wählen, weil nur so ein Einleben, Einfühlen und Verstehen der ablaufenden Prozesse möglich ist. Die Spezifika des „verstehenden Ansatzes“ werden oft in Form der sog. „Eisbergmetapher“ veranschaulicht:358 Quantitative Methoden werden hier mit dem Flug eines Helikopters über einen Eisberg verglichen. Wer den Eis- berg aber wirklich erforschen will, muss auf ihm landen und in das kalte Wasser eintauchen, denn 80-90% eines Eisberges liegen bekanntlich unter Wasser. Das Handlungsverstehen ist somit unabdingbares Mittel in der Analyse und dem Ver- 357 Vgl. Gummesson [Methods], S. 28ff. 358 Vgl. Gummesson [Methods], S. 35ff. 141 ständnis kultureller Spezifika, organisatorischer Prozesse und Unternehmenskultu- ren. 3) Die Neue Institutionenökonomik hat im Rahmen der Theorie der Eigentums- rechte („Property-Rights-Theory“) und der Principal-Agenten-Theorie („Agency- Theory“) untersucht, wie rechtliche und andere institutionelle Regelungen das Handeln von Wirtschaftssubjekten in eine gewisse Richtung beeinflussen und ka- nalisieren.359 Wirtschaftssubjekte werden hier – im Gegensatz zur neoklassischen Ökonomie – nicht mehr nur als rationale Nutzenmaximierer modelliert, sondern als handelnde Subjekte, die sich unterschiedliche Zwecke, Interessen, Ziele des Handelns setzen. Aus der Differenz in den Zwecksetzungen entsteht auch das Prinzipal-Agenten-Problem: Ein Auftraggeber („Prinzipal“) engagiert eine Perso- nengruppe („Agenten“), die in seinem Name Geschäfte machen soll. Den Agenten wird nun unterstellt, dass sie in erster Linie im Eigennutzen handeln möchten bzw. dies auch tun. Ziel der Untersuchungen ist es nun, Ansätze institutioneller Art zu schaffen, die die Zwecksetzungen des Agenten einsichtig machen, ein- schränken bzw. in eine gewisse Richtung beeinflussen. Diskussion Die Charakterisierung des verstehenden Ansatzes wird dadurch erschwert, dass eine Vielzahl unterschiedlichster Forschungsansätze und vermeintlicher Methoden existieren, die alle von sich behaupten, „qualitativ“ vorzugehen.360 So firmieren unter der Rubrik qualitativ-verstehender Ansätze etwa „die Hermeneutik“, „die Phänomenologie“, „die Ethnomethodologie“ und „die Ethnographie“, der symbo- lische Interaktionismus nach Georg H. Mead und Herbert Blumer, die Grounded- Theory nach Anselm Glaser und Barney Strauß, das Case-Study-Research, das Action-Research, Blurred Genres, um nur einige zu nennen.361 John van Maanen 359 Vgl. hierzu überblicksartig Erlei et al. [Institutionenökonomik]. 360 Vgl. Gummesson [Methods], S. 10; Bitsch [Forschung], S. 49ff. 361 Vgl. hierzu die ausführliche Auswertung verschiedenster Methoden-Lehrbücher von Bitsch [Forschung] S. 49ff. Die obige Aufzählung unterschiedlicher „Ansätze“ klingt für den Wissenschaftstheoretiker etwas schief. Das noch eingehender zu belegende Konzept 142 spricht daher davon, dass der Begriff „qualitative research“ ein „Schirm“-Begriff („umbrella term“) sei:362 Der Begriff gibt ein gemeinsames Dach ab, unter dem eine Vielzahl unterschiedlicher Ansätze versammelt sind. Trotz aller Verschieden- heit im Detail haben alle diese Ansätze jedoch folgende Gemeinsamkeiten: 1. Die Suche nach sozialen Gesetzmäßigkeiten wird als verfehlt erachtet. Ziel verstehender Ansätze ist es nicht nachzuweisen, dass sich Menschen und Unternehmen in der gleichen Situation gleich verhalten.363 Das umgekehrte wird als viel interessanter erachtet: zu zeigen, dass unterschiedliche Men- schen sich in derselben Situation auch unterschiedlich „verhalten“ können. 2. Die Menschen „verhalten“ sich deshalb unterschiedlich, weil sie in Wirk- lichkeit handeln, sich verschiedene Ziele und Zwecke setzen und nach hier- für geeigneten Mitteln zur Realisierung Ausschau halten. 3. Das Handeln anderer Menschen (in anderen Kulturen, zu anderen Zeiten) kann nur erklärt bzw. verstanden werden, wenn der kulturelle Rahmen, die jeweils spezifischen Rahmenbedingungen und Gegebenheiten bzw. das ge- teilte, gemeinsame Vorverständnis verstanden wird. Nur so lassen sich der intra- als auch interdisziplinären Familienähnlichkeit verschafft hier mehr Klarheit: Die Hermeneutik und Phänomenologie sind Methoden bzw. Positionen in der Philoso- phie, die eine gewisse intradisziplinäre Familienähnlichkeit aufweisen. Diese Ansätze ha- ben jedoch auch interdisziplinäre Verknüpfungen zu anderen Fächern, wie etwa der Volkskunde (Ethnomethodologie) oder der Soziologie (Grounded Theory), weisen mit ihnen aus methodologischer Sicht also Familienähnlichkeit auf (siehe dazu auch die über- sichtliche Kategorisierung verschiedenster „Ansätze“ nach Disziplinen bei Bitsch [For- schung], S. 52). 362 Vgl. van Maanen [Methods], S. 9. 363 Vgl. Seiffert [Wissenschaftstheorie 1], S. 213ff. Werner Kirsch weist zudem darauf hin, dass ein bloßes Gesetzeswissen in manchen Bereichen der Betriebswirtschaftslehre viel zu verkürzend wäre: Vielmehr bedarf es umfassender „narrativer Darstellungen“, die ein viel detaillierteres und vielschichtigeres Bild der sozialen bzw. betrieblichen Wirklichkeit zeichnen können (vgl. hierzu Kirsch et al. [Forschung], S. 240f. bzw. die Diskussion in Kapitel 3.1.2 zum Harvard-Fallstudien-Konzept). 143 Handlungen als rational für das spezifische Handlungssubjekt rekonstruie- ren bzw. als gescheitert und erfolgreich prädizieren.364 4. Die Operationalisierung und Messung empirischer Merkmale wird deshalb als verfehlt betrachtet, weil gewisse „theoretische Begriffe“ aus Sicht des gemeinsamen Vorverständnisses als „beobachtbare Begriffe“ erscheinen bzw. die Operationalisierung und Messung viele Detailfragen und Nuancen gar nicht erst einzufangen vermag.365 Das Sich-Einfühlen, Sich-Einleben, Verstehen ist – wie oben bereits dargestellt – die Vorraussetzung für das Verstehen von Handlungen, denn nur so kann eine Handlung einer Person als rational für das spezifische Handlungssubjekt betrach- tet werden. Selbst in extremen Fällen wird an der Unterstellung dieser Zweckrati- onalität festgehalten:366 Bei psychisch erkrankten Personen geht es v.a. darum zu zeigen, dass die für Außenstehende objektive Irrationalität in der Inadäquatheit dessen besteht, was von dem Erkrankten subjektiv geglaubt wird. Die erkrankte Person verhält sich zwar objektiv irrational, im subjektiven Sinne aber durchaus höchst rational. Wesentliche Aufgabe der Behandlung besteht für den Arzt nun darin zu verstehen, aufgrund welcher unbewusst verfolgter Zwecksetzungen sich ein Patient so und so verhält. Da an der Unterstellung der Zweckrationalität auch in extremen Fällen festgehalten wird, macht deutlich, dass deren Annahme die Bedin- gung der Möglichkeit von Erkenntnis und dem Geben von Intentionalerklärungen ist.367 Ohne Unterstellung der Zweckrationalität – analog der Unterstellung stabiler Mechanis- men und Strukturen bei der Kausalerklärung – wäre also eine Erkenntnis gar nicht 364 So ist jedem von uns aufgrund des gemeinsam geteilten Vorverständnisses klar, dass wenn eine Person einen Nagel an die Wand hält und sich dann mit dem Hammer kräftig auf den Daumen haut, die Handlung als gescheitert zu betrachten ist und hier nicht etwa ein Auftakt zu einem rituellen Regentanz vorliegt (vgl. Hartmann [Handlungstheorie], S. 83). 365 Vgl. hierzu noch einmal die Diskussion zu „Quantifizierung und Messung“ in Kapitel 3.1.3. 366 Das folgende Beispiel ist Hartmann [Handlungstheorie], S. 96 entnommen. 367 Vgl. Hartmann [Handlungstheorie], S. 96. 144 möglich. Sie ist die Bedingung der Möglichkeit für Intentionalerklärungen über- haupt. Die Gegenüberstellung von erklärenden und verstehenden Ansätzen wird häufig mit der Frage nach „reiner“ und „anwendungsorientierter“ Forschung, von „The- orie“ und „Praxis“ vermengt und gleichgesetzt.368 Gerade aber das Interesse für das Einzelne ist aber von einem Anwendungsgedanken zunächst völlig frei.369 Die Betriebswirtschaftslehre hat also keineswegs nur die Wahl, als quantitativ- erklärende Betriebswirtschaftslehre theoretisch und als qualitativ-verstehende Be- triebswirtschaftslehre nur praktisch zu sein370: „Vielmehr kann sie sich, genau wie die Geschichtswissenschaft, durchaus als rein theoretische Wissenschaft für die ‚Diagnose sozialer [d.h. für die Betriebswirtschaftslehre: marktlicher und betriebli- cher; Anmerkung des Verf.] Wirklichkeit’ interessieren.“371 Wie die obigen Bei- spiele (insbesondere Beispiel 2) zeigen, ist das Interesse am Einzelnen aber oft an die Ableitung von Gestaltungsempfehlungen gekoppelt – die Betriebswirtschafts- lehre ist also keine rein theoretische Wissenschaft, die sich nur der Diagnose und dem Verstehen gewisser sozialer, betrieblicher Sachverhalte widmet, sondern auch Gestaltungslehre: McHugh/Mintzberg sind nicht nur an der Erklärung der Strate- giegenese des „National Film Board of Canada“ interessiert, ihnen geht es auch darum, diese Ergebnisse zu verallgemeinern und Vorschläge zu erarbeiten, wie Strategieprozesse in Unternehmen effizienter organisiert werden können.372 Im 368 Vgl. Gummesson [Methods], S. 2ff. und die Literaturangaben bei Seiffert [Wissen- schaftstheorie 1], S. 236. 369 Vgl. im Folgenden Seiffert [Wissenschaftstheorie 1], S. 236. Vom Action-Research- Ansatz, in dem der Forscher zugleich auch Change-Agent ist, sei hier zunächst abgese- hen. 370 Vgl. Seiffert [Wissenschaftstheorie 1], S. 236, der analoges für die Soziologie formu- liert. 371 Seiffert [Wissenschaftstheorie 1], S. 236, dessen ursprüngliche Aussage sich jedoch auf die Soziologie bezieht. 372 Die Behauptung, ein qualitatives Vorgehen sei nur am Einzelnen interessiert, ist des- halb falsch. Insbesondere in sehr praxisnahen Ansätzen der Betriebswirtschaftslehre ist die Findung erfolgreicher Verfahrensweisen anhand von Einzelfallstudien und deren Ge- 145 sog. Action-Research, bei dem der Forscher zugleich auch Change-Agent im Un- ternehmen ist, wird diese Koppelung von Erklären/Verstehen und Gestalten noch sehr viel enger.373 Das Action-Research wird deshalb von einigen Forschern als besonders geeignete Methode für stark anwendungsorientierte Ansätze in der Be- triebswirtschaftslehre erachtet.374 Beispiel 3 hat insbesondere deutlich gemacht, dass es zudem sinnvoll ist, den Blick vom Handeln zu lösen und auf den institutionellen Rahmen zu lenken, in den das Handeln eingebettet ist. Unter Institutionen seien hier – im Einklang mit der Neu- en Institutionenökonomik – all diejenigen orientierenden, ideellen Instanzen auf normativer Ebene verstanden (Verträge, gesetzliche Regelungen, moralische Stan- dards etc.), die die Wahl unserer Zwecke und Mittel beeinflussen und somit eine basale Koordinationsleistung für das gemeinsame Handeln erbringen. Der Blick ist folglich darauf zu richten, welche Spielräume uns Institutionen in der Wahl unse- rer Zwecke und Mittel erlauben bzw. ob und falls ja: in welchem Umfang Institu- tionen Koordinationsleistungen erbringen.375 Möchte man die Effekte studieren, die diese Institutionen erbringen, ist zunächst der Zustand zu analysieren, der sich ergeben würde, wenn alle Personen, die von einer institutionellen Regelung betrof- fen sind, diese auch einhalten würden.376 Hier begegnet uns ein dritter Modellbeg- riff, der des sog. Institutionenmodells. Der Unterschied zum Idealmodell besteht dar- in, dass beim Idealmodell von einer Sachverhaltsbeschreibung ausgegangen wird, die durch Verallgemeinerung, Abstraktion, Idealisierung in eine kontrafaktische Beschreibung abgeändert wird, während beim Institutionenmodell von Institutio- nen ausgegangen wird und man zu einer idealen Beschreibung kommt, indem eine neralisierung und Hochstilisierung zu allgemeinen, technischen Regel üblich (vgl. Kirsch et al. [Forschung], S. 239ff; Gummesson [Methods], S. 7ff.). 373 Eine kurze Einführung in die Aktionsforschung gibt Bortz/Döring [Forschungsme- thoden], S. 341ff. 374 Vgl. Kirsch [Betriebswirtschaftslehre], S. 310ff.; Kirsch et al. [Forschung], S. 224ff.; Gummesson [Methods], S. 207ff. 375 Vgl. Kötter [Modell], S. 50. 376 Vgl. Kötter [Modell], S. 50. 146 strikte Regel- und Normenbefolgung unterstellt wird.377 Die Prognose ist damit kein Spezifikum der Kausalerklärung: Die zunächst kontrafaktische Unterstellung, dass gewisse Aufforderungen bzw. Unterlassungsaufforderungen zu Handlungen auch strikt befolgt werden – sei es nun im Einzelfall oder im Kollektiv – erlaubt ebenfalls die Vorhersage gewisser Sachverhalte, Zustände, Handlungsweisen.378 Dies wird v.a. im Rahmen des Qualitätsmanagements nach EN ISO 9000f. er- sichtlich: Gerade die Dokumentation und Standardisierung unternehmensinterner Prozesse sollen hier die Basis dafür abgeben, ein gleich bleibendes, voraussagbares „Systemverhalten“ sicherzustellen, indem Mitarbeiter dazu aufgefordert werden, Aufgaben nur nach den festgelegten Abarbeitungsroutinen zu bearbeiten.379 Aber auch im Rahmen der Unternehmens- und Wirtschaftsethik ist die Analyse institu- tioneller Regelungen und deren Einfluss auf Unternehmen bzw. deren Mitglieder immer wieder ein dominantes Thema.380 3.2.3 Funktionalerklärung Charakterisierung Funktionalerklärungen kommen überall dort zur Anwendung, wo man es mit Sys- temen (im Sinne der allgemeinen Systemtheorie nach Ludwig von Bertalanffy) zu 377 Vgl. Kötter [Modell], S. 50. 378 Vgl. Schwemmer [Grundlagen], S. 36ff. 379 Die Explizierung der Geschäftsprozesse dient zugleich der kontinuierlichen Verbesse- rung. 380 Vgl. Hubig [Modellierung]; Hubig [Kunst d. Mögl. 2], S. 165ff. So baut etwa Josef Wieland seinen wirtschaftsethischen Ansatz komplett auf Überlegungen der Neuen Insti- tutionenökonomik auf (vgl. Wieland [Ethik]; überblicksartig: Wieland [Governan- ceethik]). Aber auch bei der Diskussion um den „Ort der Moral“ sind institutionelle Re- gelungen immer wieder Kristallisationspunkt der Diskussionen: Während Karl Homann die Meinung vertritt, dass der systematische Ort der Moral nur in der wirtschaftspoliti- schen Rahmenordnung zu sehen ist (vgl. Homann/Blome-Drees [Unternehmensethik]; überblicksartig: Homann [Unternehmensethik]), vertreten – zugegebener Maßen stark verkürzend ausgedrückt – Horst Steinmann (vgl. Steinmann/Löhr [Unternehmensethik]; überblicksartig: Steinmann/Löhr [Programm]) und Peter Ulrich (vgl. Ulrich [Wirtschafts- ethik]; überblicksartig: Ulrich [Unternehmensethik]) die Ansicht, dass der Ort der Moral in erster Linie in der moralischen Selbstverpflichtung bzw. Selbstbindung liegt. tun hat, die aus unterschiedlichen Systemelementen und Subsystemen zusammen- gesetzt sind.381 Die Existenz eines Systemelementes bzw. Subsystems wird da- durch erklärt, dass die entsprechende Komponente eine spezifische Aufgabe bzw. Funktion zu erfüllen hat, die für das korrekte Funktionieren des Gesamtsystems notwendig ist. Das Schema stellt sich wie folgt dar: W hat den Effekt B, wobei B eine notwendige Bedingung für das adäquate Funktionieren des Systems M ist M funktioniert adäquat M verfügt über W Schluss Der Begriff der Erklärung hat damit folgende inhaltliche Bestimmung erfahren: „Aufgrund welcher Funktion im Gesamtsystem kann die Existenz eines spezifi- schen Subsystems bzw. Systemelements erklärt werden?“ Beispiele 1) Zunehmende Dynamik und Komplexität der Unternehmensumwelt bzw. stei- gende Differenziertheit der Unternehmung selbst haben das Erfordernis geschaf- fen, eine neue Koordinationsfunktion innerhalb des Unternehmens zu etablieren: das Controlling.382 Die Funktion des Controllings wird üblicherweise wie in Abbildung 17 charakterisiert. 381 Zur Systemtheorie vgl. überblicksartig Seiffert [Wissenschaftstheorie 3], S. 95ff. (für die moderne Systemtheorie insbesondere S. 125ff). 382 Vgl. Horváth [Controlling], S. 3ff. 147 Abbildung 17: Controlling als Schnittmenge zwischen Manager und Controller (Horváth [Control- ling], S. 26) Als Teil des Financial Management wird das Controlling gegenüber dem Treasu- rership anhand seiner Aufgabengebiete wie in Abbildung 18 ersichtlich abgegrenzt. 148 Abbildung 18: Abgrenzung Controllership und Treasurership (Horváth [Controlling], S. 33) 149 Die Funktionsweise im Gesamtsystem und das Zusammenwirken mit anderen Systemelementen erläutert Abbildung 19. Abbildung 19: Interaktion Management - Controlling (Horváth [Controlling], S. 821) 2) Um die Existenz des Unternehmens bzw. den Unternehmenswert längerfristig zu sichern, ist es erforderlich im Zuge eines umfassenden Risk-Managements un- terschiedliche Formen eines internen Kontrollsystems zu etablieren, das innere Abläufe und Strukturen überwacht und das Unternehmen vor dolosen Handlun- 150 151 gen seiner Mitglieder schützt. Dies begründet z.B. die Existenz der internen Revi- sion, die in unterschiedlichen Ausprägungen organisatorisch verankert sein kann. Diskussion Funktionalerklärungen spielen überall dort eine herausragende Rolle, wo der Be- trachtungsgegenstand als ein quasi-technisches System gedeutet wird, das gewissen Kontroll-, Steuerungs- und Regelungsprozessen unterliegt bzw. zugänglich ist. Die technomorphe Deutung eines Gegenstandes als ein technisches Gebilde (bestehend aus unter- schiedlichen Komponenten und Funktionsträgern) ist die Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis und dem Geben von Funktionalerklärungen überhaupt. Die Deu- tung sagt nichts über die Natur des Gegenstandes aus, sondern zeigt vielmehr er- neut, wie stark unsere Sicht von Welt durch Technik beeinflusst ist (Himmels- „Mechanik“, Weltganzes als „Maschine“, „Mechanismen“ der Natur, Gene als „Codes“, Herz als „Pumpe“, Internet als „Netz“).383 Spätestens seit Hans Ulrichs systemorientierter Betriebswirtschaftslehre und den sich daraus entwickelnden systemorientierten Managementansätzen ist das Sys- temdenken in der Betriebswirtschaftslehre vollständig etabliert.384 Eine Vielzahl von Ansätzen rekurriert darauf, so z.B. der entscheidungsorientierte Ansatz Ed- mund Heinens, der Controlling-Ansatz Péter Horváths oder etwa verschiedene Ansätze einer ökologisch verpflichteten Betriebswirtschaftslehre.385 Die systemi- sche Betrachtung eines Unternehmens – so kann man wohl mit Fug und Recht behaupten – gehört damit heute zu den Standards der Disziplin – und damit auch das Geben von Funktionalerklärungen. Betrachtet man obiges Schlussschema der Funktionalerklärung genauer, wird deut- lich, dass aus dem ordnungsgemäßen Funktionieren eines Gesamtsystems nicht 383 Vgl. hierzu Kornwachs [Technikphilosophie], S. 10ff. bzw. noch einmal die ausführli- che Diskussion in Kapitel 3.2.1. 384 Vgl. Schanz [Wissenschaftsprogramme], S. 130ff. 385 Vgl. Heinen [Betriebswirtschaftslehre], S. 25; Horváth [Controlling], S. 92ff. Zur öko- logisch verpflichteten Betriebswirtschaftslehre, in der ein Unternehmen als produktives und destruktives System zugleich charakterisiert wird vgl. Seidel/Menn [Betriebswirt- schaft], überblicksartig: Schanz [Wissenschaftsprogramme], S. 181ff. 152 zwingend auf die Existenz eines spezifischen Systemelements W geschlossen wer- den kann, sondern nur darauf, dass M über die Funktionalität B verfügen muss, sei es in Form von W oder aber einer funktionalen Alternative. Deshalb ist es auch Common Sense in der systemorientierten Betriebswirtschaftslehre, dass erst nach einer funktionalen Analyse und Gestaltung eine institutionale bzw. organisatori- sche Lösung zu suchen ist: „Die Unterscheidung funktionaler und institutionaler Systemaspekte ergibt sich also aus der Unterscheidung logischer und organisatori- scher Strukturen.“386 Der Entwurf eines Systems mit bestimmten Systemelementen bzw. die Darstel- lung der Interaktionsweisen der Systemelemente (Aufbau- und Ablauforganisation) kann – in hemmungsloser Ausnutzung der Möglichkeiten deutscher Sprache – als Funktionsmodell eines Systems bezeichnet werden (siehe hierzu insbesondere Bei- spiel 1 Abbildung 3). Damit begegnet uns hier ein vierter Begriff von Modell. Der Unterschied zum Idealmodell liegt darin, dass beim Idealmodell von einer Sach- verhaltsbeschreibung ausgegangen wird und diese kontrafaktisch in eine ideale Beschreibung abgeändert wird, während Funktionsmodelle zu einer idealen Be- schreibung kommen, indem (zunächst) das reibungslose Zusammenspiel und Funktionieren der Systemkomponenten angenommen wird. Funktionsmodelle unterscheiden sich von Institutionenmodellen „nur“ dadurch, dass erstere Welt als technisches, unbelebtes Gebilde deuten, als kybernetisches System im Sinne der Lenkung, der Steuerung, der Kontrolle, des Haltens gewisser Zustände, der Rege- lung, während letztere das Handlungssubjekt und dessen Zweckrationalität in den Fokus nehmen. Diese grundlegende Differenz ist auch immer wieder Gegenstand der Kritik an der Systemtheorie geworden: 1. Als eine aus den Ingenieur- und Naturwissenschaften stammende Theorie ist die Systemtheorie einem kausalen Denken in Ursache- Wirkungszusammenhängen verhaftet, indem gewisse Effekte und Zustände 386 Horváth [Controlling], S. 106. Deshalb ist das Organisieren auch eine Kunst und kein deduktives Handwerk, denn eine Funktion kann auf fast beliebige Art und Weise organi- satorisch umgesetzt werden (in Anlehnung an Kornwachs [Strukturkonzepte], S. 117). 153 (Outputs) durch die Kombination verschiedener Anfangs- und Randbedin- gungen (Inputs) erklärt werden. Dieser Gedanke war v.a. leitend für viele frühe Ansätze einer „empirischen Theorie der Unternehmung“, ist immer noch mehr oder weniger leitend für neuere Ansätze des System- Dynamics.387 Dass aber das Denken in Ursache und Wirkung und die da- mit angenommene Stabilität gewisser kausaler Strukturen für den sozialen Bereich unangemessen ist, wurde von Vertretern eines verstehenden An- satzes der Sozialwissenschaften immer wieder vorgebracht.388 2. Eng damit verbunden ist auch die Kritik an der Idee, das Unternehmen als Black Box zu betrachten: „Wir versuchen nicht, die Vorgänge im Inneren des System in einzelnen zu erfassen und entsprechende Ursache-Wirkungs- Beziehungen festzustellen, sondern begnügen uns mit dem, was wir von außen beobachten können: Inputs und Outputs.“389 Der Black-Box-Ansatz gerät damit in gefährliche Nähe zu einer theorielosen Suche nach bloßen (unverstandenen) statistischen Zusammenhängen (auf Makro-Ebene), wo- bei das „Warum?“ eines Systemzustands überhaupt nicht verstanden wird. Synergetische Ansätze sind mit ähnlichen Problemen konfrontiert.390 Ulrichs Kennzeichnung des Unternehmens als „offenes, soziales, produktives Sys- tem“391 täuscht also leicht über die eigentlichen Schwierigkeiten hinweg, denn das, was das Soziale ausmacht, scheint in der vorwiegend technokratischen Sicht der Dinge überhaupt nicht verstanden zu sein: Es sind Menschen, die in einem Betrieb arbei- ten, die unterschiedliche Interessen und Ziele verfolgen, Leidenschaften und Emo- 387 Zu den unterschiedlichen Anätzen einer empirischen Theorie der Unternehmung vgl. überblicksartig Kretschmann [Diffusion], S. 66ff., zu System-Dynamics Kapmeier [Sys- tem Dynamics]; Kapmeier [Learning]. 388 Vgl. hierzu noch einmal Abschnitt 3.2.2. 389 Ulrich [System], S. 132. 390 Zur Synergetik im Allgemeinen vgl. Haken [Synergetik], zur Synergetik in den Sozial- wissenschaften exemplarisch Korotayev et al. [Macrodynamics], zur Synergetik in der Betriebswirtschaftslehre exemplarisch von Neumann-Cosel [Synerg. Handlungsmodell]. 391 Vgl. Ulrich [System]. 154 tionen haben, die mit ihren Ängsten, Hoffnungen und Wünschen in der Beschrei- bung als bloße technische Komponente eines Gesamtsystems nur unzureichend in den Blick geraten. Es sind Menschen, die das Unternehmen aufbauen, am Leben erhalten, liquidieren und beenden. Es sind Menschen – und nicht nur Märkte – die das Unternehmen von außen beeinflussen und prägen. Es sind Menschen, die handeln, sich unterschiedliche Zwecke und Ziele setzen, und sich nicht bloß ver- halten. In diesem Zusammenhang ist auch gegen die häufig verbreitete Sichtweise anzu- gehen, die Systemtheorie sei „inhaltlich neutrale Metawissenschaft“, sei formal genug, um alle in der Betriebswirtschaftslehre auftauchenden Probleme erfassen zu können, sei „nicht durch inhaltliche Vor-Urteile oder a priori-Annahmen über die Wirklichkeit belastet“.392 So macht Max Preglau deutlich, dass die systemtheo- retische Begriffsstrategie notwendig eine Reduktion der lebensweltlichen Katego- rie „Sinn“ auf die systemtheoretische Kategorie „Funktion“ impliziert: Für die Systemtheorie bemisst sich die Rationalität/Geeignetheit eines (Handlungs- )Systems ausschließlich am Überleben bzw. der Reduktion von Komplexität.393 Verhaltenserwartungen bzw. -weisen im System bzw. des Systems als Ganzem werden daher nur unter diesem funktionalistischen Gesichtspunkt, nicht aber un- ter dem Gesichtspunkt der prinzipiellen Rechtfertigungsbedürftigkeit und auch Rechtfertigbarkeit im moralisch-ethischen Sinne betrachtet.394 Kurz: Die System- theorie unterdrückt die Dimension der moralisch-praktischen Rationalität zuguns- ten der Dimension technisch-funktionale Systemrationalität, gerät deshalb unter Ideologieverdacht, weil u.U. moralisch-praktisch nicht legitimierbare Systemstruk- turen und -prozesse wissenschaftlich objektiv als systemrational und daher ver- nünftig dargestellt werden.395 Außerdem besteht die Gefahr, dass das Systemum- feld als bloß gegebenes, unveränderliches Datum bzw. Schicksal betrachtet wird, 392 Ulrich [System], S. 206. 