Please use this identifier to cite or link to this item: http://dx.doi.org/10.18419/opus-9854
Authors: Simion, Paula Oana
Title: "Gli Sogni e Raggionamenti" di Giovan Paolo Lomazzo ovvero l’idea di una nuova maniera letteraria
Other Titles: "Gli Sogni e Raggionamenti" des Giovan Paolo Lomazzo oder die Idee einer neuen literarischen Manier
"Gli Sogni e Raggionamenti" of Giovan Paolo Lomazzo or the idea of a new literary style
Issue Date: 2018
metadata.ubs.publikation.typ: Dissertation
metadata.ubs.publikation.seiten: X, 283
URI: http://elib.uni-stuttgart.de/handle/11682/9871
http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:93-opus-ds-98716
http://dx.doi.org/10.18419/opus-9854
Abstract: Die vorliegende Promotionsarbeit mit dem Titel "Gli Sogni e Raggionamenti" des Giovan Paolo Lomazzo oder die Idee einer neuen literarischen Manier widmet sich der Untersuchung eines Prosawerks des mailändischen Kunsttheoretikers Giovan Paolo Lomazzo (26.04.1538, Mailand - 7.01.1592, ebd.). Die Rede ist von Gli Sogni e Raggionamenti composti da Giovan Paulo Lomazzo millanese, con le figure de spiriti che gli raccontano da egli dessignate, einer in vieler Hinsicht hintergründigen literarischen Schrift, die um 1563 in der Form eines Dialogs verfasst und bis ins 20. Jahrhundert unbekannt und unveröffentlicht blieb. Die Erstpublikation des Werkes erfolgte in den Jahren 1973 bis 1975. Giovan Paolo Lomazzo, der Autor der Gli Sogni, war Maler, Kunsttheoretiker, Literat und, nicht zuletzt, Präsident auf Lebenszeit der Mailänder Accademia della Vale di Blenio. Lomazzo ist vor allem für seine Kunsttraktate bekannt, die zwischen 1584 und 1591 erstmals erschienen sind. Im Gegensatz zu anderen Kunsttheoretikern der Neuzeit wurden seine kunsttheoretischen Überlegungen weit weniger untersucht und thematisiert. Erwähnt wird in diesem Zusammenhang meist sein Begriff der figura serpentinata und seine neue Interpretation des Konzeptes der maniera. Lomazzos literarische Werke weckten jedoch zunächst kein Interesse und blieben weitestgehend unbeachtet. Zu dem unvollendeten Prosawerk Gli Sogni, von dessen Existenz lange Zeit nichts bekannt war, gibt es bis heute keine ausführlichen philologischen Untersuchungen. Es wurde lediglich im Rahmen allgemeiner Studien zum Gesamtwerk Lomazzos gelegentlich in kurzen Beschreibungen erwähnt. Gli Sogni e Raggionamenti ist Lomazzos einziges Werk, von dem sich das Originalmanuskript bis heute erhalten hat. Das Schicksal des Manuskripts ist rätselhaft und es galt lange Zeit als verschollen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde es von Carlo Dionisotti wiederentdeckt und wird seitdem in London aufbewahrt. Lomazzos Gli Sogni blieb unvollendet und das Manuskript ist in diesem Zusammenhang umso wichtiger, da es wertvolle Vermerke des Autors bezüglich des ursprünglich geplanten Aufbaus enthält. Das Manuskript ist als Ur-Fassung von Lomazzos erstem literarischem Werk zu betrachten, welches ursprünglich aus sechzehn Dialogen bestehen sollte. Jeder dieser Dialoge sollte am Anfang von einer Illustration ergänzt werden und mit je fünfundzwanzig Sonetten abklingen. Die Leserwidmung erfüllt in der Gesamtheit des Werkes eine wirksame pars pro toto-Funktion. Dort sind nicht nur die technischen Informationen über die geplante Rahmenerzählung, sondern auch die wichtigsten Hinweise bezüglich der Lesart des Inhaltes enthalten. Der Prolog beginnt mit der Erklärung der Entstehung des eigenen Prosawerkes. In seinem Arbeitszimmer versucht der Autor nämlich vergeblich, die geeignete Präsentationsform für mehrere Sonette und andere poetische caprizzi zu finden. Die Lösung seines kreativen Problems verdankt er einer phantastischen Offenbarung. Im Traum erscheint ihm die Vision von sechzehn Geistern in einem Palast auf einer namenlosen griechischen Insel. Das Inselgeschehen und die Gespräche der Geister bilden die Erzählebene für die Dialoge der Gli Sogni. Die Geisterwesen sind an bekannte zeitgenösische und antike Personen angelehnt, darunter beispielsweise Paolo Giovio, Leonardo da Vinci, Pythagoras, Pietro Sola, Ariost, Euklid, Giovan Michel Maria Gerbo, Phidias, Cecco de Ascoli und Pietro d’Abano. Dadurch ergibt sich auf der Erzählebene eine Verklammerung unterschiedlichster Räume und Zeitepochen. Erinnerungen, Träume und Begebenheiten aus vergangenen Leben und Zeiten treffen somit in den Dialogen direkt aufeinander. Sowohl im architektonischen als auch im konzeptuellen Sinne entsteht so ein komplexes literarisches Flechtwerk. Das Ziel der vorliegenden Arbeit war es, Lomazzos Prosawerk Gli Sogni in den Fokus der Literatur- und Kunsttheorieforschung zu rücken. Dabei sollte aber auch ein