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Authors: Seyffer, Silke
Title: Individuelle Migrationsentscheidungen am Beispiel polnischer Migranten in Baden-Württemberg : eine Untersuchung zum individuellen Entscheidungsverhalten bei transnationaler Mobilität
Other Titles: Individual migration decision-making shown at the example of Polish migrants in Baden-Wuerttemberg : a study about individual decision-making in the case of transnational mobility
Issue Date: 2013
metadata.ubs.publikation.typ: Dissertation
URI: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:93-opus-89222
http://elib.uni-stuttgart.de/handle/11682/5658
http://dx.doi.org/10.18419/opus-5641
Abstract: Die vorliegende Studie behandelt die Frage, wie sich Individuen für eine nicht nur kurzzeitige transnationale Migration entscheiden: Geschieht dies nach rationalen Gesichtspunkten, nach objektivierbaren Kriterien mit einer Fülle von Informationen und durchdachtem Plan oder handelt es sich um spontane, subjektive Entscheidungen, bei denen Informationssuche und strukturierte Überlegungen im Vorfeld keine wichtige Rolle spielen? Eingangs werden für die Studie relevante Entscheidungs- und Migrationstheorien vorgestellt, wobei deutlich wird, dass normative Theorien, wie der Rational Choice-Ansatz, nicht dafür geeignet sind darzustellen, wie Individuen sich tatsächlich entscheiden, sondern vielmehr ein vereinfachendes Bild dessen vermitteln, wie man sich unter optimalen Bedingungen und vollkommener Informiertheit entscheiden sollte. Deskriptive Theorien dagegen sind darauf ausgerichtet zu analysieren, wie Individuen in der Realität Entscheidungen treffen. Der Fokus dieser Untersuchung liegt auf deskriptiven Entscheidungsmodellen, und darunter insbesondere auf heuristischen Strategien, die die eingeschränkten Informationsverarbeitungskapazitäten des Menschen ebenso wie eine mitunter schlechte Informationslage sowie begrenzte zeitliche Ressourcen berücksichtigen. Um also der Frage nach dem Wie der Entscheidungsfindung bei einer so weitreichenden Entscheidung wie einer transnationalen Migration nachzugehen, wurden 22 Leitfadeninterviews mit Migranten aus Polen geführt. Im Ergebnis zeigt sich, dass die Interviewpartner in den meisten Fällen keine Optimierungsstrategie bei der Migrationsentscheidung verfolgten, sondern auf heuristische Entscheidungsstrategien, darunter vor allem one reason decisions, wie die Minimalist- und die Take the Best-Heuristik, sowie die Affekt-Heuristik, zurückgriffen. Aber auch die Verfolgung einer Satisfizierungsstrategie ist mehrfach erkennbar, ebenso wie in zwei Fällen Optimierungstendenzen zu attestieren sind. Der jeweils angegebene Wanderungsgrund kann als stärkster Indikator für die Wahl der Entscheidungsstrategie angesehen werden: Bei beruflichen Wanderungsgründen findet am ehesten eine Optimierungs- oder Satisfizierungsstrategie Anwendung. Ebenso erscheinen die Wanderungen aus wirtschaftlichen Gründen wenn auch nicht detailliert geplant, so zumindest an einer Satisfizierungsstrategie unter Festlegung eines bestimmten Aspirationsniveaus ausgerichtet worden zu sein. Eher emotional geprägt und wenig planvoll sind die Wanderungen aus familiären und idiosynkratischen Gründen, die zumeist auf einer Affekt-Heuristik oder one reason decision beruhen. Die weiteren Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Zufriedenheit mit der Wanderungsentscheidung im Rückblick zwar nicht völlig unabhängig von der angewendeten Entscheidungsstrategie zu betrachten ist. Jedoch garantiert auch die Anwendung einer Optimierungsstrategie mit umfangreicher Kosten-Nutzen-Abwägung keine höhere Zufriedenheit oder verhindert das Auftreten von kognitiver Dissonanz. Insgesamt zeigt sich über alle angewendeten Entscheidungsstrategien hinweg eine hohe Zufriedenheit mit der Migration, wobei insbesondere familiäre und berufliche Aspekte und deren Entwicklung im Verlauf des Aufenthalts als wesentliche Einflussfaktoren zu bewerten sind. Nachdem Männer die Migrationsentscheidung weniger emotional bewerten als Frauen, ist unter den männlichen Interviewpartnern insgesamt eine geringere kognitive Dissonanz erkennbar und zwar unabhängig von der verwendeten Entscheidungsstrategie. Im Verlauf des Aufenthalts in Deutschland zeigt sich bei den meisten Interviewpart-nern außerdem ein Wechsel der Entscheidungsverhaltensweisen. Hier wird deutlich, dass Individuen nicht in jeder Entscheidungssituation dieselbe Entscheidungsstrategie anwenden, sondern vielmehr die Wahl der Strategie am jeweiligen Entscheidungsproblem mit den gegebenen Rahmenbedingungen sowie an bisherigen Erfahrungen mit bestimmten Entscheidungsverhaltensweisen ausrichten. Als wichtige Determinanten für die Wanderungsentscheidung lassen sich in der Untersuchung das Vorhandensein von Netzwerken im Zielland ebenso wie die Phase im Lebenszyklus bestätigen. Netzwerke begünstigen grundsätzlich eine transnationale Migration, dennoch ist die Wichtigkeit eines Netzwerkes für die Wanderungsentscheidung unterschiedlich hoch und hängt unter anderem vom Wanderungsgrund ab. Die Phase im Lebenszyklus wiederum zeigt, dass eine Wanderung in jungen Jahren bei nicht fixierter Lebensplanung eher vollzogen wird, wenngleich bestehende familiäre Verpflichtungen einer transnationalen Migration nicht grundsätzlich entgegenstehen und gleichzeitig nicht automatisch zu planvollerem Vorgehen bei der Migration führen. Die Bleibewahrscheinlichkeit wiederum steigt mit zunehmender Wohndauer in Deutschland, was unter anderem auf die vorhandene Migrationserfahrung, aber auch auf die Phase im Lebenszyklus zurückgeführt werden kann.