393 Vgl. Preglau [Betriebswirtschaftslehre], S. 206. 394 Vgl. Preglau [Betriebswirtschaftslehre], S. 206. 395 Vgl. Preglau [Betriebswirtschaftslehre], S. 207. 155 das aus dem eigenen Verantwortungsbereich und der erforderlichen moralisch- ethischen Reflexion gänzlich herauszufallen droht.396 3.3 Gestaltung Die Aufgabe von Wissenschaft ist normalerweise, systematisch und methodisch zu erkunden, was in der Welt der Fall ist („Beschreiben“) und warum es der Fall ist („Erklären“). Das Ziel der Betriebswirtschaftslehre, Welt nicht nur zu beschreiben und zu erklären, sondern auch zu gestalten, ist eine Zielsetzung, die klassischen Wis- senschaften – wie etwa der Physik – in ihrem eigenen Selbstverständnis so jeden- falls fehlt.397 Die Betriebswirtschaftslehre versteht sich explizit als eine theoreti- sche und praktische Stütze der sozialtechnischen Praxis, als Hilfestellung bzw. als Dienstleister in der Lösung praktischer betrieblicher Probleme. Aufgrund dieser Zielsetzung, die über die Zielsetzung klassischer Wissenschaft weit hinausgeht, scheint ein Anknüpfen an die etablierte Wissenschaftstheorie hier nur in einge- schränktem Maße möglich zu sein. Überblickt man die Forschungsbemühungen der Betriebswirtschaftslehre im Be- reich des Gestaltens eingehender, so werden folgende Schwerpunktsetzungen deutlich:398 1. Untersuchung/Entwurf verschiedener Methoden/Verfahren zur Unter- stützung betrieblicher Entscheidungen (sowohl auf strategischer, taktischer, 396 Nicht zuletzt kann das Programm einer „ökologisch verpflichteten Betriebswirt- schaftslehre“ als ein Versuch gedeutet werden, dieser Verkürzung entgegenzuwirken, wobei – zugegebener Maßen – die ökologisch verpflichtete Betriebswirtschaftslehre eher (noch?!) eine Randerscheinung in der Betriebswirtschaftslehre darstellt. 397 Von diesem Selbstverständnis ist das Fremdverständnis zu unterscheiden. In Kapitel 2 wurde deutlich gemacht, dass Wissenschaft per se (mehr oder weniger immer) als Liefe- rant praxisstabilisierenden Wissens zu verstehen ist (vgl. hierzu noch einmal Abschnitt 2.1.4). 398 Vgl. Kirsch [Betriebswirtschaftslehre], S. 178ff; Kirsch et al. [Forschung], S. 202ff. bzw. auch Horváth [Controlling], S. 142ff., der dem Controlling eine systembildende als auch systemkoppelnde Aufgabe zuweist, wobei bei der Gestaltung zwischen funktiona- len, institutionellen und instrumentellen Aspekten zu unterscheiden ist. 156 operativer Ebene als auch in verschiedenen „Feldern“ wie etwa der Pro- duktions-, Personal- oder Finanzwirtschaft bzw. dem Marketing). 2. Entwurf/Analyse/Abstimmung basaler Managementsysteme (Informati- onssysteme, Planungs- und Kontrollsysteme etc.). 3. Entwurf basaler organisatorischer Prinzipentwürfe sowohl hinsichtlich der Aufbau- als auch Ablauforganisation (Linienorganisation, Matrix- Organisation, Netzwerk.-Organisation, Virtuelle Unternehmen etc.). 4. Entwicklung/Schaffung/Analyse/Kritik von Managementkonzepten, Füh- rungs- und Management-„Philosophien“, Management-Moden (Marketing- Ansatz als „Führen vom Markt her“, Controlling-Ansatz als „Führen vom Ergebnis“ her, Business-Process-Reengineering, Kaizen, TQM, usw.). Bei der Durchsicht der einschlägigen Literatur wird dabei sehr schnell klar, dass das Fach sich nicht mit der Entwicklung konkreter Handlungsentwürfe (spezifi- sche Werbekampagne, Produktionsprogramm etc.) beschäftigt, sondern mit der Analyse, Systematisierung, Entwicklung von Verfahren, Methoden, Instrumenten zur Unterstützung der Problemlösungsbemühungen der Praxis in der Entwicklung und Umsetzung ebendieser konkreten Handlungsentwürfe.399 Das eigentliche Gestalten im Sinne des Fällens von Entscheidungen, dem Entwurf und der Um- setzung spezifischer institutioneller, organisatorischer Maßnahmen, sowie das kon- krete sozialtechnische Agieren und Prozessieren ist Sache der technischen Praxis.400 Aufgabe der Betriebswirtschaftslehre ist – neben der Techniklehre und Ausbil- dung zukünftiger Praktiker – v.a. die Technikforschung, die nicht nur in der Analyse, dem Systematisieren, dem Verstehen vorhandener Sozialtechniken besteht, son- dern in der Verbesserung bzw. der Schaffung neuer Verfahren und Vorgehensweisen, dem Geben prototypischer Prinziplösungen, dem Entwurf und der gedanklichen Durchdringung nicht nur faktischer, sondern möglicher sozialtechnischer Praxen, Instrumente, Verfahren- weisen. Die Betriebswirtschaftslehre unterstützt bzw. bereitet das konkrete sozial- 399 Vgl. Kirsch [Betriebswirtschaftslehre], S. 178. 400 Zu den verwendeten Begrifflichkeiten vgl. noch einmal Kapitel 2.2. 157 technische Agieren und Prozessieren gedanklich („theoretisch“) lediglich vor und unterstützt es („praktisch“) durch das Zur-Verfügen-Stellen probater Mittel und Methoden bzw. basaler Prinziplösungen, die der weiteren Entwicklung und Aus- arbeitung bedürfen, um praktisch tatsächlich eingesetzt werden zu können.401 Natürlich erfolgt dieser Entwurf neuer Verfahren und Vorgehensweisen bzw. ge- wisser Prinziplösungen nicht irgendwie, sondern rational, auf intersubjektiv nach- vollziehbare, begründete Art und Weise, die die Diskussionsfähigkeit der vorge- schlagenen technischen Lösung im Hinblick auf deren Erfolgsaussichten sicher- stellt.402 D.h. im Einzelnen: 1. Die Rand- und Anfangsbedingungen, die zu erfüllenden Anforderungen, die Problemlagen vorhandener technischer Lösungen etc. sind zu explizie- ren und eine Zielvorstellung für das neue Verfahren/System im Sinne eines Pflichten- und Lastenhefts zu entwickeln. 2. Auf methodisch durchsichtige Weise sind die einzelnen Konstruktions- schritte durchzuführen, die es anderen Technikforschern erlaubt, das „Wa- rum?“ des eingeschlagenen Lösungswegs in den unterschiedlichen Phasen der Konstruktion zu erkennen und dessen Angemessenheit diskutieren zu können. 3. Optional: Das neu erarbeitete Verfahren/System ist in einem empirischen Test daraufhin zu untersuchen, ob es auch tatsächlich Erfolg versprechend, vorteilhaft etc. ist, mithin die gewünschten Ziele und Zwecke – die für den Entwurf leitend waren – auch erfüllt werden, das vorgeschlagene Verfah- ren/System mithin also effektiv ist (bzw. effizienter ist als bereits bekannte Verfahren und Systeme).403 401 Vgl. Kirsch et al. [Forschung], S. 211. Ähnliches gilt auch für die Realtechnikwissen- schaften, siehe dazu König [Ziele], S. 86. 402 Vgl. Kötter [Rationalität], S. 9f. 403 Zur Effektivität („Doing the right things“) als auch Effizienz („Doing the things right“) vgl. Kapitel 2.2. 158 Irritierender Weise wird beim Geben von Prinziplösungen, statt von Gestaltungs- empfehlungen oft von Gestaltungshypothesen gesprochen, einer experimentellen, empirischen Überprüfung etc. Diese Rede ist jedoch verwirrend und sollte ver- mieden werden, entstammt sie doch einem gänzlich anderen Forschungskontext – nämlich dem naturwissenschaftlichen: In einem Experiment geht es um die Über- prüfung bzw. Falsifizierung einer Gesetzeshypothese. Vom Experiment und der Gesetzeshypothese ist jedoch in den Technikwissenschaften der empirische Test und der Nachweis der Probatheit (im Sinn der Effektivität und Effizienz) eines Mittels zur Erreichung eines gewissen Zwecks und das damit verbundene Aussprechen einer Gestaltungsempfehlung bzw. Geben einer technischen Regel zu unterscheiden.404 Auch gera- ten bei einem empirischen Test oft ganz andere (insbesondere außerwissenschaft- liche) Beurteilungsinstanzen in den Blick als bei einem Experiment: das benutzer- adäquate Funktionieren der vorgestellten Lösungen bzw. des vorgestellten Lösungs- verfahrens.405 Auch der Begriff der Methode – versteht man methodisches Vorgehen als Aus- bund von Wissenschaftlichkeit per se – bereitet in diesem Zusammenhang oft Probleme, wird doch der Begriff „Methode“ sowohl in einem objektstufigen als auch metastufigen Sinne verwendet.406 Methode steht zum einen für gewisse tech- nische Verfahrenweisen und Handlungsschemata zur Erreichung eines gesetzten Zweckes oder Zieles. Damit diese Methoden (im Sinne technischer Verfahrenwei- sen, Handlungsschemata, „act types“ etc.) bzw. Methodenentwürfe auch rational sind, müssen diese selbst durch ein methodisches, intersubjektiv einsehbares Vor- gehen und in begründeter Art und Weise gewonnen worden sein: Objektstufige Methoden für die technische Praxis (im Sinne von technischen Verfahrensweisen, Handlungsschemata, „act types“) müssen also selbst – im Rahmen der Technik- forschung – methodisch durch die Unterstützung wissenschaftlicher Methoden 404 Vgl. Kornwachs [Methoden], S. 247ff. 405 Vgl. Kirsch et al. [Forschung], S. 205ff. und S. 214ff. bzw. Kirsch [Betriebswirtschafts- lehre], S. 211ff. 406 Zu parallelen Strukturen und Handlungstypen in Wissenschaft und Technik vgl. aus- führlich Hubig [Wissenschaftsethik], S. 53ff. 159 erarbeitet worden sein, um als rational, wissenschaftlich, abgesicherte Erkenntnis etc. gelten zu können. 3.4 Zusammenfassung und weiterer Gang der Unter- suchung Die Analyse und Erörterung unterschiedlicher Wissensformen und Erkenntnisme- thoden hat nicht nur den Werkzeugkasten offen gelegt, aus dem sich der wissen- schaftlich arbeitende Betriebswirt bei seinen Forschungen normalerweise bedient, sondern es sind zugleich auch die Möglichkeiten, Grenzen und Probleme der ein- zelnen Ansätze bzw. spezifischen Vorgehensweisen ersichtlich geworden. Deutlich wurde bei der Durchsicht der unterschiedlichen Wissensformen aber auch die en- ge Verschränkung von Beschreiben und Erklären auf der einen mit dem Gestalten auf der anderen Seite: Unterschiedliche Beschreibung- und Erklärungsformen ste- hen eindeutig im Dienst des Gestaltens, bereiten dieses vor und/oder unterstützen es. Mit dem Ziel des Gestaltens selbst wurde zudem ein für die Betriebswirt- schaftslehre zentraler, äußerst forschungsrelevanter Bereich identifiziert, der über die Ziele klassischer Wissenschaft, die vornehmlich im Beschreiben und Erklären des Vorhandenen liegen, klar hinausgeht und sich damit einer Betrachtung von der Warte der klassischen Wissenschaftstheorie entzieht: Das Ziel der Betriebswirt- schaftslehre als Gestaltungslehre besteht v.a. im Hervorbringen neuer Methoden, Verfahrensweisen, Prinziplösungen, dem gedanklichen Vorwegnehmen und Ent- werfen möglicher sozialtechnischer Praxen im Sinne neuer, basaler institutioneller und organisationaler Lösungen. Das Rechnungswesen als sozialtechnisches In- strumentarium gehört dabei seit jeher zu den Kernthemen betriebwirtschaftlicher Gestaltungs- und Verbesserungsbemühungen. Hier sind es in erster Linie auch wissenschaftsexterne Anstöße – nicht wissenschaftsinterne – gewesen, die eine Fortentwicklung der Rechnungslegung notwendig gemacht haben. Ferner lassen sich aus der umfassenden Diskussion der einzelnen Wissensformen und Erkenntnismethoden folgende Kernerträge festhalten: 160 1. Dem Modellieren, so heißt es oft, kommt in der Betriebswirtschaftslehre eine hohe Bedeutung zu. Der Modellbegriff ist jedoch notorisch mehrdeu- tig, weshalb klar zwischen 1) Idealmodellen, 2) Kausalmodellen bzw. Veranschauli- chungsmodellen, 3) Institutionenmodellen und 4) Funktionsmodellen unterschieden wurde. Veranschaulichungsmodelle (als Sonderform allgemeiner Kausal- modelle) sind in der Betriebswirtschaftslehre eher von untergeordneter Be- deutung. Veranschaulichungsmodelle spielen v.a. in den Naturwissenschaf- ten eine wichtige Rolle bei der Verdeutlichung verdeckter Wirkungszu- sammenhänge in Form von Metaphern und Analogien. Für die Betriebs- wirtschaftslehre von herausragender Bedeutung sind neben klassischen Kausalmodellen (in Form von Pfaddiagrammen als Visualisierung von De- pendenzen zwischen exogenen und endogenen Variablen) in erster Linie Funktionsmodelle (als gedankliche Entwürfe möglicher sozialtechnischer Systeme und deren Komponenten), Institutionenmodelle (als ein System von Vorschriften und Normen, die das Handeln der Systemmitglieder in gewisse Bahnen kanalisieren und lenken wie etwa im Rahmen der Prinzipal- Agenten-Theorie) als auch Idealmodelle (als idealisierte Darstellung fakti- scher Produktionsprozesse, Einflussfaktoren auf den Wettbewerb einer Branche etc.). Jedoch ist – das sei hier angemerkt – der Status manch öko- nomischer Modellierung stark umstritten: Das Modell des Homo Oeco- nomicus wird z.B. von manchen Wirtschaftswissenschaftler als Idealmodell gesehen, was etwa darin zum Ausdruck kommt, dass gewisse gemachte I- dealisierungen abgelehnt werden und durch das Konzept der „Bounded Rationality“ ersetzt werden sollen.407 Es gibt aber auch Sichtweisen, die das Modell des Homo Oeconomicus als ein Veranschaulichungsmodell be- trachten, als eine bewusst unrealistische, jedoch prognostisch sehr erfolg- reiche (?!) „Als-Ob-Fiktion“.408 Schließlich kann der Homo Oeconomicus 407 Vgl. Simon [Models]. 408 Bekannt ist in diesem Zusammenhang das Beispiel von Ken Binmore geworden, das den Charakter des Homo Oeconomicus als Veranschaulichungsmodellen deutlich wie- 161 auch als ein Funktionsmodell – als technische Vorgabe und Spezifikation – gedeutet werden: Der Mensch muss so sozialisiert werden, dass er sich rein eigeninteressiert und nutzenmaximierend verhält, damit das Wirtschaftssys- tem als Ganzes – hier: die marktwirtschaftliche Ordnung – seine sozial- technische Gesamtkoordinationsleistung überhaupt erbringen kann.409 2. Erklären ist nicht schlichtweg gleichzusetzen mit dem Geben einer Kausal- erklärung. Erklärungen können – je nach forschungspragmatischem Kontext – auch in Form einer Intentionalerklärung oder einer Funktionalerklärung erfol- gen. Diese drei Erklärungstypen stellen dabei jeweils unterschiedliche, eigen- ständige Formen der Erklärung dar, die nicht auf einander vollständig reduzier- bar sind.410 D.h.: Keine der Erklärungsarten kann einen Primat für sich in Anspruch nehmen, etwa derart, dass Intentionalerklärungen eigentlich nur schlecht gemachte Kausalerklärungen wären bzw. Funktionalerklärungen, um wirklich etwas erklären zu können, auf Kausalerklärungen zurückge- führt werden müssen. Die Wissenschaftsgeschichte ist jedoch voll von der- artigen Versuchen.411 Alle derartigen Versuche haben jedoch eines gemein- sam: Sie sind ausnahmslos reduktionistisch. Reduktionsversuche, die nicht bereit sind anzuerkennen, dass das Geben einer Erklärung wesentlich vom pragmatischen Kontext abhängt, der darüber entscheidet, was unter einer guten Erklärung zu verstehen ist. Da die Betriebswirtschaftslehre kein Sin- gular ist, sondern ein Plural, gibt es selbst innerhalb einer Wissenschaft un- terschiedliche pragmatische Forschungskontexte – und damit: unterschied- liche Formen der Erklärung. dergibt: „Menschen sind sich bei ihrer Entscheidungsfindung so wenig darüber im klaren, daß sie Nutzenwerte vergleichen, wie sie nur unbewußt Differentialgleichungen lösen, indem sie Fahrrad fahren“ (Binmore [Playing fair], S. 64f.). Die Unterstellung eines Nut- zenkalküls ist also eine hilfreiche Als-Ob-Fiktion, nicht aber eine Tatsachenbehauptung. 409 Vgl. hierzu etwa Kötter [Modell], S. 50ff., der die Allgemeine Gleichgewichtstheorie nicht als Idealmodell oder Veranschaulichungsmodell, sondern als Institutionen- bzw. Funktionsmodell verstanden haben möchte. 410 Das soll nicht heißen, dass bisweilen die Rückführung einer Funktionalerklärung auf eine Kausalerklärung nicht möglich bzw. auch „in ergänzender Weise“ sinnvoll ist. 411 Vgl. exemplarisch Schnell et al. [Sozialforschung], S. 93ff. 162 3. Die unterschiedlichen Erklärungsarten wurden anhand ihrer formalen Struktur eingeführt. Aus wissenschaftspraktischer Perspektive ist dies je- doch unbefriedigend, werden in den Wissenschaften doch kaum Erklärun- gen in Form derartiger Schlüsse gegeben. V.a. Michael Scriven und Wesley Salmon haben darauf aufmerksam gemacht, dass wissenschaftliche Erklä- rungen nicht unbedingt die Form eines Arguments haben müssen.412 Das DN-Schema der Erklärung – als ein früher Versuch der Explikation von (Kausal-)Erklärungen in der Physik – gilt heute deshalb allgemein als wenig gelungen, wenn nicht sogar als inakzeptabel.413 Dennoch scheint kaum eine wissenschaftstheoretische Darstellung von Erklärungen auf das DN- Schema verzichten zu können, weshalb auch in der vorliegenden Arbeit – in Ermangelung von Alternativen – dieser klassischen Herangehensweise der Wissenschaftstheorie Folge geleistet wurde. Alles in allem gilt, dass die spezifische Gemeinsamkeit unterschiedlicher Erklärungsarten nicht in ihrer Schlussform zu finden ist, also in der Syntax oder Semantik, sondern in der Pragmatik:414 Erklärungen geben eine Orientierungsgrundlage für das Han- deln ab, helfen „Irritationen“ aufzulösen, wodurch ein weiteres „Voran- schreiten in der Sache“ möglich werden soll. Je nachdem, worin man nun das Erfordernis bzw. die Möglichkeit einer solchen Orientierung sieht, wird man unterschiedliche Arten der Erklärung entwickeln.415 4. Die Diskussion von Idealmodellen am Beispiel unterschiedlicher Produkti- onsfunktionen hat gezeigt, dass Forschungsergebnisse verschiedener for- schungspragmatischer Kontexte von der betrieblichen Praxis unterschied- lich aufgefasst werden: Es sind v.a. die einfachen, unterkomplexen Produk- tionsfunktionen, die in der betrieblichen Praxis Verwendung finden und nicht die elaborierten, eine Großzahl unterschiedlicher Einflussfaktoren be- 412 Vgl. dazu überblicksartig Woodward [Explanation]. 413 Vgl. Ströker [Schwierigkeiten]; Woodward [Explanation]. 414 Vgl. Schwemmer [Erklärung]; Passmore [Explanation]. 415 Vgl. Schwemmer [Erklärung], S. 579. 163 rücksichtigenden Produktionsfunktionen. Das wissenschaftliche Ziel der umfassenden, möglichst exakten Beschreibung und Theoretisierung gerät in Konflikt mit dem praktischen Ziel des Gestaltens und der Anwendbar- keit der Forschungsresultate in der Praxis. Auch dies zeigt wieder: Es ist der jeweilige Kontext, der darüber entscheidet, was eine gute Beschreibung bzw. Erklärung ist. Vor diesem Hintergrund sind auch weitere fachinterne Streitigkeiten einfach zu erklären: Für einige eher theoretisch arbeitende Betriebswirte416 ist z.B. das strukturalistische Theoriekonzept deshalb ein fruchtbarer Ansatz für die Weiterentwicklung der Produktionstheorie, an- dere, eher praktisch arbeitende Betriebswirte417 aus einem sehr anwen- dungsnahen Forschungskontext weisen dagegen darauf hin, dass die Be- triebswirtschaftslehre auf eine derartige Formalsprache nicht angewiesen ist und die Komplexität einer strukturalistischen Produktionstheorie kaum ei- nen Mehrwert darstellt. Gerade die Diskussion sehr anwendungsnaher Tei- le der Betriebswirtschaftslehre hat aber auch gezeigt, dass hier ganz andere Beurteilungsinstanzen für Forschungsresultate in den Blick geraten wie bei den klassischen Wissenschaften: Es sind in erster Linie die späteren Nutzer bzw. „Kunden“, die über die „Korrektheit“ einer vorgeschlagenen Lösung bzw. eines Lösungsverfahren entscheiden (und nicht „die Natur“). 5. Unterschiedliche Ansätze der Sozialforschung – insbesondere quantitative und qualitative Ansätze der empirischen Forschung – werden oft als sich einander unversöhnlich gegenüberstehende Antipoden betrachtet (wie es etwa in der Rede von „inkommensurablen Paradigmen“ oder „dem Kampf zweier Kulturen“ zum Ausdruck kommt). Dies ist so jedoch nicht richtig. In der heutigen empirischen Sozialforschung ist es üblich, quantitative und qualitative Ansätze – sowohl auf der Ebene der Datenerhebung/Messung als auch auf der Ebene der Datenanalyse/Erklärung – miteinander zu kom- 416 Vgl. Zelewski [Perspektive]. 417 Vgl. Steven/Behrens [Produktionstheorie]. 164 binieren.418 So sind qualitative Methoden nicht nur im Vorfeld „harter“ quantitativer Untersuchungen anzusiedeln (etwa zur „bloßen“ Theorieex- ploration). Vielmehr ist auch umgekehrtes der Fall: Quantitative Methoden können lediglich „Präludien“ fundierter qualitativer Forschung sein, wenn es etwa darum geht, besonders interessante Einzelfälle (sei es nun der Durchschnitt oder aber der Extremfall) zu identifizieren, die dann Gegens- tand weiterer, vertiefender, verstehender Analysen werden sollen. 6. Die Betriebswirtschaftslehre legt großen Wert darauf, eine empirische Dis- ziplin zu sein, wobei oft unklar ist, was mit empirisch genau gemeint ist. Der Empiriebegriff ist notorisch mehrdeutig und verweist auf verschiedene As- pekte betriebswirtschaftlichen Forschens, die oft nicht klar getrennt werden (was zweifelsohne in den wissenschaftstheoretischen Diskussionen schon zu erheblichen Missverständnissen geführt hat).419 Zum einen meint Empi- rie im Sinne des Beschreibungsziels zunächst nur Faktenwissen: Wer empi- rische Befunde zu gewissen Gegebenheiten und Sacherverhalten hat, kann bessere Empfehlungen geben, wie jemand, der nur über reine Vermutung und Glaube verfügt. Mit Empirie ist aber auch gemeint, dass das Fach nicht nur beschreibt, was in der Welt der Fall ist, sondern im Sinne des Erklä- rungsziels auch erklärt, warum etwas der Fall ist – sei es nun in Form von Kausal-, Intentional- oder Funktionalerklärungen. Empirie meint schließ- lich aber auch im Sinne des Gestaltungsziels, dass die Betriebswirtschafts- lehre die Tauglichkeit (d.i. die Effektivität und Effizienz) der von ihr vorge- schlagenen Verfahrensweisen und sozialtechnischen Prinziplösungen in ei- nem empirischen Test überprüft. Zum weiteren Gang der Untersuchung: In Kapitel 2 wurde die These aufgestellt, dass es „die“ Betriebswirtschaftslehre genauso wenig gibt wie etwa „die“ Philoso- 418 Vgl. hierzu ausführlich Kelle [Integration], S. 227ff. bzw. Seipel/Rieker [Sozialfor- schung], S. 213ff., der die Modi des Nebeneinander, Miteinander, Nacheinander unter- schieden wissen möchte. 419 Ähnlich auch Seiffert [Wissenschaftstheorie 1], S. 232 für die Sozialwissenschaften generell. 165 phie, „die“ Wissenschaftstheorie oder „die“ Biologie. Der Begriff Wissenschaft ist kein Singular ist, sondern ein Plural, die heutige Wissenschaftslandschaft ein Konglomerat unterschiedlicher Wissenschaftstypen und Denkschulen, ein kunter- bunter Flickenteppich, ein „patchwork“ (Nancy Cartwright), das aus methodologi- scher Perspektive durch ein Konzept inter- und intradisziplinärer Familienähnlich- keit zusammengehalten wird. So ist etwa in der Philosophie eine intradisziplinäre Familienähnlichkeit in der methodischen Vorgehensweise zwischen Hermeneutik und Phänomenologie zu erkennen (neben dialektischen und sprachanalytischen Ansätzen), die eine interdisziplinäre Familienähnlichkeit zur Volkskunde (Ethno- methodologie) bzw. Soziologie (etwa Grounded Theory) aufweist. Gerade die Diskussion der qualitativ-verstehenden Sozialforschung hat sogar gezeigt, dass die verwirrende Vielfalt unterschiedlicher qualitativer Ansätze nur dann verstanden werden kann, wenn das Konzept einer inter- und intradisziplinären Familienähn- lichkeit zugrunde gelegt wird.420 Um die Art und Weise der Verwissenschaftlichung der Betriebswirtschaftslehre eingehender aufzeigen und belegen zu können, sind in dem vorliegenden Kapitel bereits unterschiedliche, aus der klassischen Wissenschaftstheorie bekannte Wis- sensformen und Erkenntnismethoden explizit gemacht und anhand von Beispie- len aus der Betriebswirtschaftslehre belegt worden. Im nun folgenden Kapitel soll dieser Nachweis der Verwissenschaftlichung dahingehend fortgeführt werden, als dass nun verschiedene Denkschulen der Betriebswirtschaftslehre anhand der be- reits erarbeiteten Erkenntnismethoden holzschnittartig charakterisiert werden, um damit die inter- als auch intradisziplinäre methodische Verknüpfung des Faches in den heutigen Wissenschaftsbetrieb sichtbar zu machen (und damit auch zu zeigen, worin – aus methodologischer Perspektive – die Verwissenschaftlichung genau liegt). 420 Vgl. hierzu noch einmal die Diskussion in Kapitel 3.2.2. 167 4 DENKSCHULEN UND INTER- UND INTRASDISZIPLINÄRE FAMILIENÄHNLICHKEIT Die Begriffe der Denkschule bzw. des Denkstils und Denkkollektivs wurden im Rahmen dieser Arbeit schon mehrmals verwendet, ohne je explizit eingeführt wor- den zu sein. Dies sei an dieser Stelle nachgeholt. Die genannten Begriffe gehen auf Ludwik Flecks wissenschaftstheoretische Studie „Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache“ zurück, in der Fleck „wissenschaftliche Tatsa- chen“ als „Tat-Sachen“ zu entlarven versuchte und somit 1935 bereits wesentliche Gedanken von Thomas S. Kuhns „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ vorweggenommen hat.421 Der Begriff der Denkschule bzw. des Denkkollektivs be- zeichnet dabei die soziale Einheit bzw. Gemeinschaft der Forscher, der Begriff des Denkstils die denkmäßigen Voraussetzungen, auf denen das Kollektiv sein Wis- sensgebäude aufbaut, Welt als der und der geartet deutet, spezifische Elemente als wichtig und unwichtig auszeichnet, die Probleme als so und so gelagerte Probleme allererst erschaffen, die es auf eine als „richtig“ ausgezeichnete Art und Weise zu lösen gilt. Der Begriff des Denkstils bzw. der Denkschule ist in mehrerlei Hinsicht – v.a. im Rahmen der wissenschaftstheoretischen Betrachtung der Betriebswirtschaftslehre – dem Kuhn’schen Paradigma-Begriff vorzuziehen: 1. Kuhn hat seine Gedanken ausschließlich am Beispiel der Naturwissen- schaften, insbesondere der Physik entwickelt. Die Übertragbarkeit auf die Sozialwissenschaften und auf die Betriebswirtschaftslehre erweist sich bei sehr enger Lesart Kuhns als kaum möglich.422 Nach Kuhn selbst befinden sich die Sozialwissenschaften in einem unreifen, vorparadigmatischen Sta- dium, weil eine Vielzahl verschiedener Denkschulen koexistieren. Eine 421 Vgl. Fleck [Tatsache]. 