Beitrag zur Auswertung der opera omnia Lomazzos geleistet werden, welcher von seinen modernen Herausgebern oft als Desiderat formuliert wurde. Durch eine detaillierte und systematische Zerlegung des Texts in seine einzelnen Bestandteile, zeigten sich einzelne Topoi die sich in verschiedenen Formulierungen oder literarischen Konstruktionen wiederholten. Ein Topos ist der wiederkehrende Verweis auf das Diktum ut pictura poësis. Schon in der Leserwidmung wird beispielsweise das kreative Prozedere des Autors beschrieben: Während des Malens überkommt ihn die Inspiration für seine literarischen Kompositionen. Die beiden schöpferischen Akte erfolgen parallel und entstehen unter denselben Umständen und am selben Ort: im Arbeitszimmer des Künstlers. Es geht um einen zutiefst geistigen Prozess, bei dem nicht zwischen Poesie und Malerei unterschieden wird. (1) Außerdem sind in den Dialogen nicht selten Abschnitte zu erkennen, die durch die Fachsprache der Protagonisten geprägt werden, die aus verschiedenen Kultur- und Berufsbereichen stammen. Dazu kommt, dass in Lomazzos Kunstschriften viele Beispiele aus der Dichtung wahrzunehmen sind, die seine kunsttheoretischen Ansätze beleuchten und erklären. Somit kann geschlossen werden, dass der Autor beide Künste ganz bewusst miteinander verbindet und über die bis dahin bekannte ut pictura poesis-Theorie reflektiert. Diese fachsprachlichen Abschnitte im Prosawerk sollen vor allem als Metapher der Vielfalt der Welt verstanden werden, die in der Kunsttheorie unter dem Begriff der varietà diskutiert wird und hier als zweiter Topos in Lomazzos Werk betrachtet wird. (2) Daran schließt sich als dritter Topos die äußerst ausführlichen Verzeichnisse von einzelnen Namen, Begriffen oder Dingen an (3), die regelmäßig im Text wiederkehren und nicht im Detail, dafür aber als Gesamtes von Belang sind. Daraus entwickelte sich die These, dass die Strategie des Zusammenbringens dieser vielfältigen Materie zu einem Ganzen auf die philosophischen, magischen und theologischen Diskurse der Frühen Neuzeit anspielt. Diese betonen die Möglichkeit und die spirituelle Notwendigkeit einer Rückkehr zur Ur-Quelle des Wissens oder zu Gott. In dieser Strategie des Zusammenführens geht es um die reductio der materiellen Vielfalt (varietà) und um das Streben nach einer geistigen Einheit, die Platon als Quelle der Idee bezeichnet hatte. Lomazzo verfährt auch in seiner Kunsttheorie ähnlich: In Übereinstimmung mit der Entwicklung des ästhetischen Denkens seiner Zeit, vollbringt er beispielweise die konzeptuelle Verschmelzung zwischen den Begriffen inventio und dispositio, weil für ihn der kreative Akt als unaufhörliche Produktion der Formen in der Idee (incessante produzione di forme nell’idea ) bereits angelegt ist. Durch diese Verschmelzung wird die schöpferische Aktivität ein Stück weiter vergeistigt und somit auf eine höhere Ebene versetzt. Auf diesen ersten Beobachtungen, die sich als stabiler Ausgangspunkt für eine fundierte Untersuchung des Prosawerkes anboten, baut die ausführliche Analyse der Gli Sogni auf. So standen im Fokus der Untersuchung sowohl Fragen zum wechselseitigen Verhältnis von Kunsttheorie und Literatur als auch zu vielen anderen direkt subordinierten Themenkomplexen. Eine der wichtigsten Aufgaben dieser Arbeit war die genaue Beschreibung der narrativen Textebene und seiner Metadimension. Schließlich wurde das komplexe Korrespondenzsystem, das diese zwei Ebenen verbindet, entschlüsselt und definiert. Um das zu erreichen, wurde erörtert, wie und warum Lomazzo sich der Theologie, der Philosophie, der Rhetorik, und der Kunst der Magie systematisch bediente. Besondere Aufmerksamkeit galt den folgenden Punkten: die Beziehung zwischen Malerei und Dichtung in der Frühen Neuzeit, die Berücksichtigung der Musiktheorie, die frühchristliche Theorie des Seelenzolls oder der Seelenreise, die konzeptuelle Verbindung zwischen dem rhetorischen decorum und dem kunsttheoretischen discrezione und memoria intellettuale, sowie die Verbindung der philosophischen idea und dem magischen mirandorum operator. Auch die Bezüge zu seinen klassischen und frühmodernen literarischen Vorbildern wurden aufgezeigt und da, wo es zielführend war, ausführlich analysiert. Nach dieser philologischen Untersuchung wurden alle Ergebnisse schlussendlich zusammengeführt und es wurde auf die Frage eingegangen, ob Gli Sogni als eine besondere literarische Form betrachtet werden kann oder ob es sich in den traditionellen Kanon der Literatur einfügen lässt. So konnte der Schluss gezogen werden, dass in diesem speziellen Fall der Gli Sogni die Kunsttheorie Form und Inhalt des Textes bestimmt, was dazu führt, dass