This study deals with the question of how individuals decide to move to a foreign country. On the basis of theoretical models of decision-making in general and migra-tion decision-making in particular, it is the target of this study to find out which strate-gies individuals use when they decide to migrate. First, theoretical models of decision-making and migration decision-making relevant for this study are presented. As it can be seen, the normative decision-making theo-ries, like e.g. the Rational Choice Theory, do not sufficiently illustrate how individuals actually decide. Rational Choice is a rather simplistic model of how individuals should decide under optimal conditions and full knowledgeability. Descriptive theories, on the other hand, are geared to analyze how individuals come to a decision in real life. The focus of this study is on the descriptive modeling of decision-making, especially on heuristic strategies, which take into account the cognitive limitations of the individuals’ minds, the limited information available and the finite amount of time to reach a decision. In order to explore the question of how people make such far-reaching decisions like a transnational migration, 22 qualitative interviews were carried out with migrants from Poland. In these partially standardized interviews the migrants were asked about their individual reasons for moving to Germany, the information they held at the time of the migration, the concrete way in which they reached the decision, the satisfaction with their present life in Germany, as well as the likelihood of returning to Poland one day. The study concludes that in most cases the interviewees did not use an optimization strategy but heuristic decision strategies, especially one reason decisions, like the minimalist heuristic and the take the best heuristic, as well as the affect heuristic. Be-yond that, satisficing strategies can be detected. Moreover, optimization tendencies were shown in two cases. The reasons stated for moving, which are differentiated in the analysis in professional, economic, familial and idiosyncratic reasons, are the strongest indicator for the choice of a specific decision-making strategy: when pro-fessional reasons are cited, an optimization or satisficing strategy is most likely. Mov-ing for economic reasons often seems to follow a satisficing strategy with a certain aspiration level, even though the plans may be rather vague. Interviewees who move for family-related and idiosyncratic reasons are likely to be more emotional and less organized, often using the take the best or minimalist heuristic. Further results of the study show that the satisfaction with the outcome of the deci-sion to migrate cannot be seen as completely independent from the decision-making strategy applied. But even the application of an optimization strategy with a compre-hensive cost-benefit analysis does not guarantee a higher satisfaction or prevent the occurrence of cognitive dissonance. Over all and regardless of the decision-making strategy applied, there is a high degree of satisfaction with the migration. Family and career related matters, and the development thereof during the stay in Germany seem to be the major factors of influence on satisfaction. Because men’s evaluation of the decision is less emotional than women’s, the male interviewees generally show less cognitive dissonance than the female ones. Furthermore, during their stay in Germany, most interviewees change their decision-making behavior. It is clearly recognizable that individuals do not use the same strategy in every situation that requires a decision, but adjust the choice of strategy to the decision problem as well as to the given circumstances and previous experience with certain decision-making strategies. The study confirms the assumption that an existing network in the target country and one’s place in life are important determinants in the migration decision. Networks facilitate transnational migration; however, their importance for the decision varies and depends once again, among other things, on the reason for moving. A migration early on in life without specific plans regarding the future is more likely, even if existing family obligations do neither inhibit nor lead to better planned transnational migration in general. The likelihood of the interviewees staying in Germany increases with the duration of residence, which can be attributed to the migration experience as well as the stage of life the migrants are in.
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