422 Vgl. Schneider [Versagen]. 168 Leitschule bzw. ein dominierendes Paradigma – wie es für „reife“ Wissen- schaften typisch ist – sei hier nicht auszumachen, weshalb die vorgestellten Überlegungen zum revolutionären Wandel gar nicht erst greifen können. 2. Nicht nur degradiert die Kuhn’sche Konzeption die Sozial- und Geistes- wissenschaften zu unreifen Wissenschaften (da ein erkenntnistheoretischer Pluralismus hier an der Tagesordnung zu sein scheint), vielmehr werden die Spezifika einer Technikwissenschaft gar nicht erst andiskutiert. Dies geleis- tet zu haben, ist das Verdienst von Fleck. Am Beispiel der Technikwissen- schaft „Medizin“ hat Fleck mit seiner Konzeption des Denkkollektivs bzw. des Denkstils einen begrifflichen Rahmen geschaffen, der die gleiche Leis- tungsfähigkeit besitzt wie der Kuhn’sche Begriffsapparat, zusätzlich aber die Eigenheiten und Spezifika der Technikwissenschaften einzufangen vermag. Die Kernthese Flecks ist hier, dass zur Erreichung des Ziels, zur Gesundung des Menschen beizutragen, unterschiedliche Problemsichten und Vorgehensweisen erforderlich sind, die zum Teil inkompatibel (in der Kuhn’schen Terminologie: inkommensurabel) miteinander sein können. Zur Lösung ein und desselben lebensweltlichen Problems – so Fleck – be- dient man sich jedoch öfters eher ganz verschiedener als sehr verwandter Denkstile, um sich einen möglichst großen Problemlösungssuchraum offen zu halten.423 Es scheint daher sinnvoll, die an der Individualtechnikwissenschaft „Medizin“ erarbeitete Fleck’sche Konzeption der Denkschule und Denkstile aufzugreifen, um die unterschiedlichen Ansätze und Herangehensweisen in der Sozialtechnik- wissenschaft „Betriebswirtschaftslehre“ eingehender darzustellen. Rekurriert man dabei noch auf Eugen Schmalenbachs berühmte Passage in dem Aufsatz „Privat- wirtschaftslehre als Kunstlehre“, dürfte der Zusammenhang zwanglos hergestellt sein: „Die Kunstlehre des Arztes zeigt, wie man dem menschlichen Körper die Ge- 423 Vgl. Fleck [Tatsache], S. 145. 169 sundheit erhält und wieder verschafft; die Kunstlehre des Fabrikanten zeigt, wie man einem wirtschaftlichen Körper die Gesundheit erhält und wieder verschafft.“424 Im Folgenden seien daher einige dominante Denkschulen bzw. Denkströmungen herausgegriffen und in ihren methodischen Eigenheiten skizziert, um Aufschlüsse darüber zu erhalten, in welcher Art und Weise eine theoretische bzw. praktische Stützung der betrieblichen Praxis erreicht werden soll.425 Hierbei sei zwischen theo- retischen Ansätzen und praktisch-gestaltungsorientierten Ansätzen unterschieden. Dabei muss die folgende Analyse sehr holzschnittartig und pointierend bleiben, denn die gesamte Vielfalt der einzelnen Ansätze, aber auch der Facettenreichtum innerhalb der einzelnen Ansätze selbst kann kaum in erforderlicher Tiefe gewürdigt werden. Die folgende Analyse ist deshalb lohnend und gefährlich zugleich. Sie ist lohnend, weil sie eine treffende Kurzcharakterisierung aus methodologischer Sicht ermög- licht, die so noch nicht zu finden ist. Sie ist zugleich auch gefährlich, weil bei der vorliegenden Vielfalt immer der Fehler einer Reduktion der Gesamtheit auf eine Teilmenge bzw. die Verabsolutierung von Detailaussagen und Einzelaspekten auf das Ganze gegeben ist.426 Jede methodensystematische Darstellung zieht daher zwangsläufig die Kritik der Verkürzung, Vereinseitigung und Vernachlässigung auf sich – doch wer alles sehen will, sieht bekanntlich nichts.427 424 Schmalenbach [Kunstlehre], S. 311. 425 Es ist kaum möglich, auf alle Denkschulen hier einzugehen. Im Vordergrund stehen im Folgenden dabei eher zeitgenössische Strömungen. Verweise auf wichtige historische Denkschulen in derselben Tradition werden jedoch gegeben. Auf die Darstellung inhaltli- cher Schwerpunktverschiebungen (Ökologisch verpflichtete Betriebswirtschaftslehre, arbeitsorientierte Einzelwirtschaftslehre etc.) sei an dieser Stelle gänzlich verzichtet. 426 Vgl. Banse [Methoden], S. 113. 427 Vgl. Banse [Methoden], S. 113. 170 4.1 Theoretische Ansätze 4.1.1 Produktions- und kostentheoretischer Standpunkt Methodologische Charakterisierung Der produktionstheoretische Standpunkt ist untrennbar mit dem Namen Erich Gutenberg verbunden. Der Ansatz zeichnet sich v.a. durch umfassende Abstrakti- onen des Betriebsgeschehens aus. Damit ist nicht nur die elementare Unterschei- dung zwischen dispositivem Faktor und Elementarfaktoren gemeint, sondern ins- besondere der umfangreiche Rekurs auf Produktionsfunktionen, die durch eine Bewertung mit Preisen in Kostenfunktionen überführt werden. Produktionsfunk- tionen stellen Idealmodelle dar: Sie sind durch Verallgemeinerung, Abstraktion, Idea- lisierung und Vereinfachung aus realen Produktionsbedingungen abgeleitet. Diese Ableitung der Produktions- und Kostenfunktionen ist jedoch nicht Selbstzweck: Sie dient der Bestimmung der günstigsten Kombination der „produktiven Fakto- ren“, indem Inputmengen mit Outputmengen verglichen werden.428 Diese Produk- tivitätsbetrachtung bildet dann die Grundlage für die weiteren betriebwirtschaftlichen Analysen. Der Ansatz, der in starkem Maße auf unterschiedlichen Formen der Beschreibung und der mathematischen Lösung gewisser Optimierungsprobleme fußt, wurde in der Folgezeit vielfach weiterentwickelt und ausgebaut. Den vorläu- figen Höhepunkt bilden sicherlich die Arbeiten von Dieter Schneider, der den produktionstheoretischen Ansatz zu einem umfassenden Ansatz der Betriebswirt- schaftslehre als Lehre vom Einkommensaspekt ausgebaut hat.429 Interdisziplinäre Bezüge Der produktionstheoretische Standpunkt weist enge Verbindungen zu ingenieurwis- senschaftlichen Untersuchungen des Produktionsprozesses auf: Gesetzesartige, tech- nisch-naturwissenschaftliche Zusammenhänge in Form der Möglichkeit der Kom- 428 Vgl. Gutenberg [Produktion], S. 9. 429 Vgl. Schneider [Betriebswirtschaftslehre 1], Schneider [Betriebswirtschaftslehre 2], Schneider [Betriebswirtschaftslehre 3], Schneider [Betriebswirtschaftslehre 4]. 171 bination unterschiedlicher Produktionsfaktoren werden zur Grundlage der Analy- se erhoben. Das Denken in Produktionsfunktionen weist jedoch auch erhebliche Anknüp- fungspunkte an die Volkswirtschaftslehre auf, insbesondere die Mikroökonomie. Hier ist es v.a. in der Weiterentwicklung des sog. Ertragsgesetzes zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Betriebswirtschaftslehre und Volkswirtschaftslehre gekommen. Der produktionstheoretische Standpunkt der Betriebswirtschaftslehre verdankt seine Theorie jedoch nicht der Volkswirtschaftslehre, sondern in erster Linie frühen Praktikern und anwendungsbezogen arbeitenden Mathematikern.430 In den unterschiedlichen Versuchen, den optimalen Kombinationsprozess zu bestimmen bzw. gewisse Optimierungen des Produktionsprozesses vorzunehmen (Lagerhaltungsproblem etc.), sind große Überschneidungen zur Mathematik, insbe- sondere zum sog. Operations Research und der Untersuchung und Lösung entschei- dungstheoretischer Probleme festzustellen. Dies ist auch der Grund, weshalb manchmal von der Betriebswirtschaftslehre als „Formalwissenschaft“ gesprochen wird (wobei die etwas unglückliche Gegenüberstellung von Formal- und Realwis- senschaft kaum die Spezifika einer Technikwissenschaft einzufangen vermag). Intradisziplinäre Bezüge Es waren v.a. Erich Gutenberg und Erich Kosiol, die Anfang der 1960er Jahre die Adoption und Verbreitung des kritischen Rationalismus (und damit der Ideen Karl R. Poppers und Hans Alberts) in der Betriebswirtschaftslehre anstießen.431 Der produktionstheoretische Standpunkt weist deshalb enge Beziehungen zu einem quantitativ-erklärenden Ansatz auf, der in der Suche nach Gesetzmäßigkeiten (Invari- anzen) und dem Geben von Kausalerklärungen den Königsweg betriebswirtschaft- licher Forschung sieht.432 Mit Bezug auf die technisch-naturwissenschaftlichen 430 Vgl. Schneider [Theorie], S. 431. 431 Vgl. Kretschmann [Diffusion], S. 46ff., der einen umfassenden Überblick über den Diffusionsprozess des kritischen Rationalismus in der Betriebswirtschaftslehre gibt. 432 Vgl. Kretschmann [Diffusion] zur Ausdifferenzierungen und Fortentwicklung des Gutenberg-Ansatzes bzw. Zelewski [Grundlagen]. 172 Zusammenhänge innerhalb der Güterproduktion scheint dies auch weiter nicht problematisch zu sein. 4.1.2 Verhaltenstheoretische Betriebswirtschaftslehre Methodologische Charakterisierung Die verhaltenstheoretische Betriebswirtschaftslehre fußt auf der Annahme, dass das soziale Geschehen von gesetzmäßigen Abläufen bestimmt ist ebenso wie das realtechnisch-natürliche Geschehen: „Es besteht kein Anlaß, im sozialwissen- schaftlichen Bereich von einer anderen Problemlage auszugehen.“433 Eine der Leitideen des Ansatzes ist es, dass das Streben des Menschen grundsätzlich auf die Befriedigung von Bedürfnissen ausgerichtet ist:434 Individuen, Organisationen, Märkte werden unter diesem Gesichtspunkt betrachtet und zur Erklärung gewisser vor- findbarer Phänomene auf unterschiedliche Bedürfnis- und Motivationstheorien der Sozio- logie und verhaltensorientierten Psychologie zurückgegriffen. Interdisziplinäre Bezüge Die verhaltensorientierte Betriebswirtschaftslehre weist klare Bezüge zur Soziologie und verhaltensorientierten Psychologie auf, überträgt deren Erkenntnis in Form ge- wisser Motivations- und Anreiztheorien auf die Betriebswirtschaftslehre. In die- sem Zusammenhang wird häufig von einer „sozialwissenschaftlichen Öffnung“ der Betriebswirtschaftslehre gesprochen. Dies ist falsch: Die Betriebswirtschafts- lehre war und ist aufgrund ihres Betrachtungsgegenstandes „Betrieb“ immer schon Kultur- bzw. Sozialwissenschaft gewesen. Mit „sozialwissenschaftlicher Öffnung“ ist vielmehr gemeint, dass auch im Zuge der sog. entscheidungsorientierten Be- triebswirtschaftslehre (siehe dazu später) eine stärkere Beachtung empirisch- soziologischer bzw. empirisch-verhaltenspsychologischer Sachverhalte einsetzte. Statt von einer „sozialwissenschaftlichen Öffnung“ zu sprechen, wäre es aus me- thodologischer Perspektive angebrachter, von einer „methodologischen Öffnung 433 Schanz [Wissenschaftsprogramme], S. 163. 434 vgl. Schanz [Ansatz], S. 230; Schanz [Betriebswirtschaftslehre]. 173 hin zu anderen Sozialwissenschaften“ zu sprechen, insbesondere eben der Sozio- logie und (Verhaltens-)Psychologie. Die verhaltensorientierte Betriebswirtschaftslehre bekennt sich klar zu einer an- wendungsorientierten Forschung im Sinne von Eugen Schmalenbach: Das Geben von Gestaltungsempfehlungen muss jedoch auf Basis sozialer Gesetzmäßigkeiten erfolgen.435 Eine (reine) Gestaltungslehre im Sinne etwa eines systemtheoretischen Ansatzes wird abgelehnt.436 Intradisziplinäre Bezüge Mit ihrem verhaltenswissenschaftlichen Bezug weist die verhaltenstheoretische Betriebswirtschaftslehre enge Verbindungen zur anglo-amerikanischen Manage- mentlehre auf, für die der verhaltenswissenschaftliche Bezug von Anfang an kon- stitutiv war.437 Im Geben von Kausalerklärungen sind enge Beziehungen zu einem quantitativ- erklärenden Ansatz zu erkennen. Dieser wird jedoch wegen seiner angeblichen „ad- hoc-Hypothesen“ kritisiert, weil den Erklärungen keine Theorien mit vereinheitli- chendem Potential zugrunde liegen würden.438 Dieser vereinheitlichende Theorie- rahmen wird im verhaltensorientiertem Ansatz in den verschiedenen Formen der Bedürfnis-, Motivations- und Anreiztheorien gesehen. 4.1.3 Quantitativ-erklärende Ansätze Methodologische Charakterisierung Im Gegensatz zur verhaltensorientierten Betriebswirtschaftslehre, die in diesem Sinne nur angewandte Soziologie bzw. Verhaltenspsychologie ist, versuchen quan- titativ-erklärende Ansätze selbst Gesetzmäßigkeiten des sozialen Bereichs zu erkennen und 435 Vgl. Schanz [Wissenschaftsprogramme], S. 163. 436 Vgl. Schanz [Wissenschaftsprogramme], S. 139. 437 Vgl. Schanz [Verhaltenswissenschaften], Sp. 4523. 438 Vgl. Schanz [Empirismus]. Zur Schanz-Witte et. al.-Kontroverse vgl. überblicksartig Kretschmann [Diffusion], S. 125ff. 174 theoretisch zu fassen. Statistisch nachweisbare Zusammenhänge werden über Theo- rien geringer Reichweite gestützt: Ein allgemeiner Theorierahmen, der es ermög- licht, alle erklärungsbedürftigen Phänomene auf Bedürfnis- und Motivationslagen zurückzuführen, wird als für den sozialen Bereich unangemessen abgelehnt. In Anschluss an Erich Gutenbergs „Theorie der Unternehmung“ und an Erich Kosi- ols Arbeiten zu einer „empirisch-induktiven Industrieforschung“ haben v.a. deren Schüler Horst Albach und Eberhard Witte versucht, den Ansatz zu einer „Empiri- schen Theorie der Unternehmung“ auszubauen, die in Form des System- Dynamics bis heute erhalten geblieben ist.439 Interdisziplinäre Bezüge Wie bei allen Ansätzen, die die Suche nach sozialen Gesetzmäßigkeiten und dem Geben von Kausalerklärungen den Vorrang einräumen, ist eine deutliche Orientie- rung am Methodenideal der Naturwissenschaften zu erkennen (schwacher Reduktionis- mus) ohne dabei die gefundenen Gesetzmäßigkeiten auf physikalische Gesetzmä- ßigkeiten reduzieren zu wollen (starker Reduktionismus). Intradisziplinäre Bezüge Aufgrund des Gebens von Kausalerklärungen sind aus methodologischer Perspek- tive enge Bezüge zu dem verhaltenstheoretischen Ansatz und dem produktionstheoretischen Ansatz vorhanden. Während aber der produktionstheoretische Ansatz vorwiegend auf naturwissenschaftlich-technische Gesetzmäßigkeiten rekurriert, beziehen sich der verhaltensorientierte und der quantitativ-erklärende Ansatz auf soziale Ge- setzmäßigkeiten. 439 Zur Entstehung einer empirischen Theorie der Unternehmung vgl. Kretschmann [Dif- fusion], S. 66ff. Zum System-Dynamics vgl. Kapmeier [System Dynamics]; Kapmeier [Learning]. 175 4.1.4 Neue Institutionenökonomik Methodologische Charakterisierung Die Neue Institutionenökonomik stellt eine Weiterentwicklung der Neoklassik dar, indem eingehender untersucht wird, inwiefern Institutionen (Gesetze, Nor- men, Regelungen) das opportune Handeln unterschiedlicher, begrenzt rationaler Wirtschaftssubjekte beeinflussen. Die sog. Property-Rights-Theory (Theorie der Eigentums-, Verfügungs- und Handlungsrechte) stellt daher gewissermaßen die Basis dar für weitere Überlegungen im Rahmen der Agency-Theory (Prinzipal- Agenten-Theorie) und der Transaktionskostentheorie.440 In der Untersuchung, inwiefern Institutionen die Zwecksetzungsmöglichkeiten beeinflussen und ein- schränken, ist der Ansatz im Groben einem verstehenden Ansatz zuzurechnen, weil er implizit auf Intentionalerklärungen rekurriert und als Entwurf (Konstrukti- on/Test) von Institutionenmodellen verstanden werden kann.441 Die Analyse der Kos- ten der Vertragsanbahnung (Such- und Informationskosten), des Vertragsschlusses (Verhandlungs- und Entscheidungskosten) und der Vertragskontrolle (Überwa- chungs- und Durchsetzungskosten) bzw. Vertragsauflösung weisen die Neue Insti- tutionenökonomik jedoch deutlich als einen ökonomischen Ansatz aus.442 Interdisziplinäre Bezüge Als ursprünglich volkswirtschaftliche Theorie, die eine Weiterentwicklung des neoklassischen Denkstils darstellt, sind sehr enge Bezüge zur Volkswirtschaftslehre vorhanden.443 440 Vgl. Picot [Organisation], S. 154; Ebers/Gotsch [Organisation], S. 200ff. 441 Zu einer exakten methodologischen Positionierung gibt es von Vertretern der Neuen Institutionenökonomik kaum Stellungnahmen (vgl. Schanz [Wissenschaftsprogramme], S. 164). Es ist deshalb fraglich, ob die hier vorgenommene Fremdcharakterisierung mit dem Eigenverständnis dieser Denkschule übereinstimmt. 442 Zu den unterschiedlichen Arten der Transaktionskosten vgl. Picot [Organisationstheo- rie], S. 207f.). Zu Problemen der Quantifizierung vgl. Schneider [Transaktionskostenan- satz]. 443 Die Weiterentwicklungen bestehen in erster Linie darin, dass das Modell des Homo Oeconomicus von unangemessenen Idealisierungen bereinigt wurde (Konzept der 176 Die Theorie der Eigentums-, Handlungs- und Verfügungsrechte verweist stark auf die Rechtswissenschaften, deren Aufgabengebiet u.a. in der Konstruktion konsistenter Normensysteme und Institutionenmodelle liegt. Mit dem Aufkommen der Neuen Institutionenökonomik ist ein gewisser ökonomi- scher Imperialismus in Gang gekommen, der sich anheischig macht, eine Vielzahl unterschiedlicher Phänomene (Eheschließung, Kinder-Bekommen etc.), die bis dato außerhalb des Betrachtungsbereichs der Ökonomie lagen, anhand ökonomi- scher Analysen zu erklären.444 Das Argumentationsschema der Kosten-Nutzen-Analyse wird damit als die ökonomische Methode per se auch für andere Disziplinen als einschlägig erklärt und über die Fachgrenzen hinweg pauschaliert. Intradisziplinäre Bezüge Die Neue Institutionenökonomik wird auf vielfache Art und Weise in der Be- triebswirtschaftslehre angewandt und dient v.a. in den Bereichen Organisations- theorie, Finanztheorie und Controlling als theoretischer Rahmen für eine Vielzahl unterschiedlicher Überlegungen.445 Der Ansatz weist damit starke Nähe zu gestal- tungsorientierten Ansätzen auf, insbesondere dem handlungstheoretischen Ansatz. Doch auch die verhaltensorientierte Betriebswirtschaftslehre versucht, Anschlüsse an die Neue Institutionenökonomik herzustellen.446 Dies kann u.U. interessante Ergeb- nisse zutage fördern, der Versuch eines Anschlusses geht jedoch unweigerlich mit einem Reduktionismus einher: Handeln wird hier wieder auf bloß gesetzmäßiges Verhalten zurückgeführt.447 Dabei ging es der Neuen Institutionenökonomik in „bounded rationality“) und nun verstärkt der Einfluss von Institutionen auf das Handeln der Wirtschaftssubjekte betrachtet wird. 444 Vgl. exemplarisch Becker [Erklärung]; Frey [Ökonomie]. 445 Vgl. exemplarisch Picot [Organisation]; Ebers/Gotsch [Organisation]; Perri- don/Steiner [Finanzwirtschaft], S. 518ff.; Horváth [Controlling], S. 207ff.; überblicksartig Jost (Hg.) [Prinzipal-Agenten-Theorie]; Jost (Hg.) [Transaktionskostenansatz]. 446 Vgl. Schanz [Wissenschaftsprogramme], S. 163ff. 447 Den eigentlichen Brückenschlag zwischen Neuer Institutionenökonomik und verhal- tenstheoretischer Betriebswirtschaftslehre bewerkstelligt Günter Schanz wie folgt: „Ob- wohl Vertreter des Neuen Institutionalismus sich dazu kaum äußern, darf angenommen 177 erster Linie aber darum zu untersuchen, inwiefern Institutionen die Zweckset- zungsmöglichkeiten beeinflussen und somit das Handeln in gewisse Bahnen ge- lenkt wird.448 4.1.5 Spieltheoretischer Ansatz Methodologische Charakterisierung Die Spieltheorie beschäftigt sich mit der Analyse und Untersuchung von Ent- scheidungssituationen, bei denen eine Interdependenz zwischen den einzelnen Entscheidungsträgern besteht, jeder dieser Entscheidungsträger um die Interde- pendenz weiß und diese im Entscheidungsprozess auch berücksichtigt.449 Im Ge- gensatz zur Prinzipal-Agenten-Theorie geht die Spieltheorie davon aus, dass keine Partei mit Hilfe eines impliziten bzw. expliziten Vertrags die andere Partei steuern kann, mithin also ein nicht-hierarchisches, „laterales“ Abhängigkeitsverhältnis be- steht statt eines hierarchischen. Die unterschiedlichen Ansätze der Spieltheorie können klassifiziert werden nach Zwei- bzw. N-Personen-Spielen, kooperativen vs. nicht-kooperativen Spielen, Spielen bei vollständiger vs. unvollständiger In- formation, einmaligen Spiele vs. wiederholten Spielen (zur Untersuchung von län- gerfristigem Spielverhalten und der Entwicklung von Spielstrategien).450 Der spieltheoretische Ansatz knüpft mit dem Konzept des methodologischen In- dividualismus und der Unterstellung der strikten Rationalität und Eigeninteres- siertheit der Parteien an die Prämissen der neoklassischen Ökonomie an. Mit dem Konzept des Individualismus und der damit verbundenen impliziten Unterstellung werden, dass die These, wonach soziales Geschehen Gesetzmäßigkeiten folgt, auch von ihnen zumindest implizit geteilt wird“ (Schanz [Wissenschaftsprogramme], S. 164). 448 Zumindest möchte ich die Neue Institutionenökonomik im Rahmen der vorliegenden Arbeit in diesem Sinne verstanden wissen. 449 Vgl. Beuermann [Spieltheorie], Sp. 3929. 450 Vgl. Beuermann [Spieltheorie]. 178 einer rudimentären Handlungstheorie ist – zugegebener Maßen etwas gewagt – eine gewisse Nähe zu den Ansätzen einer Intentionalerklärung vorhanden.451 Interdisziplinäre Bezüge Aufgrund ihrer Begründung durch einerseits den Mathematiker John von Neu- mann, andererseits den Ökonom Oskar Morgenstern weist die Spieltheorie von Anfang an sehr enge Bezüge zur Mathematik und zur Volkswirtschaftslehre (und damit der Methodik der Neoklassik) auf. V.a. bei der Analyse von oligopolisti- schen Märkten (im Gegensatz zu einem Monopol, bei dem ein Gegenspieler voll- ständig fehlt bzw. beim vollkommenen Wettbewerb, bei dem aufgrund der Viel- zahl von Spielern kaum noch Entscheidungsinterdependenz herrscht) bildete die Spieltheorie eine der Hauptmethoden in der Untersuchung.452 Intradisziplinäre Bezüge Die Betriebswirtschaftslehre bedient sich in unterschiedlichen Bereichen spieltheo- retischer Ansätze, v.a. in Form des nicht-kooperativen Zwei-Personen-Spiels.453 Einen umfassenden Überblick über die einzelnen Anwendungsgebiete der Spiel- theorie in Corporate Governance, Finanzierung, Wirtschaftsprüfung, Unterneh- mensstrategie, Marketing, zwischenbetrieblicher bzw. innerbetrieblicher Koopera- tion, Produktion und Logistik sowie Controlling geben Peter-Jürgen Jost und Günter Beuermann.454 451 Dies ist sicherlich eine etwas gewagte Unterstellung und würde so wohl von keinem Ökonomen vertreten werden. 452 Vgl. hierzu Jost (Hg.) [Spieltheorie]. 453 Vgl. Beuermann [Spieltheorie], Sp. 3937. 454 Vgl. Jost (Hg.) [Spieltheorie]; Beuermann [Spieltheorie] Sp. 3997. 179 4.2 Praktisch-gestaltungsorientierte Ansätze 4.2.1 Systemtheoretische Betriebswirtschaftslehre Methodologische Charakterisierung Die Systemtheorie deutet bzw. beschreibt das Unternehmen als quasi-technisches Gebilde, „als ob“ es aus unterschiedlichen Systemkomponenten, Mechanismen, Feed-Back-Beziehungen etc. bestehen würde. Die Systemtheorie ist damit zu- nächst ein Mittel der Beschreibung und Ordnung eines Betrachtungsbereiches: Welt wird als so und so geartet ausgezeichnet, indem von bestimmten Sachverhalten und Gegenständen zunächst abstrahiert wird (etwa personal-sozialen Aspekten).455 Das betrachtete System ist Bestanteil eines Supersystems und besteht selbst aus unterschiedlichen Subsystemen bzw. Systemelementen. Das Anordnungsmuster eines Systems wird als Struktur, eine Reihe zusammenhängender Aktivitäten von Systemelementen als Prozess bezeichnet.456 In der Betriebswirtschaftslehre hat eine kybernetisch-systemorientierte Sicht mit drei Problemkategorien zu tun: 1) Definition von Systemzielen, 2) zieladäquate Systemgestaltung und 3) zieladäquate Gestaltung von Abläufen in einem System.457 Die Definition von Systemzielen verweist klar auf den Bereich der Unternehmenspolitik bzw. der strategischen Ausrichtung. Im Rahmen der zieladäquaten Systemgestaltung geht es um eine funktionale Analyse der Systembestandteile und deren anschließende institutionel- le und organisatorische Einbettung in Form der Aufbau- und Ablauforganisation. Hier spielt das Geben von Funktionalerklärungen bzw. der Entwurf und Test von Funktionsmodellen eine herausragende Rolle. 455 Vgl. hierzu Kornwachs [Regel], S. 27, der darauf hinweist, dass jedes System einen Autor hat, der die Systembeschreibung unter gewissen Zwecksetzungen anfertigt. Sys- tembeschreibungen sind deshalb nicht neutral, sondern von einem notwendigen Vor- Urteil geprägt. 456 Vgl. Ulrich [System], S. 109ff. 457 Vgl. Ulrich [Betriebswirtschaftslehre], S. 52. 