einzelne Teile zwar als zu wenig literarisch empfunden werden, aber doch in ihrer metaphorischen Bedeutung als stringent und wichtig zu erachten sind. Lomazzo versuchte mit dieser Arbeit die Grenzen der Literatur zu weiten und es gelang ihm mit dieser vielschichtigen Metapher von Materie, die sich in einem mühsamen kreativen Katharsis-Prozess befindet. Das vorliegende Resultat dieser philologischen Annäherung an das Prosawerk Gli Sogni kann allerdings nicht als erschöpfende Untersuchung betrachtet werden. Der vielseitige Duktus Lomazzos’ spekulativen Denkens und seiner literarischen Schrift eröffnet zahlreiche Fragen, die oft über das Gebiet der Kunst- und der Literaturtheorie hinausgehen und somit Gegenstand weiterer interdisziplinärer Forschung sein werden.
The doctoral dissertation with the title ‘Gli Sogni e Raggionamenti’ of Giovan Paolo Lomazzo or the Idea of a New Literary Style deals with a literary work by Giovan Paolo Lomazzo (26 April 1538 - 07 January 1592), a Milanese art theoretician. Gli Sogni e Raggionamenti composti da Giovan Paulo Lomazzo millanese, con le figure de spiriti che gli raccontano da egli dessignate is in many ways a multi-layered work written in 1563 in the form of a dialogue. It remained unknown and thus unpublished until the twentieth century, when it was published between 1973 and 1975. Giovan Paolo Lomazzo, the author of Gli Sogni, was a painter, an art theoretician, an author and, not least, the president for life of the Milanese Accademia della Vale di Blenio. He is especially known for his art theoretical treatises which were published from 1584 to 1591. His art theoretical thoughts were far less in the focus of research than those of other early modern art theoreticians. What is often mentioned in this context is his idea of the figura serpentinata and his new interpretation of the concept of maniera. Lomazzo's literary work, however, created little interest in his time and remained unnoticed. To date, the unfinished, and for a long time unknown, Gli Sogni was never philologically analysed in detail. It was only occasionally mentioned and described in general studies of Lomazzo's oeuvre. Gli Sogni e Raggionamenti is Lomazzo's only work of which the original manuscript is extant. For a long time it was deemed lost and its fate until the twentieth century remains unknown. In the beginning of the twentieth century it was rediscovered by Carlo Dionisotti and is kept in London since. Lomazzo's Gli Sogni remained unfinished, which makes the manuscript even more important as it contains valuable notes by the author himself regarding the original structure of the text. The manuscript has to be seen as the Ur-version of Lomazzo's first literary work which was originally supposed to consist of sixteen dialogues. Each of these dialogues was to begin with an explanatory illustration and end with 25 sonnets. In the general concept of the literary work, the letter to the reader has an effective pars pro toto function. It not only contains the technical information regarding the planned framing narrative, but also important indications as to how the text should be read. The prologue as such begins with an explanation of the work's genesis. In it the author explains how he was working in his study, trying in vain to find an appropriate form of presentation for his various sonetts and other poetical caprizzi. His creative problem is solved by a phantastical relevation. In his dream, he had the vision of a palace on a nameless Greek island in which sixteen spirits lived. The happenings on the island and the dialogues between the spirits are the narrative level for the dialogues of Gli Sogni. The spirits are reminiscent of contemporary and antique celebrities, such as Paolo Giovio, Leonardo da Vinci, Pythagoras, Pietro Sola, Ariost, Euklid, Giovan Michel Maria Gerbo, Phidias, Cecco de Ascoli, and Pietro d’Abano. This results in a merging of various spaces and time periods. Memories, dreams and events from past lives and times are intertwined in the dialogues. Thus a complex literary form is created, both in an architectural and a conceptual sense. The aim of this dissertation was to put Lomazzo's literary work Gli Sogni into the focus of literary and art theoretical research. In the course of this, Lomazzo's opera omnia were also to be re-evaluated, as his twentieth-century editors often formulate this as a desideratum. Through a detailed and systematic dissection of the text into its individual components, the individual topoi were identified that occur in the text in many different formulations and literary constructions. One of these topoi is the recurring reference