180 Interdisziplinäre Bezüge Die Systemtheorie ist in ihrer Herangehensweise, den Betrachtungsgegenstand als technisches Gebilde („System“) zu deuten, in vielen Wissenschaften zu finden. Ursprünglich aus der Biologie stammend, ist das Systemdenken in den Sozial- und Geisteswissenschaften v.a. aber auch im Bereich der technisch-naturwissenschaftlichen Fächer weit verbreitet. In der Sichtweise des Unternehmens als offenes, nicht-deterministisches System und der Betonung der Notwendigkeit der Anpassung und Selbstorganisation (ge- genüber der Steuerung und Regelung) wird der Anschluss zu einem evolutionären Denken der Biologie hergestellt, indem das Unternehmen als ein in eine offene Zu- kunft evolvierendes, adaptives und flexibles System begriffen wird.458 Intradisziplinäre Bezüge Eine Vielzahl anderer gestaltungsorientierter Ansätze der Betriebswirtschaftslehre bauen auf einer systemtheoretischen Denkweise auf.459 Systemisches Denken besitzt des- halb im Bereich praktisch-gestaltungsorientierter Denkschulen einen hohen Verbreitungsgrad. Insbesondere die ökologisch orientierte Betriebswirtschaftslehre hat deutlich gemacht, dass das „Supersystem natürliche Umwelt“ einen wesentli- chen, nicht zu vernachlässigenden Wirkungsraum von Systemhandlungen dar- stellt.460 Der System-Dynamics-Ansatz als Fortentwicklung des systemischen Denkens zeigt eine gewisse Nähe zu quantitativ-erklärenden Ansätzen, finden doch die Ergeb- 458 Vgl. exemplarisch Malik [Evolution], ohne direkten Bezug zur Systemtheorie Kirsch [Handeln]; Kirsch [Führung]; überblicksartig Albach (Hg.) [Unternehmensentwicklung]. Gerade das Thema Selbstorganisation, Selbsterschaffung und Selbsterhaltung („Autopoi- esis“) hat in der Betriebswirtschaftslehre zu einer verstärkten Rezeption des radikalen Konstruktivismus geführt (vgl. hierzu exemplarisch Winter [Beobachter]). 459 Vgl. exemplarisch Horváth [Controlling]; Malik [Evolution]; Seidel/Menn [Betriebs- wirtschaft] bzw. der entscheidungsorientierte Ansatz von Heinen (vgl. Heinen [Betriebs- wirtschaftslehre], S. 25). 460 Vgl. Seidel/Menn [Betriebswirtschaft]. 181 nisse kausaler „Wenn-Dann-Analysen“ oft Eingang in System-Dynamics- Modellierungen.461 4.2.2 Entscheidungsorientierte Betriebswirtschaftslehre Methodologische Charakterisierung Der entscheidungsorientierte Ansatz der Betriebswirtschaftslehre geht maßgeblich auf Edmund Heinen zurück und hat in der Folgezeit eine vielfache Ausdifferen- zierung erfahren.462 Heinen charakterisiert seinen Ansatz selbst als eine Synthese aus Heinrich Nicklischs Ansatz einer ethisch-normativen Betriebswirtschaftslehre und dem produktionstheoretischen Standpunkt Erich Gutenbergs.463 Nicklisch „faßt Betriebswirtschaften als Gruppe arbeitender Menschen auf, deren Beziehun- gen auf ethisch-normativer Basis allein vom Menschen her kommend zu analysie- ren und gestalten sind“.464 Bei Gutenberg hingegen tritt der Mensch aus Sicht des „dispositiven Faktors“ und der Suche nach der optimalen Faktorkombination le- diglich als einer der drei Elementarfaktoren (d.h. als „objektbezogene Arbeitsleis- tung“) in den Blick. Heinen stellt Nicklischs Ansatz dem Gutenberg’schen Ansatz als Anti-These gegenüber und fährt fort: „Die entscheidungsorientierte Betriebs- wirtschaftslehre [...] strebt eine gewisse Synthese beider Wege an. [...] Konsequen- terweise stehen die Prozesse der Willensbildung und Willensdurchsetzung im Mit- telpunkt.“465 Konstitutiv ist die Unterscheidung von Individualzielen, Zielen für die Organisation und Zielen der Organisation.466 Der Betrieb wird als interessen- pluralistisches, soziales Gebilde gedeutet, das von handelnden Menschen, die unter- schiedliche Interessen und Ziele verfolgen (und sich damit unterschiedliche Zwecke 461 Vgl. exemplarisch Kapmeier [System Dynamics]; Kapmeier [Learning]. 462 Vgl. Heinen [Betriebswirtschaftslehre]; Heinen [Grundfragen]. 463 Vgl. Nicklisch [Organisation]; Gutenberg [Produktion]. 464 Vgl. Heinen [Betriebswirtschaftslehre], S. 21. 465 Vgl. Heinen [Betriebswirtschaftslehre], S. 21f. 466 Vgl. Kirsch [Betriebswirtschaftslehre], S. 158. 182 des Handelns setzen), beeinflusst und geprägt wird.467 Erklärungen werden des- halb in Form von Intentionalerklärungen gegeben. Betriebliche Entscheidungsprozes- se werden als komplexe, multipersonelle Prozesse aufgefasst, an denen mehrere Personen oder Gruppen beteiligt sind und die sich aus unterschiedlichen, sich wiederholenden Phasen der Gewinnung, Verarbeitung und Weitergabe von In- formationen sowie Prozessen der interpersonellen Beeinflussung zusammenset- zen.468 In der Abkehr von der klassischen Entscheidungstheorie bzw. -logik hin zur empirischen Untersuchung faktischer Entscheidungsprozesse bzw. dem Ver- such, Methoden und Instrumente zu entwickeln, die die Handhabung komplexer, unscharf-definierter, Multi-Kontext-Probleme469 zum Gegenstand hat, ist ein deutlicher Bruch mit früheren Vorgehensweisen v.a. in der Gutenberg’schen, ent- scheidungslogischen Tradition zu erkennen.470 Interdisziplinäre Bezüge Durch die empirische Analyse faktischer, betrieblicher Entscheidungsprozesse („Zielsysteme“) ist ein enger Bezug zur Soziologie bzw. Psychologie zu erkennen. Ins- besondere der Einsatz qualitativ-verstehender Methoden spielt bei der Untersuchung von Strategie-, Entscheidungs- und Changeprozessen in Organisationen eine her- ausragende Rolle. Aber auch der Bezug zum quantitativ-erklärenden Vorgehen, etwa im Rahmen verhaltenspsychologischer Analyse ist vorhanden. Heinen führt selbst aus, dass es für ihn kein Entweder-Oder zwischen qualitativ-verstehenden und 467 Zur Unterscheidung von Interessen, Zielen, Zwecken, Präferenzen vgl. Hartmann [Handlungstheorie], S. 77ff. 468 In Anlehnung an Kirsch [Betriebswirtschaftslehre], S. 179. 469 Multi-Kontext-Probleme stehen v.a. im Mittelpunkt politischer (d.h. strategischer) Entscheidungsprozesse und ergeben sich daraus, dass Organisationen interessenpluralisti- sche, sozial differenzierte Systeme sind, deren interne und externe Teilnehmer bzw. An- spruchsgruppen gewohnt sind, in unterschiedlichen Weisen („Kontexten“) zu denken, Probleme so und so zu definieren und zu lösen, Forderungen aufzustellen etc. (vgl. Kirsch [Betriebswirtschaftslehre], S. 138). 470 Zu den unterschiedlichen Methoden der Unterstützung von Entscheidungen und Problemlösungsbemühungen vgl. Kirsch [Betriebswirtschaftslehre], S. 131ff. 183 quantitativ-erklärenden Ansätzen mehr gibt, sondern nur ein Sowohl-Als-Auch: „Entscheidend für die Wahl der Methodik ist die zu lösende Fragestellung.“471 Intradisziplinäre Bezüge Die Grenzen zwischen entscheidungsorientiertem Ansatz und systemtheoretischem Ansatz können oft nicht scharf gezogen werden: „Der entscheidungsorientierte Ansatz der Betriebswirtschaftslehre betrachtet den Betrieb als äußerst komplexes, offenes soziales System mit einer Reihe funktionaler Subsysteme.“472 In der Analyse faktischer Zielsysteme und damit unterschiedlicher, verfolgter Prä- ferenzhierarchien, die das Handeln der einzelnen Systemmitglieder bestimmten, weist der Ansatz große Nähe zur handlungstheoretischen Betriebswirtschaftslehre auf.473 Jedoch sind auch in der entscheidungsorientierten Betriebswirtschaftslehre Versu- che zu erkennen, Handeln auf Verhalten zu reduzieren.474 Der Bezug zu einer ver- haltensorientierten Betriebswirtschaftslehre ist deshalb ebenfalls vorhanden. 4.2.3 Handlungstheoretische Betriebswirtschaftslehre Methodologische Charakterisierung Im Rekurs auf Schmalenbachs These „Wirtschaften heißt wählen!“ wird die Be- deutung des Handelns als bewusste, intentionale Wahl zwischen Alternativen bei der Allokation knapper Güter als Grundgegenstand der Betriebswirtschaftslehre 471 Vgl. Heinen [Wissenschaftsprogramm], S. 226. 472 Vgl. Heinen [Betriebswirtschaftslehre], S. 25. 473 Vgl. hierzu insbesondere Werner Kirschs Ausführungen zu den Grundbegriffen der betriebswirtschaftlichen Zielanalyse, die eigentlich eine rudimentäre Handlungstheorie darstellen (vgl. Kirsch [Betriebswirtschaftslehre], S. 157). 474 Vgl. Kirsch [Betriebswirtschaftslehre], S. 298ff., insbesondere S. 304. Kirsch tritt je- doch heute für einen Pluralismus von Erkenntnisformen ein, scheint damit also eine der- artige Engführung (von Handeln auf bloßes Verhalten) überwunden zu haben (vgl. Kirsch [Führung], S. 434f.; Kirsch/zu Knyphausen-Aufseß [Unternehmensführung], S. 104f.). 184 betont.475 Wirtschaften war schon immer Wählen bzw. Handeln (und nicht Ver- halten), das es durch geeignete Methoden und Verfahren zu unterstützen und verbessern galt und immer noch gilt. Erklärungen werden deshalb in Form von Intentionalerklärungen gegeben. Die Existenz stabiler, kausaler Mechanismen im so- zialen Bereich wird abgelehnt.476 Allenfalls ist temporäres Quasi-Verhalten im Sin- ne eines unbewussten, gewohnheitsmäßigen Tuns zu finden, das es als solches bewusst zu machen gilt, damit es wieder in aktives Handeln überführt werden kann.477 Da Zwecke und Institutionen das Handeln prägen, ist die Untersuchung bzw. Rechtfertigung von Institutionenmodellen angezeigt.478 In der handlungstheore- tischen Betriebswirtschaftslehre spielen deshalb Untersuchungen zu Unterneh- mensverfassungen und zur Wirtschaftsordnung eine bedeutende Rolle.479 Da Handeln als Handeln aber auch immer verantwortbar ist und in einer interessen- pluralistischen Gesellschaft zu Konflikten führt, nehmen unternehmens- und wirt- schaftsethische Überlegungen einen weiten Raum ein und trugen damit maßgeb- lich zum heutigen Stellenwert der Wirtschaftsethik bei.480 Interdisziplinäre Bezüge Aus methodologischer Sicht besteht Familienähnlichkeit zu anderen Sozial- und Geis- teswissenschaften, die die Handlungsanalyse sowie qualitativ-verstehende Ansätze bevor- zugen und Kausalerklärungen (als szientistischen Versuch, die Geist- und Sozial- wissenschaften nach dem Vorbild der Naturwissenschaften zu gestalten) ablehnen. In der Untersuchung wissenschaftstheoretischer und ethischer Grundfragen sind enge Bezüge zur Philosophie vorhanden, insbesondere zur Diskursethik, deren zent- 475 Vgl. Steinmann [Betriebswirtschaftslehre], S. 75; Steinmann et al. [Betriebswirtschafts- lehre]. 476 Vgl. Steinmann [Betriebswirtschaftslehre], S. 77. 477 Vgl. Steinmann [Betriebswirtschaftslehre], S. 80f. 478 Vgl. Steinmann et al. [Betriebswirtschaftslehre]; Steinmann et al. [Praxis]. 479 Vgl. exemplarisch Gerum [Rechtfertigung]; Gerum [Unternehmensordnung]. 480 Vgl. Steinmann et al. [Praxis]. So war Horst Steinmann u.a. Mitbegründer des Europe- an Business Ethics Network (1986) und des Deutschen Netzwerk für Unternehmens- ethik (1993). 185 rales methodisches Kriterium die Idee der Aushandlung von Geltungsansprüchen ist. Intradisziplinäre Bezüge Zunehmend engere Bezüge zur anglo-amerikanischen Managementlehre zeichnen sich seit der Jahrtausendwende durch das dortige Revival der qualitativen Methoden ab, die insbesondere im Zuge der Erforschung der Unternehmenskultur, von Strate- gie-, Entscheidungs- und Changeprozessen in Organisationen unverzichtbar sind.481 Im deutschsprachigen Raum sind enge Bezüge insbesondere zu anderen gestaltungs- orientierten Ansätzen vorhanden, die einer Betriebswirtschaftslehre als Management- und Führungslehre das Wort reden. Die Gemeinsamkeit im methodischen Bezug bleibt jedoch oft implizit.482 In neuerer Zeit hat sich explizit die „Forschungs- gruppe Unternehmen und gesellschaftliche Organisation“ (kurz: FUGO) in die Tradition der handlungstheoretischen Betriebswirtschaftslehre gestellt.483 Die institutionentheoretische Modellierung und die diskurstheoretische Fundie- rung ethischer Fragen gehören heute zum methodologischen Standardrepertoire vieler unternehmens- und wirtschaftsethischer Ansätze, weshalb hier untereinander enge Bezüge zu finden sind, die einzelnen Ansätze sowohl aus inhaltlicher als auch aus methodologischer Perspektive eine ausgeprägte Familienähnlichkeit aufweisen.484 481 Vgl. Gummesson [Methods], S. IX. 482 Exemplarisch sei hier noch einmal auf Werner Kirsch verwiesen, der im Rahmen der Zielanalyse betrieblicher Unternehmungen eine rudimentäre Handlungstheorie entwirft (vgl. Kirsch [Betriebswirtschaftslehre], S. 157). Aber auch der Rekurs auf die Schmalen- bach’sche Maxime „Wirtschaften heißt wählen!“ lässt einen deutlichen Bezug zur ent- scheidungsorientierten Betriebswirtschaftslehre erkennen. 483 Vgl. Forschungsgruppe Unternehmen und gesellschaftliche Organisation (Hg.) [Theo- rie]. 484 Vgl. Steinmann/Löhr [Unternehmensethik] (überblicksartig: Steinmann/Löhr [Pro- gramm]); Ulrich [Wirtschaftsethik] (überblicksartig Ulrich [Unternehmensethik]) in Ge- genüberstellung dazu Homann/Blome-Drees [Unternehmensethik] (überblicksartig Ho- mann [Unternehmensethik]); Wieland [Ethik] (überblicksartig Wieland [Governan- ceethik]), die in der Betrachtung unternehmens- und wirtschaftethischer Fragen aus me- thodologischer Perspektive einen basis-ökonomischen Ansatz bevorzugen, Homann den 186 4.3 Zwischenergebnis und weiterer Gang der Untersu- chung Die in Kapitel 2 vorgetragene These, dass der Plural Wissenschaft aus methodolo- gischer Perspektive durch ein Konzept inter- und intradisziplinärer Familienähn- lichkeit zusammengehalten wird, konnte im vorliegenden Kapitel exemplarisch – und zugegebener Maßen sehr pointierend – für die Betriebswirtschaftslehre am Beispiel einiger dominanter Denkströmungen aufgezeigt werden. Deutlich wurde dabei v.a. die Kluft zwischen quantitativ-erklärenden Ansätzen, die sich eng an das Methodenarsenal der Naturwissenschaften anlehnen, und qualitativ-verstehenden Ansätzen, die das Handlungsverstehen als die dem sozialen Bereich angemessenste Methode favorisieren.485 Neben diesem Grundkonflikt über die richtige Art und Weise empirisch sozialwissenschaftlicher Forschung wurde eine Vielzahl weiterer Verknüpfungen der Betriebswirtschaftslehre deutlich – sowohl Verbindendes als auch Trennendes, intradisziplinär (etwa im Rahmen der unterschiedlichen theore- tischen Ansätze und ihrer Art und Weise des Gebens von Kausalerklärungen) wie interdisziplinär (Verbindungen zur Mathematik, zur Volkswirtschaftlehre, zur So- ziologie und Psychologie). Die Komplexität der Beziehungen entzieht sich jedoch einer einfachen bildlichen Darstellung in Form einer „Landkarte inter- und intra- disziplinärer Familienähnlichkeit“. Die Untersuchung unterschiedlicher Wissensformen als auch das Belegen unter- schiedlicher methodischer Verknüpfungen im herrschenden Wissenschaftsbetrieb haben gezeigt, dass die Betriebswirtschaftslehre – zu einem gewissen Maße – zu- mindest eine Wissenschaft (wenn nicht gar mehrere Wissenschaften) sein kann bzw. sogar ist (notwendige Bedingung von Wissenschaft) und als solche auch an- erkannt ist (hinreichende Bedingung von Wissenschaft). Es wurde jedoch auch der Vertragstheorie James Buchanans und des ökonomischen Imperialismus Gary S. Be- ckers, Wieland den der Neuen Institutionenökonomik. 485 Es sei an dieser Stelle noch einmal darauf hingewiesen, dass aus forschungspraktischer Sicht quantitativ-erklärende und qualitativ-verstehende Ansätze heute keine unversöhnli- chen Antipoden darstellen, sondern in Abhängigkeit der Forschungsfrage auf unter- schiedliche Art und Weise eingesetzt bzw. miteinander kombiniert werden (vgl. Kelle [Integration], S. 227ff.; Seipel/Rieker [Sozialforschung], S. 213ff.) bzw. Kapitel 3.4. 187 deutlich: Die Betriebswirtschaftslehre ist aber zugleich viel mehr als nur Wissenschaft: Keinesfalls ist sie lediglich theoretische Diagnose und Erklärung betrieblicher Wirklichkeit, sie ist vielmehr auch praktische Gestaltungslehre und damit Stütze, Diener, Korrektiv der Praxis, eine Lehre von der Führung für die Führung von Betrieben. In der Ausblendung wichtiger moralisch-ethischer Fragestellungen, der unkritischen Übernahme extern vorgegebener Forschungsthemen, der reinen Op- timierung von Mitteln für vorgegebene, wissenschaftsexterne Zwecke sowie der Rezeption der Verhaltenswissenschaften zur Erlangung von Macht über den Men- schen sei die Betriebswirtschaftslehre – so Max Preglau – nicht mehr nur Wissen- schaft, sondern „Ideologie und Theorie kapitalistischer Rationalisierung“.486 Ein harscher Vorwurf, dem es im Folgenden noch eingehender nachzugehen gilt. Zum weiteren Gang der Untersuchung: Im nun folgenden Kapitel sollen abschlie- ßend die Eigenarten, Charakteristika bzw. Spezifika anwendungsbezogener Diszip- linen herausgearbeitet werden. Die Interaktionsverhältnisse der Betriebswirt- schaftslehre mit anderen Hochschuldisziplinen – v.a. anderen anwendungsbezoge- nen Disziplinen – werden im Rahmen einer kurzen wissenschaftshistorischen Analyse vertieft. Die Möglichkeiten und Grenzen einer Verwissenschaftlichung der Techniklehren bzw. der Etablierung einer Techniklehre als vollumfängliche Wissenschaft gilt es noch einmal eingehend zu diskutieren, indem die kognitiven und sozialen Strukturen dargestellt und geklärt werden. Schließlich soll deutlich gemacht werden, dass es vielleicht aus wissenschaftstheoretischer Perspektive doch Sinn macht – im Gegensatz zur unscharfen Alltagssprache – zwischen Tech- niklehren auf der einen Seite und Technikwissenschaft auf der anderen klar zu unterscheiden, den faktisch vorzufindenden verwissenschaftlichen Techniklehren die Forderung nach Etablierung als Technikwissenschaften entgegenzuhalten, die Betriebswirtschaftslehre also nicht nur im Status einer verwissenschaftlichten Technik bzw. Techniklehre zu belassen, sondern zu fordern, sie zu einer echten Technikwissenschaft, genauer: zu einer humanistisch orientierten Sozialtechnik- 486 Preglau [Betriebswirtschaftslehre], S. 207. 188 wissenschaft, weiterzuentwickeln (wobei es das „Warum?“ und das „Wie?“ im Folgenden noch eingehender zu erörtern gilt). 189 5 PROBLEME, CHARAKTERISTIKA, INTERAKTIONSVERHÄLTNISSE VERWISSENSCHAFTLICHER TECHNIKLEHREN 5.1 Wissenschaftshistorische Aspekte verwissenschaft- lichter Techniklehren Es hängt von der Strenge der angelegten Kriterien ab, ob man den Technikwissen- schaften bzw. Techniklehren eine mehrere hundert oder mehrere tausend Jahre alte Tradition zuschreibt.487 Moderne, deutlich wissenschaftliche Züge bekamen die Techniklehren aber erst in den letzten Jahrhunderten.488 Betrachtet man diese moderne Geschichte der Technikwissenschaften eingehender, ist eine Vielzahl von Parallelitäten und wechselseitiger Beeinflussung erkennbar, Gemeinsamkeiten, die deutlich machen, dass es sinnvoll ist, diese unterschiedlichen Wissenschaften unter der Sammelbezeichnung „Techniklehren“ bzw. „Technikwissenschaften“ zusam- menzufassen und der Exaktheit halber weiter zwischen Real-, Sozial- und Indivi- dualtechnikwissenschaften zu differenzieren.489 So waren es z.B. die im Zuge der Industriellen Revolution aufstrebenden jungen Realtechnikwissenschaften („Inge- nieurwissenschaften“), die den Niedergang einer der Vorläufer der modernen Be- 487 Vgl. König [Geschichte], S. 23. Zur Geschichte der Betriebswirtschaftslehre im Allge- meinen vgl. überblicksartig Klein-Blenkers/Reiß [Betriebswirtschaftslehre]; Schneider [Geschichte]. Zur Geschichte der Betriebswirtschaftslehre und betriebswirtschaftlicher Teildisziplinen ab dem 20. Jahrhundert vgl. Gaugler/Köhler (Hg.) [Betriebswirtschafts- lehre]; Lingenfelder (Hg.) [Betriebswirtschaftslehre]. Zur Geschichte der Betriebswirt- schaftslehre ab dem Altertum Löffelholz [Betriebswirtschaftslehre]; Bellinger [Betriebs- wirtschaftslehre]; Seÿffert [Betriebswirtschaftslehre]. 488 Vgl. König [Geschichte], S. 23. 489 Zur Unterscheidung von Real-, Sozial- und Individualtechnik vgl. noch einmal Kapitel 1.3 bzw. von Gottl-Ottlilienfeld [Technik], S. 8f. 190 triebswirtschaftslehre, die Handlungswissenschaften, brachten.490 Einst noch im Bunde der sog. Kameralwissenschaft (Finanz- und Staatswissenschaft, Technolo- gie) geeint, begannen die Realtechnikwissenschaften gegenüber den Sozialtech- nikwissenschaften durch die Industrialisierung zunehmend eine Vorreiterrolle ein- zunehmen.491 Es waren auch wieder die Realtechnikwissenschaften, die Mitte des 19. Jahrhunderts, Anfang des 20. Jahrhunderts den Anstoß für die Etablierung der heutigen Sozialtechnikwissenschaft „Betriebswirtschaftslehre“ gaben: Nachdem die Euphorie um die Nutzung technischer Erfindungen und dem damit verbunde- nen rasanten Aufbau von Betrieben allmählich abgeklungen war, wurde deutlich, dass diese Betriebe ohne ertrags- und kostenorientierte Führung nicht wirtschaft- lich arbeiten konnten und kaum längerfristig zu halten waren.492 So erwuchs lang- sam der Bedarf, sich stärker wieder betriebswirtschaftlichen Fragen – diesmal ins- besondere des Produktionsbetriebes – zuzuwenden.493 Es ist auch der Produkti- onsbetrieb – und nicht mehr der Handelsbetrieb – der für die moderne Betriebs- wirtschaftslehre eines der Hauptbeschäftigungsfelder darstellt.494 Auch die Entstehungsgründe der modernen Ingenieur- und Kaufmannswissen- schaften sind im Grunde genommen dieselben: Zum einen machte die wachsende Komplexität der technischen Praxis eine Systematisierung und wissenschaftliche Durchdringung erforderlich – nicht zuletzt auch deshalb, um das Stoffgebiet lehr- und lernbar zu gestalten, um so für qualifizierte Ausbildungskräfte und Nach- wuchs zu sorgen.495 Zum anderen spielten aber auch soziale Aspekte eine wesent- liche Rolle: Gediegene Ausbildung und Erziehung junger Kaufleute und Ingenieu- re bzw. gestiegenes gesellschaftliches Renommee durch die Möglichkeit der Pro- 490 Vgl. Klein-Blenkers/Reiß [Betriebswirtschaftslehre], Sp. 1420f. 491 Zu den Ursprüngen der modernen Realtechnikwissenschaften in den Kameralwissen- schaften vgl. König [Geschichte], S. 26. 492 Vgl. Klein-Blenkers/Reiß [Betriebswirtschaftslehre], Sp. 1420. 493 Vgl. Klein-Blenkers/Reiß [Betriebswirtschaftslehre], Sp. 1420f. 494 Vgl. exemplarisch Gutenberg [Produktion]. 495 Zu den Sozialtechnikwissenschaften vgl. Klein-Blenkers/Reiß [Betriebswirtschaftsleh- re], Sp. 1421, zu den Realtechnikwissenschaften König [Geschichte], S. 28ff. 191 motion.496 Die Etablierung der Technikwissenschaften an den Hochschulen und Universitäten war auch in beiden Fällen mit erheblichen Schwierigkeiten verbun- den: Die traditionellen, etablierten Disziplinen attackierten dieses „unakademi- sche“ Unterfangen auf das heftigste: An der Technischen Hochschule Charlotten- burg wurden z.B. die Ingenieurwissenschaften gezwungen, „Dr. Ing.“ in gothi- scher statt lateinischer Schreibweise zu schreiben.497 Die Volkswirtschaftslehre wandte sich gegen die Betriebswirtschaftslehre als „öde Anleitung zur Profitma- cherei“.498 Auch Max Weber – Nationalökonom und Gründungsvater der Sozio- logie – hatte erhebliche Abneigungen gegen stark praxisorientierte Fächer, be- trachtete die Betriebswirtschaftslehre als „wenig salonfähig“.499 Die Vorstellung, mit einem ihrer Vertreter in einer Fakultät zusammenzuarbeiten, löste – so wird jedenfalls berichtet – einen „Schauder“ bei ihm aus.500 Den Fächern wurde der wissenschaftliche Charakter abgesprochen, weil sie nur Unterricht und Lehre betreiben würden, keine Forschung.501 Aufgrund dieser Angriffe kam es schnell dazu, dass starker Praxisbezug innerhalb der Technikwissenschaften als Makel empfunden wurde.502 Die Fächer verlegten sich deshalb in der Folgezeit auf das Verwissenschaftlichen. Häufig wurde dabei Anschluss an das Vorbild der Naturwissenschaften gesucht, indem es zu einer starken Mathematisierung, Anlehnung an deren Modellbildung bzw. Art und Wei- se des Gebens von Erklärung gekommen ist. So wurde etwa – wie Wolfgang Kö- nig zeigt – die Elektrotechnik als Teilgebiet der Physik betrachtet, die es theore- 496 Vgl. Brockhoff [Betriebswirtschaftslehre]. 497 Vgl. Poser [Difference]. 498 Vgl. Weyermann/Schönitz [Privatwirtschaftslehre], S. 46. 499 Max Weber zitiert nach Brockhoff [Betriebswirtschaftslehre]. 500 Vgl. Brockhoff [Betriebswirtschaftslehre]. 501 Für die Realtechnikwissenschaften vgl. König [Technikwissenschaften], S. 101ff., für die Sozialtechnikwissenschaft „Betriebswirtschaftslehre“ Moxter [Betriebswirtschaftsleh- re]. 502 Vgl. für die Realtechnikwissenschaften König [Geschichte], S. 34, für die Sozialtech- nikwissenschaft „Betriebswirtschaftslehre“ Moxter [Betriebswirtschaftslehre], S. 27ff. 192 tisch zu einer exakten Wissenschaft zu entwickeln galt.503 Aber auch andere an- wendungsbezogene Disziplinen wie etwa die Jurisprudenz (als Sozialtechnikwis- senschaft) oder Medizin (als Individualtechnikwissenschaft) waren vor derartigen Theoretisierungsversuchen nicht gefeit. In der Jurisprudenz gab es Tendenzen, die Rechtslehre auf Rechtslogik einzuschränken, indem die logischen Zusammenhän- ge und die Stimmigkeit (Konsistenz, Kohärenz) eines abstrakten Normensystems untersucht wurden.504 Im Rahmen der Untersuchung der soziologischen und wirt- schaftlichen Grundlagen des Rechts ist deutlich der Versuch zu erkennen, die Ju- risprudenz als eine empirische Disziplin zu etablieren, die durch die Untersuchung rechtsphilosophischer Grundlagen „theoretisierend“ ergänzt wurde. Dem be- triebswirtschaftlich bewandten Leser dürfte hier sofort auffallen, dass auch die Betriebswirtschaftslehre besonderen Wert darauf legte und legt, eine empirische (und damit „wissenschaftliche“(?)) Disziplin zu werden bzw. zu sein.505 Doch auch in der Medizin gab es im 19. Jahrhundert deutliche Bestrebungen, das Fach in den Rang einer Naturwissenschaft zu erheben.506 Eine Anspruch, der zugleich auch zum Leitmotto der ärztlichen Praxis wurde: „Für mich ist es kein Zweifel, dass das Wort: ‚Die Medizin wird eine Wissenschaft sein, oder sie wird nicht sein’ auch für die Therapie gelten muss und gilt. Die Heilkunde wird ei- ne Wissenschaft sein, oder sie wird nicht sein.