too the dictum ut pictura poësis. Already in the Letter to the Reader, for instance, the creative process of the author is addressed: the literary inspiration visits him while he is painting. Both creative acts occur at the same time and arise under the same circumstances and in the same place, the artist's studio. It is a deeply intellectual process within which the distinction between poetry and painting is not made. (1) Apart from this, there are often sections in the dialogues marked by the technical terminology used by the protagonists, who come from different cultural and professional fields. In contrast to that, Lomazzo uses many literary examples to illuminate and explain his art theoretical works. It can be concluded from these observations that the author combines both arts deliberately and reflects on the known ut pictura poesis-theory. The sections incorporating technical terminology in his literary work should be mainly understood as a metaphor of the world's diversity, discussed in art theory under the term varietà, and here seen as the second topos in Lomazzo's work. (2) The third topos identified incorporates the extremely detailed lists of individual names, terms or things recurring regularly in the text, which are interesting as a whole rather than in their details. (3) This instigated the thesis that the strategy of merging these diverse materials into a unity alludes to the early modern philosophical, theological and magical discourses. These emphasize the possibility and the spiritual need for a return to the original source of knowledge or to God. The reduction (reductio) of the material diversity (varietà) and the pursuit after a spiritual unity, which Plato had referred to as the source of the idea is the key concept of this strategy of unifying. Lomazzo proceeds similarly in his art-theoretical work: In accordance with the development of the contemporary aesthetic thought, he accomplishes the conceptual fusion between the two terms inventio and dispositio, because for him the creative act is already inherent in the idea as a ceaseless production of forms (incessante produzione di forme nell'idea ). Through this fusion creative activity as such is moved to an intellectual, and thus higher, level. The detailed analysis of the Gli Sogni is based on these initial observations that proved to be a stable starting point for the in-depth examination of his literary work. In the centre of the investigation were questions regarding the reciprocal relationship between art theory and literature, as well as those questions directly related to this topic. One of the most important tasks of this dissertation was the detailed description and analysis of the narrative layer and its meta-level. Finally the complex correspondence system connecting these two levels was identified and deciphered. To achieve this, a discussion of how and why Lomazzo used theology, philosophy, rhetoric and the art of magic systematically was needed. Special attention was paid to the following points: the relationship between painting and poetry in the early modern period bearing in mind music theory, the early Christian theory of the soul's journey, the conceptual link between the rhetorical decorum and the art-theoretical discrezione and memoria intellettuale, just as the relationship between the philosophical idea and the magical mirandorum operator. The references to his classical and early modern literary models were also presented and, whenever to the purpose, analysed in detail. After this philological investigation, all results were finally brought together, and the question considered whether Gli Sogni should be considered a separate literary form or whether it fits into the traditional canon of genres. The conclusion was that in this special case of Gli Sogni the art theory determines the form and the content of the text. This leads to the result that individual parts of the text are perceived as not literary, not poetic enough, while their metaphorical meaning should be seen as stringent and important. Lomazzo tried to expand the boundaries of literature with this work and he succeeded with this multi-faceted metaphor of matter being in an arduous process of creative catharsis. The present result of this philological approach to the literary work Gli Sogni by Lomazzo cannot, however, be considered exhaustive. The many facets and characteristics of Lomazzo's speculative thought and his literary work opens many issues that often go beyond both art and literature theories. These should be the subject further interdisciplinary research.
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