“507 Ärztliche Interventionen mussten als wissenschaftlich gesichert gelten: Wenn z.B. bei einer Krankheit A ein Mangel an Substanz B naturwissenschaftlich festgestellt wurde, dann gilt die Substitution von B als wissenschaftlich gesicherte Therapie.508 Der Bezug zur Betriebswirtschaftslehre – v.a. zur Idee eines „scientific manage- ment“ – dürfte offensichtlich sein. 503 Vgl. König [Technikwissenschaften], S. 112. 504 Zur sog. Pandektistik und Begriffsjurisprudenz vgl. Larenz [Methodenlehre], S. 19ff. 505 Vgl. Kretschmann [Diffusion], S. 38. 506 Vgl. Wiesing [Pluralität], S. 13ff. 507 Naunyn [Ärzte und Laien], S. 1348. 508 Vgl. Wiesing [Pluralität], S. 16. 193 Die überstarken Theoretisierungen wurden jedoch vielfach abgelehnt, weil sie zu- nehmend mit einer abnehmenden Problemlösungskapazität für die Praxis einher- gingen. In der Medizin trat Ernüchterung ein, denn der vorgelegte naturwissen- schaftliche Ansatz griff viel zu kurz.509 Der Höhepunkt der theoretischen Maschi- nenlehre war in den Realtechnikwissenschaften zugleich ihr Ende.510 Auch schien ein „scientific management“ kaum ein gangbarer Weg.511 Heilen, Managen, Kon- struieren waren, sind und bleiben eine Kunst bzw. Kunstfertigkeit und kein de- duktives Handwerk.512 In der Folgezeit setzte in den meisten Technikwissenschaf- ten deshalb eine pragmatische Gegenbewegung ein, die unterschiedlich stark aus- fiel. In der Betriebswirtschaftslehre war es v.a. die an Erich Gutenberg anschlie- ßende Orientierung großer Fachbereiche an der anglo-amerikanischen Manage- mentlehre, die eine Rückbesinnung auf die praktischen Fundamente und ur- sprünglichen Zwecke und Zielsetzungen gebracht hat. In den Realtechnikwissen- schaften wurde wieder vielfach der Anschluss gesucht an die Vorgehensweisen vor der Theoretisierung der Fächer.513 Die disziplinspezifische Entwicklung einer Technikwissenschaft ist daher in der Regel durch folgende Phasen gekennzeichnet:514 1. Eine anfängliche Phase der Analyse, des Erkennens und Systematisierens von Verfahrensweisen und Prinziplösungen der technischen Praxis (und damit verbunden ein hoher Anteil deskriptiver Elemente). 509 Vgl. Wiesing [Pluralität], S. 16ff. 510 Vgl. König [Technikwissenschaften], S. 101ff. insbesondere S. 112. 511 Vgl. hierzu Scherer [Pluralismus], S. 59ff. 512 Aus der Tatsache, dass unterschiedliche Funktionen über eine beliebige Anzahl techni- scher Realisationen umgesetzt werden können, wird deutlich, dass das Konstruieren (wie Organisieren) Kunst ist und kein stupides Befolgen von Regeln (vgl. Kornwachs [Struk- turkonzepte] S. 117). 513 Vgl. König [Technikwissenschaften], S. 111f. 514 Vgl. König [Geschichte], S. 31. 194 2. Eine darauf folgende Phase der Theoretisierung (und damit Aufbau unter- schiedlicher Arten der Erklärung und Rezeption basaler wissenschaftlicher Methoden). 3. Eine erneute Rückbesinnung auf die technische Praxis auf höherem Niveau bei gleichzeitiger Existenz eines theoretischen Kerns. Dieses Phasenschema ist auch in der Geschichte der Betriebswirtschaftslehre aus- findig zu machen: Waren die Anfängen der Betriebswirtschaftslehre wie auch de- ren Vorläufer durch ein starkes Systematisieren der Verfahren betrieblicher Praxis gekennzeichnet, kam es nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer deutlichen Theore- tisierung, die das Fach aber polarisierte und Mitte der 70er Jahre zu einer Rückbe- sinnung der Betriebswirtschaftslehre als Management- und Führungslehre geführt hat, die die Brauchbarkeit der Forschungsergebnisse durch die Praxis wieder stär- ker in den Vordergrund gerückt hat.515 Betrachtet man die Technikwissenschaften heute eingehender, wird deutlich, dass eine strikte Trennung zwischen Wissenschaft und Praxis bei den meisten Tech- nikwissenschaften (im Zuge der erneuten pragmatischen Orientierung und Rück- besinnung) kaum zu finden ist – ein Sachverhalt, den es auch noch eingehender darzustellen und zu erörtern gilt:516 Technische Praxis, Techniklehre und Technik- forschung bilden oft ein fließendes Kontinuum: Von den Niederungen direkter praktischer Betätigung des Forschers (etwa in Form des sog. Action Research in der Betriebswirtschaftslehre oder aber Forschungsprojekten mit der Industrie in den Ingenieurswissenschaften) bis hin zu den Höhen der Wissenschaft und star- ken Theoretisierungen ist in den Technikwissenschaften eigentlich alles zu fin- den.517 Sowohl die geschichtliche Entwicklung als auch die bereits angedeuteten (sozialen und kognitiven) Strukturen der heutigen Technikwissenschaften machen deutlich, dass die Technikwissenschaften bzw. Techniklehren seit ihrer Etablierung zwi- 515 Vgl. Klein-Blenkers/Reiß [Betriebswirtschaftslehre]. 516 Vgl. König [Technikwissenschaften], S. 325ff. 517 Es wäre Gegenstand einer noch durchzuführenden, empirischen Studie zum State-Of- The-Art der Technikwissenschaften, welchen Umfang welche Wissensformen heute tat- sächlich einnehmen. 195 schen Technik und Wissenschaft stehen:518 Sie haben sich nicht nur immer wieder von der alltäglichen, technischen Praxis ablösen wollen, sondern wollten ihrerseits immer wieder in Wissenschaft aufgehen. In ihrem Versuch, sich von der techni- schen Praxis zu unterscheiden, haben sich die Technikwissenschaften verwissen- schaftlicht und in ihrer Sorge von der Wissenschaft vereinnahmt zu werden und damit zuviel Praxisrelevanz zu verlieren, haben sie sich technisiert. Dieses Schwin- gen im Spannungsfeld von Theorie und Praxis, das Pendeln zwischen dem Prak- tisch-Werden auf der einen und dem Verwissenschaftlichen und Theoretisieren auf der anderen Seite ist das, was die Technikwissenschaften bzw. verwissenschaft- lichten Techniklehren ausmacht und ihre innerwissenschaftliche Dynamik kenn- zeichnet. 5.2 Wissenschaftstheoretische Aspekte verwissen- schaftlichter Techniklehren Die Technikwissenschaften bilden – so kann man wohl sagen – einen Bereich des wissenschaftlichen Handelns, in dem technische Handlungen in erster Linie nicht selbst durchgeführt werden, sondern in dem z.B. über das Erkenntnisobjekt „Be- trieb“ und den damit verbundenen sozialtechnischen Handlungen in einer speziel- len Weise, nämlich in wissenschaftlicher Weise, geredet wird.519 Die technische Pra- xis ist der Bereich des praktischen Tätigseins, des konkreten technischen Prozes- sierens und Agierens, die Technikwissenschaften der Ort, an dem über den Betrieb und das technische Handeln der Praxis nachgedacht wird.520 Technikwissenschaft- ler sind Beobachter zweiter Ordnung, die sich gegenseitig, v.a. aber die Praktiker und Techniker als Beobachter erster Ordnung beobachten.521 Der Betriebswirt und Praktiker im Betrieb handelt, der Technikwissenschaftler redet über den Betrieb und dieses Handeln, um z.B. gewisse technische Handlungsweisen auf einem Gebiet zu lehren, 518 In Anlehnung an Gottfried Gabriel und Christiane Schildknecht, die den Standpunkt vertreten, die Philosophie stehe von Anfang an zwischen Dichtung und Wissenschaft (vgl. Gabriel/Schildknecht [Philosophie], S. XII). 519 Vgl. Grunwald [Begründung], S. 53; Grunwald [Technikphilosophie], S. 194. 520 Zur verwendeten Terminologie vgl. noch einmal Kapitel 2.2. 521 Vgl. Grunwald [Begründung], S. 60. 196 zu analysieren und zu systematisieren (Techniklehre) sowie im Rahmen weiterer Ar- beiten fortzuentwickeln bzw. neue, verbesserte Verfahren und Prinziplösungen zu erarbeiten (Technikforschung). Als primäre Zwecke seien dabei diejenigen Zwecke bezeichnet, die der Bewältigung praktischer, lebensweltlicher Probleme dienen.522 Primäre Zwecke sind die Zwe- cke der Praxis, des konkreten technischen Handelns im Betrieb, das eigentliche Wirtschaften, Wählen und Entscheiden, die auf die Optimierung von Effizienz und Effektivität zur längerfristigen Sicherung der Existenz eines Betriebes abzie- len. Sekundäre Zwecke sind hingegen die Zwecke der Technikwissenschaft, durch die die Realisierung der primären Zwecke unterstützt bzw. allererst ermöglicht werden soll: Durch sprachliche Erfassung, Beschreibung, Systematisierung und Entwicklung unterschiedlicher Verfahren (Methoden, Heuristiken), Planungstech- niken soll sichergestellt werden, dass das Handeln im Betrieb die verfolgten Zwe- cke auch erreicht.523 Die sekundären Zwecke sind deshalb von eher „methodolo- gischer“ Natur: Ihre Realisierung ist nicht auf die Konstruktion eines spezifischen Artefakts (in Form eines institutionellen und organisationalen Systems) oder eines spezifischen Handlungsentwurfs (in Form einer Werbekampagne, Produktions- programms) gerichtet, sondern soll lediglich die Bedingungen der Möglichkeit zur Errei- chung der primären Zwecke untersuchen und durch Analysen und geeignete Metho- den, Verfahren und gegebenenfalls dem Geben von Prinziplösungen unterstützen und sicherstellen.524 Doch schon das Geben von Prinziplösungen lässt die Grenze zwischen rein „methodologischen“ Untersuchungen auf der einen Seite und der Konstruktion spezifischer Artefakte und dem konkreten, technischen Gestalten und Agieren auf der anderen Seite verschwimmen: Der basale Institutionen- und Organisationsentwurf unterscheidet sich von der technischen Praxis „nur“ da- durch, dass er sehr viel abstrakter, situationsinvarianter, allgemeiner gefasst ist. Die 522 Vgl. Grunwald [Begründung], S. 55. 523 Vgl. Grunwald [Begründung], S. 55. 524 Vgl. Grunwald [Begründung], S. 55. Für die Betriebswirtschaftslehre Kirsch [Betriebs- wirtschaftslehre], S. 178. 197 Prinziplösungen sind zwar mit Blick auf die spätere Anwendung entworfen und gewonnen worden, jedoch nicht zur unmittelbaren Anwendung bestimmt, son- dern bedürfen der weiteren Spezialisierung und Konkretisierung.525 Oder wie es Wolfgang König formuliert: „Die Technikwissenschaften erzeugen [in diesem Sinne] keine fertige Technik, sondern machbare und mögliche Technik.“526 Im Entwurf und der Entwicklung neuer, basaler sozialtechnischer Artefakte und Ver- fahren haben die Technikwissenschaften damit aber auch einen gestalterischen Blick auf die Zukunft, sind Mitgestalter und Macher zukünftiger sozialer und be- trieblicher Welten.527 Es geht in den Technikwissenschaften deshalb nicht nur um das Erkennen, Beschreiben und Erklären des Faktischen („Nachdenken“), son- dern v.a. um das Ergründung des Möglichen, dem Gestalten von Neuem („Vor- ausdenken“). Gerade aber die Tatsache, dass die Technikwissenschaften mit ihren Theorien und Arbeiten ihren Forschungsgegenstand nachhaltig verändern und prägen, findet in den Technikwissenschaften kaum eine angemessene theoretische Betrachtung – sei es nun unter wissenschaftstheoretischen oder aber wissen- schaftsethischen Aspekten.528 Maßgeblich für das Verständnis der Technikwissenschaften ist ferner – analog der Leitdifferenz primäre vs. sekundäre Zwecke – die Unterscheidung zwischen techni- schen Problemen und technikwissenschaftlichen Problemen.529 Das gesellschaftliche Be- dürfnis, technikwissenschaftliche Probleme zu formulieren, entsteht in dem Maße, 525 Vgl. König [Ziele], S. 86. 526 König [Ziele], S. 86. 527 Vgl. Grunwald [Problemlösungen], S. 124. 528 Vgl. Kötter [Wirtschaften], Sp. 1285. In wissenschaftstheoretischer Hinsicht wird das Thema bei Jürgen Freimann (vgl. Freimann [Betriebswirtschaftslehre]) zumindest einmal angesprochen. Auch thematisiert Werner Kirsch (vgl. Kirsch/zu Knyphausen-Aufseß [Unternehmensführung]; Kirsch [Führung]) das „Problem der Selbstreferenz“, dass also „eine Theorie über eine Praxis spricht, die sich auf eine Theorie beruft, die über die Pra- xis spricht“ (Kirsch/zu Knyphausen-Aufseß [Unternehmensführung], S. 107). In wissen- schaftsethischer Hinsicht gerät der gesamte Fragenkomplex jedoch kaum in den Blick (etwa der Art, dass hieraus gewisse Schlussfolgerungen über die gesellschaftliche Verant- wortung der Betriebswirtschaftslehre gezogen werden). 529 Vgl. Grunwald [Problemlösungen], S. 125. 198 wie Problemsituationen in der technischen Praxis auftreten, die das Erreichen der primären Zwecke der technischen Praxis erschweren bzw. verunmöglichen, wo- durch ersichtlich wird, dass ein neues Wissen benötigt wird, das nicht bereits vor- handenen Wissensspeichern entnommen werden kann.530 Dies zeigt aber auch: Die Technikwissenschaften entnehmen ihre Aufgabestellung und Problemlagen primär der technischen Praxis – also wissenschaftsextern – und nicht wissen- schaftsintern: „Technikwissenschaftliches Problemlösen dient [...] der wissensge- stützten und wissensgenerierenden Anleitung technischen Problemlösens in der Praxis.“531 Die Technikwissenschaften sind deshalb – in weit höherem Maße als andere Wissenschaften – direkte praktische als auch theoretische Stütze der tech- nischen Praxis: Als verwissenschaftlichte Techniklehren sozialisieren sie nicht nur zukünftige Techniker im Rahmen der Ausbildung (Techniklehre im engeren Sin- ne), sondern „belehren“ zugleich die technische Praxis in ihrer Vorgehensweise mit verbesserten bzw. neuen Verfahren, Methoden, Prinziplösungen (Technikfor- schung als Techniklehre im weiten Sinn). 5.2.1 Charakteristika technischen und technikwissenschaftlichen Wis- sens Betrachtet man die heutige Betriebswirtschaftslehre eingehender, wird deutlich, dass das Fach primär eine Gestaltungs-, Management und Führungslehre ist, eine Lehre „von der Führung für die Führung“ (Werner Kirsch).532 Die heutige Be- triebswirtschaftslehre ist entscheidungsorientierte Betriebswirtschaftslehre, ist sys- temorientierte Betriebswirtschaftslehre, ist handlungsorientierte Betriebswirt- schaftslehre zugleich. Die einzelnen Denkschulen mögen zwar gewisse inhaltliche und methodische Schwerpunktverschiebungen aufweisen – wie die Analyse in Ka- pitel 4 gezeigt hat –, in ihrem Grundbekenntnis sind sie sich jedoch einig: Die Be- triebswirtschaftslehre ist primär Gestaltungslehre, Managementlehre, Führungsleh- 530 Vgl. Grunwald [Problemlösungen], S. 125. 531 Vgl. Grunwald [Problemlösungen], S. 125. 532 Vgl. exemplarisch Wunderer (Hg.) [Betriebswirtschaftslehre]. 199 re, Wegweiser für die Praxis. Die Unterteilung in unterschiedliche Denkschulen existiert daher oft nur noch auf dem Papier: Die entscheidungsorientierte Be- triebswirtschaftslehre verwendete seit eh und je auch systemorientierte Betrach- tungen, entscheidungsorientierte Betriebswirtschaftslehre und systemorientierte Betriebswirtschaftslehre sind in einem umfassenden Controlling-Ansatz heute längst synthetisiert.533 Die Auswertung vorfindbarer Wissensformen in der Betriebswirtschaftslehre als auch die historische Analyse und Vergleich haben jedoch auch gezeigt: Jede Tech- niklehre hat im Zuge ihrer Verwissenschaftlichung einen theoretischen Kern ausgebil- det. Dieser theoretische Kern ist dabei nicht immer homogen und weist – wie im Falle der Betriebswirtschaftslehre – eine Vielzahl unterschiedlicher Einflüsse auf: Neben einem selbst geschaffenen, basisökonomischen Pol (produktions- und kos- tentheoretischer Standpunkt) sind auch deutlich disziplinexterne Einflüsse – in- haltlicher wie auch methodologischer Art – aus Psychologie (verhaltenstheoreti- scher Ansatz), Soziologie (quantitativ-erklärender Ansatz mit Theorien mittlerer Reichweite) und der Volkswirtschaftslehre (Neue Institutionenökonomik, Spiel- theorie, Mikroökonomie etc.) zu erkennen. Der praktische Teil baut dabei mehr oder weniger auf den Erkenntnissen des theoretischen Teils auf – muss dies aber nicht. So dienen etwa Überlegungen im Rahmen der Neuen Institutionenökono- mik oft der Ableitung und Rechtfertigung organisatorischer Gestaltungsempfeh- lungen.534 Hier, wie bei der Konstruktion von System-Dynamics-Modellen (bei der häufig Ergebnisse empirischer Untersuchungen des quantitativ-erklärenden 533 Vgl. Horváth [Controlling]. 534 Vgl. exemplarisch Picot [Organisationstheorie]; Picot [Organisation]. Hier bietet sich auch die Stegmüller’sche Denkweise an, dass eine Theorie als „Struktur“ bzw. „mengen- theoretisches Prädikat“ auf einen intendierten Betrachtungsbereich erfolgreich angewandt wird. Diese Sichtweise trägt jedoch zur Charakterisierung des theoretischen Kerns nur bedingt, setzt sie doch einen spezifischen Theorietyp bereits voraus. In Kapitel 2.1.5 wur- de jedoch eingehend herausgearbeitet, dass es unterschiedliche Theorietypen gibt, wes- halb sich die Rede vom „theoretischen Kern“ bei näherer Hinsicht nur als eine Sammel- bezeichnung entpuppt: „Die“ Theorie gibt es ebenso wenig, wie „die“ Wissenschaftsthe- orie und „die“ Betriebswirtschaftslehre. Neben allgemeingültigen, nomothetischen „Grand-Theories“ Stegmüller’scher Art gibt es in den Sozialwissenschaften v.a. auch „Theorien mittlerer Reichweite“ und idiographische Theorien. 200 Ansatzes verarbeitet werden) wird deutlich auf den theoretischen Kern zurückge- griffen. Das Verhältnis theoretischer Kern – praktischer Teil ist jedoch kein ge- genseitiges Abhängigkeitsverhältnis: 1. Vertreter des theoretischen Kerns machen zum einen geltend, dass auch Gestaltungsempfehlungen möglich sind, ohne die Existenz eines prakti- schen Teils: Hat man eine spezifischen, invarianten, gesetzesmäßigen Zu- sammenhang zwischen F&E und Unternehmensdiversifikation gefunden, etwa derart „Je diversifizierter ein Unternehmen ist, desto mehr Geld fließt in F&E“, kann diese Aussage problemlos in eine Gestaltungsempfehlung bzw. technische Regel „transformiert“ werden „Je höher der Diversifikati- onsgrad, desto mehr F&E-Investitionen!“ frei nach dem Bacon’schen Mot- to „[W]as bei der Betrachtung als Ursache gilt, das gilt bei der Ausführung als Regel“535. 2. Zum anderen machen Vertreter einer Betriebswirtschaftslehre als Manage- ment- und Führungslehre deutlich, dass die Überführung von Gesetzen – geschweige denn, dass überhaupt Gesetze536 im sozialen Bereich gefunden werden können – kaum einen derartig geradlinigen Prozess darstellt, wie es die Vertreter des theoretischen Kerns gerne glauben machen: Für die Ent- wicklung der Delphi-Methode mögen sicherlich verhaltenswissenschaftli- che Erkenntnisse der Gruppenpsychologie von Bedeutung gewesen sein.537 Keineswegs ist es jedoch so, dass die Delphi-Methode eine geradlinige Transformation dieser Erkenntnisse darstellt. Vielmehr handelt es sich hier um eine nicht-triviale Umformung und Neukombination von Wissensbe- ständen, deren Reorganisation und kreativen Ergänzung: „Die theoretische Grundlagenforschung besitzt für die Entwicklung derartiger Methoden le- 535 Bacon [Novum Organum], Erstes Buch, Art. 3. 536 Vgl. hierzu noch einmal die Diskussion in Abschnitt 3.1. 537 Vgl. Kirsch [Betriebswirtschaftslehre], S. 190. 201 diglich eine heuristische Funktion.“538 Die heutige Betriebswirtschaftslehre, die primär eine Gestaltungslehre ist, funktioniert deshalb zu weiten Teilen völlig losgelöst vom theoretischen Kern – sofern dieser theoretische Kern an der Suche nach sozialen und betrieblichen Gesetzmäßigkeiten interes- siert ist.539 Der praktische Teil ist nicht „Appendix des theoretischen Teils“ (Werner Kirsch), war es nie und wird es auch nie sein. Kurz: Eine Technikwissenschaft stellt sich insgesamt als „merger and mixture“ (Mario A. Bunge) verschiedener Wissenschaften und (Teil-)Disziplinen dar, welche Grundlagenforschung und Anwendungsforschung – in ihrem Wunsch, Welt zu gestalten – auf vielfältige Art und Weise miteinander verschränken, kombinieren, ausdifferenzieren, anwenden – ein Sachverhalt aber auch, der Technikwissenschaf- ten von klassischen Wissenschaften deutlich abhebt.540 Doch worin liegen nun die eigentlichen Charakteristika technischen und technik- wissenschaftlichen Wissens? Hierzu ist es zunächst notwendig, sich den Unter- schied zwischen einem Kunstkonzept von Technik und einem Wissenschaftskonzept von Technik vor Augen zu führen.541 Beim Kunstkonzept der Techniklehre überwiegt der Anteil impliziten Wissens und praktischen Könnens, das vorwiegend durch Einfühlung, Verinnerlichung und Erfahrung (im direkten Lehrer-Schüler- Verhältnis und im praktischen Tätigsein) gewonnen wurde. Das neuzeitliche Wis- senschaftskonzept der Techniklehre bemüht sich dagegen, möglichst viel des impliziten Wissens zu explizieren bzw. das bisher nur sprachlich tradierte explizite Wissen in Lehrbücher festzuhalten, zu systematisieren, zu analysieren und genau Beschrei- bungen von Situationen und Abläufen sowie den damit verbundenen Grundprin- zipien zu geben, um die genaue Einsicht in das „Weshalb?“ und „Warum?“ zu ermöglichen. Das technische Wissen erfährt damit eine (Ver-)Objektivierung qua 538 Kirsch [Betriebswirtschaftslehre], S. 178. 539 Darauf, dass die Betriebswirtschaftslehre größtenteils anders vorgeht als nach be- triebswirtschaftlichen Gesetzen zu suchen, hat bereits 1975 Werner Kirsch hingewiesen (vgl. Kirsch [Betriebswirtschaftslehre], S. 219). 540 Vgl. Bunge [Treatise 6], S. 219ff. 541 Vgl. Irrgang [Technikwissenschaften]. 202 Verschriftlichung und Verbildlichung.542 In den Realtechnikwissenschaften trat Berechenbarkeit an die Stelle von Intuition, Erfahrung und heuristischem Ab- schätzen. In den Sozialtechnikwissenschaften ging es v.a. um die exakte Erfassung interessierender, sozialer und betrieblicher Sachverhalte mittels der klassischen Verfahren der empirischen Sozialforschung. Das für die technische Praxis typische abduktive Schließen wurde zunehmend durch Theoretisierung, deduktives Schlie- ßen und empirisch abgesichertes, induktives Schließen verdrängt.543 Jede Technik- lehre hat im Zuge ihrer Verwissenschaftlichung eine Fachsprache und einen diffe- renzierten terminologischen Rahmen geschaffen bzw. unterschiedliche, anerkann- te, wissenschaftliche Methoden adaptiert und integriert – wobei in Kapitel 3 je- doch auch deutlich wurde, dass diese Adaption immer das eigentliche Ziel der Technikwissenschaften, der Praxis eine Hilfestellung in der Lösung ihrer Probleme zu sein, nie aus den Augen verloren hat. Typischerweise nimmt die Deskription vorhandener Techniken in ihrer Art und Weise des Einsatzes, in ihrem Verbrei- tungsgrad, in ihrer Verwendungsweise und der daran anschließenden Systematisie- rung in den Technikwissenschaften einen hohen Stellenwert ein. Ziel derartiger Analysen ist es ebenfalls, eine Erklärung zu geben, einen Einblick in das „Wes- halb?“ und „Warum?“ zu ermöglichen. Diese Art der Erklärung unterscheidet sich jedoch von den typischen Erklärungsarten der klassischen Wissenschaftstheorie in 542 Zum Begriff der Verobjektivierung vgl. noch einmal Kapitel 2.1.1. 543 Das Scheitern der Praxis kann oft anhand abduktiver Schlüsse rekonstruiert werden. Aufgabe der Technikwissenschaft ist es, diese für eine Wissenschaft im Begründungskon- text unzulässige Schlussweise zu erkennen und als solche zu thematisieren. Ein typischer abduktiver Schluss der technischen Praxis wäre etwa: A leitet Strom und da alle Metalle Strom leiten, ist A ein Metall (vgl. Kornwachs [Methoden], S. 249). Dieser Schluss scheint zwar plausibel, ist aber natürlich falsch: Es gibt auch leitende Stoffe, die kein Metall sind. Mag sein, dass die technische Praxis mit der obigen Annahme eine zeitlang sehr erfolg- reich technisch Gestalten konnte. An dem Punkt, an dem nun Erfahrungen des Schei- terns auftreten und die Technikwissenschaften zu Rate gezogen werden, ist es nun Auf- gabe der Technikwissenschaften, diese unzulässigen abduktiven Schlüsse kenntlich zu machen und das Scheitern daran zu erklären. Zur Rolle der Abduktionen in Alltag, Wis- senschaft, Technik vgl. Hubig [Abduktion]; Hubig [Expertendilemma]; Hubig [Wissens- bildung]; Hubig [Kunst d. Mögl. 1], insbesondere S. 193ff. V.a. in Hubig [Kunst d. Mögl. 1], S. 113ff. weist Christoph Hubig darauf hin, dass die Identifikation von etwas als (pro- bates) Mittel immer einen abduktiven Schluss darstellt. 203 Form der Kausal- oder Intentionalerklärung und verweist auf einen ganz anderen forschungspragmatischen Kontext: Die Erklärung des „Warum?“ zielt v.a. darauf ab, die Zwecksetzungen, Eigenarten und Funktionsweisen eines spezifischen Ver- fahrens zu erläutern, wie man es „bedient“ und unter welchen Umfeldbedingun- gen der Einsatz erfolgsversprechend erscheint bzw. adäquat ist. Für das Verständ- nis des internen Aufbaus technischer Artefakte, der Interaktion unterschiedlicher, technischer Komponenten und Subsysteme spielen in den Technikwissenschaften insbesondere Funktionalerklärungen eine bedeutende Rolle. Der eigentliche Schwerpunkt der Technikwissenschaften ist jedoch – neben der sehr umfassenden Deskription, in deren Rahmen vor allem die sprachliche Ord- nung des Gegenstandsbereichs eine herausragende Rolle spielt – in der Gestaltung, der Verbesserung und dem Entwurf von Verfahrensweisen und Prinziplösungen zu sehen. Auch die Verbesserung und der Entwurf erfolgen nicht irgendwie, son- dern rational: Ausgangsproblemlage und Erfordernisse werden konkret dargestellt und expliziert, die einzelnen Konstruktionsschritte klar kenntlich gemacht und begründet. Nur so erweist sich der Entwurf in seiner Gesamtheit als diskursfähig, ist hinsichtlich seiner Erfolgträchtigkeit intersubjektiv diskutierbar. Doch auch die Technikwissenschaften bedürfen der begründeten, erfahrungswissenschaftlichen Forschung, indem vorgeschlagene Verfahrenweisen bzw. Prinziplösungen in ei- nem Test auf deren Geeignetheit (Effektivität/Effizienz) untersucht werden: „Ver- fahrensregeln, die Mittel für einen Zweck angeben, sind begründet, wenn sie aus solcher Art Forschung erwachsen.“544 An die Stelle der Rede von Naturgesetzen tritt in den Technikwissenschaften die Rede von der technischen Regel – in der Be- triebswirtschaftslehre etwa in Form unterschiedlicher, langfristiger Finanzierungs- regeln (goldene Finanzregel, goldene Bilanzregel und Anlagendeckung durch Ei- genkapital) oder probater Mittel-Zweck-Relationen („Modernes Management ist mitarbeiterorientiert!“) – wobei sich diese Rede über technische Regeln, Verfah- rensweisen und Prinziplösungen als eine Theorie des technischen Wissens in Form eines vollständig begründeten und begründbaren, zusammenhängenden System 544 Poser [Technikwissenschaften], S. 187. 204 des Know-How deuten lässt, das ohne den Begriff des Naturgesetzes aus- kommt.545 Technikwissenschaften erarbeiten deshalb für die Praxis primär techni- sches Wissen als ein Verfügungswissen von Mitteln bzw. über Mittel, das durch eine Viel- zahl unterschiedlicher, weiterführender Analysen, Untersuchungen, theoretischen Betrachtungen, innerwissenschaftlichen Diskussionen und Kontroversen etc., die zusammengenommen als technikwissenschaftliches Wissen bezeichnet werden können, angereichert wurde. 5.2.2 Inhaltlicher und methodischer Pluralismus In Kapitel 2 wurde die These aufgestellt, dass „die“ Wissenschaft kein Singular ist, sondern ein Plural: Sowohl die Wissenschaftslandschaft als Ganzes als auch die spezifischen Einzeldisziplinen werden in ihrer Heterogenität aus methodologischer Perspektive durch ein Konzept der Familienähnlichkeit zusammengehalten. Diese These konnte exemplarisch am Beispiel der Betriebswirtschaftslehre aufgezeigt werden: Methodische Verknüpfungs- und Anknüpfungspunkte – inter- wie intra- disziplinär – wurden sichtbar, das komplexe Netz der inhaltlichen und methodi- schen Verflochtenheit aufgezeigt. Deutlich wurde dabei, dass die Betriebswirt- schaftslehre – wie die Sozialwissenschaften generell – von einem wissenschafts- theoretischen Grundkonflikt geprägt ist: Dies ist der Kampf der „zwei Kulturen“ (Charles P. Snow), die Konkurrenz erklärender Ansätze auf der einen Seite, ver- stehender Ansätze auf der anderen Seite.546 Aus erkenntnistheoretischer Perspektive be- steht die Konkurrenz zwischen den Ansätzen weiterhin. Aus forschungspragmatischer Perspektive ist sie jedoch „Snow von gestern“ (Odo Marquard): Beide Ansätze er- gänzen sich in ihrer Perspektive und erfüllen je nach Untersuchungszweck unter- schiedliche Aufgaben. Erklärende Ansätze dienen der Aufdeckung von Invarian- zen, die es zu nutzen oder aber als Bewusstmachung passiven Quasi-Verhaltens wieder in ein aktives Handeln zu überführen gilt. Verstehende Ansätze hingegen wollen aufzeigen, welche unterschiedlichen Handlungsmöglichkeiten in ein und 545 Vgl. Grunwald [Begründung], S. 75. 546 Vgl. Snow [Cultures]. 205 derselben Situation bestehen, um somit Anstöße für neue Theorieentwicklungen und Gestaltungsalternativen geben zu können. Dies ist der methodische Pluralismus in der Betriebswirtschaftslehre, der vom (technikwissenschaftlichen) Grundlagen- streit um die Art und Weise, wie „Praxisbezug“ herzustellen ist, zusätzlich überla- gert wird. Ein verstehender Ansatz ist jedoch nicht mit Praxisbezug gleichzuset- zen, ein erklärender Ansatz nicht nur mit Theorie. In der verstehenden Diagnose betrieblicher und gesellschaftlicher Wirklichkeit als verlängerter Arm der Historie kann ein verstehender Ansatz „theoretisch“ sein. In der tautologischen Theorie- transformation gesetzesartiger Aussagen kann ein erklärender Ansatz „praktisch“ sein. Im Action-Research ist hingegen ein verstehender Ansatz „praktisch“, ein erklärender Ansatz im Rahmen hypothesentestender Untersuchungen und der damit verbundenen Suche nach Invarianzen („Gesetzen“) „theoretisch“. Nicht ganz trennscharf vom methodischen Pluralismus ist der inhaltliche Pluralismus zu sehen, der zwar ebenfalls einen methodischen Pluralismus nach sich ziehen kann – aber nicht muss: Die theoretische und praktische Stützung der Praxis bringt aufgrund der Vielfalt der zu bearbeitenden Problemstellungen unweigerlich eine Vielzahl unterschiedlicher inhaltlicher Schwerpunktsetzungen mit sich. Übli- cherweise wird in der Betriebswirtschaftslehre zwischen funktionalen, genetischen, institutionellen und problemorientierten Schwerpunksetzungen unterschieden:547 1. Die funktionale Schwerpunktsetzung beruht auf der Einteilung des Betriebes in unterschiedliche betriebliche Funktionen (Beschaffung, Produktion, Ab- satz, Controlling, Planung etc.). 2. Die genetische Schwerpunktsetzung geht vom Lebenslauf des Unternehmens und den damit verbundenen Aufgaben- und Problemstellungen aus: Grün- dungs- oder Entstehungsphase, Umsatzphase, Liquidations- und Auflö- sungsphase. 3. Die institutionelle Schwerpunktsetzung hat die Zugehörigkeit zu einer bestimm- ten Art von Organisation zum Abgrenzungskriterium. Üblich sind hier Sys- 547 Vgl. Thommen [Betriebswirtschaftslehre], S. 445. 206 tematisierungen nach wirtschaftsbereich- und sektorspezifischen Beson- derheiten (sog. „spezielle Betriebswirtschaftslehren“ wie Industriebetriebs- lehre, Handelsbetriebslehre, Verkehrsbetriebslehre, Bankbetriebslehre u.a.). In neuerer Zeit sind jedoch auch Abgrenzungen zwischen Profit- und Non-Profit-Organisationen üblich bzw. zwischen Unternehmen in Wachs- tumsbranchen und Unternehmen in etablierten Branchen. 4. Die problemorientierte Schwerpunktsetzung setzt unterschiedliche, inhaltliche Fokusse je nach aktueller Relevanz eines Themas: ökologisch verpflichtete Betriebswirtschaftslehre, arbeitsorientierte Einzelwirtschaftslehre, Unter- nehmensethik, Mergers & Aquisitions, Internationalisierung, Change- Management etc. Abgesehen von den spezifischen, methodologischen Problemen der Sozialwissen- schaften, ist ein starker inhaltlicher Pluralismus und eine thematische Heterogeni- tät wohl kennzeichnend für alle Technikwissenschaften – seien es nun die Real-, Sozial- oder Individualtechnikwissenschaften.548 Die Pluralität unterschiedlicher Betrachtungsweisen wird als „Erkenntnisprinzip“ in der Betriebswirtschaftslehre sogar explizit eingefordert: „Wer ein Objekt ‚verbessern’ will, braucht empirisch bewährtes Wissen über dieses Objekt. Dabei darf es a priori kein durch ein irgendwie geartetes Erkenntnisobjekt vorgegebenes ‚Auswahlprinzip’ geben, das nur einen Teil oder einen spezifischen Aspekt dieses Objektes als relevant erscheinen lässt oder gar Wissen über dieses Objekt aus anderen wissenschaft- lichen Disziplinen als a priori irrelevant ausschießt.“549 Eine Vielzahl unterschiedlicher Perspektiven wird zur Grundvoraussetzung bzw. Be- dingung der Möglichkeit vernünftigen Gestaltens erhoben, ein plurales Nebeneinander sich ergänzender aber auch widersprechender Einzelansätze und Sichtweisen zum Programm erklärt.550 Dem wirtschaftlichen Körper die Gesundheit zu erhalten 548 Vgl. König [Struktur], S. 39. 549 Kirsch [Betriebswirtschaftslehre], S. 31. 550 Vgl. hierzu exemplarisch Kirsch [Betriebswirtschaftslehre], S. 279ff., in einem für Technikwissenschaften sehr problematischen Rückgriff auf die Popper’sche Erkenntnis- theorie auch Schanz [Wissenschaftsprogramme], S. 94ff. Dieser Rückgriff auf Popper ist 207 (Eugen Schmalenbach), unterscheidet sich daher nicht wesentlich von der Ge- sunderhaltung des menschlichen Körpers (Ludwik Fleck): „Die Inkompatibilität verwandter Denkstile in einem und dem selben Individuum hat nichts mit der Abgrenzung der Probleme, auf die sich sein Denken bezieht, zu tun: man gebraucht auch für ein und dasselbe Problem viel öfter ganz verschiedene als sehr ver- wandte Denkstile. Es kommt häufiger vor, daß ein Arzt Studien über eine Krankheit gleichzeitig aus klinisch-ärztlichem (oder bakteriologischem) und aus kulturhistorischem Standpunkt betreibt, als aus klinisch-ärztlichem (oder bakteriologischem) und aus echt chemischem Standpunkt.“551 Die Eigenarten einer Betriebswirtschaftslehre als Gestaltungslehre im Sinne einer Management- und Führungslehre charakterisiert Werner Kirsch deshalb wie folgt: „Mit der Postulierung einer Führungslehre maßen wir uns nicht an, die Paradigmen [ande- rer; Anmerkung des Verf.] Forschungstraditionen durch ein irgendwie geartetes neues, alles umfassendes Paradigma zu ersetzen. Die für eine Führungslehre nach unserer Ansicht grundlegende theoretische Analyse der Führung als relevanter Praxis liefert lediglich die Erkenntnisperspektive, von der her die Relevanz einer großen Zahl eigenständiger theore- tischer und technologischer Forschungsbemühungen von Nachbardisziplinen beurteilt wird. Damit ist selbstverständlich auch eine Kritik der Paradigmen dieser Nachbardiszipli- nen verbunden, nicht jedoch die Erarbeitung von ‚Alternativen’ hierzu. Dies bleibt der Entwicklung dieser Forschungstraditionen überlassen.“552 problematisch, insofern eine derartige Erkenntnistheorie einem völlig anderen For- schungskontext entnommen wurde. Der Versuch des Konzepttransfers erweist sich für weite Bereiche der Technikwissenschaften daher als größtenteils undurchführbar (wes- halb einem klugheitsethisch argumentierenden Ansatz in Form eines sog. Dissensmana- gements – siehe dazu später – hier der Vorzug einzuräumen wäre). 551 Fleck [Tatsache], S. 145. 552 Kirsch [Betriebswirtschaftslehre], S. 284. Kirsch veranschaulicht dieses Prinzip mit einem Scheinwerferstrahl, der problem- orientiert die anderen Nachbardisziplinen anstrahlt (Abbildung 20). Die Manage- ment- und Führungslehre ist damit multidisziplinär, d.i. eine Disziplin mit einem die etablierten Fächer „traversal durchdringenden Ordnungsprinzip“ (Knut Blei- cher), eine Disziplin von „fachlicher Mehrdimensionalität“ (Hans Ulrich).553 Ähn- lich dem Tischler, der nicht nur über handwerkliches Können verfügen muss, son- dern auch Wissen bezüglich Statik, Materialeigenschaften, späterer Verwendungs- weisen bzw. funktionaler und ästhetischer Erfordernisse, so ist dem Praktiker im Betrieb beim konkreten technischen Prozessieren, Agieren, Entwerfen, Gestalten – wie dem wissenschaftlich arbeitenden Betriebswirt beim Geben basaler Prinzip- lösungen – am besten gedient, wenn eine Pluralität von Betrachtungsweisen und Perspektiven vorhanden ist. Statt also Konsens und Einheitlichkeit in der Betriebs- wirtschaftslehre hinsichtlich inhaltlicher Ausrichtung als auch methodischer Vor- gehensweise zu erzielen bzw. zu erzwingen, ist es deshalb eher angebracht, gezielt Dis- sense zu managen, um sich möglichst viele unterschiedliche Suchräume zu erhal- Nachbardisziplinen Probleme Vo lk sw irt sc ha fts le hr e R ec ht sw is se ns ch af t P sy ch ol og ie O pe ra tio ns R es ea rc h / M at he m at ik In fo rm at ik us w . Lehre von der Führung Abbildung 20: Betriebswirtschaftslehre und Nachbardisziplinen (geringfügig modifiziert nach Kirsch [Konzeption], S. 143) 208 553 Vgl. Bleicher [Betriebswirtschaftslehre], S. 97. 209 ten.554 Inkommensurable, konkurrierende, mit einander unverträgliche Theorien haben gerade für praktische Beratungsprozesse eine wichtige heuristische Funkti- on, indem sie gewisse Problemlagen als Problemlagen unterschiedlich auszeichnen und als so und so geartet deuten. Vor dem Hintergrund eines instrumentalisti- schen Theorieverständnisses sind Theorien, System-Dynamics-Modellierungen, Idealmodelle gewisser Marktstrukturen etc. lediglich Redeinstrumente bzw. Bezugs- rahmen (Frameworks), die den praktischen Beratungsprozess bereichern, leiten und anleiten sollen. Die vermeintliche Theorie- und Standpunktlosigkeit einer multidisziplinären Be- triebswirtschaftslehre beim Entwurf von Prinziplösungen, die anscheinend „nur“ in der problemorientierten Kombination unterschiedlicher Wissensarten besteht, wurde von fachfremden Vertretern als auch Vertretern einer eher theoretischen Betriebswirtschaftslehre immer wieder stark kritisiert und als Eklektizismus und Fehlentwicklung abgelehnt. So warf der Volkswirt Moritz R. Weyermann im ers- ten Methodenstreit dem Fach in polemisch-verkürzender Weise vor, nur „planlos aneinandergereihte Bestandteile verschiedener Wissenschaften“ hervorzubringen und somit den Boden der Wissenschaftlichkeit zu verlassen – ein harscher Vor- wurf, der dazu führte, dass das Fach sich in der Folgezeit auch stark auf das Ver- wissenschaftlichen verlegt hatte.555 Doch auch dieses Beispiel zeigt wieder: In dem Versuch, sich von der technischen Praxis und dem damit oft verbundenen Problemlösungs-Eklektizismus zu unterscheiden, haben sich die Technikwissen- schaften verwissenschaftlicht, in ihrer Sorge von der Wissenschaft vereinnahmt zu werden und somit jegliche Praxisrelevanz zu verlieren, haben sie sich technisiert. Die Technikwissenschaften stehen eben zwischen Technik und Wissenschaft. 554 Zum sog. Dissensmanagement vgl. ausführlich Hubig [Kunst d. Mögl. 2], S. 119ff.; Hubig [Dissensmanagement]; Hubig [Dissensethik]; Hubig [Rechtfertigung]. 555 Vgl. Weyermann/Schönitz [Privatwirtschaftslehre], S. 43. 210 5.2.3 Stützung außerwissenschaftlicher Praxen, Finalisierung und das Problem der Wissenschaftlichkeit verwissenschaftlichter Technikleh- ren In Kapitel 2 wurden als wesentliche Elemente der Idee von Wissenschaft heraus- gearbeitet, dass a) Autonomie und Freiheit in der Wahl der Forschungsthemen einer Disziplin gegeben sein muss und dass b) Wissenschaft mit ihren Ergebnissen und Erträgen nicht in erster Linie Zulieferer einseitiger, wissenschaftsexterner Zwecksetzungen sein sollte. Die Idee der Autonomie in der Wahl von Forschungsthemen bzw. die Idee der Freiheit von externer Instrumentalisierung ist jedoch bei den Technikwissen- schaften mit einigen Problemen behaftet, denn als anwendungsbezogene Disziplinen stellen sich die Technikwissenschaften deutlich stärker in den Dienst der Praxis als die klassischen Wissenschaften: 1. Je anwendungsnäher die Teile einer Technikwissenschaft sind, desto stärker verstehen sie sich als direkte theoretische und praktische Stütze der techni- schen Praxis, indem aktuelle Problemlagen aufgegriffen und entsprechend bearbeitet werden. Die Generierung von Forschungsthemen ist stark wis- senschaftsextern determiniert und erfolgt weniger nach wissenschaftsinter- nen Kriterien (Beeinträchtigung des Autonomieideals). 2. Als theoretische und praktische Stütze der technischen Praxis möchten die Technikwissenschaften mit ihren Arbeiten auch Beiträge zur Verbesserung eben dieser Praxis leisten. Die Forschungsergebnisse dienen damit in erster Linie externen Zwecksetzungen und Interessen, wie sie in Werner Kirschs Bezeichnung der Betriebswirtschaftslehre als „Lehre von der Führung für die Führung“ deutlich zum Ausdruck kommt (Beeinträchtigung des Ideals der Nicht-Instrumentalisierung). Je anwendungsbezogener die Teile einer Technikwissenschaft sind, desto stärker Treten an die Stelle innerwissen- schaftlicher Kriterien bzw. des „harten Prüfsteins der Natur“ außerwissen- schaftliche Instanzen und Personengruppen, die die Güte der Ergebnisse prüfen und beurteilen, Forschungen als gelungen oder misslungen apostro- phieren. 211 Der selbst vorgetragene Anspruch auf Praxisbezug der Technikwissenschaften ist dabei jedoch von tatsächlicher Praxisrelevanz zu unterscheiden, denn wahre Praxisrelevanz entsteht im Auge des außerakademischen Publikums.556 Es ist ein unausgespro- chenes Geheimnis, dass die Praxisrelevanz der Betriebswirtschaftslehre von den „Kunden“ – der Wirtschaft bzw. der Gesellschaft – als Abnehmer der Absolven- ten und Verwender der Forschungserkenntnisse eher negativ beurteilt wird: Zu- lange Ausbildungszeiten mit praxisirrelevanten Themen, hohe Anzahl von Profes- soren, die eine rein akademische, wissenschaftliche Laufbahn hinter sich haben, unbrauchbare bzw. unverwertbare Forschungsresultate, einseitige ökonomische Orientierung und Spezialisierung der Abgänger etc.557 Von der einen Seite der Fachvertreter in der Betriebswirtschaftslehre wird diese Lamento schuldbewusst aufgenommen und Besserung gelobt.558 Von einer anderen Seite wird die Praxis- ferne begrüßt, weil nur so die Betriebswirtschaftslehre als kritisches Korrektiv ihre Eigenständigkeit bewahren und Forschungsziele nach internen Kriterien formulie- ren kann. Die Praxisrelevanz mancher Forschungsergebnisse – so die Argumenta- tion – ist eben nicht unmittelbar ersichtlich, dennoch können sie praxisrelevant sein (oder auch nicht).559 Jenseits von „best practices“, Einzelfall-Studien und Ma- nagement-Moden können damit Reflexionen und Möglichkeitsräume zur Verfü- gung gestellt werden, die neue Optionen die Handelns allererst eröffnen.560 Die Betriebswirtschaftslehre ist eine „Ökologie des Wissens“ (Werner Kirsch) bei der unklar ist, welche Bestandteil von der Praxis tatsächlich genutzt werden: In schwierigen Zeiten ist es nicht ausgeschlossen, dass die vordergründig anwen- 556 Vgl. Kleppel [Praxisrelevanz], S. 581; Grand [Praxisbezug], S. 603. 557 Vgl. hierzu ausführlich den DBW-Dialog „Praxisrelevante Forschung in der Betriebs- wirtschaftslehre“ in: Die Betriebswirtschaft, Jg. 63, 2003, Heft 5, S. 581-604. 558 Vgl. exemplarisch Albach/Brockhoff (Hg.) [Betriebswirtschaftslehre]. 559 Vgl. Wolff [Forschung], S. 589. 560 Vgl. Osterloh/Frost [Wissensproduktion], S. 596. 212 dungsnahen Forschungsresultate am Ende doch gar nicht so anwendungsnah sind.561 D.h. insgesamt: Hinsichtlich des Praxisbezugs der Betriebswirtschaftslehre (und damit hinsichtlich der Autonomie in der Wahl der Forschungsthemen) ist zu un- terscheiden zwischen a) extern an die Betriebswirtschaftslehre herangetragenen Problemlagen bzw. Forschungsthemen, b) extern an die Betriebswirtschaftslehre herangetragenen und auch zur Bearbeitung angenommenen Problemlagen, c) von den Forschern „aus der Ferne“ wahrgenommenen Problemlagen, d) von den For- schern „bloß vermuteten“ Problemlagen und e) dem vollständigen Ignorieren au- ßerwissenschaftlicher Problemlagen. Vom diesem (potentiellen) Praxisbezug ist ferner tatsächliche Praxisrelevanz zu unterscheiden: Praxisrelevanz (und damit die Möglichkeit, wissenschaftsextern instrumentalisiert zu werden) entsteht allein im Auge des außerakademischen Publikums. Es allein entscheidet, ob gewisse For- schungserträge nützlich und hilfreich sind oder nicht. Auch dies zeigt wieder: Das Spannungsverhältnis zwischen Theorieorientierung auf der einen Seite, Praxisorientierung und Gestaltung auf der anderen Seite, bil- den die beiden Endpole einer Skala, auf denen sich die Technikwissenschaften und ihre unterschiedlichen Denkschulen immer wieder positionieren müssen. Die Technikwissenschaften stehen zwischen technischer Praxis und Wissenschaft: Nicht nur wollen sie sich immer wieder von der Technik und der alltäglichen, technischen Praxis ablösen, sondern ihrerseits immer wieder in Wissenschaft auf- gehen. In ihrem Versuch, sich von der Technik zu unterscheiden, verwissenschaft- lichen sich die Technikwissenschaften, in ihrer Sorge von der Wissenschaft ver- einnahmt zu werden und Praxisrelevanz zu verlieren, technisieren sie sich. 561 Vgl. Kirsch/zu Knyphausen-Aufseß [Unternehmensführung], S. 107; Kirsch et al. [Forschung], S. 79ff. 5.2.4 Soziale und kognitive Strukturen verwissenschaftlichter Technik- lehren Eine spezifische Disziplin kann sowohl aus kognitiver Perspektive als Wissenssys- tem sowie aus soziologischer Perspektive als Wissenschaftlergemeinschaft ver- standen werden (Abbildung 21):562 In der vorliegenden Arbeit wurde die Be- triebswirtschaftslehre bisher nur aus kognitiver Perspektive als Wissenssystem be- trachtet, charakterisiert und diskutiert. In inhaltlicher Hinsicht wurden verschiedene Wissensarten der Betriebswirtschaftslehre differenziert, wobei zwischen funktionalen, institutionellen, genetischen und problemorientierten Sichtweisen unterschieden wurde. In wissenschaftstheoretischer Hinsicht wurden jedoch auch unterschiedliche Wis- sensformen (der unterschiedlichen Wissensarten) kenntlich gemacht. Dies sind zum einen die unterschiedlichen Wissensformen in den Bereichen des Beschreibens, Erklärens, Gestaltens. Dies sind zum anderen aber auch die Wissenstypen des technischen Wissens (im Sinne eines Verfügenswissens über Mittel, Verfahrensweisen, Prinziplösungen) auf der einen Seite und des technikwissenschaftlichen Wissens (im Sinne des über das enge, technische Zweck-Mittel-Wissen hinausgehende Wissen) auf der andere Sei- te. Ferner ist entsprechend der Doppelaufgabe von Wissenschaft, Lehre und For- Abbildung 21: Kognitive und soziale Strukturen der Technikwissenschaften (König [Struktur], S. 38) 562 Vgl. König [Struktur], S. 37ff. 213 schung zu betreiben, zwischen einem Ausbildungswissen und einem Forschungswissen zu unterscheiden.563 Dieses Wissenssystem (Abbildung 22) existiert aber nicht in einem luftleeren Raum (wie es die vorwiegend analytische Wissenschaftstheorie Glauben zu ma- chen versucht), sondern wird von gewissen sozialen, institutionellen Strukturen hervorgebracht, getragen und weiterentwickelt. Stellt man also die Frage danach, wie obiges Wissens erzeugt wird bzw. wer obiges Wissen erzeugt, kommt unweiger- lich eine wissenschaftssoziologische Perspektive auf die sozialen Strukturen bzw. sozialen Verflechtungen der Technikwissenschaften zum Tragen. Zur Wissenschaftlergemein- schaft der Betriebswirtschaftslehre gehören daher alle, die ein Wissen, das Bestand- teil des Wissenssystems „Betriebswirtschaftslehre“ ist, erzeugen, hervorbringen, weiterentwickeln. Das sind also zunächst die Universitäten, Fachhochschulen und B es ch re ib en G es ta lte n E rk lä re n Fo rsc hu ng sw iss en Au sb ildu ng sw iss en Technisches Wissen Technikwissenschaftliches Wissen Funktionale Schwerpunktsetzung Genetische Schwerpunktsetzung Institutionelle Schwerpunktsetzung Problemorientierte Schwerpunktsetzung Wissensformen und Wissenstypen Wissensarten Abbildung 22: Kognitive Dimensionen der Betriebswirtschaftslehre 214 563 Vgl. König [Struktur], S. 37f. 215 Berufsakademien. Aber auch außerwissenschaftliche Forschungsinstitutionen spie- len hier eine dominante Rolle, sei es die technische Praxis selbst, die technisches Wissen problematisiert und weiterentwickelt oder aber auch außeruniversitäre For- schungseinrichtungen, wie etwa Unternehmensberatungen, private Forschungsin- stitute etc.564 So weist etwa Wolfgang König darauf hin, dass in den Fachzeit- schriften der Realtechnikwissenschaften Beiträge von Verfassern mit unterschied- lichen institutionellen Hintergründen publiziert werden.565 Dies mag in der deutschsprachigen Betriebswirtschaftslehre nicht so ausgeprägt sein, dass jedoch außeruniversitäre Institutionen auch hier eine Rolle spielen, ist nicht zu leugnen: Unternehmensberatungen fungieren in sehr anwendungsnahen Bereichen der Be- triebswirtschaftslehre vorwiegend als dominanter Wissensproduzent. Nicht nur verdrängen Berater die Wissenschaftler zunehmend aus der populären Manage- mentliteratur, viele von Unternehmensberatungen erarbeitete Konzepte sind eben- falls fester Bestandteil des heutigen Ausbildungswissens bzw. Bestandteil des uni- versitären Forschungswissens.566 Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass – angesichts der Konkurrenzsituation – gerade Vertreter sehr anwendungsnaher Bereiche der Betriebswirtschaftslehre fordern, die Betriebswirtschaftslehre habe mehr sog. Action-Research zu betreiben.567 Gerade im Action-Research vereint jedoch der Forscher unterschiedliche Rollen in sich, wobei es völlig unklar ist, ob er nun als Wissenschaftler, Unternehmensberater oder Change-Agent tätig ist. Die Grenzen des eigentlichen, technischen Handelns und des technikwissenschaftli- chen Nachdenkens und Redens über dieses Handeln verschwimmen zusehends – ja es wird zunehmend unklar, wo der Unterschied zwischen einem Wissenschaftler 564 Auf diesen Sachverhalt weisen auch Horst Steinmann und Andreas G. Scherer hin, ohne aber weiter darauf einzugehen bzw. zu untersuchen, welche Konsequenzen sich hieraus ergeben könnten (vgl. Steinmann/Scherer [Kulturalismus], S. 160). In eine ähnli- che Richtung weisen auch die Gedanken von Werner Kirsch (vgl. Kirsch [Führung]), wenn er etwa die technische Praxis, Wissenschaftler und Unternehmensberater zum in- tegralen Bestandteil einer erweiterten Theorie der strategischen Führung macht. 565 Vgl. König [Struktur], S. 38. 566 Vgl. Kieser/Nicolai [Praxis], S. 590. 567 Vgl. hierzu exemplarisch Kirsch et al. [Forschung], S. 224ff.; Kirsch [Betriebswirt- schaftslehre], S. 310ff. 216 und einem Unternehmensberater überhaupt liegt, wo Wissenschaft aufhört und Machenschaft anfängt.568 Insgesamt kann jedoch festgehalten werden: Es ist typisch für alle Technikwissen- schaften, dass unscharfe Grenzen zwischen technischer Praxis und Technikwis- senschaft bestehen, sind die Technikwissenschaften doch oft auf den Kontakt mit der Praxis und systematischen Erfahrungsrückflüssen aus der Praxis angewiesen.569 Auch findet ein (mehr oder weniger) reger personeller Austausch zwischen beiden Bereichen statt: Universitätsprofessoren werden oft – v.a. in den Realtechnikwis- senschaften – aus der Praxis berufen, Hochschulabgänger wechseln ihrerseits in die technische Praxis oder in außeruniversitäre Forschungseinrichtungen oder Un- ternehmensberatungen.570 Das Verschwimmen der Grenzen von Theorie und Pra- xis kommt schließlich auch darin zum Ausdruck, dass sich die Angehörigen unter- schiedlichster Institutionen allesamt als Betriebswirte bezeichnen, es mithin oft unklar ist, ob ein Betriebswirt nun als Wissenschaftler, als Unternehmensberater oder als Praktiker tätig ist.571 5.2.5 Grundprobleme eines Wissenschaftskonzepts von Technik Im Rahmen der vorliegenden Erörterungen wurde bereits an mehreren Stellen ein Kunstkonzept von Technik von einem Wissenschaftskonzept von Technik unter- schieden.572 Überwog beim Kunstkonzept der Technik noch der Anteil impliziten Wissens und Könnens, das vorwiegend durch Einfühlung, Verinnerlichung, Er- 568 Dies wird insbesondere in den Ausführungen von Werner Kirsch deutlich, wenn er von der Betriebswirtschaftslehre ein „Reasoning from Case to Case“ fordert (vgl. Kirsch et al. [Forschung], S. 235ff.). Der hier bemühte Vergleich mit dem US-amerikanischen Recht und einem Richter, der die Gesetzte beständig fortschreibt und weiterentwickelt ist insofern schief, als dass gar nicht mehr diskutiert wird, welche Rolle hierbei einem Rich- ter zukommt, welche Rolle dem Anwalt und dem Rechtswissenschaftler bzw. dem Ange- klagten und der Jury. 569 Vgl. König [Struktur], S. 38. 570 Vgl. König [Struktur], S. 38. 571 In Anlehnung an König [Struktur], S. 38. 572 Vgl. hierzu noch einmal Kapitel 5.2.1. 217 fahrung (im direkten Lehrer-Schüler-Verhältnis und im praktischen Tätigsein) ge- wonnen wurde, so ist das neuzeitliche Wissenschaftskonzept der Technik bemüht, Techniken umfassend in Lehrbücher zu explizieren, zu systematisieren, zu analy- sieren, zu lehren bzw. Verfahrenweisen und Prinzipienlösungen zu entwickeln, die nicht nur intuitiv gewonnen wurden, sondern abgesicherte Erkenntnis darstellen. In den Realtechnikwissenschaften war dies vorwiegend der Ersatz konstruktions- technischer Erfahrung und Intuition durch exakte Berechnung, in den Sozialtech- nikwissenschaften die Adaption der üblichen Standards empirischer Sozialfor- schung, um nicht nur vage Vermutung zu äußern, sondern abgesichertes Fakten- wissen hervorzubringen. Die Erörterung des Kunstkonzepts von Technik hat gezeigt, dass der ursprünglich sehr weite Technikbegriff bei der Betrachtung des Wissenschaftskonzepts von Technik zu differenzieren bzw. aufzubrechen ist. Aristoteles als typischer Vertreter eines Kunstkonzepts von Technik verstand unter Technik noch eine Verfassung (hexis), wobei diese Verfassung – nach Christoph Hubig – folgende Aspekte um- fasste bzw. in sich vereinte: a) einschlägige Fähigkeiten und Fertigkeiten (Kompe- tenzen), b) die in bestimmten Schemata eingesehene Weise des Herstellens und Veränderns von Dingen und Verfahren, c) die Einsicht/das Wissen um die Sche- mata selbst, d) das eigentliche technische Handeln im Sinne des konkreten Agieren und Prozessieren des Bewirkens.573 Wie die bisherigen Ausführungen in dieser Arbeit deutlich gemacht haben, ist es für das Verständnis der Technikwissenschaften (und damit dem Wissenschafts- konzept von Technik) jedoch wesentlich, zwischen technischer Praxis und dem damit verbundenen technischen Handeln auf der einen Seite, der Institution der Technikwissenschaften als Ort der Ausbildung zukünftiger Praktiker (Technikleh- re) als auch des Redens und Nachdenkens über das technische Handeln der Praxis (Technikforschung) auf der anderen Seite genau zu unterscheiden, die primären Zwecke der Praxis von den sekundären Zwecken der Technikwissenschaften fein 573 Vgl. Hubig [Kunst d. Mögl. 1], S. 27 bzw. die Erörterungen in Kapitel 2.2. 218 säuberlich zu trennen, mithin technische von technikwissenschaftlichen Proble- men genau zu differenzieren. Denn: Das Wissenschaftskonzept von Technik ist ja gerade dadurch gekennzeichnet, dass im Zuge einer Professionalisierung und Ar- beitsteilung die ursprüngliche Einheit von technischem Handeln, Nachden- ken/Reden über dieses technischen Handeln, Technikforschung, Techniklehre – wie sie noch im Kunstkonzept von Technik gegeben war – bewusst aufgebrochen und institutionell-organisatorisch ausdifferenziert wurde. Wie bereits in dem kur- zen wissenschaftshistorischen Exkurs zu den Technikwissenschaften gezeigt, war es in erster Linie die Industrielle Revolution, die die Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften rapide in die Höhe schnellen ließ und eine Professionalisierung der Ausbildung erforderlich machte. Dies führte zunächst zur Etablierung der Real- technikwissenschaften („Ingenieurwissenschaften“), später dann auch der Sozial- technikwissenschaft „Betriebswirtschaftslehre“. Es waren sowohl der Wunsch nach einer gediegeneren und umfassenderen Ausbildung junger Ingenieure und Kaufleute als auch der Wunsch nach mehr sozialem Prestige – etwa im Sinne der Möglichkeit zur Promotion –, die schließlich zur Etablierung der Ingenieurwissen- schaften und der Betriebswirtschaftslehre an den Hochschulen geführt haben. D.h.: Es war zunächst der Aspekt der Techniklehre – nicht unbedingt der der Technikforschung – der zu einer Zertrennung der ursprünglichen Einheit von technischer Praxis, Nachdenken/Reden über dieses technischen Praxis, Technik- forschung, Techniklehre – wie sie im Kunstkonzept von Technik gegeben war – geführt hat und eine Professionalisierung hinsichtlich der Ausbildung und Lehre einleitete. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass etwa der Betriebswirt- schaftslehre in den Gründungsjahren seitens anderer Disziplinen vorgeworfen wurde, nur Techniklehre, nicht aber Technikforschung zu betreiben.574 Dies ist heute jedoch nicht mehr zutreffend: Die Betriebswirtschaftslehre – wie die Tech- nikwissenschaften generell – beschäftigt sich nicht nur mit der Analyse, Systemati- sierung und Lehre von Techniken, sondern zugleich mit der Verbesserung vor- handener bzw. Entwicklung neuer technischer Verfahrenweisen und basaler Prin- 574 Vgl. Moxter [Betriebswirtschaftslehre], S. 30f. 219 ziplösungen. Und dennoch: Betrachtet man gerade dieses Forschungswissen ein- gehender, wird ein Spezifikum in der sozialen Struktur deutlich, wie so nur bei den Technikwissenschaften zu finden ist: Es sind nicht die Technikwissenschaften al- leine, die (rationale) Technikforschung im Sinne der Verbesserung, Weiterentwick- lung, Erfindung von Techniken betreiben, sondern auch außerakademische Insti- tutionen – sei es nun die technische Praxis selbst oder aber außerwissenschaftliche Forschungseinrichtungen. In der Betriebswirtschaftslehre ist es sogar so, dass zu- nehmend Berater Wissenschaftler aus der populären Managementliteratur ver- drängen, was einige Wissenschaftler – wie etwa Werner Kirsch dazu veranlasst – mehr Action-Research in der Betriebswirtschaftslehre einzufordern. Dies macht das Dilemma der Technikwissenschaften deutlich: Mit dem Aufbre- chen der ursprünglichen Einheit von technischem Handeln, dem Nachden- ken/Reden über dieses technische Handeln, Technikforschung, Techniklehre – wie sie einst im Kunstkonzept von Technik noch gegeben war – „entlebt“ sich die Technikwissenschaft zugleich von der technischen Praxis und dem damit verbun- denen Sein in praktisch-alltäglichen Lebenszusammenhängen, dem konkreten technischen Prozessieren, Agieren, Gestalten und den damit verbundenen Erfah- rungen des Scheiterns. Die Technikwissenschaften benötigen jedoch im Bereich der Technikforschung z.T. den engen Kontakt zur Praxis, um Problemlagen er- kennen und aufgreifen zu können, Lösungsvorschläge zu entwickeln und diese auch auf ihre Effektivität und Effizienz hin testen zu können. Die Technikwissen- schaften bedürfen daher in vielen Bereichen einer Methodologie, die bisher nur Domäne der Geisteswissenschaften war: die Hermeneutik, genauer: die Technik- hermeneutik, die aufgrund des Einfühlens und Verstehens praktischer Problemla- gen allererst probate Lösungen entwickeln kann.575 In dem Plädoyer für mehr Ac- tion-Research in der Betriebswirtschaftslehre kann deshalb der Wunsch gesehen werden, die durch die Professionalisierung vorgenommene Trennung „technische Praxis“ – „Nachdenken/Reden über diese technische Praxis“ für den Bereich der Technikforschung wieder rückgängig zu machen und zur ursprünglichen Einheit – 575 Vgl. Poser [Technikwissenschaften], S. 108ff. 220 wie sie im Kunstkonzept von Technik gegeben war – zurückzukehren. In diesem ursprünglichen Konzept einer Technikhermeneutik, Problemlagen vor Ort zu ver- stehen und zu lösen (als Praktiker) und dann allgemein-abstrakt als Prinziplösung hochzustilisieren (als Wissenschaftler) würde jedoch der Technikwissenschaftler in erster Linie seine Position als Wissenschaftler aufgeben, nicht nur Wissenschaft, sondern zugleich auch Machenschaft betreiben: Die strikte Trennung zwischen dem eigentlichen technischen Prozessieren und Agieren und dem schlichten Re- den/Nachdenken über dieses Prozessieren und Agieren – das ja konstitutiv für die Etablierung der Technikwissenschaften ist – verwischt zusehends. Die institutionelle Aufspaltung und organisatorische Ausdifferenzierung begründet deshalb das für alle Technikwissenschaften typische Spannungsverhältnis zwischen Theorie und Praxis: Die Technikwissenschaften haben sich nicht nur immer wie- der von der alltäglichen, technischen Praxis ablösen wollen, sondern wollten ihrer- seits immer wieder in Wissenschaft aufgehen. In ihrem Versuch, sich von der technischen Praxis zu unterscheiden haben sich die Technikwissenschaften ver- wissenschaftlicht, in ihrer Sorge von der Wissenschaft vereinnahmt zu werden, haben sie sich technisiert. Die Technikwissenschaften stehen eben zwischen tech- nischer Praxis und Wissenschaft. Es ist daher die immerwährende Aufgabe der Technikwissenschaften, sich fortwährend kritisch zu reflektieren und auf dem Kontinuum von „zuviel Praxis“ („Machenschaft“) auf der einen Seite, „zuviel Theorie“ („Wissenschaft“) auf der anderen Seite neu zu positionieren, um sich gegenüber der technischen Praxis und anderen konkurrierenden, außeruniversitä- ren Forschungseinrichtungen (wie etwa Unternehmensberatungen) abzugrenzen und somit ihren Status als Wissenschaften – nicht als Techniken – zu rechtfertigen.576 576 Eine fehlende Distanz zwischen Wissenschaft und Beratertum ist sicherlich dann vor- handen, wenn ein Wissenschaftler gewisse Hypes und Moden der Managementlehre ver- kauft und eine kritische Einordnung, Betrachtung, Diskussion des vermeintlich Neuen unterlässt (siehe hierzu exemplarisch die Diskussion des Konzepts der Balanced Score- card (vgl. Kaplan/Norton [Scorecard]) von Jürgen Weber und Utz Schäffer (vgl. We- ber/Schäffer [Scorecard])). 221 Doch nicht nur im Bereich der Forschung „entlebt“ und distanziert sich die Tech- nikwissenschaft von ihrem ursprünglichen Gegenstandsbereich, sondern auch im Bereich der Lehre. Dies äußert sich in dem von der Praxis oft beklagten „Verlust der Könnenskultur“ etwa im dem Sinne, dass die Informatik heute zunehmend Informatiker produziert, die kaum noch programmieren können oder aber die Betriebswirtschaftslehre Betriebwirte, die kaum noch über echte buchhalterische Fähigkeiten und Fertigkeiten verfügen.577 Das einstige alltägliche Erlernen, virtuo- se Beherrschen und kreative Fortentwickeln von Techniken – wie im Kunstkon- zept von Technik noch gegeben, als technische Praxis und Techniklehre noch eine untrennbare Einheit bildeten – wird im Wissenschaftskonzept allein durch Prakti- ka, Studienprojekte mit der Industrie, praxisorientierte Diplomarbeiten und Pro- motionen kompensiert. Die gediegenere, professionellere Ausbildung geht mit dem Verlust praktischer Kunstfertigkeit (im Sinne des gekonnten Beherrschen von Techniken als auch des talenthaften Könnens) bzw. dem Verlust praktischen Ur- teilsvermögens (im Sinne eines umfassenden Bewerten-Könnens einer Situation und eines situationsadäquaten Abwägen- und Entscheiden-Könnens) einher. Ma- nagement ist zwar in gewisser Hinsicht lehr- und lernbar, also eine Sache der rich- tigen Technik. Managen und Führen ist aber mehr als nur das stupide Befolgen von Regeln, bei deren Anwendung sich der Erfolg quasi automatisch einstellt (wie es das sog. „scientific management“ zu glauben machen versuchte) – ja im strate- gischen Bereich ist es sogar so, dass das Brechen vorhandener Regeln und das Er- finden von Neuem das ist, was besonders erfolgsversprechend erscheint (frei nach dem Werbe-Slogan der Boston Consulting Group „Erfinden sie mit uns die Ge- setze der Wirtschaft neu!“). Aber auch die Erörterung von Funktionalerklärungen hat gezeigt: Eine spezifische Funktion kann durch unterschiedliche – um nicht zu sagen: beliebig viele – organisatorische Lösungen umgesetzt werden. Deshalb blei- ben Konstruieren, Organisieren, Managen nach wie vor von Talent und Können getragene Künste, sie sind kein deduktives Handwerk, starrsinniges Befolgen vor- 577 Die Formulierung „Verlust der Könnenskultur“ ist Irrgang [Technikwissenschaften], S. 103 entnommen. 222 gegebener technischer Regeln und festgeschriebener Verfahrensweisen.578 Auch ist es gerade das Spezifikum des Könnens, dass es als implizites „Wissen“ kaum voll- ständig versprachlicht, bewusst gemacht oder expliziert werden kann – ein Tatsa- che, die die Extraktion verwertbarer technischer Regeln für die Techniklehre zu- sätzlich erschwert.579 5.3 Betriebswirtschaftslehre – Quis tu? Quo vadis? Nach all den bisherigen Ausführung ist es an der Zeit, ein kleines Zwischenresü- mee zu ziehen, indem wichtige Arbeitserträge noch einmal betont und kritisch betrachtet werden, um den Blick für neue Entwicklungsperspektiven als auch un- gelöste Problemlagen zu eröffnen. „Betriebswirtschaftslehre – Quis tu?“: Ziel der vorliegenden Arbeit war es nicht, die Betriebswirtschaftslehre so darzustellen, „wie sie tatsächlich ist“. Vielmehr wurde versucht, unterschiedliche Facetten der Verwissenschaftlichung herauszuarbeiten als auch zu klären, worin die Eigenarten, Charakteristika, Probleme von Technik- lehren bzw. verwissenschaftlichten Techniklehren liegen. Um sagen zu können, wie sich die Betriebswirtschaftslehre aktuell darstellt, was sie also ist, wäre eine seriöse, umfassende empirische Untersuchung notwendig, die das Ausmaß unter- schiedlicher Wissensformen (technisches vs. technikwissenschaftliches Wissen / Wissensformen des Beschreibens, Erklärens, Gestaltens etc.) genauer zu erfassen versucht bzw. die sozialen Strukturen und das Verschwimmen der Grenzen von Betriebswirtschaftslehre und technischer Praxis eingehender nachzeichnet. Ziel der Arbeit war es auch nicht, aus irgendwelchen Geneigtheiten für den ein oder anderen Forschungsansatz, wichtige Facetten des vorfindbaren Forschungsbe- 578 In Anlehnung an Kornwachs [Strukturkonzepte], S. 117. 579 Vgl. Irrgang [Technikwissenschaften]; Schreyögg/Geiger [Wissensspirale]. Werner Kirsch plädiert deshalb auch hier für eine Rückkehr zum Kunstkonzept von Technik: „Die Forscher betreiben ein ‚Learning by Doing’ [im Rahmen des Action-Research; An- merkung des Verf.] und vermitteln ihr so gewonnenes Erfahrungswissen an ihre ‚Schü- ler’, etwa so, wie dies ein klassischer Handwerksmeister tut.“ (Kirsch et al. [Forschung], S. 235). 223 triebs unter den Tisch fallen zu lassen, um somit einer differenzierten Sichtweise auf das Fach nicht den Weg zu verstellen. Der wissenschaftstheoretische Zugriff auf die Betriebswirtschaftslehre erfolgte deshalb rein deskriptiv durch die Sich- tung, Analyse, Systematisierung, Auswertung unterschiedlicher Forschungserträge. Es mag sein, dass die eine oder andere Analyse hier sehr holzschnittartig ausgefal- len ist (weshalb sie unweigerlich den Vorwurf der Verkürzung, der Vereinseiti- gung, der Vernachlässigung, des Dilettantismus auf sich ziehen wird) – doch wer alles sehen will, sieht bekanntlich nichts. Zu ihrem Wesen kann jedoch zumindest Folgendes gesagt werden: Die Betriebs- wirtschaftslehre – das hat die vorliegende Untersuchung gezeigt – ist aus dem Geiste der Praxis geboren und steht im Dienst des Geistes dieser Praxis. Es waren v.a. wissenschaftsexterne Anstöße, die zur Etablierung des Faches geführt haben: So war es z.B. die Industrielle Revolution, die den Niedergang einer der Vorläufer der Betriebswirtschaftslehre, den sog. Handlungswissenschaften, gebracht hat, weil deren Problemlösungskapazität erschöpft schien (und nicht mehr der Handelsbe- trieb, sondern in erster Linie der Produktionsbetrieb betrachtet werden musste). Es ist auch genau jener Produktionsbetrieb, der zur Etablierung der Betriebswirt- schaftslehre geführt hat. Es ist auch der Produktionsbetrieb, der einen der Haupt- betrachtungsgegenstände des Faches darstellt. Wissenschaftsexterne Anstöße wa- ren und sind auch immer wieder für die Etablierung neuer Forschungslinien in der Betriebswirtschaftslehre relevant: Die „Great Depression“ erforderte neue techni- sche Lösungen im Rechnungswesen, die die innerbetriebliche Rechnungslegung von der außerbetrieblichen derart isolierte, dass eine intertemporale Betrachtung über die Entwicklung des Betriebs möglich wurde.580 Das Aufkommen der Infor- matik bzw. der vermehrte Einsatz der Informationstechnik machte die Etablierung einer Wirtschaftsinformatik erforderlich. 580 D.h. natürlich nicht, dass die Betriebswirtschaftslehre daneben überhaupt keine inner- fachliche, längerfristige Kontinuität gewisser (technischer) Themen besitzen würde, vgl. hierzu auch Ridder [Kontinuität]. 224 Trotz ihrer Verwissenschaftlichung vorwiegend ab den 1950er Jahren zu einer „Wirtschaftstheorie der Einzelwirtschaft“ und der anschließenden Rückbesinnung auf ihre praktischen Wurzeln als eine Management- und Führungslehre ab den 1975er Jahren, ist das Fach seiner Tradition größtenteils treu geblieben, ist Weg- weiser, theoretische und praktische Stütze der wirtschaftlichen Praxis geblieben.581 Im Gegensatz zu den ehrwürdigen, althergebrachten Technikwissenschaften wie etwa der Jurisprudenz (als Sozialtechnikwissenschaft) oder der Medizin (als Hu- man- bzw. Individualtechnikwissenschaft), die sich klar in den Dienst der Gesell- schaft und des Menschen stellen, ist die noch junge Technikwissenschaft „Be- triebswirtschaftslehre“ aufgrund der immanenten Probleme ihres Erkenntnisge- genstandes immer wieder erheblichen Anfeindungen ausgesetzt gewesen. Natür- lich ist es nicht von der Hand zu weisen, dass eine arbeitsteilig organisierte Gesell- schaft der Sozialtechnikwissenschaften „Betriebswirtschaftslehre“ bzw. „Volks- wirtschaftslehre“ bedarf, um ihr wirtschaftliches Handeln überhaupt organisieren, koordinieren und durchführen zu können.582 Eine umfassende gedankliche Durchdringung des Wirtschaftens in Betrieben (als jedwedes Tauschvorberei- tungshandeln, das tauschfähige Güter583 schafft und bereitstellt) ist deshalb unver- zichtbar. Dass die Betriebswirtschaftslehre – aufgrund der herrschenden wirt- schaftlichen Rahmenordnung: der Marktwirtschaft – in erster Linie eine Lehre der langfristigen, dauerhaften Gewinnerzielung und Liquiditätssicherung wäre, die ei- nem ausgeprägten Effizienz- und Nützlichkeitsdenken in allen erdenklichen Le- bensbereichen den Weg bereiten würde, wurde dem Fach – v.a. von außerhalb – 581 Vgl. Preglau [Betriebswirtschaftslehre], S. 195; Kötter [Hintergrund], S. 278f. 582 Zu den Problemen der Definition wirtschaftlichen Handelns vgl. ausführlich Ropohl [Aufklärung], S. 104ff. 583 Der Terminus „Gut“ sei hier – in Anlehnung an Steinmann et al. [Betriebswirtschafts- lehre], S. 69 – nicht auf physische Gegenstände allein reduziert, sondern soll allgemein die Bezeichnung sein für eine Situation, die einer Person / einer Personengruppe mittelbar oder unmittelbar zur Bedürfnisbefriedigung dient. 225 immer wieder zum Vorwurf gemacht.584 Dieser Vorwurf betrifft u.a. auch die Tat- sache, dass a) bei Zielkonflikten zwischen ökonomischen, technischen, sozialen und ökologischen Zielen immer wieder der ökonomischen Zielsetzung der Primat zukomme, dem sich die anderen Ziele unterzuordnen haben, bzw. dass b) die an- deren Ziele gar nicht als wirklich gleichberechtigte Ziele neben den ökonomischen Zielen betrachtet werden, sondern alleinig als Mittel zum Zweck. Mitarbeiterzu- friedenheit, Arbeitsplatzsicherheit und eine vertrauensvolle Unternehmenskultur sind nicht Selbstzweck (um überhaupt als Mensch würdevoll in der Gemeinschaft mit anderen Menschen leben zu können), sondern primär Mittel zum Zweck (etwa in Form der Steigerung der Arbeitsproduktivität, der Minimierung von Transakti- onskosten etc.). Die Absolventen und zukünftigen Praktiker unter den wissen- schaftsexternen Erfordernissen des Marktes dahingehend zu sozialisieren, dass sie perfekt den Gesetzen und Sachzwängen des Markts gehorchen, in denen die Mo- ral keinen systematischen Platz585 zu haben scheint, ist das, was einige Kritiker dazu bringt, der Techniklehre „Betriebswirtschaftslehre“ ideologische Schlagseite und Eindimensionalität (und damit Unwissenschaftlichkeit) zu unterstellen:586 1. Als „Lehre von der Führung für die Führung“ (Werner Kirsch) sei sie par- teilich. 2. In der Rezeption der Verhaltenswissenschaften sei sie in erster Linie daran interessiert, eine technische Herrschaft über den Menschen zu erlangen – sei es nun zur Verbesserung der betriebsinternen „Organisation und Koor- dination“ oder zum Zwecke der Optimierung des Absatzes – und nicht primär an der Emanzipation des Menschen als Selbstzweck. 3. Schließlich würde die Betriebswirtschaftslehre mit ihrer Rezeption der Sys- temtheorie den Menschen und Betrieb nur als eine gegenständlich- 584 Vgl. hierzu exemplarisch Moritz R. Weyermann und Hans Schönitz, für die die Be- triebswirtschaftslehre „nichts weiter als eine Anleitung zu möglichster Routine in einer öden Profitmacherei“ war (vgl. Weyermann/Schönitz [Privatwirtschaftslehre], S. 46). 585 Vgl. Kötter [Fundierungsprobleme]; Kötter [Unternehmensethik]; Homann [Unter- nehmensethik]; Homann/Blome-Drees [Unternehmensethik]. 586 Vgl. Preglau [Betriebswirtschaftslehre]. 226 verdinglichte Blockstruktur begreifen, was dazu führt, dass Fragen nach der Rechtfertigungsbedürftigkeit und Rechtfertigungsfähigkeit – sowohl sys- teminterner als auch systemexterner Strukturen – als auch Fragen nach dem eigenen gesellschaftlich-moralischen Verantwortlich-Sein systematisch aus- geblendet würde. Doch gerade die Analyse der sozialen Struktur der Technikwissenschaften generell (als auch der Betriebswirtschaftslehre als Sozialtechnikwissenschaft im Speziellen), die v.a. durch das Verwischen der Grenzen zwischen technischer Praxis einerseits und Technikwissenschaft andererseits gekennzeichnet ist, hat in der Tat gezeigt, dass dem Versuch, die Technikwissenschaften in vollem Umfang zu Wissenschaf- ten erheben zu wollen (nicht dem Versuch, sie zu verwissenschaftlichen!) Grenzen gesetzt sind. Die Analysen der sozialen Struktur und ihrer Gründe stellen ferner das Wissenschaftskonzept von Technik an sich in Frage, indem sie den Blick auf den Problemkomplex lenken, inwiefern überhaupt der Verlust des Lebensprakti- schen – wie es einst noch im Kunstkonzept von Technik und der Einheit von technischer Praxis, Techniklehre und Technikforschung gegeben war – im Wis- senschaftskonzept von Technik überhaupt sinnvoll und zureichend kompensiert werden kann. Einerseits zu meinen, auf diese Kompensation verzichten zu kön- nen, andererseits aber auch zu merken, dass es ohne die Praxis nicht geht, ist der Grund, weshalb die verwissenschaftlichten Techniklehren seit ihrer Etablierung zwischen Technik und Wissenschaft stehen: Sie haben sich nicht nur immer wie- der von der alltäglichen, technischen Praxis ablösen wollen, sondern wollten ihrer- seits immer wieder in Wissenschaft aufgehen. In ihrem Versuch, sich von der technischen Praxis zu unterscheiden haben sich die Techniklehren verwissen- schaftlicht, in ihrer Sorge von der Wissenschaft vereinnahmt zu werden und damit zuviel Praxisrelevanz zu verlieren, haben sie sich technisiert. „Betriebswirtschaftslehre – Quo vadis?“: Mindestens genau so interessant wie die Frage, was die Betriebswirtschaftslehre nun wirklich „ist“, ist die, wohin sich das Fach in Zukunft entwickeln wird. Während die erste Frage die typische Domäne einer de- skriptiv verfahrenden Wissenschaftstheorie ist, ist die zweite Frage eher Gegens- tand einer normativ verfahrenden Wissenschaftstheorie, die gewisse vorfindbare Problemlagen und Defizite anmahnt, Verbesserungspotentiale und wünschbare Zielzustände skizziert, die die Zukunftsfähigkeit einer Disziplin nachhaltig sicher- 227 stellen sollen. Dieser eher programmatischen Arbeit an der Vision einer zukünfti- gen und zukunftsfähigen Betriebswirtschaftslehre sei der Schlussteil dieser Arbeit gewidmet. Leitend dafür soll die Unterscheidung von verwissenschaftlichter Tech- niklehre auf der einen und Technikwissenschaft auf der anderen Seite sein. Zwar wurde bisher – als Zugeständnis an die unscharfe Sprache des Alltags – kaum ex- akt zwischen Techniklehre und Technikwissenschaft unterschieden. Aus wissen- schaftstheoretischer Perspektive macht dies jedoch durchaus Sinn: Die Bezeich- nung „verwissenschaftlichte Techniklehre“ ist als Kennzeichnung des faktischen Zustands der meisten Techniklehren zu verstehen, die Bezeichnung „Technikwis- senschaft“ ist hingegen eine normative Leitvorstellung bzw. ein anzustrebender Endzustand, in dem die vorhandenen Problemlagen und Defizite überwunden wurden. D.h.: Es wird die Forderung erhoben, nicht beim bisher Erreichten ste- hen zu bleiben (und die Betriebswirtschaftslehre im Rang einer „verwissenschaft- lichten Techniklehre“ zu belassen), sondern sie aktiv zu einer echten „Sozialtech- nikwissenschaft“, genauer: einer humanistisch orientierten Sozialtechnikwissen- schaft weiterzuentwickeln und auszubauen. Mit dem Adjektiv „humanistisch“ sei – in Anlehnung an einen kleinen, programmatischen Aufsatz von Erich Fromm – dabei eine Sozialtechnikwissenschaft gemeint, die sich voll und ganz in den Dienst des Menschen stellt, sein Wachstum befördert, um ihm ein gelingendes, men- schenwürdiges Leben im Bunde seiner Mitmenschen zu ermöglichen.587 5.4 Betriebswirtschaftslehre als humanistisch orien- tierte Sozialtechnikwissenschaft 5.4.1 Die Orientierungskrise im Projekt der Moderne Das „Projekt der Moderne“588 ist in eine Krise geraten: Zunehmend sichtbare Ambivalenzen der Technisierung, Umweltzerstörung und Ressourcenverknap- 587 Vgl. Fromm [Planung], weiterführend dazu Fromm [Credo]; Fromm [Voraussetzung]; Fromm [Alternative] bzw. Fromm [Mensch]; Fromm [Industrialismus] und Fromm [Sein]; Fromm [Kunst]. 588 Zum Begriff „Projekt der Moderne“ vgl. Ropohl [Aufklärung], S. 31. 228 pung, globale Klimaerwärmung, drohende Desertifikation weiter Landstriche, An- stieg der Meeresspiegel, Sachzwänge einer anscheinend unbeherrschbar agierenden Globalisierung, Erosion der Sozialgefüge und Erhöhung des globalen Wohlstandsgefälles sind nur einige der Stichworte, die immer wieder von unter- schiedlichen Seiten genannt werden.589 Die genannten Phänomene sind dabei kaum als bloße Phantasmen zu werten, sondern sind in vielen Bereichen bereits Realität. Dennoch verharren die meisten Menschen passiv, glauben, dass jene „in- visible hand“ doch noch alles zum Guten wenden wird, ein sinnvolles Ganzes aus den verselbständigten Einzelrationalitäten und Handlungszusammenhängen her- vorzubringen vermag: „Wenn der Zuwachs von Wissen und Können gleichbedeutend ist mit dem Zuwachs der menschlichen Glückseligkeit, wenn der Erfolg des individuellen Gewinnstrebens gleichbe- deutend ist mit dem Gemeinwohl der Nation, dann genügt es ja offensichtlich, allein den technischen und privatwirtschaftlichen Fortschritt zu betreiben, um von unsichtbaren Händen humanen und sozialen Fortschritt sozusagen als Zugabe beigepackt zu erhal- ten.“590 Dies ist jedoch ein Irrtum. Die spieltheoretischen Modelle des Gefangendilemmas haben gezeigt, dass das Verfolgen von Partikularstrategien nicht unbedingt den Gesamterfolg garantieren kann.591 Die Allgemeine Gleichgewichtstheorie ist bei sorgfältiger wissenschaftstheoretischer Analyse kaum als eine empirische Theorie deutbar (in Sinne eines Ideal- oder Veranschaulichungsmodells der Wirtschaft), die Idee der unsichtbaren Hand als ehernes, naturwüchsiges Gesetz des Marktes daher bloßer Glaube an ein metaphysisches Selbstorganisations- und Harmonieprin- zip.592 Denn: Ein adäquates Verständnis der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie ist lediglich als präskriptives Institutionenmodell der Wirtschaft möglich.593 Es ist 589 Vgl. exemplarisch Poser [Krisenbewußtsein]; Poser [Wissenschaftstheorie], S. 288f.; Ropohl [Aufklärung], S. 37f.; Hubig [Kunst d. Mögl. 2], S. 9. 590 Ropohl [Aufklärung], S. 38f. 591 Vgl. Ropohl [Aufklärung], S. 39. 592 Vgl. Schneider [Theorie], S. 430f.; Kötter [Modell]; Kötter [Theory]. 593 Zum Verständnis der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie als Institutionenmodell vgl. Kötter [Modell]. 229 der Mensch, der Technik und Wirtschaft durch sein Handeln hervorbringt und ges- taltet, dem aber zauberlehrlingshaft droht, die Kontrolle über die eigenen Schöp- fungen zu verlieren. Der Mensch scheint zunehmend für Ökonomie und Technik da zu sein, gerät unter ihr Diktat, wobei doch eigentlich Wirtschaft und Technik für den Menschen das sein sollen, um ihn von den Zwängen der Natur und der Gesellschaft zu emanzipieren. Wenn der Mensch aber handelnd diese Dinge her- vorbringt, sind Sachzwänge kein unabwendbares Schicksal, technische Entwick- lungen nicht gesetzesartig determiniert, kein (völlig) unsteuerbarer Selbstläufer.594 „Höher, weiter, schneller, besser, dem anderen immer ein klein wenig voraus“ scheint eine dominierende Devise der Zeit zu sein, bei der eine klare inhaltliche Zielausrichtung auf die Frage, was für eine gemeinsame Welt wir denn überhaupt wollen, aus den Augen zu geraten scheint.595 Technischer und wirtschaftlicher Fortschritt ist deshalb nicht in eins zu setzen mit einem humanen und sozialen Fortschritt. Dies jedoch zu glauben und gleichzeitig zu hoffen, dass sich ein sinn- volles Ganzes aus den sektoralisiert agierenden Handlungszusammenhängen quasi von alleine herstellt, ist der Kern dessen, was die Legitimations- und Orientierungskrise des Projekts der Moderne ausmacht – und die Wissenschaften, insbesondere auch die Technikwissenschaften, haben hieran einen wesentlichen Anteil.596 In Kapitel 2 wurde eingehend herausgearbeitet, dass Wissenschaft nicht als selbstzweckhaftes Unternehmen gedacht werden kann: Wissenschaft war immer, ist und wird immer wesentlicher Bestandteil des kollektiven Unternehmens der Aneignung und Gestaltung von Welt sein. Es ist das klassische Paradigma der Wissenschaftstheorie, dass ein Redeverbot über den Entdeckungs- und Verwer- tungszusammenhang von Wissenschaft verhängt und die Orientierung an lebens- praktischen Nutzanwendungen der Wissenschaft dem Sinn nach als rein äußerlich 594 Zur Sachzwang-Problematik vgl. Hubig [Kunst d. Mögl. 2], S. 191ff. 595 Vgl. Richter [Bewusstsein], S. 223. 596 Vgl. Ropohl [Aufklärung], S. 36ff. 230 betrachtet.597 Genau dies ist aber die Art von Wissenschaftstheorie, die an eine „bisher unbekannte Form des Irrsinn“ (Paul Feyerabend) zu grenzen scheint, da Wissenschaft hier kaum als soziale bzw. sozial eingebettete Veranstaltung begrif- fen wird, weshalb auch Wissenschaft anscheinend keinerlei Rechenschaft für ihr Treiben und Tun schuldig zu sein hat, außer – wenn überhaupt – gegenüber sich selbst. Wissenschaft ist aber nur als ein Handeln – nicht als bloßes Aufstellen the- oretischer Sätze – richtig und umfassend zu verstehen, jedes Handeln bzw. Nicht- Handeln ist von einem mündigen Subjekt auch zu verantworten.598 Diese Isolie- rung von Wissenschaft gegenüber dem Ganzen und die wissenschaftsintern weiter vorangetriebene Sektoralisierung von Verstehenszusammenhängen in viele Ein- zeldisziplinen ist das, was das Gesamtunternehmen Wissenschaft für die heutigen Herausforderungen so unbrauchbar macht, weil eine Synthese dieser Einzelratio- nalitäten hin zu einem vernünftigen Ganzen, einer synthetischen Gesamtrationali- tät ausbleibt.599 Diese Denkweise – oder besser: dieses Selbstmissverständnis – der klassischen Wissenschaften und einer im Pathos einer hehren, abendländischen Rationalität schwelgenden, anachronistischen, realitätsfremden Wissenschaftstheorie über- nommen zu haben, ist das, was die Grundlagenkrise der Technikwissenschaften aus- macht:600 597 Vgl. List [Wissenschaft] S. 454. Der Bemächtigungstrieb wurde in einen anscheinend reinen Erkenntnistrieb sublimiert, wodurch die Nutzenorientierung von Wissenschaft ins „wissenschaftlich Unterbewusste“ (Elisabeth List) abgesunken ist. 598 Vgl. hierzu noch einmal Kapitel 2.1.4. Insbesondere weil neuzeitliche Naturwissen- schaft Technik ist (vgl. Hubig [Kunst d. Mögl. 1], S. 193ff.), ist eine moralisch-ethische Abstinenz kaum haltbar (vgl. Lenk (Hg.) [Ethik]). Zur daraus erwachsenden Frage „Dür- fen wir tun, was wir können?“ und deren Problematisierung vgl. ausführlich Hubig [Kunst d. Mögl. 2]. 599 Vgl. Ropohl [Aufklärung], S. 32f.; Poser [Einheit]. 600 Vgl. Ropohl [Aufklärung], S. 40ff.; Hubig [Kunst d. Mögl. 2]; Hubig [Wertvorent- scheidung]. 231 1. Die Idee der Wertneutralität der Technik, mit der die Technikwissenschaften die Verantwortung für die Folgen ihres Tuns auf die Anwender in Wirt- schaft und Gesellschaft abzuschieben versuchen. 2. Die Idee der Sektoralisierung von Handlungszusammenhängen, als ob Wirtschaft und Technik ontologisch getrennte Seins-Bereiche wären, die miteinander nichts zu tun haben. Eine Sektoralisierung zwischen Realtechniken und So- zialtechniken, eine Trennung zwischen „der Technik“ und „der Wirtschaft“ gibt es aber allenfalls in den Köpfen der Technikwissenschaftler, denn in der Wirklichkeit ist technisches und wirtschaftliches Handeln insbesondere im Produktionsbetrieb eine untrennbare Einheit, ist technisches und wirt- schaftliches Handeln immer zugleich auch soziales Handeln.601 Dies nicht sehen zu wollen, dem problematischen Glauben der klassischen Wis- senschaftstheorie hinterher zu eilen, Wissenschaft sei reine, zweckfreie Erkenntnis, weshalb Wissenschaft auch kaum darüber nachzudenken hat, inwiefern die einzel- nen Wissenschaftsdisziplinen in ihrer wechselseitigen Interaktion Welt beeinflus- sen und gestalten, ist das, was die Orientierungskrise der Moderne auszeichnet. Die Grundlagenkrise der Technikwissenschaften ist damit zugleich wesentlicher Teil der Grundlagenkrise der Moderne.602 5.4.2 Die Verantwortung der Betriebswirtschaftslehre „Betriebswirtschaftslehre und gesellschaftliche Verantwortung“ lautete der Ta- gungstitel der Pfingsttagung 2004 des Verbandes der Hochschullehrer für Be- triebswirtschaft. Die Betriebswirtschaftslehre scheint also die Zeichen der Zeit 601 Es ist deshalb auch kaum verwunderlich, dass in vielen Lehrbüchern der Realtechnik- wissenschaft Methoden und Verfahrensweisen zu finden sind, die typischerweise aus der Sozialtechnikwissenschaft „Betriebswirtschaftslehre“ stammen (vgl. exemplarisch hierzu Banse et al. (Hg.) [Technikwissenschaften 3]). Bei genauerer Hinsicht ist es oft auch völlig unklar, welche Disziplin überhaupt welche Verfahrensweise „erfunden“ hat (oder ob dies „die Praxis“ war). Dass „Technik“ und „Wirtschaft“ in der Realität stark miteinander verschwimmen, zeigt auch die zunehmende Existenz „hybrider“ Studiengänge, wie etwa das Wirtschaftsingenieurwesen oder die Wirtschaftsinformatik. 602 Vgl. Ropohl [Aufklärung], S. 32. 232 erkannt zu haben – und doch nicht ganz, glaubt man dem Vorsitzenden des Deut- schen Netzwerks für Unternehmensethik Albert Löhr: Ethik und gesellschaftliche Verantwortung, das habe die Tagung gezeigt, wird allenfalls als purer „business case“ betrachtet, die Anmahnung zur kritischen Überprüfung des eigenen Selbst- verständnisses zwar mit chinesischer Höflichkeit aufgenommen, um sie dann so- fort wieder in resignativer Gleichgültigkeit im hektischen, alltäglichen Forschungs- treiben zu vergessen.603 Betrachtet man das Thema „Ethik und Verantwortung der Betriebswirtschaftsleh- re“ eingehender, lassen sich die folgenden, ethik-sensitiven Bereiche ausmachen, in denen sich die Betriebswirtschaftslehre zu verantworten hat: 1. Im Rahmen ihrer Bemühungen der Praxis eine theoretische und praktische Stütze zu sein, hat die Betriebswirtschaftslehre die Konsequenzen des Ein- satzes der von ihr hervorgebrachten Theorien und Instrumente zu beden- ken (Notwendigkeit der Integration der Sozialtechnikbewertung bzw. Sozi- altechnikfolgenabschätzung) sowie Interaktionsverhältnisse mit den Real- technikwissenschaften zu beachten. So ist es z.B. heute immer noch üblich, im Fachbereich Controlling lange Vorträge über ein Innovationsmanage- ment zu halten, ohne dabei auch nur einmal das Wort der (Real- )Technikbewertung bzw. (Real-)Technikfolgenabschätzung fallen zu lassen bzw. über eine systematische Integration der (Real-)Technikbewertung in den Innovationsprozess und das Innovationsmanagement nachzudenken (Sektoralisierungsstrategie und Notwendigkeit der Integration von Real- technikbewertung und Realtechnikfolgenabschätzung). 2. Im Forschungsprozess selbst – insbesondere in sehr praxisnahen Ansätzen wie z.B. dem Action-Research – hat die Betriebswirtschaftslehre die Auf- gabe, einen verantwortungsvollen Umgang mit den Beteiligten sicherzustel- len und genau abzuwägen, inwiefern sie sich im Einzelfall instrumentalisie- 603 Vgl. Löhr [Wirtschaftsethik]. 233 ren lässt, wann sie den Boden der Wissenschaftlichkeit verlässt und wo Machenschaft beginnt. 3. Im Bereich der Ausbildung und Lehre trägt die Betriebswirtschaftslehre ei- ne besondere, gesellschaftliche Verantwortung, weil eine Disziplin ihre Schüler im wahrsten Sinne des Wortes „diszipliniert“, ihnen nicht nur Wis- sen vermittelt, sondern ebenfalls Normen und Denkweisen, Ideale, die das spätere Handeln nachhaltig prägen. 4. Schließlich hat die Betriebswirtschaftslehre aufgrund des gestiegenen, ge- sellschaftlichen Legitimationsdrucks und des Wertewandels verstärkt wirt- schafts- und unternehmensethische Fragen selbst zu bearbeiten. Neben ei- ner nicht zu unterschätzenden Aufdeckungs- und Aufklärungsfunktion im Rahmen einer vorwiegend deskriptiv verfahrenden Ethik ist auch eine the- oretische und praktische Stützung der Praxis in Fragen des Umgangs mit derartigen Themen notwendig.604 Verantwortungslose Ökonomisierung und Technisierung vieler Lebensbereiche, eine wirklichkeitsfremde Fortschrittsidee und Sektoralisierung von Handlungszu- sammenhängen und fundierungsbedürftige Technikwissenschaften sind das, was die Orientierungskrise im Projekt der Moderne ausmacht.605 Die Technikwissen- schaften haben erst dann ihre Grundlagenkrise überwunden, wenn606 1. sie davon Abstand nehmen, technischen Fortschritt und Wirtschaftswachs- tum in eins zu setzen mit sozialem und humanem Fortschritt. Ökonomi- scher und technischer Fortschritt stellen zwar grundlegende Bedingungen für einen sozialen und humanen Fortschritt dar, fallen aber nicht automa- tisch damit zusammen. 604 Vgl. hierzu auch Hopfenbeck [Betriebswirtschaftslehre], der als einer der wenigen das Thema „Wirtschafts- und Unternehmensethik“ im Rahmen eines einführenden ABWL- Lehrbuches systematisch integriert hat. 605 Vgl. Ropohl [Aufklärung], S. 46. 606 Die folgende Aufzählung ist die Quintessenz von Ropohls Programm einer „techno- logischen Aufklärung“, vgl. hierzu ausführlich Ropohl [Aufklärung]. 234 2. Die Grundlagenkrise ist dann überwunden, wenn die Technikwissenschaf- ten die Kultivierung ihres verengten Technikverständnisses aufgegeben ha- ben und die Blindheit sowohl gegenüber den Voraussetzungen als auch Folgen des eigenen Denkens und Handelns überwunden haben. (Technik- )wissenschaftliche Rationalität muss immer auch kritisch auf sich selbst ge- lenkt werden, um sich (als auch die technische Praxis) umfassend reflektie- ren und hinterfragen zu können.607 3. D.h. auch: Die Sektoralisierungs- und Partikularisierungsstrategien in „das Ökonomische“, „das Technische“ sind aufzugeben, denn diese Untertei- lung gibt es nur in den Köpfen der einzelnen Technikwissenschaftler. In der Wirklichkeit des Produktionsbetriebs bilden technisches und wirt- schaftliches Handeln eine untrennbare Einheit. Die Grundlagenkrise der Technikwissenschaften ist dann überwunden, wenn sie ein ökotechnisches und soziotechnisches Verständnis von Technik haben. 4. Wird die Sektoralisierung und Zersplitterung der Verstehens- und Hand- lungszusammenhänge überwunden, wird deutlich, dass ökonomische und technische Entwicklungen keine unaufhebbaren Sachzwänge darstellen, sondern dass sie vom Menschen gemacht und v.a. einer sektoralisierten Horizontverengung geschuldet sind. 5. Die Sektoralisierung von Verstehenszusammenhängen ist im Rahmen eines verstärkten supradisziplinären Diskurses und Zusammenarbeit zu überwin- den.608 Nur im supradisziplinären Zusammenhang ist ein angemessenes 607 Vgl. hierzu auch Kirsch [Betriebswirtschaftslehre], S. 242ff. 608 Der Begriff „supradisziplinäre Forschung“ ist eine Sammelbezeichnung verschiedener Formen disziplinübergreifender Zusammenarbeit (vgl. Kötter/Balsiger [Interdisciplinari- ty]). Als multidisziplinäre Forschung arbeitet die supradisziplinäre Forschung vorwiegend themenorientiert, indem ein Forschungsthema aus der Perspektive mehrerer Disziplinen im Rahmen eines Forschungsclusters angegangen wird. Multidisziplinäre Forschung dient damit oft als Vorstufe interdisziplinärer Forschung, die problemorientiert vorgeht: Ein komplexes Problem, das es nur in einer fachübergreifenden Sichtweise angemessen zu erfassen gilt, wird versucht, einer Lösung zuzuführen. Im Gegensatz zu interdisziplinärer Forschung ist transdisziplinäre Forschung dadurch gekennzeichnet, dass eine starke Ko- 235 Verständnis von Welt zu erreichen, indem die partikularisierten Einzelrati- onalitäten zu einer Gesamtrationalität zusammengeführt werden. Gerade aber der supradisziplinäre Diskurs ermöglicht es auch, sich selbst kritisch im Lichte und Spiegel der Anderen zu reflektieren. Dies alles ist konstitutiv für eine Betriebswirtschaftslehre als Sozialtechnikwissenschaft, eine Technikwissenschaft also, die sich nicht nur auf die routinemäßige Optimie- rung von Mitteln (Methoden, Verfahrensweisen, Prinziplösungen) für ein unkri- tisch isoliertes Ziel konzentriert (und damit in jener verkürzten, „instrumentellen Vernunft“ versinkt, die von Max Horkheimer nach den Erfahrungen des Dritten Reichs so eindringlich kritisiert wurde), sondern auch danach fragt, ob die Ziele als solche vernünftig sind.609 Doch allein schon die Rede von Mitteln (in den Tech- nikwissenschaften) macht das Bedenken der Zwecke eigentlich unumgänglich, setzt doch die Rede von Mitteln ihrerseits Zwecke bereits voraus und vice versa.610 Einen bestimmten Gegenstand bzw. eine Verfahrensweise bezeichnen wir nur dann als ein Mittel, wenn ein gewisser Zweck (und damit ein spezifisches Interesse bzw. Handlungsziel) bereits im Blick ist. Andererseits sprechen wir nur dann von einem Zweck, wenn wir diesen – qua eines Mittels – auch als herbeiführbar bzw. realisierbar erachten (sonst wären es bloße Wünsche, Visionen, Utopien). Mittel und Zwecke sind also wechselseitig aufeinander bezogen, bilden einen untrennba- ren (Frage-)Komplex.611 Dieses einer dialektischen Philosophie und Wissen- schaftstheorie entnommene Denken hebt damit die für den Konstruktivismus Er- langer Prägung typische Mittel-Zweck Dichotomie auf, die zu einer Segmentierung von Technik (als Domäne der Mittel) und Ethik (als Domäne der Zwecke) geführt operation mit Praktikern erfolgt, sodass eine Problemlösung für einen spezifischen Ein- zelfall erarbeitet werden kann. 609 Vgl. Horkheimer [Kritik]. 610 Vgl. Hubig [Mittel], S. 10f.; Hubig [Kunst d. Mögl. 1], S. 113ff. 611 Dies schreibt sich in den Diskussionen fort, dass Technik nicht nur Mittel, sondern auch Medium ist, in dem Mittel die Identifikation von Zwecken leiten als auch Zwecke die Schaffung bzw. Verwendung von Mitteln (vgl. hierzu ausführlich Hubig [Kunst d. Mögl. 1], S. 107ff.). 236 hat.612 Denn das Problem ist dabei, dass das eigentlich (Technik-)Ethische da- durch völlig aus dem Blick zu geraten scheint.613 Die ethische Dimension der Be- triebswirtschaftslehre wird in erster Linie auf das Thema „Wirtschafts- und Unter- nehmensethik“ reduziert, wobei die wissenschaftsethischen und technikethischen Aspekte gänzlich unter den Tisch zu fallen drohen.614 Ferner führt die angespro- chenen Segmentierung dazu, dass Wirtschafts- und Unternehmensethik auf das Aushandeln miteinander konfligierender Zwecke, Interessen, Ziele reduziert wird, Unternehmens- und Wirtschaftsethik also nur dahingehend betrachtet werden, inwiefern sie einen Beitrag zur gesellschaftlichen Friedensstiftung leisten (um die Funktionsfähigkeit und Legitimation des Gesamtsystems nachhaltig zu sichern), wobei das eigentlich Ethische – die Frage nach dem glücklichen und gelingenden Leben – gänzlich außen vor zu bleiben scheint.615 Diesem sich zu stellen, ist das Ziel bzw. die Aufgabe einer Betriebswirtschaftslehre als humanistisch orientierte Sozialtechnikwissenschaft. Angesichts der Krise des Projekts der Moderne darf die Betriebswirtschaftslehre nicht nur verwissenschaftliche Techniklehre sein, sondern muss Technikwissenschaft, genauer: eine humanistisch orientierte Sozialtechnikwis- senschaft im oben skizzierten Sinne sein. Ihre Wissenschaftsziele liegen deshalb nicht mehr nur im Beschreiben, Erklären und Gestalten, sondern im Erkennen, Gestalten und Bestehen, wobei das Bestehen das eigentlich Ethische anspricht, indem nicht nur danach gefragt wird, ob Technik funktioniert, sondern v.a. welche Effekte (Sozial- und Real-) Technik hat und ob diese für den Menschen und die Gesellschaft als ganzes auch zuträglich, akzeptabel, wünschenswert sind (Abbildung 23).616 612 Vgl. Hubig [Kunst d. Mögl. 2], S. 48. Zum methodischen Konstruktivismus in der Betriebswirtschaftslehre vgl. Steinmann et al. [Betriebswirtschaftslehre]; Steinmann [Be- triebswirtschaftslehre]; Steinmann et al. [Praxis]; Steinmann/Scherer [Kulturalismus]. 613 Vgl. Hubig [Kunst d. Mögl. 2], S. 48; Kötter [Spannungsfeld], S. 28ff. 614 Zu den vier ethischen Dimensionen der Betriebswirtschaftslehre vgl. noch einmal die Ausführung zu Beginn des vorliegenden Kapitels. 615 Vgl. Kötter [Spannungsfeld], S. 29ff.; Kötter [Lehrstück], S. 117ff. 616 Die Ziele einer Technikwissenschaft im Erkennen - Gestalten - Bestehen zu sehen, ist König [Ziele], S. 84ff. entlehnt. Zur basalen Unterscheidung von Akzeptanz und Akzep- Wissenschaftsziele der Betriebswirtschaftslehre Erkennen Gestalten Bestehen Praktisches ZielKognitives Ziel Soziales Ziel Abbildung 23: Wissenschaftsziele der Betriebswirtschaftslehre Eine recht verstandene Betriebswirtschaftslehre als Sozialtechnikwissenschaft ist damit gleichzusetzen mit dem Programm einer humanistischen Betriebswirtschaftslehre, die sich in den Dienst der Emanzipation des Menschen von den Zwängen der Na- tur und Gesellschaft stellt, die Fortschritt nicht nur als Zunahme an Wissen und Können definiert bzw. Zunahme der Wohlfahrt, sondern zugleich als eine Zu- nahme der Freiheit und Gerechtigkeit im menschlichen Zusammenleben und eine Zunahme der Möglichkeiten zur persönlichen Entfaltung der Individualität und des Mensch-Seins.617 Nur eine Betriebswirtschaftslehre im Denkkonzept einer echten Sozialtechnikwissenschaft – wie oben umrissen – scheint genügend integra- tive Wirkung zu entfalten – sowohl disziplinintern als auch disziplinübergreifend – , um die eigene Zukunftsfähigkeit und die Zukunftsfähigkeit der Menschheit si- cherzustellen, eine Betriebswirtschaftslehre, der es gelingt, „Erkenntnis“ und „Hoffnung“ bzw. das „Prinzip Verantwortung“ mit dem „Prinzip Hoffnung“ zu versöhnen.618 Vielleicht besteht der Unterschied zwischen Wissenschaftler und Unternehmensberater ja gerade darin, dass Wissenschaft qua Wissenschaftstheorie sich ihrer Präsuppositionen bewusst wird, die Voraussetzungen des eigenen Tuns, Denkens, Handelns aber auch die der Praxis kritisch reflektiert, vorfindbare Prob- lemstellungen als auch erarbeitete Problemlösungen hinsichtlich ihrer Werte und 237 tabilität vgl. noch einmal Hubig [Anerkennungsbasis]. Zur Sicherung der Akzeptanzfä- higkeit technischer Lösungen, in deren Rahmen der Erhalt basaler Options- und Ver- mächtniswerte bzw. die Sicherung der Disponibilität eine wesentliche Rolle spielen, vgl. ausführlich Hubig [Kunst d. Mögl. 2]. 617 Zum Fortschrittsbegriff vgl. Ropohl [Aufklärung], S. 238ff. 618 Vgl. Rorty [Erkenntnis]; Jonas [Verantwortung]; Bloch [Hoffnung]. 238 Ziele kritisch hinterfragt. Dieses Denken in Alternativen und Gesamtzusammen- hängen auch gerade in der Ausbildung an die späteren Praktiker zu vermitteln, könnte eines der Ziele einer Betriebswirtschaftslehre als Technikwissenschaft und nicht nur als Technik bzw. Techniklehre sein. Denn: Die Herausforderungen der Zeit machen es unabdingbar, die verwissenschaftlichten Techniklehren zu echten Technikwissenschaften weiterzuentwickeln, die die Praktiker in Wirtschaft, Staat und Gesellschaft umfassend geistig ausbilden und beraten. 239 LITERATUR Albach, Horst (Hg.) 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